Beten?!
Predigt zur Konfirmation am 25. April 2004
Jesus sagt: "Wenn ihr betet, sollt ihr es nicht wie die Heuchler machen, die im Bethaus oder an den Straßenecken stehen, damit man sie sieht. Ich sage euch, und das ist wahr: Ihr Lohn ist ausgezahlt. Wenn ihr betet, dann geht in eure kleinste Kammer, verschließt die Tür und betet zu eurem Vater, der, im Dunkel verborgen, das Verborgene sieht. Der wird´s euch vergelten. Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie und wie die Heiden gedankenlos reden, die meinen: Wer viele Worte spricht, wird erhört. Macht es nicht so wie sie, euer Vater weiß, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn bittet." (Predigttext: Matthäus 6,4-7)
Liebe Konfis,
beten?!
Umstrittenes Thema. Schon lange.
Im 19. Jahrhundert lebte Sir Francis Galton. Der war ein neugieriger Mann. Er suchte eine Antwort auf die Frage: Hilft beten? Und er sagte sich: Wenn Beten hilft, dann müsste man das erforschen können. Er fragte sich, für wen wird denn regelmäßig gebetet? Und das waren damals die Könige und Fürsten. Jeden Sonntag wurde um Gesundheit und ein langes Leben des Obrigkeit gebetet. Also, so Francis Galton, wenn beten hilft, dann müsste die Lebenserwartung von Königen doch weit über dem Durchschnitt der restlichen Bevölkerung liegen. Er untersuchte dies genau. Das Ergebnis war niederschmetternd: die Lebenserwartung der europäischen Fürstenhäuser lag weit unter dem Durchschnitt der Bevölkerung. Ähnliche Ergebnisse fand er für die Geistlichen. Er ging davon aus, dass die Gemeinden regelmäßig für ihre Pfarrer betet. Doch die Lebenserwartung war nicht höher als die der anderen - allerdings auch nicht so schlecht wie die der Könige! (nach Brümmer 7ff.)
Hilft beten also? Zumindest läßt es sich im naturwissenschaftlichen Experiment so nicht beweisen.
Vielleicht fragen wir zunächst: was ist das denn eigentlich - beten? Dumme Frage, beten heißt mit Gott reden, dass würden mir schon die Grundschulkinder in ihrer offenen Art spontan antworten, aber spätestens bei der Nachfrage, wie mache ich das denn, gingen die Antworten weit auseinander. Sicher käme zunächst die Aussage, beim Beten falte ich die Hände und senke den Kopf und schließe die Augen, aber das ist ja nur die äußere Haltung und so betet auch nicht jeder. Wann ist etwas, das Menschen tun, ein Gebet?
Und da gehen die Auffassungen weit auseinander.
Das beginnt der Meinung, dass schon die stumme Betrachtung eines wunderbaren Sonnenunterganges ein Gebet sein kann, weil ich mich dann dem Schöpfer nahe fühle.
Manche sagen, Not lehrt beten, und machen dann überraschende Erfahrungen. Nicht unbedingt, dass die sehnlichsten Wünsche in Erfüllung gehen, aber doch so, dass eine Antwort kommt. Vielleicht ganz unerwartet und ganz anders als erhofft.
Das geht weiter mit dem vor Jahren umstrittenen Gedanken Dorothee Sölles, dass das morgendliche Zeitungslesen ein Gebet sein kann, weil ich mir einen Überblick über den "Gesamtzusammenhang" meines Lebens verschaffe.
Andere erleben die tiefsten Gebetserfahrungen in der Meditation, in der sie versuchen, eben keine Worte zu machen, sondern ganz still und leer zu werden und dann zu warten, was geschieht.
Das Gebet ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Die Art und Weise, wie ich bete, wann ich bete, ob ich bete, gibt mir Aufschluss über mein Verständnis von Gott, aber auch von meiner Welt.
Gut, dann werden manche von Euch, von Ihnen sagen: Thema beendet, ich glaube nicht an Gott. Es hat mir keiner beweisen können, dass es ihn gibt. Und ich glaube nur, was ich sehe. Hätte man mich bei meiner Konfirmation gefragt, hätte ich genauso geantwortet. Und heute bin ich Pfarrer. Was ist da passiert?
Nach meiner Konfirmation landete ich im Jugendheim unserer Kirchengemeinde. Nicht weil ich besonders viel von der Kirche gehalten hätte, nein die Leute, die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiter fand ich interessant und die anderen Jugendlichen. Und wie das so ist, man kommt ins Gespräch, auch über den Glauben. Irgendwann fragte ich mich, was wäre denn, wenn es ihn doch gibt? Ich schlug dem, an den ich nicht glaubte, einen Deal vor: ich versprach es mit dem Beten mal zu versuchen und er solle dafür sorgen, dass es bei einigen Klassenarbeiten besser klappt. Das Ergebnis: mit den Arbeiten, das hat nicht so hingehauen, aber das Beten hatte schon Wirkungen. Ich sah meine Welt mit anderen Augen und da kam das Gefühl, dass da jemand oder etwas ist. Beweisen konnte ich das nicht, und kann es auch heute nicht. Aber umgekehrt: dass es keinen Gott gibt, kann auch niemand beweisen.
