Liebe, Sex und Partnerschaft
Predigt zur Konfirmation 2000
Liebe Gemeinde,
vielleicht haben Sie ein wenig gestutzt, als Sie das Thema gelesen haben (Euch hatte ich ja schon früher etwas davon erzählt): Liebe, Sex und Partnerschaft als Thema einer Predigt bei der Konfirmation? Geht es im kirchlichen Unterricht und bei der Konfirmation nicht vielmehr um Gott und Glaube, Bibel und Kirche?
Die Konfirmation ist ein wichtiges Ereignis im Leben von Jugendlichen und deren Familien. Es drängt uns Menschen, markante Punkte unseres Lebens mit einem Fest zu begehen. Deswegen feiern wir Hochzeit, kommen zu Geburtstagen zusammen und gehen am Ende auf den Friedhof. Und auch die Wende zwischen Kindheit und Erwachsenenalter wird in vielen Kulturen mit einem Fest begangen. In evangelischen Kreisen ist dies in Deutschland seit langem die Konfirmationsfeier, mit der "eigentlich" ja der kirchliche Unterricht abgeschlossen wird (der nichts anderes ist wie ein nachgeholter Taufunterricht). Dies ist der Kirche lange bekannt und im Unterricht stellen wir uns darauf ein. Natürlich geht es in meinem Unterricht um Gott und Glaube, Bibel und Kirche aber dies stelle ich regelmäßig in den Zusammenhang der "großen" Menschheitsthemen: geboren werden und aufwachen, kranksein und sterben, arbeiten und kreativ sein, lieben und gemeinsam unterwegs sein. Im Lauf der Jahre greife ich diese Themen im Konfirmationsgottesdienst auf. Und in diesem Jahr habe ich mich entschieden, das Thema Liebe und Partnerschaft heute in den Mittelpunkt zu stellen, weil mir der Samstag Nachmittag noch gut in Erinnerung ist, an dem wir darüber sprachen.
Damals bat ich Euch, aus verschiedenen Begriffen eine Pyramide zu erstellen. Das, was Euch am wichtigsten war, sollte ganz oben stehen. Das Ergebnis war sehr interessant. Oben standen bei vielen "Treue" oder "Mit jemandem über alles sprechen können" oder "gemeinsam lachen können". Das war nicht überraschend. Eher die Tatsache, dass nicht zwei Pyramiden wirklich gleich waren. Und auch, dass einige von Euch keine Pyramide erstellten, sondern die Begriffe zum Beispiel im Kreis anordneten, weil gesagt wurde, ich kann nicht einen Bereich oben hin stellen, die sind alle wichtig. Die Ergebnisse dieser Aufgabe gehören für mich zu den spannendsten Momenten dieser zwei Jahre und ich beschloss schon an diesem Nachmittag, dieses zum Thema bei der Konfirmation zu machen.
Zunächst lese ich nun den Bibeltext aus dem Hohen Lied der Liebe.
Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, so dass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken können. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so könnte das alles nicht genügen.
Ein leidenschaftlicher Text, eine Hymne an die Liebe. Dieses ganze kleine Buch des Hohen Liedes der Liebe enthält nur Liebesgedichte, beschreibt die Liebe in vielen Bildern. So etwas findet sich in der Bibel! Ein klares Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer auch der leidenschaftlichen Liebe. Die Liebe ist etwas wunderbares. Unzählig ist das Gefühl, verliebt zu sein in Liedern, Gedichten und Geschichten beschrieben worden.
Gefühle, die Achterbahn fahren.
Sehnsucht nach dem vollkommenen Partner oder Partnerin.
Hoffnung, nicht allein unterwegs sein zu müssen.
Überschwenglichkeit des frisch-verliebt-seins
Angst, den Richtigen oder die Richtige nicht zu finden.
Zweifel, ob er oder sie der Mensch für mich ist.
Eifersucht, wenn er oder sie nicht mich, sondern jemand anderen liebt.
Enttäuschung, verlassen zu werden.
Schmerz, betrogen zu werden.
Gibt es irgendetwas anderes in dieser Welt, was uns so in den Bann schlägt, so begeistert, aber auch frustrieren kann, wie die Liebe? Liebe und Sexualität werden oft von Menschen als eine Macht erlebt, die mich ergreift, ja überwältigt. Das klingt auch in dem Bibeltext an. Kein anderes Thema bewegt uns so. Damals wie heute.
