Matthias Jung

 

 

 

Lukas 15,1-7

 

 

 

 

 

Matthias Jung

 

 

 

Über das Verlieren und Gefundenwerden

Predigt über Lukas 15,1-7 im Juli 2011



Eine Geschichte ist das, liebe Gemeinde, der wir mit äußerer Logik nicht beikommen. Mathematisch, wirtschaftlich gedacht wäre sinnvoller, ja geboten, die 99 zu schützen und sie nicht alleine zu lassen, als dem einen Schaf hinterher zu gehen. Jeder Politiker, der auf einer solchen Logik Entscheidungen trifft, würde sich den Zorn der Bürger zu ziehen, da alles noch viel, viel teurer wird, wenn jedem Einzelfall nachgegangen wird. Doch umgekehrt empfinden wir ein großes Unbehagen, wenn grade im sozialen Bereich die politisch Verantwortlichen nach dem Geld fragen, sparen wollen oder müssen, weil wir sehen oder auch nur ahnen, dass dann viele einzelne Schicksale durchs Loch fallen und auf der Strecke bleiben. Politische Verantwortung gegenüber allen und die Sorge um den oder die Einzelne, das passt offenbar nicht so einfach zusammen. Vielleicht lohnt es daher besonders, sich dieser Geschichte aus dem Leben Jesu zuzuwenden, der sich ja eindeutig hier positioniert.

In dem Moment, als Jesus dieses Gleichnis erzählt, stehen ganz verschiedene Menschen um Jesus herum: wir würden sagen: ganz normale Bürgerinnen und Bürger, aber auch besondere Gruppen: Sünder (also Menschen, auf die andere mit dem Finger zeigen, weil sie etwas getan haben, was »man« nicht macht); Zöllner (also die Beamten, die Zölle eintreiben im Auftrag der verhassten Römer, die Finanzbeamten, würden wir vielleicht sagen, obwohl das nicht ganz passt, denn die dürfen die Höhe der Steuern nicht selber festlegen wie damals die Zöllner. Aber beiden haben mit Steuern zu tun, und die zahlt niemand gerne, weder damals wie heute); Pharisäer (also wir würden sagen, die "Frommen", diejenigen, die mit allem Ernst gläubig sein wollen und dies auch in allen Bereichen ihres Lebens) und Schriftgelehrte (naja, wir würden sagen, das sind die Theologen, nicht die Pfarrer, das wären die Priester, aber so Religionslehrer oder noch besser die theologischen Hochschullehrer). Also eine ziemliche bunte Mischung.

Die Sünder und Zöllner stehen am Rand der Gesellschaft, sie werden von den anderen verachtet – die Pharisäer und Schriftgelehrten sind angesehen und ordentliche Leute im Licht der Öffentlichkeit. Und wenn ich auf die Gefühle schaue: die einen werden sich mies, arm und ungenügend gefühlt haben, die anderen sich dagegen aufrecht, stolz und gut.

Oder anders gesagt: die einen kommen sich verloren vor, die anderen fühlen sich im Mittelpunkt des Lebens stehend, bewundert von den Bürgerinnen und Bürgern.

An beide richtet sich Jesus mit diesem Gleichnis: an diejenigen, die sich verloren vorkommen und an diejenigen, die vor lauter Stärke und Ordnung nicht zugeben wollen oder können, dass auch sie im Grund ihres Herzens verloren sind. Er versucht also, einen unglaublichen Spagat: allen in dieser Situation gerecht werden zu können, sie alle anzusprechen mit seinem Evangelium. Und er tut es, wie so oft mit einem Gleichnis, einer Bildgeschichte, welche die Phantasie anregt, uns aber auch schnell überrumpelt, weil unser Verstand so schnell nicht mitkommt.

Jesus spielt in diesem Gleichnis mit einer menschlichen Situation, die wir alle kennen. Ich habe etwas verloren. Ich bin z.B. auf dem Weg zum Gottesdienst – und finde den Autoschlüssel nicht. Ich fange an zu suchen. Werde zunehmend unruhiger. Schließlich wütend, endlich verzweifelt: wo ist der blöde Schlüssel??? Auf nichts anderes mehr kann ich mich in diesem Moment konzentrieren, mein ganzes Denken und Fühlen kreist um diesen einen Schlüssel. Wenn ich ihn dann endlich gefunden habe, fällt mir ein Stern vom Herzen, uff, erleichtert lache ich auf, greife mir an den Kopf und sage: Mann, Mann, Mann, da hast du ihn gestern hingelegt, wie konntest du das vergessen!

Oder ernster: Da wird der Mensch an meiner Seite krank. Es droht, ihn zu verlieren. Alle Gedanken, kreisen nur noch um das Ergebnis möglicher Untersuchungen. Wie werden die ausgehen? Nichts anderes ist mehr wichtig in meinem Leben. Nur noch dieser Mensch, nur noch diese Diagnose, die mir alles rauben könnte, was mir wichtig ist. Welche Erleichterung, wenn die Ergebnisse gut sind. Welch eine Katastrophe, wenn die Ergebnisse negativ sind! Da würde ich nicht nur den Menschen an meiner Seite verlieren, da käme ich mir ganz und gar verloren vor...

Etwas verlieren, suchen und eventuell wieder finden – das kennt jede und jeder, dass kommt immer und überall vor. Und Jesus greift diesen Vorgang auf.