Ich bin dann meiner Heimatkirchengemeinde sehr aktiv gewesen. In dieser Zeit waren wir dort auf der Suche nach Antworten auf die Frage, was es heißt, bewusst und verbindlich als Christen zu leben. Dazu gehörte nach unserer Auffassung auch das regelmäßige Gebet, morgens und abends. Trotz aller auch guten Erfahrungen mit dem Gebet in dieser Zeit blieb bei mir ein Unbehagen zurück. Unter dem Strich fand ich diese Art des Betens – anstrengend. Und es fehlte etwas für mich. Wenn ich mich recht entsinne, war dieses Buch von Ulrich Schaffer dann eine Offenbarung. Es war mir, als würde ein Fenster aufgemacht und frische Luft kommt herein. Meine bisherige Gebetspraxis wurde nicht weggewischt, aber in einen weiteren Horizont gestellt. Es waren Sätze wie diese:
"Ich glaube, dass Beten ein innerer 'Zustand' ist, also ein Sein und nicht so sehr ein Tun. Es ist eine Art, die Welt, sich selbst und Gott zu sehen, eine Art des Umgang mit dem, was mir bewusst wird. Beten ist eine Haltung. Ich kann mich für Haltungen entscheiden, sie dann lernen und über ein Leben hin ständig vertiefen.“ (49)
Beten ist mehr als Worte.
Beten ist eine Haltung.
Beten ist eine Lebenseinstellung.
Das war und ist für mich eine grundlegende neue Erkenntnis. Beten heißt, mir über mich und mein Leben, über meine Erfahrungen Gedanken zu machen – in dem Horizont, dass da jenseits meiner sichtbaren Welt jemand ist, der mich in Händen hält, dem ich mein Leben verdanke, der mit mir unterwegs ist und mich am Ende aufnimmt. Beten ist eine Haltung, mehr als eine Handlung. Dieser Gedanke gefällt mir gut. Beten macht gottbewusster, sagt Schaffer weiter (50). Die Ereignisse, von denen ich erfahre oder die ich erfahre, die Menschen, die mir begegnen – zum Teil mit schönen oder auch schrecklichen Erlebnissen – lösen Gedanken, Fragen, Gefühle aus. Über diese denke ich nach, unter der Perspektive: es gibt den Gott Jesu, den wir Vater nennen dürfen. Beten ist ein ständiges Zwiegespräch, aber ohne Zwang und Anstrengung. Manchmal fließt dies in formulierte Worte Gott gegenüber, oft aber auch nicht. Beten geschieht, oder geschieht auch nicht. Die Zahl der Worte und Minuten ist unwichtig, Gebet ist ja keine Leistung, sondern Antwort auf Gottes Zusagen. Beten ist bewußtes Leben im Horizont der Liebe Gottes.
Beten ist eine sehr persönliche Sache. Es gehört ins "stille Kämmerlein", eignet sich nicht zur Selbstdarstellung. Da hat Jesus zu Recht darauf hingewiesen. Gebet vor anderen steht immer in der Gefahr, etwas für die anderen zu sagen und aus dem Zwiegespräch mit Gott auszuscheren. Von daher kann ich Euch und Ihnen nur sagen: probiert es aus!
Hilft beten? Ja. Aber nicht im Sinne des wissenschaftlichen Experimentes. Das Gebet ist kein Automat. Oben 5 DM reinwerfen und unten kommt das gewünschte heraus. Wenn ich das erwarte, werde ich enttäuscht. Gott ist keine Erfüllungsgehilfe unserer Wünsche. So berechtigt und so ernst viele Wünsche sind, wenn ich an Krankheiten oder andere Notlagen denke. Beten verhilft keineswegs automatisch zu einem besseren oder leichterem Leben. Beten heißt immer ein Wagnis eingehen, mich aufs Spiel setzen. Beten heißt, damit zu rechnen, dass etwas geschieht, ohne schon zu wissen, was geschehen wird. In diesem Sinne hilft beten. Es macht Gott-bewußter. Und damit Selbst-bewußter. In diesem Sinne: probiert es aus! Laßt euch überraschen, von dem was dann geschieht. Amen.
Literatur:
Vincent Brümmer, Was tun wir, wenn wir beten? (Marburg 1985)
Ulrich Schaffer, Beten über Worte hinaus (Stuttgart 1988)
