Matthias Jung

 

 

 

Fisch mit frecher Flosse.
Predigt zur Konfirmation 2007

 

DEKT

 

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, liebe Patinnen und Paten,

das Bild vom Fisch mit der Flosse ist das Logo des Kirchentages, der im Juni in Köln stattfinden wird. Er steht in Verbindung mit einem Wort aus dem Hebräerbrief: Das Wort Gottes ist lebendig und wirksamer und schärfer als jedes zweischneidige Schwert (Hebräer 4,12). Mir gefällt das Logo und auch der Bibelspruch und ich denke, beides kann euch auch etwas zu eurer Konfirmation sagen.

Der Fisch ist ein uraltes Symbol der Christenheit. Christen in der Verfolgung markierten mit diesem Symbol in Rom und anderswo sichere Orte und verständigten sich mit dem Bild des Fisches. Der Fisch wurde gewählt, weil man mit den Anfangsbuchstaben des griechischen Wortes für Fisch, Ichtys, die Worte Jesus Christus, Gottes Sohn und Retter verbinden konnte. Seither taucht er immer wieder auf als Zeichen für die Anwesenheit von Christen, Sie und Ihr haben bzw. habt bestimmt schon Autos mit einem Fisch als Aufkleber auf der Heckscheibe gesehen.

Die Vorbereitungsgruppe für den diesjährigen Kirchentag hat nun dieses uralte  Zeichen genommen und dem Fisch eine orange Flosse versehen. Eine orange Flosse, wie mit einem schnellen Pinselstrich gemalt. Sie soll wohl bedeuten, das hier ist ein frecher, fröhlicher, farbiger Fisch, lebendig und kräftig. Dazu eben geschrieben aus dem Bibelvers die Worte: lebendig und kräftig und schärfer. Und damit soll ausgedrückt werden: die Botschaft der Bibel, das Evangelium von Jesus ist eine lebendige, kräftige, freche und fröhliche Angelegenheit. Kirche ist nicht von gestern, sondern aktuell. Und gerade auf den Kirchentagen zeigt sich, dass sich auch viele junge Menschen von dieser biblischen Botschaft anziehen und faszinieren lassen, oft und immer wieder auch auf ungewöhnliche Art und Weise, frech und fröhlich. Ich kann mich selbst an Besuche auf den Kirchentagen erinnern, als ich wenig älter war als ihr. Das war schon damals so: eine junge, spannende, aufregende, lebendige Veranstaltung.

Der Alltag in der Kirchengemeinde ist meist nicht so aufregend. Schon gar nicht für junge Leute. Aber das kennen wir auch aus anderen Lebensbereichen. Es ist nicht immer Urlaub und doch zehren viele Menschen von diesen Wochen des Jahres und sind bereit, dafür lange zu sparen. Es ist auch nicht immer Zeit und Gelegenheit für Partys, Schule und andere (eher langweiligere) Dinge sind auch wichtig und nötig, aber eben auch viel langweiliger und öder. 

Einen Einblick in das Leben einer Kirchengemeinde, auch in den Alltag einer Gemeinde habt ihr kennen gelernt. Gottesdienste waren vermutlich eher langweilig. Und sicher auch die eine oder andere Stunde. Aber die Freizeit und auch vielleicht der Ausflug zum Flughafenseelsorger waren dann die spannenden, aufregenden Erfahrungen, die eher einen Eindruck davon verschafft haben, dass Kirche eine wichtige und gute Sache ist. Und vielleicht hat der eine oder die andere auch eine erste Ahnung davon bekommen, dass an dem Glauben, von dem Andreas Klumb und ich, aber auch viele andere Mitarbeitende in der Kirchengemeinde und darüber hinaus euch erzählt haben, etwas Wahres und Wichtiges dran ist. Mir ging das zumindest damals als Konfirmand so. Mehr als eine erste Ahnung, ein Gefühl war es nicht, was mich nach der Konfirmation bewegte, mich in der Jugendarbeit der Gemeinde blicken zu lassen. Pfarrer werden wollte ich erst viel später.

Nun, heute bei eurer Konfirmation möchte ich noch einmal zuspitzen und an einigen Punkten deutlich machen, was denn dieser Glaube für Euer, Ihr, unser Leben bedeuten kann. Was ist daran lebendig, kräftig und schärfer als ein zweischneidiges Schwert?

Der Glaube betrachtet uns und unsere ganze Welt aus einen ganz bestimmten Blickwinkel : wir sind in dieser Welt nicht allein unterwegs. Und dieser Glaube, das Wort Gottes, die Worte Jesu helfen in dieser Welt zu unterscheiden.

