Die Kirche und das Geld
Predigt zur Konfirmation am 4. Mai 2003
Predigttext: 1. Timotheus 6,17-19
"Den Reichen in dieser Welt gebiete, dass sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den unsicheren Reichtum, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen; dass sie Gutes tun, reich werden an guten Werken, gerne geben, behilflich seien, sich selbst einen Schatz sammeln als guten Grund für die Zukunft, damit sie das wahre Leben ergreifen!"
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, liebe Patinnen und Paten!
Die Kirche und das Geld. Ein umstrittenes Thema. Schon lange. Darf ein Christ überhaupt etwas besitzen? Darüber stritten schon die ersten Christen kurz nach Jesu Tod und Auferstehung. Im Mittelalter kämpfte Franz von Assisi gegen den Reichtum der Kirche und der Klöster. Später zog Martin Luther gegen den Ablasshandel zu Felde.
Auch heute kritisieren Menschen die Kirche wegen ihres Reichtums, sind nicht einverstanden damit, wie Kirche mit ihrem Besitz umgeht.
Auf der anderen Seite treten Menschen aus der Kirche aus, um die Kirchensteuer zu sparen. Vergleicht man die freiwilligen Beiträge von Kirchenmitgliedern in andern Ländern mit der Kirchensteuer, so ist die gar nicht so hoch. Aber es ist halt eine Steuer, und niemand mag gerne Steuern zahlen.
Und dann jammert auch noch die Kirche über drastische sinkende Einnahmen, muss Kindergärten und Kirchen schließen. Unbergreiflich für viele.
Die Kirche und ihr Geld, ein Zankapfel. Gestern, heute und sicher auch morgen. Ein Thema auch für den KU.
Ich habe einen spielerischen Weg gesucht, euch mit diesem Thema in Berührung zu bringen.
Im Februar habt ihr Presbyterium gespielt. Ihr solltet euch vorstellen, ihr wärt Presbyterinnen und Presbyter und unserer Gemeinde seien aus einer Erbschaft 50.000- € zugeflossen, die nun ausgegeben werden müssen. Nach dem Motto: "Gutes tun". Nicht auf dem Geld ausruhen. Das war die Auflage des Testaments: das Geld darf nicht aufs Bankkonto, sondern muss sofort ausgegeben werden und gute Werke erbringen.
Ich habe euch dann losgeschickt und ihr solltet im Kindergarten bei der Leiterin Monika Reinke, im Jugendheim bei der Jugendleiterin Silke Münch, bei mir als Pfarrer und bei zwei "echten" Presbyterinnen", nämlich Gisela Neßbach und Hildegard Rosenke Vorschläge einholen, was mit dem Geld geschehen könnte. Die Betreffenden hatte ich vorher eingeweiht und sie gebeten, den Konfis ausführliche Vorschläge zu unterbreiten.
Die Liste war beachtlich. Der Kindergarten wollte eine Küchenhilfe und eine Turnhalle, die Jugendleiterin einen Pool im Garten und die Zusammenlegung zweier Räume zu einem großen Gruppenraum, die Presbyterinnen wollten eine neue Küche für das Gemeindehaus und der Pfarrer wollte einen Videobeamer, ein Funkmikrophon und eine zweite Konfirmandenfreizeit. Zusammengerechnet kamen Vorschläge von - wie könnte es auch anders sein - mehr als 200.000.- € heraus.
Nun war es an euch, aus den Vorschlägen auszuwählen. Jede und jeder mußte für sich erst mal das Geld verteilen. Das war kein Problem. Dann habe ich euch in vier ausgeloste Gruppen aufgeteilt und ihr musstet euch auf einen gemeinsamen Vorschlag einigen. Das war schon schwieriger. Schließlich kam es zur entscheidenden Presbyteriumssitzung. Ich habe mich darauf beschränkt, im Hintergrund zu bleiben und ihr musstet allein zurecht kommen. Janine Nelißen war sofort bereit, die Leitung zu übernehmen und sie hat das wunderbar gemacht. Sie schlug vor, jedem der vier Gruppen - Kindergarten, Jugendheim, Pfarrer und Presbyter - einen Wunsch zu erfüllen. Diese Idee fand große Zustimmung.
Als erstes habt ihr euch auf den Pool verständigt, dann dem Pfarrer die zweite Konfi-Freizeit genehmigt und dem Kindergarten die Küchenhilfe. Dann aber konntet ihr euch bei den Vorschlägen der Presbyterinnen auf nichts mehrheitlich einigen. So ging die Diskussion und Abstimmung der anderen Vorschläge weiter. Das DiBo bekam die Zusammenlegung der Räume und ich das Funkmikro. Übrig blieben 2500.- €. Da gab es den spontanen Vorschlag von Carina Käuler, dieses Geld doch zur Verschönerung des Kirchraums zu verwenden. Dem stimmte die Mehrheit zu.
