Matthias Jung

 

 

 

Konfirmation 1999

Noahs Taube

 

Zur Predigt gehört ein Bild von Marc Chagall, das aus urheberrechtlichen Gründen nicht gezeigt werden kann.)

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, Paten und Verwandte, liebe Gemeinde!

Die Geschichte von der Arche Noah´s, die die Sintflut überlebt, kennen wir alle. Tausendfach ist sie auf Zeichnungen und Gemälden, in Bilderbüchern und Werbetafeln abgebildet worden, zu welchem Zweck auch immer.
Aber die Darstellung des jüdischen Malers Marc Chagall ist einzigartig. Er blickt nicht von außen auf die Arche, sondern er zeichnet Noah in der Arche. Er stellt uns so vor Augen, wie Noah selbst die Lage gesehen hat. Chagall ein Bild von jenem Augenblick gemalt, als Noah das Fenster öffnet und die Taube herausläßt. Schaut euch das Bild einmal an: Ihr seht, wie dunkel und eng der Innenraum dieses Kastens ist, ihr seht Noah als alten Mann mit dem weißen Bart und mit vielen Falten auf der Stirn. Ihr seht, wie er in die Ferne schaut und wie sich das Tier an ihn kuschelt. Neben ihm steht eine Frau mit dem Säugling: Das Leben geht weiter, auch in der Arche. Und dann seht ihr die Hand Noah´s, wie er den Vogel hinaus in das grelle Licht schickt. Ich finde, die Handbewegung, die er da macht, ist behutsam und doch bestimmt. Und ihr seht den Vogel, wie er gerade losfliegt, den Kopf hoch erhoben, gleich wird er die Flügel ausbreiten.

Jetzt fragt ihr euch sicher, was das wohl alles mit eurer Konfirmation zu tun hat.

Der Tag der Konfirmation markiert in vielen Familien den Übergang zwischen Kindsein und Erwachsensein. Wo genau diese Grenze verläuft, ist schwierig zu sagen. Das wird bei jedem und jeder auch ein anderer Zeitpunkt sein, mal früher, mal später. Aber irgendwann ist diese unsichtbare Linie überschritten, dann seid ihr mehr Erwachsene als Kinder. Und das geschieht in der Regel in dieser Zeit um die Konfirmation herum. Und da wir Menschen solche Veränderungen in unserem Leben gerne mit einem Fest feiern - denkt an die Hochzeit, das Fest der Liebe zweier Menschen oder an die Taufe, mit der ein neues Leben beginnt und zugleich eine Familie entsteht, ist der Konfirmationstag auf dieses Alter festgelegt worden zu einer Zeit, als mit 14 die Jugendlichen, die jungen Erwachsenen das Elternhaus verließen, um die Lehre aufzunehmen. Heute verlassen die jungen Menschen viel später das Elternhaus, trotzdem vollzieht sich dieser Übergang in dieser Zeit.

Ein neuer Lebensabschnitt bringt immer Veränderungen mit sich und wir Menschen gehen ganz unterschiedlich damit um. Das reicht von: nicht abwarten können, bis das Neue endlich beginnt bis zum ängstlichen Zurückweichen vor dem Neuen. Bei den einen geht das ziemlich chaotisch und ungeordnet, bei anderen scheinbar unsichtbar und schleichend. Die Geschichte von Noahs Taube ist eine Art Leitfaden, eine Bildgeschichte, die symbolhaft zeigt, wie der Weg in einen neuen Lebensabschnitt in einer schönen Weise geschehen kann. Für euch Konfirmanden verändert sich in den nächsten Jahren etliches. Auch für Sie, liebe Eltern, wird sich einiges ändern, auch für Sie beginnt ein neuer Lebensabschnitt, in welchem Sie nach und nach Ihre Kinder loslassen müssen. Von daher kann diese Geschichte auch ein Leitfaden für Sie sein. Allerdings wende ich mich in der weiteren Predigt an die Konfirmanden.

Schauen wir uns die Geschichte von Noah´s Taube näher an.

Dreimal läßt Noah die Taube fliegen.

