Wer unter euch krank ist...
Predigt über Jakobus 5,13-16
Liebe Gemeinde,
beim Thema dieses Predigttext können wir alle mitreden, mitdenken, mitfühlen, mitleiden. Krankheit kennt jede und jeder.
Allerdings beschreibt Jakobus eine uns fremde Praxis. Wer krank ist, soll die Ältesten rufen also die Presbyter und den Pfarrer, mit ihnen beten und sich salben lassen. Dies ist unter uns unbekannt. Aber den anderen Ratschlag kennen wir wohl das Gebet. In Krankheitszeiten wird mehr gebetet als in den Sonnenzeiten unseres Lebens. Es gibt das kurze Stoßgebet, den von tiefem Schmerz erfüllten Schrei: Warum?! Es gibt die zweifelnde, nachdenkliche Frage an Gott, wie es den weitergehen könnte genauso wie das schmerzliche Ringen um das Sich-einverstanden-erklären mit einer unheilbaren Krankheit.
Ganz unterschiedlich erleben wir Menschen Krankheit, jeder auf seine eigene Weise. Und auch die Krankheiten selbst sind sehr verschieden, das reicht vom Schnupfen über Zahnschmerzen, den gebrochenen Arm bis hin zu Krebs, es beginnt mit den Kinderkrankheiten und hört mit den altersbedingten Krankheiten auf.
Ich habe lange überlegt, was ich zu diesem Text sagen kann. Zum Thema Gesundheit und Krankheit kann man unendlich viel sagen. Dabei fielen mir immer wieder Menschen ein, denen ich als Pfarrer begegnet bin, Erfahrungen, die diese Menschen machten und ich mit ihnen oder an ihnen. Daher habe ich mich entschieden, einfach von drei Erfahrungen zu erzählen.
1. Die erste Erfahrung.
Ich bekomme einen Anruf von einer Frau aus einem Nachbarpfarrbezirk. Sie bittet mich, ihren todkranken Mann zu besuchen. Er wolle mit einem Pfarrer sprechen, aber nicht mit dem Bezirkspfarrer. Ich fahre hin und treffe einen Mann an, kräftig gebaut, mit viel Elan, er sieht gar nicht mal krank aus, obwohl er im Bett liegt. Wir unterhalten uns eine Weile über dies und das. Dann ging die Ehefrau hinaus, das schien so zwischen den beiden abgesprochen gewesen zu sein. Und nun, für mich völlig unvermittelt, begann der Mann über den Bezirkspfarrer zu schimpfen und herzuziehen. Die eigentliche Ursache seines Ärgers bleibt mir unklar, auf jeden Fall scheint da irgendwann, Jahre zurückliegend, mal etwas vorgefallen zu sein, was ihn bis jetzt beschäftigt und dass er loswerden will. Nach kurzer Zeit beruhigt sich der Mann, ohne dass es zu einem Ergebnis oder einer Lösung gekommen wäre, der Ärger bleibt im Raum stehen. Ich schlage vor, ein Gebet zu sprechen. Die Ehefrau kommt wieder hinzu, wir beten und dann verabschiede ich mich. Draußen vor der Tür muss ich mich einen Augenblick nach diesem für mich sehr eigentümlichen Gespräch sammeln. Der Mann starb in dieser Nacht.
Seither habe ich immer, wenn ich zu einem Sterbenden gerufen wurde (und das kommt leider nicht oft vor) danach gefragt, ob noch etwas zu klären oder auszusprechen sei. Zumeist bekam ich zur Antwort, nein, es ist alles besprochen oder da ist nichts mehr zu klären. Einige Male war aber noch etwas, zumeist waren Beziehungen gestört oder vergiftet. Und dann war leider oft so, dass dies nicht mehr zu klären war und dies war dann schon eine schwere Belastung für diesen Menschen und ich denke, aus sein Sterben. - Bekennt einander eure Sünden, sagt Jakobus.
