Matthias Jung

 

 

 

Kirche ist langweilig.
Predigt zur Konfirmation am 14. April 2002

 

Predigttext: Galater 5,1+13f.

Zur  Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und  lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Ihr  seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt; sondern durch die Liebe diene einer dem andern. Denn das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem (3. Mose 19,18): "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!"

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, liebe Paten!

Kirche ist langweilig.

Diesen Satz höre ich immer wieder.

Von Konfirmandinnen und Konfirmanden. Von älteren Jugendlichen. Aber auch von vielen Erwachsenen.

Kirche spricht zwar von einer frohen Botschaft und von der Freiheit, aber davon ist nicht viel zu sehen. Kirche liegt nicht im Trend, sie ist nicht cool und locker, macht keinen Spass. Kirche ist eben langweilig.

Und das stimmt.

Doch zugleich sage ich:

Das ist gut so.

Denn:

1. geschieht in der Kirche sehr viel im Verborgenen, was andernorts gnadenlos ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt wird;

2. ist es kein Makel, wenn Kirche nicht auf der Welle mitschwimmt, dass nur gut und in ist, was in den Medien an- und vorkommt; und

3. ist Langeweile wichtig im Leben.

Diese Gedanken möchte ich nun ausführen.

1. Geschieht in der Kirche sehr viel im Verborgenen, was andernorts gnadenlos ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt wird.

Wir leben in einer Zeit, in der möglichst viel in der Öffentlichkeit stattfinden soll. Die unsägliche Reihe von nachmittäglichen Talkshows ist dafür der beste Beleg. Über Verdauungsprobleme wird geredet, übers Liebesleben sowieso und auch über das, was ich dir schon immer mal sagen wollte. Dieser öffentlichen Geilheit nach dem Privaten verweigert sich Kirche. Und das ist gut so. Kirche tut viel Gutes. Im verborgenen. In seelsorgerlichen Gesprächen am Krankenbett, bei Trauernden und Verzweifelten. Kirche wendet sich denen zu, die am Rande steht, unterhält Beratungsstellen, Diakoniestationen und vieles anderes mehr. An vielen Stellen wird der Satz ernst genommen: Liebe deinen Nächsten. Aber Kirche hat ein Problem dabei: Wie sollen wir damit in der Öffentlichkeit werben? Das geht nur bedingt.  Schon alleine, um die Menschen zu schützen, die sich uns anvertrauen. Nur ein Beispiel zur Verdeutlichung: Unsere Jugendleiterin aus dem DiBo erzählt mir mitunter - ohne Namensnennung! - schon mal Geschichten, die Jugendliche aus Voerde erleben. Da kommen heftige Sachen vor, mit denen sie bei ihr Hilfe suchen. Und bekommen. Wie sollen wir damit werben? Natürlich gibt es die Mundpropaganda, aber - in unserer Zeit zählt zumeist nur, was in der Öffentlichkeit gezeigt und wahrgenommen wird. Von aussen sehen unsere Gebäude oft langweilig aus, die Schilder geben nur tröge Auskunft über das, was hinter verschlossenen Türen geschieht. Das ist durchaus Absicht. Wir wollen nicht mit knallbunter Werbung auf uns aufmerksam machen. Kirche nimmt in Kauf, dass wir auf dem Markt der Öffentlichkeit abseits stehen. Es ist auch - Gott sei Dank! - in Deutschland das Fernsehpredigertum aus Amerika unüblich, wo pausenlos mit den positiven Ergebnissen versucht wird, die Anhängerschaft zu verbreitern... Kirche bemüht sich darum, sich Menschen zuzuwenden, damit ihnen ihr Leben gelingt. Das geschieht am Krankenbett, im Trauerhaus, in der Schuldnerberatung und an vielen anderen Stellen. Das mag ziemlich langweilig aussehen. Es ist aber nicht langweilig für die, denen dort weiter geholfen wird. Ich kann nur hoffen, dass euch das einmal einfällt, wenn ihr in Not geratet. Das kann passieren. Dann gibt es Hilfsangebote. Beratungsangebote für Lebenskrisen, Begleitung für Menschen, die mit Drogen zu tun haben, Hilfe für Frauen mit Schwangerschaftskonflikten. Diese Dinge sind nicht trendy. Aber hier haben kirchliche Einrichtungen oft einen guten Ruf. Davon läuft selten etwas im Fernsehen. Gott sei Dank.

2. Es ist kein Makel, wenn Kirche nicht auf der Welle mitschwimmt, dass nur gut und in ist, was in den Medien an- und vorkommt.

