Matthias Jung

 

 

 

Der Herr ist mein Hirte...
Predigt zur Konfirmation 2006

 

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, liebe Patinnen und Paten,

Der Predigttext in diesem Jahr sind ganz bekannte Worte aus der Bibel. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Viele von Ihnen, liebe Erwachsene, haben diese Worte einst auswendig gelernt, auch Ihr habt sie auswendig gelernt. 

Es gibt, so scheint es, Texte in der Bibel, die über Generationen hinweg Menschen ansprechen, etwas in ihnen anrühren, sie zum klingen bringen. Das Bild des Hirten gehört offenbar dazu. Der Hirte, der auf seine Schafe aufpasst, für sie sorgt, sie beschützt und auch in Gefahr nicht alleine lässt. Ein Bild des Vertrauens und der Geborgenheit. Der Psalm überträgt des Bild des Hirten auf Gott, er begleitet und schützt uns. Und auch Jesus nimmt es auf in seinen Predigten und sagt einmal von sich: Ich bin für euch der gute Hirte. Und damit meint er: wer mich sieht, sieht Gott. Wer mich hört, hört ihn, wer meinen Worten traut, vertraut zugleich ihm, dem Vater.

Schauen wir noch etwas genauer auf die Verse des Psalms, dann wird deutlich, dass um Begleitung auf einem Weg geht: Er führt mich zum Wasser und auf die Weide, und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen ein Leben lang... Und wenn ich dann hier hoch schaue und mir die Sprüche durchlese, dann begegnet mir der Weg, auf dem wir uns befinden die Hoffnung auf Begleitung auch immer: Lass dich durch nichts erschrecken, denn ich bin bei dir. Oder: er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.

Kein Wunder, denke ich, denn wir haben meist keine Schwierigkeit, uns unser Leben als einen Weg vorzustellen. Wir sprechen ja auch vom Lebensweg. Das Interessante dabei ist, dass wir dabei immer nach vorne schauen können, aber auch zurück. Und es gibt markante Wegpunkte, Kreuzungen, Wegscheidungen, Sackgassen. Wir haben auch schon mal das Gefühl, unterschiedlich schnell voran zu kommen. Manchmal zieht sich ein Lebensabschnitt wie eine enge kurvenreiche Strasse, manchmal kommt uns unser Lebensweg wie ein Schüttelacker vor, manchmal aber scheint es uns, dass wir mit Tempo 200 dahinbrausen und gar nicht mehr merken, wie die Zeit verfliegt... 

Ihr liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, seid in einem Alter, von dem die Erwachsenen gerne sagen: ihr habt euer ganzes Leben noch vor sich. Hm.... Nun sagen manche Forscher, dass die Stimmungslage und damit auch die Hoffnungen, Träume, Befürchtungen sich von Jugendgeneration zu -generation verändern, weil immer auch die aktuellen Vorgänge in der Gesellschaft sich auswirken. Ich denke, da ist was dran, denn ich stelle z. B. bei Gesprächen immer wieder fest, wie stark unterschiedlich Menschen geprägt durch ihre Jugend in den Kriegsjahren oder in danach. Oder ich erinnere mich noch an das relativ unbeschwerte Gefühl meiner Jugend Anfang der Siebziger Jahre (ich wurde 1975 konfirmiert), bevor dann der Ölpreisschock kam, die Anschläge der RAF, der Beginn von Arbeitslosigkeit in Deutschland... 

Dieser Zusammenhang, dass die Jugend immer auch geprägt wird durch ihre Umgebung, dem stimmen wir Erwachsenen meist spontan zu. Aber wenn ich dann bestimmtes Verhalten von Jugendlichen dadurch zu erklären versuche, reagieren Erwachsene oft ablehnend: Aber Respekt müssen die doch lernen! Bei uns früher hätte nicht gegeben. Wir wissen, was Hunger ist... Usw. usw. Und das Verrückte daran ist ja, dass wir ganz schnell Jugendliche mit dem messen und beurteilen, was wir in unserer eigenen Jugend gelernt, empfunden, erlitten haben. Also schon eine wichtige und spannende Zeit....

Und heute? Was prägt Jugendliche so? Schwierig, schwierig... Da gibt es Untersuchungen wie Sand am Meer. Die Jugend hat keine Zukunft, sagen die einen. Die Jugend hat keine Bildung und schneidet bei PISA schlecht ab, sagen die anderen. Die Jugend sitzt nur vor dem Computer und wird zu dick und unbeweglich, sagen die dritten. Die Jugend von heute wird morgen dringend gebraucht, weil wir immer älter werden, sagen die vierten. Die Jugend hatte noch nie so viele Möglichkeiten wie heute, sagen die fünften. Das könnte jetzt so weiter gehen.