Zum Abschluss habe ich gefragt, ob das Gesamtergebnis bei irgendjemandem exakt mit dem übereinstimmt, was er oder sie am Anfang für sich allein auf dem Zettel notiert hatte. Das Ergebnis: niemand hatte alle Wünsche und Vorstellungen durchgebracht.
Liebe Gemeinde, spielerisch haben die Konfis - so finde ich - eine ganze Reihe wesentlicher Erfahrungen gemacht, wie das mit dem Geld in der evangelischen Kirche aussieht. Fünf Punkte möchte ich nennen.
1. Das Presbyterium entscheidet über das Geld der Kirche.
In der evangelischen Kirche ist es so, dass die Einnahmen aus der Kirchensteuer zum allergrößten Teil bei uns hier in der Gemeinde verbleiben. Die Gemeinden entscheiden, wie sie mit ihrem Geld umgehen. Und das ist sehr unterschiedlich. Den einen freut´s den andern ärgert´s. Über das, was "gut" ist, gibt es ganz unterschiedliche Ansichten. Das Presbyterium entscheidet. Das heißt auch: nicht der Pfarrer allein oder gar der Bischoff oder Präses, sondern gewählte Menschen aus der Mitte der Gemeinde. Bei uns sind das 24 Frauen und Männer, die bislang noch für acht Jahre gewählt werden, ab der nächsten Wahl im Jahr 2004 wird diese Amtszeit auf vier Jahre verkürzt. Eine wichtige Aufgabe, schließlich geht es hier Jahr für Jahr unter anderem um viel Geld.
2. Es reicht nie für alle Wünsche und Vorschläge, und seien sie noch so wichtig.
Wir haben in Deutschland das Kirchensteuersystem, dass den Großteil unserer Einnahmen ausmacht. Steuern sind nirgendwo beliebt, bieten aber den Rahmen für längerfristige Planungen und Entscheidungen. Das ist auch in der evangelischen Kirche so. Aber würde ich heute morgen hier eine Umfrage machen und Euch und Sie bitten, Vorschläge zu machen, wo Kirche sich noch finanziell engagieren könnte, da käme eine beachtliche Liste zusammen. Aber man kann nur ausgeben, was man hat. Und das auch nur einmal. Es ist auch sinnvoll, Besitz nicht zu verprassen. Was kaum einer weiß: Nach der Ordnung unserer Kirche - die sich Menschen gegeben haben, die ist nicht vom Himmel gefallen - dürfen wir weder das Tafelsilber verscherbeln noch und uns über die Massen verschulden. Finanzprobleme wie staatlichen Einrichtungen sie durch Überschuldung haben, kann es in der Kirche nicht geben. Wir dürfen keine Grundstücke verkaufen, um Haushaltslöcher zu stopfen, wir dürfen nur in sehr engen Grenzen Schulden machen. Wir müssen daher unpopuläre und schmerzhafte Entscheidungen treffen, wenn es nicht anders geht.
3. Die Kirche nimmt das Geld nicht für sich.
Auch wenn es schwarze Schafe gibt, wie vor zwei, drei Jahren den Geschäftsführer eine diakonischen Einrichtung im Bundesland Hessen, dem es gelang, Millionen zu veruntreuen - die Kirche ist nicht darauf aus, Bankkonten und Sparbücher zu füllen. Wir geben den größten Teil unserer Einnahmen direkt wieder aus für Menschen, die im Auftrag der Kirche arbeiten. Nicht für die Gebäude. 60 Menschen sind bei uns hier angestellt, haben Brot und Arbeit. Damit ist die Evangelische Kirchengemeinde Götterswickerhamm neben der Stadtverwaltung und einigen Großbetrieben wie Marktkauf oder Chorus Aluminium einer der größten Arbeitgeber in unserer Stadt. Und über die Gemeinde hinaus sind wir beteiligt an Aufgaben in der Region: wir finanzieren die Drogenberatungsstelle mit, die Schuldnerberatungsstelle, die Krankenhausseelsorger und anderes mehr... Kirche tut Gutes mit ihrem Geld.
