Matthias Jung

 

 

 

Predigt zur Konfirmation 2011 -

Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. (Josua 1,5+9)

Liebe Gemeinde,

Gott spricht: »Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. – Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.«

Diese beiden Sprüche aus dem Buch Josua werden immer wieder gerne von Konfirmandinnen und Konfirmanden gewählt als Denkspruch. Ist ja auch kein Wunder, denn das Thema Angst und Vertrauen ist nun mal ein wahrlich menschliches Thema, geht jeden und jede an. Daher lohnt es vielleicht mal, diesem Spruch etwas hinterherzugehen, hinterherzuspüren und zu -fragen, wenn er so gerne von Jugendlichen gewählt wird.

Der Moment, in dem Josua diesen Spruch als Zusage Gottes hört, liegt sehr lange zurück.

Die Israeliten sind aus Ägypten ausgezogen. Mose hat sie durch die Wüste bis an den Rand des versprochenen Landes geführt. Sie haben vieles erlebt, Auszug aus der Sklaverei, den Untergang des ägyptischen Heeres im Roten Meer und ihre Errettung, sie sind durch die Wüste gezogen, haben erlebt, wie es dort ist, wo Mangel und Entbehrung herrschen. Nun stehen sie an der Grenze. Und dann geschieht das Unfassbare, eine Katastrophe: Mose selbst, der erfahrene Führer stirbt, kann sein Volk nicht mehr in das Land der Träume hineinführen. Jetzt steht sein Nachfolger, Josua, vor der Aufgabe, zu vollenden, was Mose einst begann. All die Jahre war Josua der zweite Mann hinter Mose, hat mitgedacht und überlegt, entschieden aber hat immer ein Anderer. Das ist eine schwere Last, auf einmal die ganze Verantwortung selbst auf den Schultern zu haben. Da wächst schnell die Angst, wenn tausende von Augen einmal auf mich gerichtet sind. Gut, es hieß, das sei ein wunderbares, fruchtbares Land. Aber es ging auch das Gerücht um, dass dort Riesen wohnen. Und die würden das Land sicher nicht einfach den Israeliten überlassen. Josua hat Angst. Ich kann´s verstehen. Er befürchtet, dass er dieser Aufgabe nicht gewachsen sein wird und das er versagen wird. Er zweifelt an sich. In dieser Situation verspricht Gott ihm: »Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht!« Und Josua geht und erfüllt seinen Auftrag unter großen Schwierigkeiten und mit genauso großem Vertrauen gegenüber Gott, so lesen wir es auf den nächsten Seiten der Bibel.

Das ist doch schön. Gott ermutigt Josua, der überwindet seine Angst. Er tut, was Gott von ihm will, und Gott ist bei ihm. Machen wir es doch einfach genauso: Vertrauen wir auf Gott und überwinden wir unsere Angst. Angst blockiert doch nur. Dann tun wir nicht die Dinge, die wir tun könnten. Dann entfalten wir nicht unsere Fähigkeiten. Wir bleiben dann immer unter unseren Möglichkeiten und sind unglücklich. Ja, wir sollten auf Gott vertrauen, uns nicht fürchten und glücklich werden.

Tja, aber so einfach ist das nun ja aber nicht. Da meldet sich gleich eine andere Stimme in mir und fragt: Ist denn Angst nur schlecht? Wenn Du keine Angst hast, dann tust Du schnell Dinge, die zu gefährlich sind und stürzt dich erst recht ins Unglück. Um es absurd zu formulieren: Wenn Du keine Angst vor der Höhe hast, dann stürzt du dich schnell aus dem Fenster im 10. Stock, weil fliegen ist ja soooo schön. Die Angst ist in unser Denken und Fühlen eingebaut, um uns vor Gefahren zu schützen. Es ist einfach falsch, sich in tollkühn in Gefahr zu begeben und dann darauf zu vertrauen, dass Gott einen schon beschützen wird. Anders gesagt: Wir sollten unseren Schutzengel nicht mehr beschäftigen als dringend notwendig ist.

Aber was nun? Jede Angst respektieren und darauf reagieren? Allem, was Angst auslöst, aus dem Weg gehen? Geht ja irgendwie auch nicht. Wir können nicht immer allem, was Angst macht, aus dem Weg gehen. Ich kann sicher überlegen, wie ich Gefahren verringern kann. Manchmal kann ich Sicherheitsmaßnahmen ergreifen. Ich kann meine Angst als Warnung nehmen, aber ich darf meine Handlungen nicht nur von ihr bestimmen lassen. Doch welchen Sinn macht dann die Zusage Gottes? Fragen über Fragen.

