Abendmahlsgottesdienst am Vorabend der Konfirmation 2002
Liebe Konfi´s, liebe Eltern und Großeltern, liebe Patinnen und Paten!
Erstmals findet hier im Gemeindehaus in diesem Jahr solch eine Abendmahlsfeier statt. In den vergangenen Jahren haben immer wieder einmal Eltern gefragt, ob es denn nicht möglich sei, im Konfirmationsgottesdienst das Abendmahl zu feiern. Nun, Sie und Ihr werdet sehen, wie voll es morgen früh hier sein wird. Da kann man sich kaum in der Kirche bewegen. Und das Abendmahl morgen nur an die Konfi´s, Eltern und Paten auszuteilen, was auch denkbar wäre, widerspricht für mich dem Wesen dieser Feier. Also daher fand ich den Gedanken einer Feier am Vorabend des großen Tages gut.
Abendmahl.
Wir haben es in diesem Konfi-Jahrgang gleich zu Beginn im Coesfeld-Lette während der Freizeit gefeiert. Es gab meinerseits eine kurze Erklärung und dann haben wir in dem Meditationsraum mit den Möllenern zusammen eine kleine Abendmahlsfeier durchgeführt.
Früher war das ganz anders.
Am Donnerstagabend habe ich im Frauenkreis mal gefragt, wie das mit dem Abendmahl und der Konfirmation hier in Voerde so vor 40, 50 Jahren aussah.
Damals gingen die frisch Konfirmierten erst nach der Konfirmation erstmals in ihrem Leben zum Abendmahl, in der Regel eine Woche später. Im Unterricht wurde zwar über Sinn und Zweck des Abendmahls gesprochen, aber praktische Anleitung gab es kaum. Die Konfirmierten gingen auch noch einmal in ihren Konfirmationskleidern zum Abendmahl. Das Abendmahl war auch nicht wie heute in den Gottesdienst integriert. Diejenigen, die am Abendmahl teilnehmen wollten blieben nach dem Gottesdienst noch da und dann fand die Feier statt. Und es gab auch nur zwei oder dreimal Abendmahl im Jahr, nicht wie heute alle vierzehn Tage. Insgesamt, so die Frauen, war die Stimmung sehr ernst und traurig. Und weil niemand so recht wusste, wie das alles so ablief, gingen nicht wenige mit großer Angst zum Abendmahl. Sie hatten Angst vor dem Unbekannten, Angst davor, einen Fehler zu machen, Angst vor der strengen und ernsten Atmosphäre.
Von all dem ist heute - Gott sei Dank! - kaum mehr etwas übrig.
Die Frage aber bleibt: was bedeutet das Abendmahl? Und warum machen wir das nach wie vor?
Darauf möchte ich zwei Antworten geben.
1. Nach wie vor ist es genau das Verständnis des Abendmahls, was die Kirchen in den Welt trennt. Über vieles können sich evangelische, katholische, orthodoxe, anglikanische Kirche einigen, nicht aber über das Abendmahl. Und es ist auch nicht einfach. Denn: wenn wir Evangelischen sagen würden, eigentlich stimmen wir der katholischen Kirche im Blick auf das Abendmahl zu, dann würden wir zugleich sagen, wir hätten uns 500 Jahre geirrt. Und umgekehrt gilt das gleiche. Es scheint mir so, als würden die Kirchen auf der Ebene ihrer Leitungen und ihrer Theologen gerade am Abendmahl merken, dass wir hier doch sehr unterschiedliche Meinungen über Sinn und Zweck vertreten. Und eine Einigung der Kirchen über das Abendmahl ist nicht in Sicht. Kann ich mir auch nicht vorstellen. Das ist schmerzhaft, aber soll irgendwer um des lieben Friedens seine Vorstellungen und Überzeugungen aufgeben? Das kann es auch nicht sein, das wäre ja eine Verleugnung der eigenen Geschichte. Gerade am Abendmahl wird deutlich, was die Kirchen trennt.
2. Damit komme ich zum zweiten. Denn auf der Ebene der Gemeinden spielen diese Trennungen vielfach keine trennende Rolle mehr. Evangelische Christen gehen im katholischen Gottesdienst zur Mahlfeier und umgekehrt. Hier in Voerde ist es sogar so, dass die evangelischen Pfarrer an den katholischen Abendmahlsfeiern teilnehmen und umgekehrt! In den letzten Jahrzehnten hat sich in der Art und Weise, wie Christen das Abendmahl feiern, vieles geändert. Auf Kirchentagen wurden neue Formen erprobt, die Begegnung mit Christen aus Afrika oder Lateinamerika hat fröhliche und lockere Elemente mit sich gebracht. Das hat zum Umdenken geführt. Konfirmanden feiern Abendmahl auf Freizeiten, Kinder können auch schon mal teilnehmen, statt Wein wird oft auch Saft genommen. Angst ist heute nicht mehr das bestimmende Gefühl, wenn Menschen ans Abendmahl denken.
Eher beobachte ich eine gewisse Unsicherheit. Das scheint mir damit zusammen zu hängen, dass vielen Menschen nicht so recht klar ist, was und warum dieser Ritus nach wie vor gefeiert wird. Ist das nicht ein uralter, längst überholter Teil unserer Gottesdienste?
Ich persönlich erlebe das Abendmahl so, dass die vielen Streitigkeiten zwischen den Kirchen um Sinn und Bedeutung immer unwichtiger werden. In den Vordergrund tritt das Gemeinschaftserlebnis. Menschen, die sich zum Teil gar nicht kennen, kommen zusammen und machen etwas gemeinsam. Sie erinnern sich an Jesus und die Begründung der Kirche. Tut dies zu meinem Gedächtnis, sagt Jesus am Vorabend seines Todes. Gemeinsam dieses Mahl zu feiern, das ist die Urzelle der Kirche gewesen. Nach Ostern kamen die Anhänger Jesu zusammen und taten genau dies. Bis heute geschieht das weltweit. Uns wird deutlich und sichtbar, dass sich die unterschiedlichsten Menschen, junge und alte, schwarze und weisse in den verschiedensten Kirchen gemeinsam auf diesen Jesus berufen. In den Predigten dieser Kirchen gehen die Meinungen über Jesus, über Sinn, Zweck und Auftrag der Kirche sehr weit auseinander. Im Abendmahl aber, in der Form, wie es gefeiert wird, mit Brot und Wein, da gibt es große Gemeinschaft. Und diese Gemeinschaft wird erfahrbar. Für eure Eltern, Großeltern und eure Paten ist das vielleicht ein bewegendes Erlebnis, mit euch zum Abendmahl zu gehen. Erinnerungen werden dabei lebendig, es verbindet die Familien in ihrer Geschichte.
Liebe Gemeinde,
in unserer Gesellschaft, in der fast nur das immer Neue und aufregende zählt und alles, was alt ist, nicht nur von gestern, sondern zugleich auch langweilig, kommt das Abendmahl nur am Rande vor. In Kirchen wird es gefeiert, an Jesus erinnert, sich der Gemeinschaft mit ihm und untereinander vergewissert. Vielleicht ist es gut, dass es nicht im Licht der Kameras und Mikrofone steht. Denn so kann es ein Ort der Begegnung und der Ruhe sein, den es anderswo nicht gibt.
Amen.