Die Zeiten haben sich geändert. Sie, liebe Eltern, Großeltern und Paten, werden mir da sicher zustimmen. Gehen wir mal 20, 30, 40 Jahre zurück. Da gab es noch keine Verhütungsmittel. Zusammen wohnen, ohne verheiratet zu sein wurde erst so in den siebziger Jahren salonfähig, vorher eher die Ausnahme. Vieles, was mit Sexualität zusammenhing, geschah unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Scheidung und Wiederverheiratung waren noch viel seltener und wurden von beiden großen Kirchen nicht gerne gesehen. Und heute?
Verhütung ist weder theoretisch noch praktisch ein Problem. Niemand muss mehr Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft haben. Dafür gibt es als große Bedrohung die Krankheit AIDS, die ihren Schatten auf den Bereich der Sexualität wirft. Unverheiratet zusammenleben ist vollkommen normal, es kommt inzwischen umgekehrt schon vor, dass mir Brautleute erzählen, dass sie in ihrem Bekanntenkreis scheel angeschaut werden, weil sie heiraten wollen. Sexualität geschieht zwar im privaten Bereich Gott sei Dank! - weitgehend immer noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, aber alles, was ich wissen, sehen oder tun will, kann ich in oder über die Medien erfahren und bekommen. Heute ist oder scheint es nur so? - alles erlaubt, alles möglich. Die einzigen Grenzen sind die, welche ich mir selber auflege. Ich bestimme, wähle aus. Und da beginnen oft die Schwierigkeiten.
Denn:
Wenn alles möglich ist, dann muss ich entscheiden und wählen. Und so suchen Menschen gerade im Bereich der Liebe, der Sexualität und der Partnerschaft nach Orientierung. Unzählige Bücher existieren, Beratungsstellen sind überlaufen. In unzähligen Talkshows werden Liebe, Sex und Partnerschaft breitgetreten und fast alles an- und ausgesprochen und von allen Seiten betrachtet. Wie finde ich den richtigen? Welche Abstriche kann und will ich machen. Die Liebe, nach der wir uns so sehr sehnen, scheint viele zu überfordern. Beziehungen sind oft flüchtig, die Bereitschaft, einander zu verlassen, hat drastisch zugenommen. Es scheint so, als sei Liebe nur dann noch sinnvoll, wenn es gefühlsmäßig zwischen den Partnern stimmt. Die Liebe erhält (fast) religiösen Charakter. Menschen sagen: Liebe ist der einzige Sinn meines Lebens. Familie ist das einzige, wofür es sich zu leben lohnt. Und wenn es nicht klappt mit der Liebesbeziehung, bricht für Menschen oft mehr zusammen als nur eine Beziehung. Und Ihr steht am Anfang dieses Weges durch den Dschungel von Liebe, Sex und Partnerschaft.
In schwierigen Zeiten schauen Menschen auch fragend auf die Kirche. Man ist schon mal neugierig, was die denn dazu wohl sagt.
Schaue ich in die Bibel, stelle ich fest: Die ist bei diesem Thema sehr realistisch. Sie spricht über Partnerschaft meist sehr nüchtern und unmoralisch. Lebensformen sind ihr nebensächlich. Es geht ihr um den Glauben, um die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Von daher hat die Bibel keinerlei exakte Vorgaben, wie Menschen lieben sollen. Es gibt in ihr die Vielehe genauso wie die Ehelosigkeit. Damit spiegelt die Bibel zunächst die Verhältnisse der jeweiligen Zeit. Aber ihr Interesse liegt woanders. Die Bibel sucht die Frage zu beantworten: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was kann ich hoffen? Wem kann ich vertrauen? Dazu sagt sie sehr viel. Sie sagt: Gott ist der liebevolle Schöpfer, Freund der Menschen, Liebhaber des Lebens, aus ihm entspringen Anfang und Ende unseres Weges und zwischendrin ist er auch dabei.