Ich glaube, dass ein wesentliches Merkmal von Jugendlichen heute ist, verunsichert zu sein. Da gibt es Zukunftsängste und -hoffnungen, da gibt es unglaubliche neue Möglichkeiten für die Menschheit durch die Entwicklungen der Technik, damit verbunden aber auch Gefahren. Da gibt es Erwartungen und Träume, aber ganz oft auch das Gefühl, diese meine Träume werde ich nicht umsetzen können. Und auch was vor Jahren noch so ein Traum jenseits von gesellschaftlichen Veränderungen war, ein Hort des Friedens und des Rückzuges, nämlich heiraten und Kinder kriegen, Haus bauen oder doch zumindest in einem wohnen, sich also in einer Familie geborgen fühlen zu können, auch dieses Ziel wird angesichts von Scheidungen in unzähligen Familien immer weniger als Grundlage für ein glückliches und zufriedenes Leben angesehen. Und glücklich sein, zufrieden mit dem eigenen Leben sein, dass allerdings ist nach wie vor ein Ziel, was aber oft immer unkonkreter und unbestimmter bleibt....

In dieser Zeit macht Ihr Euch auf den Weg in Eure Zukunft als demnächst junge, erwachsene Menschen. Und da nehmt ihr den Psalm 23 mit: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser. Klingt vielleicht zunächst etwas komisch. Klingt so nach "Heidedei" und "Gefühlsduselei". Aber spätestens, wenn wir uns vor Augen stellen, dass das Hirten- und Schafe-Dasein vor 2000 Jahren nun wirklich kein Zuckerschlecken war und die Lebensverhältnisse mindestens so unsicher waren wie wir es heute empfinden - dann bekommen wir eine Ahnung, dass da viel mehr Realismus und Ernsthaftigkeit dahinter steckt, als wir zunächst vermuten. 

Fragen wir also: wenn hier ein Mensch Gott sein Vertrauen ausspricht, wenn er davon ausgeht, sicher und geborgen, auch in schweren Zeiten durchs Leben gehen zu können, sich der Nähe und Liebe Gottes immer gewiss sein zu können, was bedeutet das für euch? Nehmen wir doch mal an, es gibt diesen Gott und er steht uns so gegenüber. Diejenigen, die schon irgendwie davon überzeugt sind, dass es eine höhere Macht gibt, mögen sich vorstellen, was es für das eigene Leben bedeutet, wenn diese Macht ein guter Hirte wäre. Diejenigen, die an solch einer Macht zweifeln oder noch nie ernsthaft darüber nachgedacht haben, lade ich ein, mal das eigene Leben unter der Satz zu betrachten: was wäre denn, wenn es diesen Gott doch gibt? (Ihr erinnert euch, diesen Gedanken haben wir auch auf der Konfifreizeit bedacht.)

Drei Dinge möchte ich nennen:

Wenn Gott für uns wie ein guter Hirte ist, dann sind wir geliebt und müssen daher wertvoll sei. Dann sind wir nie allein, auch nicht im Bösen. Und darum sind wir von dem Zwang befreit, nur und vor allem an uns selbst denken zu müssen.

1. Wir sind geliebt und daher wertvoll.

Die Bibel sagt auf Schritt und Tritt, dass wir geliebt und daher wertvoll sind. Nicht deswegen, weil wir irgendetwas tun oder lassen, sondern einfach weil wir sind. Das ist auch der Gedanke der Kindertaufe: ein Zeichen, dass Gottes Liebe mir gilt, bevor ich dazu irgendetwas sagen oder tun kann. Geliebt und wertvoll sind wir als einzelne Menschen. Deswegen wird jeder einzeln getauft, jeder bekommt einen Bibelspruch als Konfirmationsspruch und wird gesegnet. Aus praktischen Gründen machen wir das zwar nachher in Gruppen, aber von der Symbolik her müsstet ihr einzeln kommen. Jeder und jede ist ein besonderer Mensch. Und da komme ich dann zurück zur Frage, was das denn für Euch als heutige Jugendliche in diesen unsicheren Zeiten bedeutet. In einem Satz gesagt: orientiert euch an dem, was ihr könnt, versucht herauszufinden, wo eure Stärken liegen. Was es alles an Schwächen gibt, da sind Menschen schnell zur Stelle und kritisieren dran herum. Aber die Stärken herauszukitzeln ist oft viel schwerer, hat auch was mit ausprobieren zu tun. Nicht unbedingt sind meine Stärken die Dinge, die mir Spaß machen. Das kann zusammen fallen, aber viele Dinge, die ich gut kann, machen mir auch Mühe und Anstrengung. Ich lese gerade die Autobiographie von Udo Bölts, dem ehemaligen Radprofi. Der sagt glasklar: Radfahren ist das, was ich am besten kann. Und es gab viele Tage, an denen es Spaß gemacht hat. Aber noch viel mehr, wo es eine Qual war. 

