Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre
Predigt über Lukas 22,31-34 in der Passionszeit 2007
Liebe Gemeinde,
der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, als ich bei der Vorbereitung den Text gelesen habe, war:
Was für eine Liebe!
Ich, Jesus, habe für dich, Petrus, gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre.
Wir erinnern uns:
Petrus, das war der Fischer mit Führungsqualitäten. Hellsichtig, mutig, immer vorne weg. Er hatte eine große Klappe, nahm den Mund des öfteren zu voll, überfordert sich und knickt ein, stürzt anschließend in ein tiefes Loch von Verzweiflung und Schuldgefühlen.
Hier sind wir noch mittendrin in der Geschichte des Petrus. Jesus hat gerade das letzte Abendmahl gefeiert und führt nun Gespräche mit seinen Jüngern. Übergangslos, ohne Ankündigung oder einen konkreten Anlass wendet Jesus sich plötzlich Petrus zu und kündigt ihm an, dass er noch schwere Zeiten vor sich haben wird. Es scheint so, als wäre es ein Moment gewesen, in dem Jesus den ganzen Petrus mit seinen Stärken und Schwächen in einem Bild vor sich gesehen hat und ihm klar war, dieser Mensch braucht diese Zusage: Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.
Weil er weiß: unser Glaube ist gefährdet. Er kann zerbrechen unter unserem Versagen. Wenn Schuld und Scham angesichts der eigenen Abgründe so groß werden, daß der Blick für die Liebe Gottes darunter verloren geht. Mich, mich soll er noch lieben? Nach dem, was ich getan habe? Bei dem, was ich in mir fühle? Angesichts dessen, was in mir vorgeht? Ich erschrecke ja selbst vor mir und er, Gott, kann doch auch nur den Kopf schütteln, wenn er an mich denkt...
Und schnell geht der Glaube verloren, das Vertrauen schwindet, Ekel und Selbsthaß gewinnen Überhand. Petrus fängt bitterlich an zu weinen, als der Hahn kräht, heißt es im Evangelium...
Doch so erstaunlich ist das doch eigentlich garnicht. Wir wissen doch aus eigener Erfahrung: Vertrauen ist eine wacklige Angelegenheit, blitzschnell kann es ins Wanken geraten, durch eine Bemerkung, einen Blick, eine Geste. Nie, nie ist es wirklich fest zu halten, immer auf das Wohlwollen von zwei Seiten angewiesen. Ich kann zwar mein Vertrauen in jemanden setzen, kommt aber nichts zurück, schlägt es irgendwann um in Mißtrauen oder gar Ablehnung.
Wenn es aber gut geht zwischen zwei Menschen, dann kann Vertrauen wachsen. Daran hängt, dass wir einander vertraut werden. Vertrauen ist zwar ein Gefühl der Vertrautheit, manchmal sogar von Geborgenheit, aber es ist abhängig von immer neuen vertrauensbildenden Maßnahmen. Und es scheint für uns Menschen von grundlegender Bedeutung zu sein. Psychologen sprechen vom Urvertrauen, dass in uns schlummert und das wir unseren Eltern entgegenbringen. Es ist so bedeutsam, dass Kinder ihren Eltern sogar vertrauen, wenn diese sich ihnen ablehnend gegenüber verhalten. Kinder suchen die Schuld lieber bei sich als bei ihren Eltern, um aus diesem Vertrauen nicht herauszufallen...
Doch im Lauf unseres Lebens lernen wir zu mißtrauen, anderen, aber auch uns gegenüber. Dann spüren den Riß, der sich zwischen mir und einem anderen Menschen auftut. Und wir erkennen auch immer wieder den Riß, der durch uns selbst geht, der zum Mißtrauen mir selbst gegenüber führt. Wenn ich Dinge denke, sage oder tue, die ich eigentlich nicht denken, sagen oder tun will, aber doch denke, sage oder tue... Dann werde ich mir selbst fremd, erschrecke vor mir selbst, mißtraue mir, ziehe mich in ein Schneckenhaus zurück. Martin Luther hat das mal so gesagt: der Mensch als Sünder ist in sich verkrümmt wie eine nach innen laufende Spirale, kein Ausweg ist mehr zu sehen, alles zieht sich immer enger in mir zusammen...
Anlässe dafür gibt es viele, da fällt uns sicher schnell etwas aus unserem eigenen Erleben ein. Und bei Petrus war es dieser unbändige Wunsch, Jesus beschützen oder doch zumindest begleiten zu wollen. Doch in dem Moment, wo er alleine vor den anderen steht und auf Jesus angesprochen wird, ist die Angst mit einem Mal riesengroß und die Spirale von Angst, Schuld, Scham und Ekel beginnt sich zu drehen...
Jesus hat das alles voraus gesehen. Und so fällt dieser unglaubliche Satz: ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre. Es ist Ausdruck seiner umfassenden, vollkommenen Liebe. Und zugleich wird deutlich: so ist Gott, der Vater, er hält die Treue - auch da ist es erneut, das kleine Wort "trauen"... Jesus sagt es zu Petrus, in der Hoffnung, dass der sich später einmal daran erinnert... Wenn es ganz eng wird und der Glaube, das Vertrauen verschwunden ist. Ich in mir selbst verkrümmt bin.
Und im weiteren Verlauf hat sich Petrus daran erinnert, da bin ich sicher. Wer sonst sollte diesen Satz auch später weiter erzählt haben, wenn nicht er, in der Rückschau, in der Erzählung, in der Predigt - um zu verdeutlichen, dass Gottes Treue Vertrauen ermöglicht, auch wenn wir uns oft genug nicht vertrauenswürdig verhalten...
Er wird sich auch deshalb an den Satz gut erinnert haben, weil das keiine Aussage nach dem Motto: "Gott hat dich lieb, egal, was passiert" war. Solche Sätze sind zwar richtig, aber nicht eingängig. Ganz anders dieses Wort von Jesus:
Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre.
Da ist Musik drin, da schwingt viel mit. Das ist kein Theologen-Spruch, das ist die Sprache der Poesie. Hier wird nicht erklärt, sondern gefühlt. Hier wird nicht formuliert, sondern erahnt. Hier werde ich ergriffen, statt zu begreifen. Ein paar Worte und eine ganze Welt tut sich auf. Jesus sieht mich, nimmt mich ernst, macht mir Mut, hält mich - all das steckt in diesem wundervollen Satz: Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und, liebe Gemeinde, auch wir dürfen diesen Satz hören, für uns hören. Denn: wir sind nicht anders als Petrus und Gott sieht uns auch nicht anders als ihn. Auch unser Glaube, unser Vertrauen ist stets gefährdet. Und mit diesem einprägsamen und eindrucksvollen Satz möchte Jesus auch uns einen Strohhalm reichen, an dem wir uns zu gegebener Zeit aufrichten können, die Spirale der Verkrümmung aus Angst, Schuld, Scham und Ekel zu durchbrechen und unseren Blick wieder nach oben richten können, ihm entgegen...
Amen.