MJ

Die Arbeit ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Arbeit...
Predigt zur Konfirmation am 10. April 2005

 

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, liebe Patinnen und Paten!

Im Konfirmandenunterricht kommen u.a. die zentralen menschlichen Lebensbereiche zur Sprache: Liebe, Tod und Sterben, Arbeit. Heute morgen möchte ich mit euch über das Arbeiten nachdenken.

Früher endete mit der Konfirmation die Kindheit und Jugend zugleich. Mit 14 Jahren verließen vielfach die jungen Menschen die Schule und damit das Elternhaus, um irgendwo anders in die Lehre oder in Stellung zu gehen. 

Heute ist das anders. Ihr habt alle noch mindestens zwei Jahre Schule vor euch, manche auch mehr, für viele beginnt nach zehn Jahren Schule dann erst die Lehre, andere gehen dreizehn Jahre, machen Abitur, studieren und kommen dann erst mit so etwa 25 ans "echte" Arbeiten, manche auch noch später.

Markierte früher die Konfirmation so die Schwelle, an dem ein junger Mensch zwangsläufig "erwachsen" wurde, so sprechen Jugendforscher heute davon, dass sich das bis weit nach dem zwanzigsten Lebensjahr verschoben hat. Und das nicht allein: die Zukunftsaussichten für junge Menschen sind mehr als trübe. Jahr für Jahr ein elender Kampf, möglichst viele in eine Lehre zu vermitteln. Manche schreiben mehr als fünfzig Bewerbungen und erhalten nur Absagen, andererseits klagen die Betriebe über da niedrige Bildungsniveau der Jugendlichen. Weltweit, so stand gestern in der Zeitung, steigt die Zahl der Erwerblosen unter 25 Jahren.

Ich will euch nun nicht Angst machen und euch auch nicht als ungebildet und faul beschimpfen. Ich will auch keine Gedanken zur Zukunft unseres Schulsystems ausbreiten oder in die allgemeine Trübsinnigkeit angesichts der katastrophalen Arbeitslosenzahlen verfallen. Ich weiß aber, dass ihr euch mit Sicherheit auch darüber Gedanken macht. Vor Jahren einmal sprach ich mit einer Konfirmandengruppe über Berufsziele und -wünsche und bat alle, dazu ein kleines Plakat zu gestalten. Einer schrieb auf sein Plakat: Vielleicht werde ich ja arbeitslos... Mir lief es kalt den Rücken runter.

Worüber ich heute morgen mit euch, mit ihnen nachdenken will ist die Frage, was es denn aus christlicher Sicht überhaupt mit dem Arbeiten so auf sich hat und woher auf der anderen Seite Mut zufließen kann, Mut, den junge Menschen unbedingt brauchen, wenn sie sich heute auf den Weg zu Beruf und Arbeitswelt machen. 

Was hat es mit der Arbeit aus biblischer Sicht auf sich?

Am Anfang der Bibel sieht es eher düster aus. Zwar gibt Gott zunächst dem Menschen im Paradies dem Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Aber nach dem Sündenfall werden Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben, Eva wird angekündigt, dass sie mit Schmerzen Kinder bekommen wird und zu Adam sagt Gott: Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er tragen und du sollst das Kraut von dem Feld essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zur Erde werdest, davon du genommen bist (Genesis 3,17-19). Nun wissen wir heute, dass es sich bei diesen Geschichten aus der Bibel um Mythen handelt, nicht um historisch geschehene Tatsachen. Mythen wollen erklären, warum etwas so ist und nicht anders. Und wer wollte leugnen, dass Arbeit in vielen Fällen mit Mühe und Last zu tun hat, heute  weniger mit körperlicher Anstrengung, aber immer noch mit Stress und Belastung. Wäre das alles, was die Bibel zum Arbeiten sagte, dann bräuchten wir uns allerdings auch nicht über heutigen Lasten zu wundern, obwohl...: heute ist ja vielfach weniger das Problem, dass die Arbeit zu anstrengend wäre als das viel zu wenig davon vorhanden ist...

Aber die Bibel kennt auch noch eine andere Seite des Arbeitens. Das ist die des Schaffens, des Aufbauen, des Planens, der Kreativität und des Erfolges. Arbeit kann auch Spaß machen. Nicht jeder kann alles, aber jeder kann etwas. Jesus ist den Menschen so begegnet, dass jeder das Gefühl hatte, er ist etwas wert. Zum Wert gehört aber auch, etwas zu können. Etwas zu können, auf das ich stolz sein kann, etwas zu können, womit ich zum Zusammenleben aller etwas beitragen kann. Denn das gehört auch zur Arbeit: auf der einen Seite meinen Lebensunterhalt verdienen, aber mit dem was ich kann, auch dazu beitragen, dass es in der Gesellschaft miteinander klappt. Schrecklich, wenn jeder Schreiner oder Arzt wäre. Wer würde dann die Autos reparieren oder das Brot backen? Das wird auch heute hier in der Kirche deutlich: ihr habt euren Konfi-Spruch grafisch gestaltet und zu Beginn auf der Freizeit eine Kerze. Wer wollte leugnen, dass es da Begabungen gibt? Und wer mit seinem Plakat, seiner Kerze nicht so zufrieden ist - du kannst mit Sicherheit etwas anderes besser als die künstlerisch Begabten.

