Matthias Jung

 

 

 

Worauf es im Leben ankommt -

Konfirmation 2001

 

 

Lange vor dem Konfirmationstag hatte ich zunächst den Jugendlichen, später auch ihren Eltern einen Fragebogen vorgelegt. Ich bat sie, verschiedene Begriffe auf einer Skala von "8" (sehr wichtig im Leben) bis "1" (unwichtig im Leben) zu bewerten. Das Ergebnis, so versprach ich allen, würde im  Konfirmationsgottesdienst bekannt gegeben werden und ich würde in der Predigt darauf eingehen.

 

Worauf kommt es an im Leben?
Was ist mir wichtig?
Wofür lohnt es sich einzusetzen?
Wofür bin ich bereit, zu kämpfen?

Keine einfachen Fragen.
Keine leichten Antworten.

Das wird noch deutlicher, wenn ich provozierender frage:

Gäbe es etwas, für das ich alles andere aufgeben würde?
Gäbe es etwas, für das ich meine Gesundheit aufs Spiel setzen würde, um es zu bekommen?
Oder gäbe es gar etwas, für das ich bereit wäre, meine Seele zu verkaufen?

Ich legte euch und euren Eltern vor Wochen einen Fragebogen mit verschiedenen Begriffe vor und bat euch und sie, diese Begriffe zu bewerten. Unter dieser Frage: Worauf kommt es an im Leben? Was ist mir wichtig? Erfolg? Liebe? Glück? Geld? Urlaub?

Mein Fragebogen zeigt mir ein Spiegelbild meiner Ziele, meiner Ideale, meiner Wünsche. Und dahinter steht die Frage:
Wo will ich hin im Leben?

Diese Frage beantworten 13-, 14jährige anders als Menschen zwischen, na, ich sage mal 35 und 45.

Schauen wir die Ergebnisse von Eltern und Jugendlichen an, dann finden wir schon Überraschungen.

- Beispielsweise waren Eltern und Jugendliche verwundert, dass die Gesundheit bei beiden Gruppen Spitzenreiter ist.
- Dass ein guter Schulabschluss bei den jungen Leuten ziemlich weit oben rangiert, hat die Erwachsenen überrascht.
- Dass die Sexualität bei allen so im Mittelfeld umherdümpelt, hat dagegen die Jugendlichen überrascht.
- Niemand überrascht hat aber die Tatsache, dass Kirche, Gott und Jesus bei den Älteren klar besser abschneiden als bei den Jungen.

Und da habe ich nachgefragt.

Ich bat euch, die Konfi´s, zu überlegen, woran dies liegen könnte. Drei Antworten bekam ich:

- "Früher wurden die Kinder strenger erzogen, da wurde auch auf die Kirche mehr geachtet."

- "Die hatten damals nicht so viele Dinge wie wir heute."

- "Die Älteren haben schon viel mehr erlebt, auch Schlimmes und sind so wieder auf die Kirche zurückgekommen."

Ich versprach euch, hier und heute zu diesen euren Gedanken etwas zu sagen.

Also erstens:
"Früher wurden die Kinder strenger erzogen, da wurde auch auf die Kirche mehr geachtet."

Da ist sicher was dran. Dieses Gemeindehaus wird in diesem Jahr 50 Jahre alt als kirchlicher Raum (wir werden das am 10. Juni mit einem großen Fest feiern) und daher sind wir derzeit dabei, die Geschichte und die Geschichten zu erfragen. Wenn ich da zum Beispiel höre, wie es früher im Konfirmandenunterricht zuging... Da herrschte noch, wie man das zu sagen pflegte "Zucht und Ordnung". Und wenn die frechen Jungs (die es auch damals schon gab) nicht aufpassten, gab es vom Herrn Pastor eins hinter die Löffel. Und es war auswendig zu lernen! Lieder und Psalmen, Woche für Woche. Usw. usw. 
Ja, es ging sicher strenger zu. Ob das allerdings der Grund dafür ist, dass die Kirche bei Älteren einen besseren Ruf hat, ich weiß nicht. Es gibt seit Jahrzehnten in unserer evangelischen Kirche Umfragen über den Glauben und die Einstellung zur Kirche und zur Religion. Ein interessantes Ergebnis: in den letzten dreißig Jahren wurde der Konfirmandenunterricht immer positiver bewertet, die Einstellung zur Kirche insgesamt aber besserte sich nicht... Ich glaube also, an der früher stärker christlich betonten Erziehung liegt es nicht so sehr.

Zweitens:
"Die hatten damals nicht so viele Dinge wie wir heute."