2. Die zweite Erfahrung ist ganz anders.
Seit Jahren gehe ich nur noch ins Krankenhaus, wenn ich aus der Gemeinde erfahre, dass jemand dort liegt. Wir bekommen nicht mehr wie vor zehn Jahren regelmäßig eine Patientenliste zugesandt. Seither melde ich mich auch zumeist bei der Familie an und sage, dass ich einen Besuch machen werde. So erfuhr ich, dass auf einer Station zwei Gemeindeglieder liegen. Den einen oder die eine (ich weiß nicht mehr, um wenn es sich handelte), besuche ich mehrfach. Bei der anderen Familie fragte ich auch an. Aber die Antwort der todkranken Frau lautete immer wieder, nein, ich möchte nicht, dass der Pfarrer mich besucht. Überhaupt wollte diese Frau keinen Besuch außer der engsten Familie. Sie ließ ausrichten: ich möchte nicht, dass man sieht, wie ich inzwischen aussehe, so abgemagert und krank. Ich musste dies respektieren, obwohl das schon eigenartig war, mehrfach an ihrer Tür vorbei zu gehen. Wir Menschen erleben Krankheit sehr verschieden und es ist wichtig, dass wir einander in unseren Gefühle und Einstellungen respektieren. Gerade, wenn wir krank sind, sind wir sehr verletzlich und empfindlich. Dies gilt nicht nur für todkranke Menschen. Zeiten der Krankheit sind für Menschen oft auf Zeiten, in denen sehr intensiv über das eigene Leben nachgedacht wird. Der eine macht dies, indem er offen mit anderen darüber redet, der andere möchte da lieber für sich sein, den Gedanken und Gefühlen allein nachgehen. Beides ist gut und richtig jeweils für den Betreffenden. Daher tun wir Gesunden, die wir mit einem kranken Menschen zu tun haben, gut daran, behutsam und vorsichtig vorzugehen, um nicht tiefe Wunden zu schlagen oder Prozesse stören. Diese Vorsicht sollte aber nicht dazu führen, dass wir die Kranken meiden! Hingehen und hören, was er oder sie möchte und dies respektieren. - Jakobus sagte: Wer krank ist, rufe die Ältesten. Dies klappt heute nicht mehr so einfach. Wir müssten sagen: Wenn ihr erfahrt, dass jemand krank ist, geht hin und bietet euren Besuch und eure Hilfe an, aber respektiert die Einstellung des Anderen. Und informiert euren Pfarrer, denn der erfährt leider oft zuletzt, dass jemand krank ist, weil jeder denkt, der weiß das längst.
3. Die letzte Erfahrung schließt an die letzten Gedanken an.
Oft erleben es Kranke, dass sich Freunde und Bekannte zurückziehen, weil sie Angst haben, dem oder der Kranken zu begegnen. Manchmal ist es aber auch so, dass die Menschen gerne hingehen, weil sie beschenkt wieder fortgehen, weil der oder die Kranke so mit der Krankheit umgeht, dass ich noch etwas davon lernen kann. Dies habe ich auch einige Male erlebt. Bei einer Frau war es so, dass ich sie im Krankenhaus kurz vor ihrem Tod besuchte. Sie war fröhlich und zuversichtlich und bat darum, das Vater Unser zu beten. Wir taten es. Als wir gebetet hatten, sagte sie: ich möchte, dass wir das Vater Unser noch einmal beten. Wir taten es. Ich glaube, dann las ich den Psalm 23. Es war eine sehr dichte, intensive, ja "heilige" Atmosphäre im Zimmer. Die Angehörigen erzählten mir, im Laufe des Tages hätten sie den Psalm und das Vater Unser noch etliche Male gesprochen. Bei einer anderen Frau war es so, dass sie vor ihrem Tod noch einmal viel Besuch erhielt und auch wünschte. Sie verabschiedete sich von allen und lies keinen gehen, ohne das Vater Unser gebetet zu haben. Dann starb sie, schneller als erwartet. Das waren zwei Frauen, deren Gottvertrauen ansteckend wirkte. Zufälligerweise waren diese beiden Frauen todkrank. Aber es gibt auch andere Beispiele. So erzählte am Freitag, als wir mit den Presbyterinnen und Presbytern über diesen Text sprachen, einer von einem Nachbarn, der einen Schlaganfall hatte und nun durch die Art und Weise, wie er mit dieser Krankheit umgeht oder anders gesagt: umgehen kann, seine Umgebung beschenkt. Leidet jemand unter euch, der bete, ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen, sagt Jakobus.
Amen.