Die christliche Einstellung zur Arbeit läßt sich in Umdichtung eines Jesus-Wortes so beschreiben:

"Der Mensch ist nicht für die Arbeit da, sondern die Arbeit für den Menschen!"

Arbeiten ist ein wesentlicher Bestandteil menschlichen Lebens. Er dient nicht nur der Sicherung von Grundbedürfnissen wie Essen, Trinken, Kleidung und Wohnung usw., sondern hilft mir auch, mich auszudrücken, etwas zu schaffen, auf dass ich stolz sein kann. Die Arbeit soll mich nicht kaputt machen, aber jeder soll auch etwas zu tun haben. Es ist eine ideale Vorstellung, die aus der christlichen Vorstellung vom Menschen als geliebtes Geschöpf Gottes fließt. Hier auf Erden sind wir allerdings leider davon noch und immer wieder meilenweit entfernt. Aber als Zielvorstellung ist sie dennoch hilfreich: Der Mensch ist nicht für die Arbeit da, sonder die Arbeit für den Menschen. Der Mensch soll nicht der Arbeit dienen, sondern die Arbeit dem Menschen!

Wenn wir auf die Formen von Arbeit schauen, dann stellen wir fest, dass es drei Bereiche gibt: die berufliche Arbeit, die ehrenamtliche Arbeit und die Hausarbeit. Bezahlt wird nur die erste. Und genau da sieht es heute düster aus. Monat für Monat höhere Arbeitslosenzahlen, gerade junge Menschen finden vielleicht noch einen Ausbildungsplatz, aber nach der Lehre oder auch nach dem Studium wird es schwer. Woher den Mut nehmen, was tun?

Die Bibel sagt: jeder Mensch ist einzigartig, jeder hat seine Stärken und seine Schwächen, jeder ist von Gott geliebt. der glaube daran und das Vertrauen auf diesen Gott bewahrt zwar nicht vor der Erfahrung des Scheiterns, des Versagens, bewahrt nicht vor Angst und Mutlosigkeit. aber er ist zugleich ein Gegenpol in dieser Welt in der es mehr und mehr zu heißen scheint: haste was, biste was - hast nix, biste nix. Dem Profit wird immer mehr untergeordnet, Arbeitsplätze hin und her geschoben. Manchmal hat man - vor allem in der älteren Generation, die auch andere Zeiten kennen gelernt haben - das Gefühl, unsere Welt gerät aus den Fugen. Und nicht mal die Politiker scheinen noch Lösungen zu haben...

Wie leben in dieser Zeit? Was tun? Was können wir euch raten? Ich möchte zwei Dingen nennen. Das eine wird euch freuen, dann andere vielleicht nicht.

1.) Geht euren Weg. Euren. Überlegt, was ihr wollt, wovon ihr glaubt, dass ihr es könnt. Entscheidet euch und geht los. Im Unterschied zu früher - und das mag gerade in diesen so schweren Zeiten ein kleiner Trost sein - scheint die Berufswahl nicht mehr fürs ganze Leben fest zu legen. Die lebenslange Anstellung, die zumindest für eure Großeltern noch üblich war, für eure Eltern schon vielfach aber nicht mehr, die gibt es sowieso nicht mehr. Mit ständiger Unsicherheit und Veränderungen auch und gerade in beruflicher Weise werdet ihr vermutlich ein Leben lang rechnen müssen. Mit dieser Unsicherheit umgehen zu lernen, wird eine der ganz großen Herausforderungen für unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren werden. Gerade weil sie den Erfahrungen früherer Generationen widerspricht.

Und 2.), und das werdet ihr vielleicht nicht so gerne hören, weil ihr es ständig hört und es manchmal zu den Ohren rauskommt. Aber es stimmt trotzdem: Lernt was! Schaut, dass ihr einen guten Schulabschluß hinbekommt. Guckt, was ihr nebenbei noch an Erfahrungen in Vereinen, Organisationen machen könnt. Das ist für junge Menschen unbequem zu hören, weil ihr vielfach - auch von den Medien - auf Fun getrimmt seid. Ich habe nichts gegen Fun, überhaupt nicht. Lasst es euch gut gehen und macht Dinge, die euch Spaß machen. Aber vergesst das Lernen dabei nicht. Lernt zu lernen. Zwingt euch dazu, es zu tun. Denn: eine gute Allgemeinbildung, Erfahrungen auch jenseits der Schule werden immer wichtiger. Um das kleine Sprüchlein von eben abzuwandeln: Weißte was, wirste was. Weißte nix, wirste nix. Ich weiß, dass das in euren Ohren schrecklich klingt, aber das ist es nun mal. Zum Arbeiten können gehört heute eine Menge Bildung dazu. Und in vielen Fällen ist sie die Voraussetzung. Und wenn die Kirche von der Bibel her sagt: Der Mensch ist nicht für die Arbeit da, sondern die Arbeit für den Menschen, dann heißt das auch, zu fordern, dass die Menschen arbeiten können. Da sind auf der einen Seite Arbeitsplätze zu schaffen und auf der anderen Seite ist zu lernen.

Und wer meint, es lohnt sich doch alles nicht oder er kann doch garnichts: der soll sich daran erinnern lassen, dass Gott jeden Menschen liebt und jeder Mensch einzigartig ist mit Stärken und Vorzügen. Manchmal sind sie allerdings nicht leicht zu finden. Das es euch gelingt, das wünsche ich euch.

Amen.