Zum Beispiel zwischen Glaube und Aberglaube.

Aberglaube meint dabei nicht so Sachen wie Freitag den 13. oder die schwarze Katze von links oder ähnlichen Unsinn. Sondern Aberglaube, das sind oft tiefsitzende Überzeugungen, die uns ununterbrochen Sätze ins Ohr flüstern. Ganz leise und vor allem so regelmäßig, dass wir sie gar nicht mehr hören. Aber sie wirken.

Das möchte ich an drei Einflüsterungen verdeutlichen. Sie treffen sicher nicht für jeden Menschen zu, aber sie sind unter uns weit verbreitet. Unter jungen Menschen genauso wie unter älteren.

Der erste Aberglaube:

Es wird alles nur noch schlechter, mit uns geht es nur noch bergab.

Diesen Aberglauben gibt es schon sehr lange. Früher war alles besser. Das war dann so der manchmal ärgerliche, manchmal melancholische Blick der Großelterngeneration auf das Treiben der Jugend. Aber in unseren Tagen breitet sich diese Aberglaube immer mehr aus. Die aktuelle Diskussion um den Klimawandel, die Auswirkungen der Globalisierung, all das führt mehr und mehr zu dem sich einschleichenden Gefühl: wir haben unsere besten Jahre schon hinter uns. Erschreckenderweise beobachte ich diese Gefühl auch immer mehr bei ganz jungen Menschen. Dass die Jugend die Zukunft der Gesellschaft ist, diesen Satz höre ich immer weniger. Nach der Schule beginnt eine für ganz viele eine Zeit der Unsicherheit. Sicher, auch als ich in eurem Alter war, wußte ich nicht, was die Zukunft bringt. Aber ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern, dass je darüber nachgedacht hätte, ich würde mal keine Anstellung bekommen und könnte arbeitslos werden. Da hat sich was verändert. Quer durch alle Generationen. Angst vor der Zukunft, damit verbunden Angst vor Entscheidungen, Angst vor sinkendem Wohlstand, vor Armut im Alter, vor Hartz IV schon im nächsten Jahr...

Und diese Ängste sind ja häufig auch berechtigt. Unser Welt ist komplizierter geworden. Aber das Gefühl, dass wir dabei auf einen Rutschbahn sitzen und unaufhörlich nach unten gezogen werden, das ist ein Aberglaube. Weil er zur Resignation führt und uns immer weniger vom Leben erwarten läßt. Und er schränkt unseren Blick immer mehr ein, läßt uns verarmen und verkrampfen. Auch schon in der Bibel werden uns Menschen vor Augen gestellt, die resigniert hatten, aufgegeben hatten. Und es werden Begegnungen von Jesus mit solchen Menschen erzählt, immer wieder. Und das faszinierende: er richtet sie auf, gibt neue Hoffnung, weitet den Blick, öffnet die Zukunft. Weil er Worte und Gesten findet, die aufrichten und Mut machen. Worte und Gesten, die vermitteln: du bist nicht allein. Worte und Gesten, die eine Ahnung vermitteln: es gibt eine Macht, einen Gott jenseits unserer sichtbaren Welt, der dich liebt, vom Anfang bis zum Ende.

Der zweite Aberglaube:

Ich muss das alles alleine schaffen!

Dieser Aberglaube wird von unserer heutigen Gesellschaft stark gefördert. Es kommt auf jeden einzelnen an,  jeder muss seinen eigenen Weg finden, unablässig lernen und sich weiter entwickeln. Das wird uns ständig eingetrichtert. Beginnt mit der Frühförderung im Kindergartenalter oder noch davor. Setzt sich durch die Schule fort. Entwickelt sich zu einem mehr oder weniger offenen Konkurrenzkampf. Um Noten und Abschlüsse. Um Ausbildungs- und Studienplätze. Um Arbeitsplätze und Aufstiegsmöglichkeiten. Das macht einsam. Und läßt den Aberglauben entstehen: ich muss das alleine schaffen. Schwäche zeigen, um Hilfe bitten, gar einen Schritt auf der Karriereleiter nicht gehen, bringt mir Nachteile. In der Generation der Großeltern begegnet mir dieser Aberglaube in der Gemeinde eher in der Variante: ich will das alleine schaffen, es ist mir unangenehm, um Hilfe zu bitten.

