Matthias Jung

 

 

 

Übers´ Wasser gehen
Predigt über Mt. 14,22-30 zur Konfirmation 1995

 

Text:
Jesus trug seinen Jüngern auf, in das Boot zu steigen und vor ihm an das jenseitige Ufer vorauszufahren, bis er die Volksmenge gehen ließ. Und als er die Volksmenge entlassen hatte, stieg er für sich allein auf den Berg, um zu beten. Und als es Abend geworden war, war er dort allein.
Das Boot aber war schon mitten auf dem See und kam in Not durch die Wellen, denn der Wind war ihnen entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam er zu ihnen, indem er auf dem See einherging.
Als die Jünger ihn auf dem See einhergehen sahen, erschraken sie und sprachen: Es ist ein Gespenst! Und sie schrien vor Furcht. Sogleich aber redete Jesus zu ihnen und sprach: Seid getrost! Ich bin's. Fürchtet euch nicht!
Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, wenn du es bist, so befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen. Er aber sprach: Komm!
Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser, um zu Jesus zu kommen.
Als er aber auf den starken Wind sah, fürchtete er sich; und er fing zu sinken, schrie und sprach: Herr, rette mich!
Sogleich aber streckte Jesus die Hand aus, ergriff ihn und spricht zu ihm: Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
Und als sie in das Boot gestiegen waren, legte sich der Wind.
Die aber in dem Boot waren, kamen und warfen sich vor ihm nieder und sprachen: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn!


Liebe Konfi´s, liebe Eltern, liebe Gemeinde!

Ich kann mir gut vorstellen, daß einige von Euch, von Ihnen erst einmal tief durchgeatmet haben, als ich diesen Text eben vorgelesen habe. Was denn, darüber will er predigen? Über eine Wundergeschichte? Über so ein Märchen?! Das glaubt doch heute keiner mehr und damit kommt der uns? Und was hat diese Geschichte mit dem Thema des Gottesdienstes zu tun? Und dann sind auch noch die beiden Lieder. Was soll das denn noch? Eine ganze Menge Fragen. Fangen wir vorn an.

Eine Wundergeschichte. Eine bekannte. Der Witz mit den Steinen ist wohl inzwischen überall angekommen. Oder nicht? Für manche Zeitgenossen sind solche Geschichten ein Grund, aus der Kirche auszutreten. Wenn die Christen im 20. Jahrhundert noch allen Ernstes erwarten, ihre Schäfchen würden so etwas glauben... Nur: es verlangt keiner. Das hat sich allerdings noch nicht herumgesprochen. Im Unterricht spreche ich schon mal mit den Konfi´s die provozierende Frage: Können Geschichten wahr sein, die nicht geschehen sind? Am Ende bestätigen mir die Konfi´s immer, daß diese Frage mit Ja zu beantworten ist. Und dann spreche ich mit ihnen über Wundergeschichten des NT. Die sind nicht so geschehen, wie ein Stein vom Himmel fällt oder wie die Sonne abends untergeht. Aber, um beim letzten zu bleiben, die Sonne war für Menschen immer auch ein Symbol, ein Bild für Leben und Sterben, ein Bild für den Kreislauf der Natur, dem sie ja auch angehören. Und das wiederum ist die Brücke zum Verständnis der Wundergeschichten Jesu. Spätestens seit Eugen Drewermann setzt sich nicht nur in der katholischen Kirche die Auffassung durch, daß diese wunderbaren Geschichten als Bildgeschichten zu betrachten sind. Dargestellt sind in Bildgeschichten menschliche Grunderfahrungen, die immer und überall wieder vorkommen, Erfahrungen, die jeder und jede einmal machen. Und zugleich geht es in diesen Geschichten immer darum, wie ein Mensch zu Gott Vertrauen faßt. Den wissenschaftlichen Nachweis für diese Behauptung kann ich heute morgen nicht führen, das würde den zeitlichen Rahmen dieses Gottesdienstes sprengen. Aber vielleicht lassen Sie sich bei der Auslegung der Geschichte vom Seewandel mal auf diese These ein.

