Matthias Jung

 

 

 

Kaiphas, der Realpolitiker
Predigt über Johannes 11,47-53

Predigt am 1. April 2007 anlässlich des Dienstjubiläums unserer Jugendleiterin

 

Liebe Gemeinde,

warum muss Jesus sterben? Auf diese Frage geben die Geschichten aus den Evangelien Antwort. Allerdings muss man ein wenig graben und die äußere Schicht der Erzählungen abtragen. Johannes schreibt sein Evangelium aus großem Abstand, wir schätzen knapp 70 bis 100 Jahre nach Jesu Tod. Er war selber nicht dabei, ob es noch Zeitzeugen gab, wohl kaum. 70 bis 100 Jahre, das ist aus unserer Sicht so die Zeit zwischen 1. und 2. Weltkrieg. Im Rückblick ist manches leichter zu beurteilen: für Johannes ist ganz klar, das hier hinter dem Geschehen ein göttlicher Plan steckt. So ähnlich wäre das, wenn wir heute sagen würden, Hitler war ein Werkzeug des Teufels. Es die Sprache der Bilder, keiner von uns ist doch der Auffassung, Hitler oder damals Kaiphas seien letztlich Marionetten des Teufel oder auch Gottes gewesen...

Wischen wir aber die Schicht an Staub weg, der sich über die Erinnerungen gelegt hat, dann treten die Persönlichkeiten genauer vor Augen, denen Jesus auf seinem Leidensweg begegnet. Und dann wird schnell deutlich: sie waren keine Marionetten, sondern auch keine besonders bösen Menschen. Sondern Menschen wie du und ich. Eugen Drewermann hat einmal einen - wie ich finde - sehr wahren Satz gesagt: Jesus muss sterben, weil die Menschen, die daran beteiligt sind, sich so verhalten, wie immer und überall. Nicht das besonders Böse bringt Jesus ans Kreuz, sondern das Alltägliche. Menschen verhalten sich normal, vielleicht sogar "richtig" - und doch bringt das Leid und Not über andere.

Dafür ist der Hohepriester Kaiphas ein gutes Beispiel. Er handelt verantwortungsvoll, wägt die Risiken ab. Ist verantwortlich nicht für die gute Gesinnung, sondern dass es seinen anvertrauten Volksgenossen gut geht. Dazu gehört der ungestörte Ausübung der Religion und die wiederum ist nur möglich, wenn Ruhe und Frieden im Land herrscht.

Das klingt schnell abfällig in unseren Ohren, Ruhe und Frieden im Land. Das klingt nach Grabesruhe und Totschweigen von Konflikten und Problemen. Und sicher, das gibt es auch. Genauso wie den schändlichen Machtmißbrauch, der schnell Hunderttausende in den Tod mitreißt wie z.B. der Irakkrieg, an dem sich immer mehr zeigt, dass er wider besseren Wissens von den Verantwortlichen angezettelt worden ist.

Aber Hanke Ibbeken hat letzte Woche hier in der Predigt über diesen Text völlig zu Recht an das Beispiel von Angela Merkel erinnert, die die Entscheidung zu vertreten und zu verkünden hatte, dass der deutsche Staat sich nicht erpressen läßt. Eventuell hat sie mit dieser höchst verantwortlichen Tat zwei Menschen dem Tod geweiht, wir wissen es noch nicht.

Das mag ein besonders krasses Beispiel sein. Aber jeder (und jede), der oder die Verantwortung übernimmt und damit Macht ausübt, kommt in dieser Welt zwangsläufig in diesen Konflikt, sich manchmal zwischen Alternativen entscheiden zu müssen, bei denen die Entscheidung dann nicht einfach zwischen gut und böse, schwer oder einfach zu treffen ist, sondern einfach nur zwischen Pest und Cholera. Das gilt in der Politik im Großen und im kleinen, das gilt im Presbyterium einer Kirchengemeinde, das gilt in Leitungsverantwortung im Betrieb, aber auch schon in der Familie. Kaiphas ist nicht weit weg von uns...

Und unter den Bedingungen unserer Welt kommen Menschen damit zwangsläufig unter die Räder. Manchmal durch Unvermögen der Verantwortlichen, manchmal durch Emotionen wie Hass und Vergeltung gesteuert. Aber oft genug auch aus solchen Momenten, in denen ich zwischen zwei gleich schlechten Alternativen wählen muss. Hätte Kaiphas eine andere Wahl gehabt? Ja, sicher. Er hätte sagen können: dieser Jesus hat nichts Böses getan, ich stelle mich an seine Seite. Okay, hätte er machen können. Sein Gewissen hätte er rein gehalten. Und dann? Damit hätte er vermutlich seinen Job verloren. Denn die anderen Mitverantwortlichen hätten kaum wegen Jesus einen Volksaufstand und dessen blutige Niederschlagung durch die Römer riskieren und verantworten wollen. So stirbt Jesus auch, weil ein Realpolitiker sein Leben gegen das vieler anderer abwägt. Die Normalität dieser Welt ist es, die Jesus ans Kreuz bringt.