Langweilig ist heute alles, was nicht in ist, was keinen Spass macht, nicht erlebnis- und funorientiert ist. In der Tat, davon gibt es nicht so viel in der Kirche. Die Gottesdienste laufen mehr oder weniger immer ähnlich ab. Es gibt schon mal Veranstaltungen, die Spass machen. Ein Gemeindefest oder eine Disco im DiBo. Aber es geht dabei mit viel mehr Gelassenheit ab, als das in unserer Spassgesellschaft heute oft üblich ist. Fernsehsendungen, die nicht ankommen, weil langweilig, werden sofort abgesetzt. Wenn Shakira im Videoclip Bauchtanz macht, wollen Tausende Mädchen plötzlich Bauchtanz lernen. Wenn Bauchnabelpiercing angesagt sind, will ich mich piercen lassen.  In ist, was Spass macht. Angesagt ist, was in den Medien gezeigt wird. Und das Tolle daran ist, es gibt ständig etwas Neues. Das gilt beileibe nicht nur für die Jugendlichen, Erwachsene spielen dieses Spiel ebenfalls mit, denken wir nur an die Entwicklungen bei PC´s und Handy´s. Das, was einige Zeit alt ist, ist dann nicht nur alt, sondern - langweilig.

Solange das alles auf der Spassebene bleibt, mag man einwenden, sei das doch alles nicht tragisch. Was ist schlimm daran, Spass haben zu wollen? Zunächst einmal nichts. Es kostet halt alles Geld, aber na gut. Und es ist manchmal ziemlich stressig. Aber das ist auch wieder gut, denn ich will doch was erleben im Leben, wozu lebe ich denn sonst?!

Es bleibt aber leider nicht auf die Spassebene beschränkt. Es hat sich in unserem Land eine Haltung ausgebreitet, nach der der äußere Schein mehr zählt als das innere Sein. "Nur gut dargestelltes wird überhaupt noch wahrgenommen", hat mal jemand formuliert. Das ist leider wahr. Daher zählt es inzwischen leider nicht mehr, dass im Bereich des umstrittenen Zuwanderungsgesetzes die Unterschiede zwischen den Parteien minimal sind. Was heute zählt ist der medienwirksam inszenierte Tag im Bundesrat, angefangen von Wowereit bis Koch. Und wenn es der saarländische Ministerpräsident Müller  wagt, öffentlich zu sagen, dass sei doch alles nur Theater gewesen, dann wird er heftig attackiert. Heißt doch: psst, ruhig, sonst merkt noch jemand, was hier inszeniert wird. Wen interessiert es denn, was die Herren Schröder und Stoiber in den nächsten vier Jahren in unserem Land verändern wollen? Niemand. Viel interessanter ist doch die Frage, ob sich der Bundeskanzler die Haare färbt... Die Lockerheit der Kandidaten wird verglichen, es wird geschaut, wie sie ankommen, wer sich weniger Peinlichkeiten leistet. Kein Wunder, dass ein Kanzlerkandidat als allererstes einen Medienberater benötigt. Denn eines darf nicht geschehen: der Wahlkampf darf nicht langweilig sein, das wäre das Ende für den Herausforderer, dann schaut nämlich keiner mehr zu....

An diesem bunten Treiben beteiligt sich die Kirche nicht. Das schadet ihr in der Öffentlichkeit ganz sicher. Denn inmitten dieser bunten Medienwelt wirkt sie bieder und langweilig, sie kommt weder an noch vor. Ich sage: Gott sei Dank! Denn der Liebe Gottes in Jesus entspricht doch nicht ein lautes und wirres Tamtam. Uns geht es nicht darum, hohe Einschaltquoten zu erreichen oder sich im Wahlkampf durchzusetzen.  Wir wollen schon ankommen mit unserem Anliegen, keine Frage. Aber wir überlegen auch, welche Form unserem Anliegen entspricht.

Kirche ist dabei unter heutigen Gesichtspunkten langweilig. Das entspricht ihrem Auftrag. Sie sagt viel und auch viel Gutes. Diese Woche z. B. zur in den Medien hochgeputschten PISA-Studie. Die kirchliche Meinung von Oberkirchenrat Bewersdorff war sachlich, überlegt und leise. Sie stand in der Zeitung. Doch wer hat sie gelesen?

Gelegentlich wagt sich die evangelische Kirche inzwischen ins Licht der Medienöffentlichkeit. Derzeit mit Werbeplakaten und -spots die z.B. bei RTL laufen sollen. Vor einigen Jahren gab es eine Aktion  zum Thema Sonntagsruhe. Das sind dann schon sehr gut gemachte, auffallende Aktionen. Aber sie buhlen auch nicht um begeisterte Zustimmung, sondern sie wollen nachdenklich machen. Sie wollen mit den Mitteln der Medienwelt einen Gegenakzent setzen. Das ist schwierig.

In der Öffentlichkeit gefragt ist Kirche merkwürdigerweise dann, wenn große Katastrophen eintreten. Nach dem Zugunglück in Brühl übertrug das Fernsehen wie selbstverständlich den Trauergottesdienst mit unserem Vizepräses Nikolaus Schneider. Nach dem 11. September das gleiche Bild. Ist das dann eine Erinnerung daran, dass Kirche schon etwas zu sagen hat, was aber in dem wirren, grellen Licht des üblichen alltäglichen Medientreibens nichts zu suchen hat?