Damit komme ich zur zweiten Frage, was denn dieser Text mit dem Thema unseres Gottesdienstes zu tun hat. Nun gut, zunächst einmal gilt es noch einmal festzuhalten, was wir im März gemacht haben. Jeder Konfi hat ein Bild gestaltet zu dem Thema: wie ich mir meine Zukunft vorstelle, was ich erhoffe, welche Träume ich hege, was ich vielleicht auch befürchte. Die Bilder sind alle hier in der Kirche aufgehängt. Als ich mir hinterher in Ruhe die Bilder ansah, war ich sehr beeindruckt. Fast alle hatten zum Teil sehr konkrete Vorstellungen, zumindest sehr klare Träume, viel Geld, Frau oder Mann, Haus, Reisen und so weiter. Bei den Befürchtungen wurde es schon dünner. Krankheit und ähnliches kam dann. Doch was hat all dies mit dieser merkwürdigen Wundergeschichte zu tun

Menschliche Grunderfahrungen kommen in den Wundergeschichten vor, habe ich vorhin behauptet. Und ich behaupte weiter, in der Geschichte vom Seewandel geht es um eine menschliche Erfahrung, die gerade Ihr, liebe Konfis, in den nächsten Jahren machen werdet.

Da ist Petrus mit den anderen Jüngern. Sie sind aufgebrochen am Abend. Haben sich auf den Weg gemacht. Wege sind immer Symbole für unser Leben. So sprechen wir sinnbildlich vom Lebensweg. Zum anderen Ufer sind sie unterwegs. Über das Meer. Das Meer löst bei vielen Angst aus. Froh sind wir Landratten, wenn wir wieder sicheren Boden unter den Füßen haben. Furchtbar dagegen ist, wenn ein Sturm aufzieht. Und genau dies geschieht in dieser Nacht. Die Jünger kommen in schlimmes Wetter, geraten in Seenot. Sie bekommen Angst.

Angst bekommen in einer neuen, unübersichtlichen Situation. Das ist eine ganz menschliche Erfahrung. Wer kennt das nicht - und Ihr werdet es noch erleben, wenn Ihr es noch nicht kennt, da bin ich mir absolut sicher. Entscheidungen stehen Euch bevor. Schulabschluß. Beruf. In welcher Stadt leben. Mit wem leben. Heiraten oder nicht. Klar, im ersten Moment ist das spannend und aufregend. Aber wenn dann der Augenblick da ist, wo die Koffer gepackt sind und der sichere Hafen des Elternhauses verlassen wird, dann, da bin ich mir ziemlich sicher, wird es beim einen oder anderen einen Anflug von Unsicherheit, vielleicht sogar Angst geben. Ich kann mich noch gut an den Abend erinnern, als mein alter roter Golf gepackt vor dem Haus meiner Eltern steht und mir urplötzlich bewußt wird, was für einen ungeheuren Schritt ich jetzt gleich tun werde, den Schritt hinaus in die Welt. Nicht, daß ich ihn nicht herbeigesehnt hatte in den Jahren zuvor. Aber dennoch...

Manch einem Menschen wird erst dann bewußt, was Leben eigentlich heißt, nämlich die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, und zwar für alles was ich tue. Und wie schwierig das im Grunde ist, das wird vielen gerade bei diesen ersten großen Entscheidungen im Leben klar. Und manch einer entscheidet sich dann falsch. Damit meine ich nicht eine verkehrte Entscheidung, die kann korrigiert werden, in jungen Jahren noch eher als in späteren. Nein, ich meine die Entscheidung, dann das zu tun, was andere mir sagen. Und damit wird dann das ganze Leben falsch. Und davon handelt, sozusagen als mahnendes Beispiel, das erste Lied von Marius Müller Westernhagen.

Deine Mutter sagte: Klaus, zieh dir bloß die Schuhe aus.
Und dein Lehrer sagt, daß du fürs Leben lernst.
Doch das Leben ist so fern.
Das Arbeitsamt, das sagte dann, was der Klaus am besten kann.
Deine Eltern suchten dir Sabine aus.
Ihr Vater hat in Köln ein Haus.

Klaus nun wehr dich doch!
Verdammt, du träumtest doch davon, dein eigener Herr zu sein.

Dein Chef, der sagte dann zu dir: wenn Sie sich sputen, glauben Sie mir,
werden Sie bei mir noch mal ein reicher Mann,
genug geredet, fangen sie an.
Seit fünf Jahren bist du schon bei der Firma Gott & Sohn.
Und der Herr Gott, der wirklich sehr lieb war
erhöhte neulich deinen Lohn.

Klaus nun wehr dich doch!
Verdammt, du träumtest doch davon, dein eigener Herr zu sein.