Weil diese Normalität oftmals Menschen unter die Räder kommen läßt. Und für die ist es gut, dass Jesus seinen Weg konsequent für andere zu Ende ging. Er hätte fliehen, sein Leben retten können. Das wäre kein Problem gewesen. Aber er wollte es nicht! Er wußte, was auf ihn zukommt. Und er ist diesen Weg gegangen. Festhaltend an dem Glauben, dass Gott jeden Menschen bedingungslos liebt, ja das dieser Gott nicht als reine Liebe ist. Und Jesus war fest davon überzeugt, dass diese Liebe auch in Momenten der größten Not trägt, Trost und Unterstützung in aussichtslosen, trostlosen Momenten geben kann. Jesus wollte zeigen, dass die mitunter grausame Normalität unserer Welt ihn in unsägliches Leid führen kann - dass aber diese Normalität die Liebe Gottes nicht zerstören kann. So starb er für "für uns". Und zu diesem Weg sagt Gott am Ostermorgen "ja". 

Und seither machen sich Menschen in dieser Welt auf den Weg, von dieser Liebe Gottes zu erzählen, in Worten und Taten. Und sie wenden sich oft genau den Menschen zu, die in unserer Welt unter die Räder kommen. Weil sie sich sagen, dass kann doch nicht sein, dass wir von der Liebe Gottes zu jedem Menschen reden und zuschauen, dass Menschen - warum auch immer - leiden müssen. Und damit komme ich jetzt auch zu unserer Jugendleiterin S. M. 

Du selbst sagst von dir  immer wieder, dass du dich als Mitarbeiterin in einer Kirchengemeinde stärker innerlich engagierst als du es  für einen kommunalen Arbeitgeber machen würdest. "Das mache ich, weil ich bei der evangelischen Kirche arbeite." In deinem Fall heißt das sehr häufig Einsatz für junge Menschen, die warum auch immer bereits unter die Räder geraten sind oder denen genau das droht, nämlich auf die Verliererseite in unserer Gesellschaft zu kommen.

Denn du bist ein Mensch mit einem Händchen, um mit Jugendlichen umzugehen, die von vielen Erwachsenen sonst oft als "schwierig" bezeichnet werden. Zielsicher nehmen, das habe ich oft beobachtet, auf einer Konfirmandenfreizeit innerhalb kürzester Zeit diejenigen Jungs und Mädchen mit dir Kontakt auf, die ahnen oder auch spüren, dass sie eine Art zuzuhören hat, die andere so nicht haben. Und für "ihre" jungen Leute bist du  auch bereit, Arbeitszeiten völlig zu vergessen, mit zu Elterngesprächen, Arztterminen usw. usw. zu gehen. Manchmal geht das das so weit, dass ich als Dienstvorgesetzter auch mal mahnen muss, damit du dich mit deinen Kräften nicht übernimmt, dir schadest und dann auch für die Jugendlichen ausfällst...  Ich weiß, dass eine ganze Reihe von jungen Menschen dir eine ganze Menge verdanken, mehr als einen hast du befähigt, aus ihrem Leben mehr zu machen, als sich das zunächst abzeichnete. Gelebte Diakonie ist das, Zuwendung zum einzelnen Menschen und seinen Bedürfnissen.

Liebe Gemeinde,

wir können aus unserer Welt nicht einfach aussteigen. Wir brauchen Menschen, die sich eher als Realpolitiker verstehen und Verantwortung übernehmen. Die Alternative wäre das Chaos. Wir brauchen aber auch Menschen, die sich denen zuwenden, die Gefahr laufen, unter die Räder zu kommen. Die Alternative wäre eine grausame Kälte in der Gesellschaft. Und schauen wir genauer hin, dann läßt sich die Menschheit nicht auf auf A oder B schiedlich, friedlich verteilen, sondern diese Spaltung geht oft genug durch uns selbst. Beide Wege können Dienst am Menschen sein, aber auch in die Irre führen. Da, wo Verantwortung herzlos betrieben wird oder auch da, wo Hilfe übervorsorglich betrieben wird. In diesem Sinne starb Jesus für uns, für dich und mich.

Ist das nun eine gute Nachricht für Kaiphas? Wischt man den Staub der Jahrhunderte weg, muss man wohl sagen: ja. Er ist nicht besonders böse, sondern ganz und gar normal. Einer, wie du und ich. Und die Botschaft vom Ostermorgen, dass die Liebe stärker ist als alles tödliche, gilt nicht nur dir und mir, sondern sicher auch ihm. Denn unsere Normalität ist es, die Jesus ans Kreuz bringt. Unsere Normalität erträgt er bis zum Tod, um der Liebe Gottes treu zu bleiben, der Liebe, die jeder und jedem nachgeht. Ganz gleich woher er kommt oder wohin er geht. Ganz gleich, was sie getan oder gelassen hat.

Amen.