Konfirmandentaufe am 9. November 2003
Liebe Gemeinde,
liebe Täuflinge und Tauffamilien, liebe Paten!
Wir taufen heute vier junge Menschen. Wir kommen damit dem Taufauftrag Jesu nach, den Lara eben gelesen hat: Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker, tauft sie und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe.
Die Taufe ist somit ein uraltes Ritual. Schon vor der Christenheit gab es Religionen, die tauften oder taufähnliche Zeremonien kennen: so baden z. B. gläubige Hindus auch im heiligen Fluss Ganges. Auch Jesus selbst hat sich taufen lassen, von Johannes dem Täufer. Er taufte Menschen im Jordan, sie wurden dabei einmal ganz untergetaucht, das alte Leben wurde sozusagen abgewaschen und wenn man wieder auftauchte, war man ein neuer Mensch. Wer über solch eine Vorstellung schmunzelt, möge sich daran erinnern, wie gut es tut, nach einem anstrengenden Tag unter die Dusche oder in die Badewanne zu gehen und den ganzen Schweiß und Dreck abzuwaschen. Manchmal fühlt man sich danach wie neugeboren.
In der christlichen Kirche symbolisiert die Taufe in diesem Akt des Untertauchens, den wir ja nur noch andeuten, indem wir etwas Wasser über den Kopf gießen, die Zugehörigkeit eines Menschen zur Gemeinde der Christinnen und Christen, also zur Kirche und damit auch zu Gott. Deswegen taufen wir auch Sonntagmorgens im Gottesdienst, wo sich diese Gemeinde versammelt.
Zur Taufe gehört aber nicht nur das Wasser. Es gehört auch das Wort dazu: Ich taufe dich auf den Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Was geschieht in der Taufe? Auf einen Satz gebracht: In der Taufe wird das Ja Gottes zum Menschen sichtbar gemacht. Vergleiche hinken zwar immer, aber ich fand dieses Bild ganz anschaulich. Taufen entspricht dem Vorgang, wenn ich ein Blatt Papier mit einem Wasserzeichen gegen ein Licht halte – in dem Moment, in dem das Licht durch das Blatt scheint, wird das Wasserzeichen sichtbar. Darin wird deutlich: das Ja Gottes kommt nicht in der Taufe irgendwie auf magische Weise hinzu, sondern in dem äußeren, symbolischen Vorgang wird deutlich, was schon immer gilt: das Ja Gottes zu mir, welches untrennbar in mein Leben eingewoben ist wie ein Wasserzeichen in ein Blatt Papier.
An diesem Bild wird auch verständlich, warum wir nur einmal taufen: dieses Ja gilt von Anfang an und es ist mit meinem Leben untrennbar verbunden. Daher kann ein Mensch nur einmal getauft werden. Und darin sind sich so gut wie alle Kirchen auf der Welt einig, dass sie die Taufe gegenseitig akzeptieren.
Natürlich könnte man sagen, warum nur einmal? Liebende hören doch auch immer wieder gerne, dass sie geliebt sind. Dann könnten wir doch auch immer wieder taufen, um diese Liebe sichtbar werden zu lassen. Dieser Einwand ist berechtigt. Aber es gibt in der Kirche andere Gelegenheiten, dieses "immer-wieder" sichtbar und hörbar zu machen: die Predigt, das seelsorgerliche Gespräch, das Abendmahl. Die Taufe betont dagegen, dass es nichts gibt, was dieses Ja Gottes zu mir zerstören könnte, nichts. Von Martin Luther erzählt man, dass er in Stunden, wo er an allem zweifelte, mit dem Finger auf seinen staubigen Schreibtisch schrieb: ich bin getauft. Das gilt. Auch wenn ich an der Nähe und Liebe Gottes zweifele, nichts mehr höre und sehe. Das gilt.
Damit wird noch etwas deutlich, was mit der Taufe verbunden ist: der Glaube. Natürlich, das Ja Gottes zu mir gilt auch, wenn ich nicht an ihn glaube, ihm nicht vertraue. Aber es entwickelt erst seine Kraft in dem Moment, wenn ich anfange, ihm zu vertrauen, ihm zu glauben. Glauben heißt, das Ja Gottes zu mir anzunehmen und darauf im Leben zu vertrauen.