Das kam sehr spontan. Ich fand es klasse formuliert. Das ist ganz sicher so, die Möglichkeiten sind heute um ein vielfaches größer. TV, PC, Handys, Kassetten und CD´s, Video und tausend andere Sachen, mit denen sich (nicht nur junge) Menschen heute die Zeit vertreiben können. Fragt sich nur, ob Jugendliche sich vor zwanzig, dreißig Jahren deshalb eher auf die Kirche gestürzt haben, weil es damals anscheinend weniger Ablenkung gab. Ich glaube das nicht.
Bei mir zumindest war das nicht so.

Vor meiner Konfirmation, als ich so alt war wie ihr, da sagte mein Pfarrer zu mir, dass er sich gut vorstellen könnte, dass ich mal Theologie studieren könnte. Da habe ich entsetzt den Kopf geschüttelt. Ich und Pfarrer?! Niemals! Zur Kirche kam ich erst später und ich kam dazu – über das Jugendheim. So wie einige von euch das DiBo faszinierend finden, fand ich damals die Jugendarbeit in Wetzlar spannend. Und eigentlich waren es die Menschen, die dort waren. Die fand ich interessant. Später wurde ich ehrenamtlicher Mitarbeiter, wollte eigentlich Medizin studieren, aber meine damalige Freundin und heutige Frau erzählte mir dann so ein bisschen aus dem Krankenhaus, und dann... Na ja. Jetzt stehe ich hier. Und ich stehe gerne hier.

Warum erzähle ich das so ausführlich? Wir hatten vielleicht weniger Möglichkeiten als ihr heute. Dafür hatten wir aber andere, die ihr nicht mehr kennt. Aber das war es nicht, was mich Kirche interessant finden ließ. Sondern es waren die Menschen. So wie es heute ja auch noch ist.

Auf der anderen Seite möchte ich nur anmerken: ihr habt es mit all den heutigen Dingen auch nicht leicht. Habe ich die richtigen Schuhe gekauft? Die richtige Soap gesehen? Kenne ich genügend Cheats, um die Klassenkameraden zu beeindrucken? Bin ich in der Schule gerade gut genug, um meine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren, aber auch nicht als Streberin oder Streber dazustehen? Usw. usw. Unsere Jugendleiterin Silke Münch erzählt mir schon mal von den Sorgen und Nöten, die Jugendliche mit all dieser Flut von Dingen haben, die heute "in" und angesagt sind, die man haben muss, um dazu zu gehören. Und sie erzählt davon, dass diese Vielfalt Jugendlichen keineswegs nur Spaß macht, sondern oft auch Stress und Druck bedeutet. Den richtigen Weg zu finden zwischen Anpassung und eigenem Profil, das ist schwer. Zu entscheiden, was ist mir wirklich wichtig und worauf es mir ankommt und nicht dem nachzueifern, was andere für wichtig oder gar unverzichtbar halten.

Drittens.
"Die Älteren haben schon viel mehr erlebt, auch schlimmes und sind so wieder auf die Kirche zurückgekommen."

So lautete die dritte Antwort von euch auf die Frage, warum Kirche bei den Älteren höher im Kurs steht als bei den Jungen. Und da - so denke ich - ist viel Wahres dran.

Es kann ja soviel passieren.
Ganz überraschend.
Und mit einem Mal sieht das Leben anders aus, ganz anders.
Die Anlässe müssen keineswegs nur schreckliche Dinge wie Krankheit oder Unfall sein.

Das kann das Abschlusszeugnis sein, das ich in der Hand habe.
Der Auszug von zuhause.
Die Chance, ein Jahr ins Ausland zu gehen.
Das Superstellenangebot.
Oder der Studienabbruch.
Das erste Kind...
Aber auch: der Tod der Oma.
Oder oder oder.

In jedem Fall hast Du dann das Gefühl, du bist durch eine Tür gegangen – und kannst nicht mehr zurück. Das kann Angst machen. Du fühlst dich vielleicht allein und fremd. Obwohl, die Sachen, die dich umgeben, sind noch dieselben wie vorher. Doch sie sehen anders aus oder du siehst sie anders an. Da ist etwas passiert. deine Lebenseinstellung hat sich verändert, das grundlegende Lebensgefühl ist ist neu und ungewohnt.

Dabei erleben wir Menschen sehr unterschiedlich. Was für mich eine Revolution ist und mein Leben umkrempelt, reißt dich vielleicht nicht mal vom Sessel hoch. Und umgekehrt.

Solche Erfahrungen kommen vor, ich denke, in jedem Leben. Und wenn es soweit ist, dann weißt du es. 
Das kann dir den Boden unter den Füßen wegreißen. 
Das kann dir ein Gefühl von Befreiung und Erleichterung vermitteln. 
Je nachdem. 