Wie dem auch sei: Dieser Aberglaube setzt wahnsinnig unter Druck und führt schnell zur Überforderung. Von Jesus her hören wir dagegen, wie wichtig die Gemeinschaft ist. Mit Jüngern und Jüngerinnen hat er sich umgeben. Menschenfischen wollte er nicht alleine, nein, er holt sich Petrus, Andreas und andere dazu. Und da, wo unter den Jüngern Konkurrenzkampf ausbricht, weist er sie entschieden zu Recht, dreht den Blickwinkel um: nicht ums herrschen geht es, sondern ums dienen. Das dürfen wir nun auch nicht absolut setzen, dann führt es zu Unterordnung unter alles und jeden. Recht verstanden weist Jesus uns darauf hin, dass wir einander bereichern und beschenken können - und so viel mehr an Lebensfreude und -genuß erreichen als alleine. Denn ich bin nicht immer derjenige, der empfängt, sondern ich kann auch geben. Und deswegen darf ich auch empfangen, Schwäche zeigen, um Rat und Hilfe bitten. Zugegeben: im Haifischbecken unserer heutigen Gesellschaft ist das nicht leicht und es wir tun auch gut daran, zu überlegen, wo und wen ich in solchen Momenten um Rat und Tat frage. - Wohin das zunehmend führen kann, wenn Menschen in der heutigen Zeit sich von diesem Aberglauben bestimmen lassen, beschreibt die aktuelle Ausgabe der ZEIT auf erschreckende Weise, wenn sie von der drastisch zunehmenden Zahl an Angststörungen berichtet.

Der dritte Aberglaube:

Ich kann nichts, ich bin nichts wert.

Das sitzt ganz tief drin in uns Menschen. Die Angst vor Fehlern. Die Angst vor dem Versagen. Die Angst, abgelehnt zu werden. Und jede fünf in der Mathearbeit, jede zurückgesandte Bewerbungsmappe, jeder Anschiss von den Eltern oder vom Chef unterstützt dieses Gefühl. Und zugleich sind wir unablässig auf der Suche nach Anerkennung, nach Zuwendung, nach Geliebt-Werden. Und so vergleichen wir uns. Bin ich besser oder schlechter? Und meist nagt das Gefühl in mir: ich bin schlechter. Überlegt noch mal zurück, als wir die Konfisprüche gestaltet haben. Immer wieder wurde ich gefragt: ist das gut so? Das kam weniger von denen, die wissen, dass sie ganz gut malen und zeichnen können. Aber von den anderen, die da auch gesehen haben. Und die Antwort lautet: ja, das ist gut. Denn das bist du. Die Sprüche, die hier hängen, zeigen etwas von euch. Drücken etwas von euch aus. Und das ist gut so. Punkt. So. Aber jetzt geht es weiter. Unter künstlerischen Aspekten betrachtet, wird man natürlich sagen müssen: da gibt unter euch welche, die sind da eher für begabt als andere. Okay. Aber vielleicht würden diejenigen, die als Künstler nicht so gut abschneiden, eher auftrumpfen, wenn die Aufgabe gelautet hätte: mach ein Lied aus dem Spruch und sing es heute vor. - Wir haben alle unsere Fähigkeiten und Begabungen, jede und jeder ist etwas wert. Das war die tiefe Grundüberzeugung von Jesus. Das wollte er rüberbringen. In jeder Begegnung, in jeder Predigt. Du bist von Gott geliebt und ein wichtiger und wertvoller Mensch. Jeder und jede. Und Jesus würde wohl heute sagen: lasst euch bloß nichts anderes einreden! Glaubt mir und glaubt daran. Aber: ihr seid nicht alle gleich. Der eine kann malen, die nächste singen, der dritte bringt seine Umgebung zum lachen, die vierte kann gut schreiben, die fünfte hat vielleicht immer die guten Ideen. Darf ich das sagen, R., dass es deine Idee war, das alle Konfis heute bei der Konfirmation ein Holzkreuz umgehängt bekommen? Jeder und jede kann etwas. Und das haben wir auch in diesem Jahr erlebt im Konfirmandenunterricht. In den unterschiedlichen Stunden und Projekten.

Und jetzt am Ende der Predigt merken wir, dass diese drei Aberglauben und auch ihre Überwindung ganz eng zusammenhängen: Der Aberglaube sagt: ich bin nichts wert und kann nichts, deshalb kann ich anderen nichts geben und daher lohnt es auch nicht um Hilfe zu fragen und daher gibt es auch keine Hoffnung für die Zukunft, weil ich ja nichts kann. Und umgekehrt: lassen wir uns doch von den Zusagen Jesu anstecken: du bist wichtig und wertvoll und wir können einander sehr viel geben und gemeinsam auch die Zukunft gestalten und bewältigen. 

Fisch mit frecher Flosse. Eine uralte Glaubenstradition und doch lebendig und wirksam noch heute.

Amen.