2. Wir sind nie allein, auch nicht im schlimmsten.

Unser Leben ist ein Weg, auf dem es unterschiedlich voran geht. Sagt auch der Psalm 23. Wir sind dabei nie allein, wenn wir von der Existenz Gottes ausgehen. Es gibt wohl Tage, an denen dieser Glaube schwer gefährdet ist. Durch Krankheit, Leid, Tod und Trauer. Aber es ist die Erfahrung von Menschen seit Ewigkeiten, dass gerade auch in solchen Zeiten der Glaube ein großer Trost und eine große Stütze gewesen ist. Immer zu wissen, egal was kommt, da ist noch jemand an deiner Seite, das ist ein gutes Gefühl. Dabei möchte ich nicht verschweigen, dass Menschen der Glaube auch in solchen Zeiten verloren geht. Das ist so. Es gibt keine Garantien. Und es gibt viele Dinge, die ich nicht verstehe. Muss ich auch nicht. Ich habe auch meine Fragen an Gott. Ich habe als Pfarrer auch nicht den Glauben sozusagen garantiert. Gott sei Dank. Und daher ist meine Aufgabe auch nur zu erzählen und weiterzugeben, was ich erfahren und gehört habe. In der Hoffnung, dass Glaube bei meinen Zuhörerrinnen und Zuhörern entsteht. So wie ich es auch erlebt habe, einige Jahre nach meiner Konfirmation. Was Gott daraus macht, liegt nicht in meiner Hand.

3. Wir sind befreit davon, nur an sich denken zu müssen.

Und das leitet ein wenig über zu dem dritten Gedanken. Ich habe nicht alles in der Hand, nicht alles im Griff. Brauche ich auch nicht, weil ich von einer endgültigen Macht gehalten bin, deren Liebe sich unter mir ausbreitet wie so ein Auffangnetz. Wenn ich aber nicht alles in der Hand haben kann, brauche ich es auch nicht zu versuchen. Ich beobachte so einen Trend seit Jahren, dass es immer wichtiger wird, dass ich was aus mir mache. Eigenverantwortlichkeit nennt das die Politik. An immer mehr Stellen werde ich aufgefordert, Verantwortung für mich zu übernehmen, im Bereich des Berufs, der Gesundheit, der Alterssicherung usw. usw. Mag ja auch an vielen Stellen richtig und gut sein, ich erinnere noch mal an die Sache mit den Stärken. Aber: Ich glaube, dass wir Menschen mit einer immer umfassenderen Eigenverantwortlichkeit fürchterlich überfordert werden. Und es führt doch dazu, dass jeder immer mehr an sich denkt, auf sich fixiert ist. Aber was ist mit denen, die scheitern? Sind die dann selbst schuld, weil sie nicht genügend gearbeitet und gerackert haben? Und die andere Frage: entspricht dass dem biblischen Menschenbild? Jesus sagt - in Übereinstimmung mit Psalm 23 - ihr seid geliebt und nie allein. Ihr könnt viel tun, auch für euch selbst. Aber das ist nicht alles. Leben heißt auch miteinander leben, sich gegenseitig unterstützen, fördern, begleiten, anspornen, helfen. Und da sagt Jesus an mehr als einer Stelle: wenn ihr euch den anderen zu wendet, findet ihr euch am Ende selbst wieder. Wenn ihr anderen  helft, helft ihr auch euch. Wenn ihr andere motiviert und unterstützt, habt ihr selbst etwas davon. Wenn ihr dagegen nur an euch selbst denkt, verpasst ihr eine Menge. Einige von euch haben gesagt: wir wollen noch ein Jahr im Konfirmandenunterricht dabei bleiben, die neue Gruppe begleiten, mitarbeiten. Das ist so was: ihr werdet erleben, dass ihr etwas davon habt. Nur ein Beispiel unter tausend anderen Möglichkeiten.

Das ist das Schöne: ich muss nicht nur an meinen Vorteil denken, an meine Karriere, an meine Weiterentwicklung. Ich bin geliebt, wertvoll und nie allein, darf meine Stärken entwickeln und dabei auf andere zugehen - und mache noch Gewinn dabei. Das ist der Grundgedanke des christlichen Glaubens, dass steht hinter der Haltung des Psalms 23: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

 

Amen.