Zu Besuch kommt Sonntags immer deine Mutter, was ist schlimmer?
Und macht dubidubi mit deinem Sohn.
Du tust freundlich - blanker Hohn.
Vorn paar Wochen hattest du ein Verhältnis mit Frau Schuh
- ausgerechnet du -,
doch die hatte bald von dir die Nase voll,
du erfülltest nicht dein Soll.

Klaus nun wehr dich doch!
Verdammt, du träumtest doch davon, dein eigener Herr zu sein.

Dein Sohn, bald vierzehn, sagte still, daß er Tänzer werden will.
Deine Antwort war: das schlag dir aus dem Kopf
Tänzer, schwul und nichts im Topf.
Deine Mutter sagte: Klaus, zieh dir bloß die Schuhe aus.
Und dein Lehrer sagt, daß du fürs Leben lernst.
Doch das Leben blieb dir fern."

Liebe Konfi´s, das wäre das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann, wenn ihr nämlich in dreissig oder vierzig Jahren feststellen würdet, daß es euch so gegangen wäre wie Klaus. Immer nur das gemacht, was andere gesagt haben und dann festzustellen, nie selbst gelebt zu haben.

Selbst zu leben ist schwierig. Das erlebt nun Petrus. Da sieht er Jesus über das Meer laufen, dieses undurchsichtige, aufgewühlte Meer und er sagt sich, das will ich auch können. Endlich mal losgelöst von den engen Grenzen, die mir mein Leben so setzt, endlich mal wirklich leben, endlich das tun, was ich wirklich will, übers das unsichere Wasser gehen, mich aufmachen, nicht in dem sicheren Hafen bleiben, der zwar sicher ist, den aber letztlich andere gebaut haben. Man darf das jetzt nicht im wörtlichen Sinn verstehen, sondern im übertragenen Sinn. Und da heißt es: Petrus will sich auf das Unbekannte, Neue einlassen. Dieser Wunsch wird in ihm riesengroß. Und Jesus macht ihm Mut und sagt: du kannst es, riskier´s und geh einfach los. Ich trau es dir zu, trau du es dir auch zu. Und Petrus wagt den so wahnsinnig schweren Schritt. Läßt alles Bekannte und Gewohnte hinter sich und geht los, steigt über den sicheren Bootsrand und geht los. Und es klappt! Freudestrahlend sieht er Jesus an, mit vor Selbstbewußtsein stolz geschwellter Brust. Ich, ich Petrus, habe es riskiert! Und es klappt!

Eine menschliche Grundsituation. Menschen riskieren mir Zittern und Zagen etwas Neues und machen die Erfahrung es klappt, mir geht es super dabei, ich fühle mich prächtig, lebe endlich, bin ganz und gar ich selbst.
Doch was nun folgt, ist genauso menschlich. Urplötzlich gleitet Petrus` Blick zur Seite und er sieht die Wellen wieder. Und die sind hoch. Und die Angst kommt wieder, mächtig, noch viel stärker als vorher. Und er droht in der Angst zu versinken.

Das kennen wir doch, wir Älteren zumindest. Da haben wir voller Hoffnung, voller Elan etwas Neues angefangen, sind die ersten Tage unterwegs auf dem neuen Pfad und dann kommt der Hammer. Hast du dir da nicht ein wenig viel zugemutet? Du willst das durchhalten? Bist du dir wirklich sicher? Manchmal gibt es noch ein zurück und manch einer bricht jetzt ab. Das simpelste Beispiel ist die abgebrochene Diät, viel ärgerlicherer ist ein Studienabbruch. Aber was macht die Frau, die im ersten Gefühlsüberschwang geheiratet hat und nun ein Kind bekommt und der einst so tolle Göttergatte zieht sich still zurück? Oder was macht der junge Mensch, der festgestellt hat, daß er nicht Menschen des anderen Geschlechts liebt, sondern die des eigenen und der schon hingegangen ist und hat es aller Welt erzählt, seinen Eltern, seinen Freunden? Und die reagieren dann vielleicht nicht so begeistert. Da gibt es kein zurück mehr. So eine Entscheidung ist nicht mehr rückgängig zu machen. Und die Angst um die Zukunft nimmt dann oft bedrohlich zu und alles scheint furchtbar über mir zusammenzuschlagen.