Vielleicht sagt Ihr, sagen Sie, das ist mir viel zu theoretisch. Okay, gut, lass es uns mal an einem Beispiel durchdenken. Nehmen wir eine wichtige Lebensentscheidung, eine, vor der Ihr alle stehen werdet in den nächsten Jahren. Sagen wir mal, es geht um die Frage, welchen Beruf du ergreifen willst.

Nehmen wir weiter mal an, eine von euch überlegt zu studieren. Ist aber egal, das alles gilt auch, wenn du eine Ausbildung machen willst. Also, am meisten interessiert du dich für, sagen wir: Kulturanthropologie. Am zweitbesten gefällt dir Elektrotechnik. Und dir ist schon klar: Bei Kulturanthropologie gibt es nach dem Studium nur wenige Stellen. Kann man da nicht vermuten, dass du, wenn du mal voraus schaust, dich schon heute fürchtest, nach einem spannenden Studium am Ende arbeitslos zu sein? Und wäre es nicht in diesem Fall eine wirklich gute Idee auf die Angst zu hören, und lieber das zu studieren, was Dir am zweitbesten gefällt, wo du dann aber nach dem Abschluss höchstwahrscheinlich eine gute Stelle findest?

So könnten die Gedanken im Kopfe gehen und du dann zu Elektrotechnik neigen und die Eltern vielleicht auch schon verständnisvoll mit dem Kopf nicken – aber es könnte auch ganz anders sein. Kulturanthropologie ist eine brotlose Kunst, Elektrotechnik ist ja auch ganz schön, und du bist schon fast umgeschwenkt, und da kommt die Angst jetzt von der anderen Seite: Soll ich das wirklich riskieren, das schwere Studium? Was ist, wenn ich nach zwei Semestern scheitere, weil es doch zuviel Mathe ist? Und dann, so heißt es, gibt es dort nur 3% Frauen. Auch das lässt mich frösteln. Ich allein unter Männern... Im Schwimmbad ganz schön, aber im Hörsaal...?

Liebe Konfis, liebe Gemeinde, alles ganz schön schwierig. Spielen wir die Gedanken noch etwas weiter durch und stellen uns folgendes vor: Du fährst mit dem Zug nach Dortmund oder Bochum fährt, um dir in der Uni alles anzuschauen und du kommst aus dem Bahnhof und liest auf einer Plakatwand groß diesen Satz: Gott spricht, ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. Und du denkst dir: Super, so ist es, da kann ja nichts schiefgehen. Doch: Wie wird das deine konkrete Entscheidung beeinflussen?

Vielleicht wirst du dich ermutigt fühlen und denkst: Ach komm, wenn Gott bei mir ist, dann kann doch gar nichts schief gehen. Ich fange einfach mal an, und was später wird, werde ich dann sehen.

Ist das dann einfach leichtsinnig oder rechtes Gottvertrauen?

Mutig ins und durchs Leben zu gehen, durchs Leben gehen zu können, ist schon gut. Doch: Kann wirklich nichts schief gehen, wenn Gott bei dir ist? Kannst du dann keine falsche Entscheidung treffen? Wird es dir auf jeden Fall gelingen, das Studium abzuschließen und einen guten Beruf zu bekommen? Gibt es beim Gottvertrauen also von vornherein Sicherheit?

Nein, natürlich nicht. Dass Gott dich nicht fallen lässt und dich nicht verlässt heißt nicht, dass du in deinem Leben auf keine Schwierigkeiten stoßen wirst und einfach alles gelingt. Die Zusage Gottes, uns zu begleiten und unser Leben in seiner Hand zu (be-) halten, ist keine Garantie für ein leichtes oder erfolgreiches Leben. Aber was ist sie dann? Hat sie dann überhaupt irgendeine Bedeutung?

Ja, sie hat eine große Bedeutung. Gott verspricht uns, dass wir in den Schwierigkeiten, die es sicher geben wird, nicht allein sein werden.

Die praktisch Begabten unter Ihnen fragen sich jetzt vielleicht: Und was nützt mir das?!

Das nützt schon was, wenn ich weiß, Gott ist da und hilft mir. Dann werde ich nicht aufgeben. Ich werde mich selbst nicht fallen lassen. Ich werde die Hoffnung behalten und nach einem Ausweg suchen. Ich werde Gott um die Kraft bitten, mit den Schwierigkeiten fertig zu werden.

Jetzt fragt aber wieder der Zweifler in mir: Ist die Zusage Gottes dann doch nicht eine Art Garantie? Nicht die Garantie für ein leichtes Leben, aber die Garantie, dass die Schwierigkeiten nicht unüberwindbar sein werden?