Beim erstenmal läßt er sie in der Hoffnung fliegen, daß sie Land findet, die große Flut, die das ganze Leben, Noah und die Tiere, durcheinanderwarf, zu Ende ist. Doch die Hoffnung wird enttäuscht, noch ist es nicht so weit.

Ich denke, ihr werdet das schon hinter euch haben, die ersten Schritte aus dem Elternhaus heraus, die ersten Unternehmungen, Projekte, Ziele, die ihr völlig unabhängig von euren Eltern angegangen seid. Etwas tun, wo Eltern nichts mitzureden haben, wo sie vielleicht auch ganz und gar dagegen sind und dann oft auch nichts erfahren sollen. Aber anfangs ist es halt noch so, daß die Zeit noch nicht reif ist, ganz alleine auf euren Füßen zu stehen. Noch ist es gut, nach den ersten Rundflügen wieder den sicheren Hafen ansteuern zu können, auch wenn das Gefühl der Enge in der Arche euch vielleicht nicht unbekannt ist. Das wird der Taube auch so gegangen sein - endlich frei fliegen können nach der Enge der Arche - und doch froh zu sein, am Abend wieder zu einem sicheren Ort zurückkehren zu können, nachdem sie noch keinen Landeplatz fand. Diejenigen von euch, die das Gefühl haben, solches noch nicht erlebt zu haben, sollten vielleicht durch diese Geschichte Mut fassen und sich umschauen, wohin der erste Alleinflug gehen könnte und dann auch mal losfliegen.

Nun zeigt diese Geschichte den idealen Weg vor. In der Realität gibt es viele Hindernisse und Gefahren. Vielleicht traut ihr euch nicht und habt Angst, bleibt lieber in dem sicheren Gebäude der Arche. Oder ihr würdet am liebsten eher heut als morgen ganz allein den Weg ins eigene Leben suchen, weil euch die Arche zu eng ist. Die biblische Geschichte lädt uns ein, zu schauen, wie es bei jedem und jeder aussieht. Sie lädt zur Überprüfung ein und zum nachdenken - insbesondere darüber, wieso es dem Noah gelingt, so seelenruhig bei all dem zu bleiben. Das sind doch außerordentlich aufregende Dinge, die hier geschehen, da hängt doch so viel von ab - doch Noah bleibt ruhig und gelassen, sowohl in der Geschichte wie im Bild.

Ich denke, er ist getragen von dem Vertrauen auf die Zusagen Gottes: Ich bin bei dir und du gehst nicht verloren. Ich komme da nachher noch mal drauf zurück. Jedenfalls gerät er nicht in Panik, als die Taube zurückkehrt, aber er resigniert auch nicht. Er schickt sie nicht gleich am nächsten Tag los - aber auch nicht vier Wochen später. Er wartet genau eine Woche. Für mich ungeduldigen Menschen wäre das eine endlose Zeitspanne, für andere zurückhaltende Menschen eine viel zu kurze Zeit.

Aber der seelenruhige Noah wartet die Woche und läßt die Taube wieder fliegen. Und diesmal kommt sie mit einem frischen, also einem neu gewachsenen Ölzweig zurück. Ich denke, dieser Zweig steht für die ersten eigenen Erfolge, die junge Menschen in der Welt da draußen machen, was auch immer das sein mag. Das erste selbst verdiente Geld im Ferienjob z. B., der erste Urlaub ohne die Eltern, das durch viel eigene Arbeit wesentlich verbesserte Zeugnis oder was auch immer. Da kommt dann das Gefühl auf, die Ahnung, wie es einmal sein könnte, wenn man auf eigenen Füßen steht. Toll - vielleicht aber auch mit etwas Angst vermischt. Denn das ist der Zwiespalt vor fast allen neuen Dingen aufgeregte Erwartung und eine gewisse Ängstlichkeit. Auf euch warten solche Erlebnisse, früher oder später. Und die Geschichte will dazu ermutigen!