Und nun kommt das Ende der Geschichte. Jesus hilft dem versinkenden Petrus wieder auf. Du Kleingläubiger, sagt er. Nicht vorwurfsvoll, sondern mit warmen Unterton in der Stimme. Er kennt die Menschen eben, weiß, wie es in ihren Herzen aussieht. Er hilft dem Petrus wieder auf. Stärkt ihm den Rücken. Und gemeinsam gehen sie weiter. Und all die anderen Jünger, die das aus dem sicheren Boot beobachtet haben, sagen, der ist wirklich Gottes Sohn. Gottes Sohn, keine Aussage über eine halbgotthafte Herkunft dieses Jesus, sondern eine Art Titel, heute heißt das Ehrendoktor. Und wofür hat Jesus diesen Titel erhalten? Für sein so unendlich menschenfreundliches und liebevolles Auftreten. Studieren Sie's ruhig mal in den Geschichten des NT. Jesus handelt ständig und überall anders als es in unserer Welt zugehen würde. Und gerade dadurch wurde er für die Menschen zum Spiegel für die Liebe Gottes. Wenn wir Jesus sehen, dann sehen wie Gott, sagten sie damals, er ist für uns ein Sohn Gottes, einer, der uns Gott nahe bringt, in dem Gott aufleuchtet.
Und in diesen Geschichten begegnet Gott uns bis heute. Dann, wenn wir sie so lesen, daß wir darin vorkommen. Halten wir uns an den Äußerlichkeiten auf, dann werden wir dies nicht erleben. Dann ärgern wir uns. Schauen wir aber hinter die vordergründige Kulisse der biblischen Geschichten, lassen wir uns auf die Bilder ein, dann erkennen wir auf Schritt und Tritt Situationen, die noch genauso heute in unsere Welt, in unserer Stadt geschehen.

Liebe Konfi´s,
ihr macht euch auf den Weg ins Leben in den nächsten Jahren. Dabei habt ihr die Zusagen Jesu im Rücken: Seid getrost, fürchtet Euch nicht. Und hört auch die Aufforderung: Kommt! Geht los! Findet heraus, wer ihr seid und was ihr wollt. Laßt Euch nicht von anderen das Leben abnehmen. Steht auf und macht Euch auf den Weg. Und wenn dann die Angst kommt, habt Vertrauen zu dem, der hinter Euch steht. Damit sind wir bei dem zweiten Lied von Marius Müller-Westernhagen angekommen.

Wenn Dir jemand sagt, Du bist zu klein
Und Du hörst immer, laß das sein.
Wenn Dir jemand sagt, Du bist nicht schön
Kann die Lust auf´s Leben schon vergeh´n.

Wenn Dir jemand sagt, viel zu riskant
Ich hab´ Deinen Vater gut gekannt
Wenn Dir jemand sagt, Du trinkst zu viel
Deine letzte Mark geht drauf beim Spiel

Steh´auf
Steh´auf
Steh´auf
Steh´auf

Mit ´nem Koffer kommt der Drogenmann
Schaut sich Deine Wunden an.
Macht Dich glauben, daß er Jesus ist
Bis er Deine Eingeweide frißt.

Steh´auf
Steh´auf
Steh´ endlich auf
Steh´auf

Ich will Dich
Ich brauch Dich`
Laß mich nicht allein

Steh´auf
Steh´auf
Steh´ endlich auf
Steh´auf

Wenn Dir jemand schwört, daß er Dich liebt
Es keinen and´ren Menschen für ihn gibt
Wirst Du es dann glauben oder nicht
Wirst Du Dich entscheiden für das Licht.

Steh´auf
Steh´auf
Steh´ endlich auf
Steh´auf

Liebe Konfi´s, ich hoffe ihr versteht mich nicht falsch. Es geht nicht darum, das total Verrückte zu tun oder sich aufzulehnen und genau das Gegenteil von dem zu tun, was Eure Eltern oder Paten oder Freunde von Euch erwarten. Nein, es geht für Euch darum, Euren ganz eigenen Weg zu finden und da können mitunter die Eltern ganz hilfreich sein. Wie auch immer, wichtig ist, wie immer im Leben: selber hinschauen, selber überlegen, selber prüfen. Und wenn dann die Angst kommt - und die kommt todsicher - dann erinnert Euch vielleicht an diese Geschichte vom wunderbaren Seewandel, als der Petrus auch losging und die Angst ihn überfiel und er im Vertrauen auf Jesus und den Gott, der hinter Jesus stand diese Angst überwand. In diesem Vertrauen kann auch eurer Leben gelingen, ganz gleich was auf Euch zukommt in der Zukunft, ob Ihr das erreicht, was Ihr erwartet und Eure Träume verwirklichen könnt oder vielleicht auch nicht. Der Gott, der hinter Jesus stand, wird auch an Eurer Seite sein. Immer. 
Amen.


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