Unangenehme Fragen, da ist diese schöne Zusage und ich will doch einfach nur vertrauen, und dann gibt es diesen blöden Zweifler in mir und die Angst wächst auch schon wieder....

Ja, liebe Gemeinde, der Zweifler fordert das Vertrauen ganz schön heraus, diese Erfahrung ist so alt wie die Menschheit und wir können davon auch schon in der Bibel lesen. Und das Vertrauen kann darauf nur antworten: Ja, irgendwie hast du schon recht. Alle Antworten, die darauf versucht wurden, sind unbefriedigend. Menschen machen ja auch die Erfahrung, dass sie sich von Gott verlassen fühlen. Jede Depression ist so eine Erfahrung. Wenn sich jemand vor lauter Angst gar nicht mehr bewegen kann und nichts mehr fühlt, dann ist kein Glaube und keine Hoffnung mehr möglich. Und da stellt sich doch die Frage: Ist Gott wirklich vertrauenswürdig. Kann ich ihm das glauben, dass er mich nicht fallen lässt und nicht verlässt?

Die einzig sinnvolle Antwort auf die Frage, wo Gott ist in all dem, was uns auch Schlimmes passieren kann, lautet: Ja, denn er ist auch da mitten drin. Und das ist eine unangenehme Antwort. Weil ich mir doch lieber einen lieben Gott wünsche, einen, der wegwischt, was an Leid und Angst und Scheitern da ist. Doch vom lieben Gott sprechen die Menschen in der Bibel nicht. Es gibt nur den uns liebenden Gott, der uns auch Leid nicht erspart, so nicht. Mose durfte nichts in Land seiner Träume, selbst Jesus hat er Schmerz, Leid und Tod nicht erspart. Das ist ärgerlich. Aber vielleicht auch ein Trost – denn sonst müsste ich ja fragen in allem Leid dass mich trifft: bin ich schuld? Hab ich nicht genug vertraut, dass es mich so trifft? Hat sich Gott von mir abgewandt?

Die Zusage: Ich bin bei dir, verlasse dich nicht, ist keine Garantie, dass alles glatt und gut gehe, wenn ich nur Gott vertraue. Ich darf vertrauen und meinen Ängsten ins Gesicht schauen, weil ich weiß, dass es diese Zusage gibt, ich darf entscheiden und losgehen, ohne zu wissen, was passiert. Wichtig ist nur, dass ich entscheide, und überlege, was will wirklich? Wo schlägt mein Herz? Also, um es in dem Beispiel noch mal zu sagen: Kulturanthropologie oder Elektrotechnik? Was die richtige Entscheidung war, weiß ich erst später. Und, Gott sei Dank, viele Entscheidungen kann ich auch korrigieren oder aus ihnen lernen. Vielleicht merke ich nach 2 Semestern Kulturanthropologie, das ist es doch nicht. Muss kein Scheitern sein, ich werde mich dann vielleicht mit ganz anderer Energie der Elektrotechnik zuwenden. Oder umgekehrt, nach zwei Semestern Elektrotechnik vielleicht dann doch in die Informatik oder Biotechnik wechseln, weil ich im Lernen merke, ach, das hatte ich mir doch ganz anders vorgestellt, ist doch ehrer langweilig...

Wie dem auch sei, Gott will dass wir gute Entscheidungen treffen, ob es die richtigen Entscheidungen sind, dass wissen wir immer (!) erst später. Jede Entscheidung ist ein Wagnis, weckt Hoffnungen und Erwartungen, löst aber Ängste aus, vielleicht auch Schmerz und Anstrengung und Leid – (z.B.: studieren in Amerika, fernab der Familie, o ja und zugleich o nei!) – und das ist unumgänglich. Gute Entscheidungen mit guten Gefühl im Herzen zu treffen, dass ist es, was möglich ist, und dazu hilft die Zusage Gottes, weil sie die Ängste nicht wegnimmt, aber beruhigen kann. In diesem Sinne wünsche ich euch, aber auch Ihnen immer wieder: Gute Entscheidungen im Vertrauen auf den liebenden Gott, der uns begleitet und sagt:

»Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.«

--------------

Die Predigt wurde angeregt durch eine Predigt von Elke Burkholz aus dem Jahr 2006, damals verfasst zur damaligen Jahreslosung und am Neujahrstag gehalten. Diese Predigt finden Sie unter:

http://www.kanzelgruss.de/index.php?seite=predigt&id=2209