Und dann eines Tages ist es so weit. Der Boden ist bereitet, die Zeit der Ausflüge ist vorbei, irgendwann ist der Zeitpunkt da, wo ihr auf eigenen Füßen stehen könnt. Das liegt sicher noch in wenig in der Ferne - in eurem Alter ist ein Jahr sehr, sehr lang, ich weiß. Schön wäre es, wenn ihr auf eurem Weg so ruhig, so gelassen, aber auch so konsequent und hoffnungsvoll sein könntet wie der Noah.

Denn, so denke ich, diese Haltung kommt aus dem Vertrauen zu Gott. Vertrauen nicht darauf, daß Flut und völlige Veränderung des Lebens ihm erspart bleiben, aber Vertrauen darauf, in allem was geschehen kann, gehalten zu sein in der Hoffnung und den Zusagen Gottes: ich werde mit dir sein, du bist nicht allein. Der hat Noah versprochen, daß er diese schwere Zeit überleben wird. Und dies gibt ihm diese Zuversicht und deshalb läßt er sich nicht aus der Ruhe bringen. Auch nicht am Anfang, als er den Raben fliegen ließ - und der gleich nicht mehr wiederkam. Noahs´ Weg in einen den Lebensabschnitt begann mit einem Mißerfolg, der Rabe kam nicht zurück, fand aber auch kein Land, sondern flog einfach nur noch auf und ab. Aus meiner Sicht eine höchst gefährliche Weise, sich so ins neue Leben zu stürzen, denn wenn der Rabe nicht zurückkehren will, bleibt ihm nur der Absturz, wenn die Kraft nachläßt, bevor das Wasser sinkt. Der Rabe geht ein hohes Risiko ein. Manche Wege können falsch sein, auch wenn sie noch so verlockend scheinen. Wir erfahren nicht, was aus dem Raben geworden ist. Fehler kommen vor, und Noah macht hier einen Fehler. Aber er korrigiert ihn in der gleichen Ruhe, wie er dann die Taube fliegen läßt. Und er ist dabei auch nicht allein. Er hat bestimmt danach mit den anderen in der Arche darüber gesprochen, was jetzt zu tun ist. Ihr habt auch Menschen in eurer Umgebung, mit denen ihr sprechen könnt, auch über Fehler und Mißerfolge. Hoffentlich. Gut ist, wenn ihr das mitbedenkt.

Liebe Konfi´s, in den letzten zwei Jahren habe ich mit euch über etliche Geschichten aus der Bibel gesprochen, meist waren es Geschichten, in denen Jesus Menschen begegnet. Mir war dabei wichtig darauf hinzuweisen, daß das, was der verlorene Sohn oder der Zachäus beispielsweise erleben keine einmaligen, vergangenen Erlebnisse sind. Ihre Lebenssituationen gibt es auch heute noch - so wie die Situation des Noah in der Arche. Das Leben verändert sich radikal und es gilt, den Übergang gut zu bewältigen - das hat Noah erlebt und das erleben Menschen heute. Und mir war auch wichtig in diesen zwei Jahren deutlich zu machen, wie die biblischen Geschichten von Gott erzählen. Oft wird er gar nicht mal genannt, so wie auch hier. Und doch ist er unausgesprochen gegenwärtig, in den Geschichten und auch im Leben. Und in all den Geschichten wird deutlich, daß Gott uns Menschen freundlich gegenübersteht und daß das Vertrauen zu und auf diesen Gott das Leben bereichert, eine Grundlage ist, die Gelassenheit vermitteln kann, die Mut machen will, die neue Anfänge ermöglicht, eine Antwort auf die Frage der Schuld gibt und auch eine Antwort auf die letzte Frage nach dem Tod. Das ist keine Antwort auf alle Fragen und ganz sicher kein Allheilmittel für alle Probleme. Und bewahrt auch nicht vor schwierigen Zeiten, Noah mußte auch durch die Flut. Aber es ist eine ganze Menge. Ich wünsche euch die Erfahrung der Nähe Gottes in eurem Leben, daß ihr so ruhig und konsequent und überlegt und zuversichtlich euer Leben angehen könnt, wie Noah mit seiner Taube.

Amen.