4. Es geht natürlich auch anders.
Vor zwei Jahren habe ich mal vier Wochen Urlauberseelsorge in Hindelang im Allgäu gemacht. Dort und in vielen anderen Urlaubsorten unterstützen freiwillige Pfarrer und Kirchenmusiker in der Saison die zum Teil kleinen Gemeinden. In Hindelang ist Pfarrer Rabenstein der einzige Angestellte seiner Gemeinde, es gibt noch nicht einmal einen Küster, geschweige denn einen evangelischen Kindergarten. Ähnlich sieht es in vielen Gemeinden in Ostdeutschland aus. Der Pfarrbezirk Möllen hat ja seit vielen Jahren Kontakte zur Gemeinde Müllrose bei Frankfurt an der Oder. Auch dort: Pfarrer Simang der einzige fest Angestellte, zuständig für drei Kirchengemeinden. Kirchliches Leben gibt es dort auch, eben viel mehr an ehrenamtlicher Tätigkeit. Es gibt auch kirchliches Leben auch ohne Reichtum. Aber wenn wir ihn haben, dann wollen wir Gutes damit tun.
5. Gesellschaftlich wird die Kirche derzeit zurückgedrängt.
Das entspricht dem Trend und ist der Wille vieler gesellschaftlicher Gruppen, auch der Parteien, und zwar aller Parteien. Angesprochen auf die Konsequenzen der Steuerreform auf die kirchlichen Einrichtungen meinte der ehemalige Finanzminister der Christlich-Sozialen-Union Theo Waigel salopp: dann müsst ihr eben mehr Spenden sammeln. Nach wie vor ist der Einsatz der Kirchen schon gern gesehen, aber die Rahmenbedingungen machen es immer schwieriger. Die Gründe sind dafür sehr verschieden.
Was bedeutet das für Kirchengemeinden?
Nicht hoffen auf den unsicheren Reichtum. Auf den Auftrag der Kirche schauen. Und sich dafür einsetzen. Unser Einfluss schwindet. Das ist Fakt. Aber keine Katastrophe. Manches wird so anders. Und vielleicht ja auch besser. Die Diskussionen, über das was "gut" ist, werden intensiver. Das finde ich okay.
Das einzige, was ich persönlich an der ganzen Thematik Kirche und Geld schade finde, ist die Beobachtung, dass Menschen aus der Kirche austreten, um Geld zu sparen. Genauer gesagt: Wer austritt, weil er oder sie sich mit den Zielen der Kirche nicht identifizieren kann, dem zolle ich Respekt.
Viele anderen sagen aber: Ich habe meinen Glauben, aber ich kann auch ohne Kirche glauben.
Klar.
Aber ob das dann Eure Kinder, Enkel und Urenkel dann auch noch können werden, das sei dahin gestellt. Wir lernen von dem, was uns vertraut ist, was wir sehen und mit dem wir umgehen. Und einen Glauben zu haben, ist nach wie vor für einen sehr großen Anteil der Menschen in unserem Land wichtig und wesentlich. Deswegen wünschen sich viele - auch aus der Kirche Ausgetretene - dass ihre Kinder in einen evangelischen Kindergarten gehen und am Konfirmandenunterricht teilnehmen.
Eine ausgedünnte Kirche wird das nicht mehr in diesem Umfang wahrnehmen können.
Eine durch Mitgliederschwund und sinkende Einnahmen verkleinerte Kirchengemeinde wird anders aussehen, als das, was uns vertraut ist.
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, es wäre schön, wenn die vielen Unternehmungen, die wir in diesem Jahr gemacht haben, euch deutlich gemacht haben, dass es Sinn macht, der Kirche an zu gehören. Auch, wenn es Geld kostet. Auch wenn ich direkt und sofort davon vielleicht nichts habe. Bei näherem Hinsehen wird deutlich: Das Geld ist gut angelegt. Wenn ihr meint, dass an Gott zu glauben zum Leben dazu gehört, dann bleibt der Kirche treu, wenn eines Tages euer erster Lohnzettel ins Haus flattert.
Vielleicht sagt ihr dann aber auch: das mit Glauben ist für mich unwichtig, was soll ich noch in der Kirche?
Da möchte ich Euch zum Schluss von einem Bekannten erzählen, der vor langer Zeit aus der Kirche ausgetreten ist, weil er sagte, ich glaube nicht an Gott. Jahre später kam er in Kontakt mit Mitarbeitern der evangelischen Kirche und kam schließlich zu der Einsicht, dass der Einsatz der Kirche wichtig und überzeugend ist. Weil Kirche sich an Stellen engagiert, wo andere nicht hingehen. Und wenn Kirche sich aus bestimmten Bereichen zurückziehen muss, dann kümmert sich um die dort betroffenen Menschen ganz oft gar keiner mehr. Deshalb trat er wieder in die evangelische Kirche ein. Ein überzeugter Atheist mit einem großen sozialen Herz.
Amen.