Wenn Glaube und Taufe so eng verbunden sind, dann stellt sich die Frage, warum wir dann Säuglinge taufen. Und in der Tat, am Anfang der Christenheit wurden keine Kinder getauft. Nur Erwachsene. Und zwar Erwachsene, die vorher einen Taufunterricht erhalten hatten. Taufunterricht, das hieß, die Hintergründe und Zusammenhänge erklärt zu bekommen. Wer ist dieser Gott? Was hat es mit Jesus auf sich? Was bedeutet die Bibel? Was ist die Gemeinde, die Kirche? Welche Aufgaben erwachsen den Christinnen und Christen, der Kirche aus der Zusage Gottes: ich sage ja zu dir, du gehörst zu mir, aus meiner Hand fällst du nie, niemals.
Von all dem wissen kleine Kinder nichts. Aber als im Lauf der Zeit sagten immer mehr christliche Elternpaare: wenn das Ja Gottes zu uns von Anfang an gilt, warum müssen unsere Kinder dann warten, bis sie groß sind? Und dann fing man an, Säuglinge zu taufen.
Ich möchte nicht verschweigen, dass es in der Geschichte der Christenheit auch problematische oder schreckliche Ereignisse oder Vorstellungen im Zusammenhang mit der Taufe gab. Schrecklich waren Zwangstaufen ganzer Völker nach gewonnenen Schlachten, problematisch die Vorstellung, wer nicht getauft sei, dürfe nicht christlich beerdigt werden. Für einen Erwachsenen mag das gelten, aber für kleine Kinder? Da spielte viel magischer Aberglaube eine Rolle. Aber es entwickelte sich auch die Praxis der Nottaufe. Während normalerweise nut Pfarrerinnen und Pfarrer taufen dürfen, in der Not darf dies jeder Christ und jede Christin, insbesondere angesichts des Todes. So wurden viele Kinder notgetauft kurz nach ihrer Geburt, kurz vor ihrem Tod. Und diese Möglichkeit der Nottaufe besteht bis heute, wobei in unserem Land dann zumeist in Krankenhäusern Krankenhauspfarrer oder –pfarrerinnen diese Nottaufe vollziehen. Und dies ist oftmals ein großer Trost für viele junge Eltern, die wissen, dass ihr Kind nicht überleben wird. Das große Ja Gottes, das auch – bei allen Fragen und Zweifeln – einem Kind gilt, dass nur kurze Zeit leben wird, in der Taufe sichtbar und hörbar vernehmen zu können, tröstet.
Vorhin hatte ich gesagt, dass ganz am Anfang der Taufe Erwachsener ein Unterricht voraus ging. Als später Kinder getauft wurden, ging das natürlich nicht mehr. Und in der Tat, am "Unterricht" der Christinnen und Christen haperte es jahrhundertelang. Auf diesen Missstand machte dann schließlich Martin Luther aufmerksam und einer seiner Schüler "erfand" dann sozusagen der Konfirmandenunterricht etwa um 1530 als einen nachgeholten Taufunterricht.
Und damit sind wir ganz nah bei uns heute. Nur haben wir heute auch noch den Religionsunterricht in der Schule, so dass man sagen könnte, wozu noch Konfirmandenunterricht? Ich habe diese Frage für mich so gelöst, dass ich sage: ich möchte dieses Jahr nutzen, um jungen Menschen Dinge zu zeigen, die sie in der Schule nicht sehen. Ich möchte sie mit dem kirchlichen Leben in der Gemeinde vertraut machen. Deswegen Gottesdienstbesuch. Deswegen Besuch der diakonischen Einrichtungen und anderes mehr.
Bleibt zum Schluss die Frage nach den Paten. Eingeführt zur Unterstützung der Eltern in der Erziehung, auch der religiösen Erziehung. Sie mussten sich oftmals auch bereit erklären, für die Kinder auch ganz praktisch zu sorgen, wenn die Eltern früh verstarben, was in früheren Jahrhunderten häufig vorkam. Nun, heute ist davon nichts mehr zu sehen. Aber der andere Aspekt bleibt, zumindest bei der Taufe kleiner Kinder: die Paten sollen die Eltern bei der Erziehung, auch der religiösen Erziehung unterstützen. Es tut Kindern und Eltern gut, wenn es noch eine Bezugsperson, eine Vertrauensperson gibt, an die man sich wenden kann.
Liebe Gemeinde,
das Ja Gottes und damit seine Liebe gilt uns allen. Die Taufe ist dafür ein sichtbares Zeichen. Einmalig, absolut einmalig.
Amen.