Augenblicke unendlich scheinendem Glücks, in denen ich die Welt umarmen, ja aus den Angeln heben könnte.
Momente grenzenlosen Leides, in denen der Schmerz unendlich zu sein scheint. 

Da kannst du ackern und rackern und es klappt nicht. Und du musst mit der Tatsache des Scheiterns fertig werden, ganz gleich ob das eine Prüfung ist, die du vergeigt hast, eine Beziehung, die in die Brüche gegangen ist oder eine Krankheit, die du nicht in den Griff bekommst.

Oder es läuft und läuft und läuft du stehst mit offenem Mund staunend daneben und verstehst die Welt nicht mehr, weil, du machst doch gar nichts?! Es geht alles so glatt und einfach voran...

In solchen Zeiten kommen Gedanken auf wie: Du hast dein Leben doch nicht so in der Hand, wie du immer dachtest. Oder auch: es muss nicht immer alles so bleiben, wie es jetzt im Moment ist. So schön, oder auch: so schrecklich.  Das sind Momente, wo ein Gefühl des Staunens aufkommt oder wo die schmerzliche Frage in mir wach wird: Warum? Warum ich? 

Solche Erfahrungen kommen im Leben vor. Nicht immer, aber manchmal stellen sie es auf den Kopf und es ist nichts mehr so wie vorher, weil ich spüre, um das Bild noch einmal aufzugreifen, mit dieser Einsicht bin ich durch eine Tür getreten, bewusst, vielleicht aber nur unabsichtlich, aber, wie dem auch sei, ein Zurück gibt es nicht mehr.

Und dann wird oft die Frage in uns Menschen wach: Wenn das so ist mit unserem Leben, wer ist eigentlich dafür verantwortlich, dass das Leben so wunderbar oder so schrecklich sein kann? Wem bin ich da dankbar für so viel Glück? Oder wer ist eigentlich der Adressat der Frage nach dem Warum?

Erinnert ihr euch an die KU-Freizeit? Ich stellte euch die Aufgabe, Bilder und Geschichten zu suchen, die Menschen an Gott glauben lassen zu suchen und umgekehrt nach Bildern und Geschichten zu suchen, die Menschen an Gott zweifeln lassen. Das Ergebnis: auf der Seite des Glaubens waren solche Erfahrungen des Glücks, der Dankbarkeit und der Freude, auf der Seite des Zweifels waren Dinge wie Krankheit, Krieg und Tod.

Und nun könnte es sein, dass - je mehr solcher guten wie schlechten Erfahrungen ich als Mensch mache, ich anfange zu ahnen, wie wenig wir letztlich in der Hand haben. Obwohl wir doch gleichzeitig so viel tun können und das Gefühl der Jugend ist oft auch, alles erreichen zu können, die Welt liegt mir zu Füssen, wenn wir nur wollen können wir Berge versetzen. Und es hoffentlich dann auch tun!

Aber im Laufe der Jahre kommt die Einsicht nach und nach, wie wenig wir doch wirklich erreichen, wie kurzfristig, wie vergänglich unsere Errungenschaften sind und wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns Tag für Tag so bewegen. Das wird auch in der Umfrage deutlich: eure Eltern bewerten den Erfolg wesentlich niedriger als ihr. Diese Einsicht und die damit verbundenen Fragen kommen vor allem dann, wenn das eigene Leben schon einige Male durchgerüttelt worden ist. Von daher wundert es mich nicht, dass Kirche und Religion bei uns Älteren für wichtiger gehalten werden als bei euch. Und deswegen denke ich, wird es euch auch mal so gehen. Denn ihr werdet auch durch solche Türen gehen und in euch werden auch diese Fragen wach werden.

Worauf kommt es an im Leben? Was ist das wichtigste im Leben?
Vielleicht denkt der eine oder die andere von Ihnen: Müsste der Pfarrer da vorne nicht sagen: Glaube, Gott und Jesus stehen ganz oben, alles andere ist zweitrangig?
Ich bin nicht dieser Meinung. Weil ich sage, dass, wenn es Gott gibt – und ich bin davon überzeugt -, er jenseits aller anderen Dinge steht. Alles, was hier in diesem Leben und in dieser Welt geschieht, gehört hierher. Und alles was mit Gott zu tun hat, steht auf einem anderen Blatt. Äpfel kann man nicht mit Birnen vergleichen. Wir verdanken diesem Gott – wie auch immer - unser Leben. Er begleitet uns durch dieses unser Leben. Und nimmt am Ende dieses unser Leben zu sich – wie auch immer. Das war Glaube und Hoffnung von Jesus. Das ist Glaube und Hoffung der Christen. Davon spricht auch das Lied von Manfred Siebald, welches Dagmar Perret uns jetzt vortragen wird.

Amen.