Der Glaube an diesen Gott stellt unser Leben in einen größeren Horizont. Er lässt uns dieser Macht vertrauen, die unser Leben umfasst und damit auch unser Lieben. Er öffnet unseren Blick über unsere menschlichen Bereiche hinaus. Der Glaube sagt mir: du bist nicht allein, du bist gehalten in allem. Sie konfrontiert uns mit Leben und Worten von Jesus, diesem Spiegel göttlicher Nähe in unserem menschlichen Leben. Er sagt: Vertraut Gott! auch wider alle Argumente und Erfahrungen, die dagegen sprechen könnten. Alles, was in dieser Welt geschieht, ist nicht das letzte Wort, was zu meinem Leben zu sagen ist. Das ist eine entlastende Perspektive. Und daraus fließt alles andere heraus. Die Liebe ist eine Kraft, die dazu da ist, uns Menschen zu erfreuen, unser Leben so zu durchdringen, das es gelingt. Ein wunderbarer Teil unseres Lebens, der Umgang damit muss allerdings genauso gelernt werden wie arbeiten auch. Aber die Bibel, der Glaube geben keine Anweisungen, keine Rezepte, wie Leben gelingen kann in den vielen Einzelheiten unserer alltäglichen Lebens.
Das ärgert manche. Sie wünschen sich, dass die Kirche deutlicher und klarer zu den Dingen des Lebens und des Liebens Stellung nimmt, dass sie sagt, wo es lang geht und wo nicht.
Allerdings sagt die Kirche schon eine Menge zu Liebe, Sex und Partnerschaft. Nur nicht unbedingt dort, wo es erwartet wird. Sie gibt keine große Linie vor, sagt nicht, was mann und frau tun sollten. Sondern sie äußert sich eher an den Grenzen zwischen dem, was Liebe ist und dem, was nicht mehr Liebe ist. Und da fand unsere Ev. Kirche im Rheinland in den letzten Jahren sehr deutliche Worte.
Zum Beispiel gegen Gewalt im Bereich der Sexualität, Gewalt vor allem gegenüber Frauen und Mädchen.
Zum Beispiel gegen die Verteufelung von homosexueller Liebe.
Unsere evangelische Kirche hat sich auch in ihrer Einstellung zu Scheidung und Wiederverheiratung gewandelt. Waren noch vor ein paar Jahren hochnotpeinliche Gespräche nötig, um zum zweiten Mal kirchlich heiraten zu könne, so entfällt dies nun.
Dies alles geschah nicht, um einem gesellschaftlichen Trend hinterherzulaufen. Sondern diese Worte entstanden aus der Auseinandersetzung mit veränderten Vorstellungen zu Liebe, Sex und Partnerschaft. Damit spiegelt auch unsere Kirche unsere Gesellschaft, so wie es in der Bibel auch zu allen Zeiten war. Aber noch einmal: es ist nicht Aufgabe der Kirche, Menschen zu sagen, wie sie lieben und leben sollen, aber aus dem Bekenntnis zum menschenfreundlichen Gott folgt die Aufgabe, zu sagen, was unserer Auffassung nach noch Liebe ist und was nicht mehr. Über die vielfältigen Spielarten der Liebe sagt unsere Kirche wenig, dies muss jede und jeder selber herausfinden, was er oder sie will und was nicht. So schön und schwer das auch sein mag. Der Glaube kann dabei entlasten, neue Perspektiven öffnen und einen groben Rahmen abstecken, aber keine Entscheidung abnehmen.
Und die Kirche macht noch mehr. Sie unterhält Ehe, Familien- und Lebensberatungsstellen, Schwangerschaftskonfliktberatung und Telefonseelsorge. Sie macht dies, weil sie weiß, wie schwierig es oft in diesem wunderbaren Bereich von Liebe, Sex und Partnerschaft zugeht. Dafür gibt die Kirche Jahr für Jahr eine große Menge an Kirchensteuern aus, die, wie ich finde, dort gut angelegt ist. Denn wenn der Glaube sagt: Gott begleitet mich, dann fließt aus diesem Glauben die Aufgabe für mich als Christ oder Christin, auch andere zu begleiten. Um sie zu entlasten und neue Perspektiven zu öffnen.
Liebe Konfi´s,
Ihr betretet in den nächsten Jahren viel Neuland. Auch im Bereich von Liebe, Sexualität und Partnerschaft. Ich wünsche Euch gute Erfahrungen dabei, wünsche Euch, dass Ihr die Liebe so leidenschaftlich dabei erleben lernt, wie dies in dem Abschnitt aus dem Hohen Lied der Liebe beschrieben ist. Ich wünsche Euch weiter die innere Stärke, zu herauszufinden, was ihr wollt und wen ihr wollt, wünsche Euch Begleiter auf eurem Weg. Seid gewiss: Gott, Liebhaber des Lebens, Freund aller Menschen, ist in jedem Fall an Eurer Seite. Und es gibt Menschen, die bereit sind, Euch zu begleiten, wenn Ihr dies wünscht und nötig habt.
Amen.