Manchmal beschleicht mich der Gedanke, als seien kirchliche Räume eine der wenigen Ecken unserer Gesellschaft, in denen sich Menschen begegnen können, ohne fürchten zu müssen, morgen in der Zeitung zu stehen. Dort geschieht manches. Ich habe es selbst immer wieder erlebt, dass Politiker oder auch Menschen aus Gewerkschaften oder Betrieben gerne und offen in unseren Räumen reden, weil dort in aller Regel keine Kameras und Mikrofone laufen. Das ist ein Stück christliche Freiheit. Ein Stück Freiheit, das unsere Gesellschaft dringend nötig hat. Aber von aussen gesehen ist das langweilig, keine Frage.

3. Langeweile ist wichtig im Leben.

In dem rastlosen Geflacker der Bildschirme, in dem ruhelosen Geplärre aus Lautsprechern unserer Tage geht eine wesentliche und wichtige Eigenschaft unseres Lebens unter: die kreative Kraft der Langeweile. Wer - gerade unter jungen Menschen - ist es noch gewohnt, mal eine Stunde nichts zu tun, nichts zu hören, nichts zu sehen? Es gibt Kindergartenkinder, die schaffen es nicht einmal eine halbe Minute ruhig zu sein, Stille löst bei ihnen Angst aus. Andere Kinder aus dem Kindergarten staunen jedes Mal wieder aufs Neue, wenn wir hier morgens zu einer stillen halben Stunde mit einem Lied, einer kurzen Geschichte und einem Gebet zusammenkommen, wie ruhig es dann ist. Wissenschaftler weisen auf die Bedeutung der Ruhe und der Langeweile hin. Kreative Kraft nennen sie die Langeweile. Natürlich ist Langeweile kein einfacher und immer angenehmer Zustand. Aber sie löst auch Gedanken aus, lässt Gefühle nach oben kommen, die sonst keine Chance haben. Für Menschen, die auf der Suche nach solchen Erlebnissen sind, die es verlernt haben, Langeweile zu ertragen, kann auch die Kirche ein Ort sein, wo dieses erfahrbar wird. Vielleicht im Gottesdienst, in welchem nicht spätestens alle 20 Sekunden das Bild wechselt wie im Fernsehen.

Dafür stand Kirche schon immer. Ruhe, Zeit fürs Nachdenken, Stille. Davon lebten die Klöster. Denn in der Ruhe, in der Langeweile kommt der Mensch zu sich. Dort geschieht Freiheit. Freiheit von der Unruhe der Welt. Freiheit vom Gesetz des Spasszwanges. Freiheit vom Gesetz, in den Medien ankommen zu müssen. Freiheit, vom Zwang, sich im Fun finden zu müssen. Freiheit, herauszufinden, so bin ich oder da will ich hin. Kirche möchte heute dazu beitragen, Menschen dafür fit zu machen, ihren oft so mausgrauen Alltag zu bestehen. Denn machen wir uns doch nichts vor: auch heute besteht das Leben doch nicht nur aus Spass und Fun, auch wenn das für viele das einzige ist, was zählt. An einigen Stellen habe ich auch im Konfirmandenunterricht versucht, darüber mit euch nachzudenken. Jenseits von Spass und Fun findet viel Leben statt. Ist das minderwertiges Leben? Ob es mir gelungen ist, euch hier und da neugierig und nachdenklich zu machen, weiss ich nicht. Aber wer sich mit Kirche und ihrem Anliegen beschäftigt - und das machen Konfirmandinnen und Konfirmanden - muss dies hinnehmen: nach dem, was heute so zählt, ist Kirche langweilig. Die Kraft der Botschaft Jesu erschließt sich erst jenseits der vordergründigen Spassgesellschaft. Jesus, da bin ich mir sicher, wäre heute nicht in Talkshows zu finden. Sein Kreuz stände auch heute abseits.

Liebe Konfi´s, liebe Gemeinde,

Kirche ist langweilig. Keine Frage. An vielen Stellen ist das auch gut so. Natürlich gibt es auch in unserer Kirche vieles zu bessern, auch keine Frage. Diese Predigt soll keine Verteidigungsrede eines Pfarrers nach dem Motto sein, es soll alles so bleiben wie es nicht. Das ist absolut nicht meine Meinung. Im Gegenteil. Gerade im Konfirmandenunterricht experimentiere ich Jahr für Jahr an dieser Schwelle herum: auf der einen Seite die Sache für Jugendliche möglichst attraktiv zu machen, auf der anderen Seite aber eben nachvollziehbar zu machen, warum Kirche so ist, wie sie ist. Dazu gehört, dass zur christlichen Freiheit eben dazu gehört, dass Kirche kritisch zu den Verhältnissen der Gesellschaft steht. Manche freut das, andere ärgert´s. Eine bunt flackernde, sich nach jeder Mode richtende Kirche hätte auch ihre Freunde und ihre Kritiker. Aber sie würde ihren Auftrag verleugnen: ruhig und gelassen immer wieder darauf hinzuweisen, dass sich diese ganze Welt einer schöpferischen Macht verdankt, die uns durch unser Leben wohlwollend, aber auch kritisch begleitet, weil ihr daran gelegen ist, dass unser Leben - euer Leben! - gelingt.

Amen.