In diesem Moment, in dem Zöllner und Sünder, Pharisäer und Schriftgelehrte um ihn herum stehen, wird er sich vielleicht überlegt haben:

- in den Augen der Pharisäer sind die Zöllner und Sünder Verlorene, Menschen, die ihr Leben verwirkt haben. Und die denken: mit denen feiert dieser Jesus?! Unglaublich, ungehörig!

- und die Zöllner und Sünder, nun, die werden sich oft genug selbst verloren vorgekommen sein, am Rand stehend, fehlerbehaftet, sie werden die abfällig blickenden Augen auf sich gespürt haben und sie spüren sie jetzt wieder auf sich. Und Jesus spürt: sie schauen auf mich, auf Jesus, erwartungsvoll, hoffnungsvoll, sehnsüchtig.

Denn sie, die Zöllner und Sünder, sie wissen, wie gut das tut, wenn einer kommt und mich als gleichwertigen Menschen behandelt, menschlich mit mir umgeht. Gerade weil sie oft genug das Gegenteil erleben. Und so erhoffen sie von Jesus, von dem sie schon so viel Gutes gehört haben, dass er ihnen das Gefühl vermitteln wird, angekommen, ernst genommen, gefunden worden zu sein.

Jesus hat durch seine Menschlichkeit den sogenannten Verlorenen das Gefühl gegeben, sich auch selber wieder zu finden, bei sich selbst anzukommen. Und damit auch von Gott gefunden zu werden, bei ihm anzukommen. Denn durch Jesus hindurch, wie durch einen Spiegel, scheint Gottes Liebe und Nähe. Das haben Jesu Zeitgenossen immer wieder gespürt, und seit zweitausend Jahren machen Menschen diese Erfahrung, wenn sie sich den Jesusgeschichten der Bibel aussetzen. Der Kirchenvater Augustin wird später sagen: Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir.

Auch heute noch gibt es Menschen, wie die Zöllner und Sünder, sie sich verloren kommen:

- das Thema Krankheit habe ich eben schon angesprochen. Eine Krankheit kann das Gefühl vermitteln, alles, was bisher war, ist nicht mehr. Durch die Diagnose habe ich mein bisheriges Leben verloren. Ich stehe mit leeren Händen da. Ähnlich kann es dem Menschen gehen, der seinen Partner oder die Partnerin verliert.

- oder ich denke an einen Menschen, der durch einen Moment der Unachtsamkeit einen Unfall verursacht und von Schuldgefühlen erdrückt wird. Nichts ist mehr wie vorher, ein zurück gibt’s nicht mehr.

- oder ich denke an Menschen, die durch was auch immer in die Sucht abgleiten, vielleicht ganz langsam und über eine lange Zeit, und irgendwann feststellen: ich zappele im Netz der Abhängigkeit und kann nicht mehr heraus, ich bin verloren...

- oder der Familienvater, der arbeitslos wird und nach und nach immer stärker verschuldet wird, bis er zu der furchtbaren Einsicht kommt, da findest du nie mehr heraus. Und dann verliert er vielleicht nicht nur seine Familie und sein Haus, sondern auch sich selbst, findet sich auf der Straße wieder, wird obdachlos... Und so weiter und so fort.

...

Und wir anderen?

...

Oft sehen wir vom hohen Ross herunter auf »die da unten«, weniger noch auf die Kranken, aber doch auf die Verschuldeten, Arbeitslosen, Obdachlosen, Gescheiterten. Wir fühlen uns stark und gesund und merken gar nicht, dass wir uns so auch selbst verlieren, weil wir uns trennen von der Liebe, der Liebe zu Gott und zu den Menschen, der Liebe, der wir fast alles verdanken, was wir sind und können und haben. Das Wenigste ist unser eigener Verdienst.

Liebe Gemeinde,

das Gleichnis vom verlorenen Schaf ist eine gute Botschaft für die, die sich verloren vorkommen. Es sagt: Wo ein Mensch sich wieder findet, weil er das Gefühl bekommt, gefunden zu sein, da ist große Freude bei Gott im Himmel. Und dieses Gefühl, gefunden zu sein, beginnt im Herzen. Noch einmal Augustin: Mein Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir.

Damit ist noch kein Problem gelöst, aber ein Anfang gemacht: ein Mensch kommt zu sich und bekommt das Gefühl, wertvoll zu sein, trotz allem äußeren Schein. Dies zu vermitteln war Jesu Anliegen und darum bemühen sich Christinnen und Christen seit mehr als zweitausend Jahren.

Das Gleichnis vom Verlorenen ist aber zugleich auch eine harte Botschaft für die Selbstgerechten und Hartherzigen. Ihr habt euch, so Jesus, noch viel mehr verloren als diejenigen, auf die ihr so hinab schaut. Denn die wissen, dass sie verloren sind, Gott mit ihrer Leistung und Kraft nicht imponieren können. Ihr jedoch bildet euch so viel auf euren Erfolg, auf eure Stärke, auf euer strahlendes Aussehen ein.

Liebe Gemeinde,

dieses Gleichnis hält uns einen Spiegel vor. Es lädt uns ein, uns darin wieder zu finden, auf der einen oder der anderen Seite. Wahrscheinlich ist es so, dass wir uns da gar nicht aufzuteilen brauchen, sondern mal auf der einen, dann wieder auf der anderen Seite stehen. Wie dem auch sei, wo wir auch uns wiederfinden, Gott will uns finden, damit wir uns in Zeit und Ewigkeit nicht verloren vorkommen.


Amen.