Freunde
Predigt zur Konfirmation am 17. April 1994
Liebe Gemeinde,
dieser Konfirmationsgottesdienst steht unter dem Thema Freundschaft.
Die Anregung dazu bekam ich an einem Elternabend. Ich fragte die Eltern, welche Themen sie denn gerne Mal im Unterricht besprochen hätten. Und dann kam dieses Thema. Etwa so: Könnten Sie mit den Jugendlichen nicht mal über Freundschaft sprechen? Wir sehen, daß die eigentlich gar keine Freunde mehr haben, so wie wir früher. Ich war zunächst überrascht, griff die Anregung aber auf.
So sprachen wir dann im Unterricht ein paar mal über Freundschaft. Doch schon bald kam mir die Idee, diesen Gottesdienst, mit dem die Zeit des Unterrichts abschließt, unter dieses Thema zu stellen.
Bevor ich richtig loslege, ist eine Vorbemerkung nötig.
Es geht um Freundschaft, nicht um Liebe.
Sicher hat jede gute Liebesbeziehung immer auch die Kennzeichen einer echten Freundschaft. Aber umgekehrt gibt es zwei Dinge, die Freundschaft von der Liebe unterscheiden: einmal ist Freundschaft (in der Regel) keine Lebensgemeinschaft und zum anderen ist der große Bereich der Sexualität ausgeklammert.
Von daher: um Freundschaft soll´s gehen. Also in erster Linie um den Freund, den der Mann hat und die Freundin, die die Frau hat. Natürlich kann auch der Mann Freundinnen haben und die Frau Freunde, ganz klar. Aber ich denke, es ist jetzt deutlich, was ich meine.
Freunde.
Was ist ein Freund? (Und wenn ich jetzt im weiteren von den Freunden spreche, meine ich natürlich immer auch die Freundinnen mit.)
Freundschaft hat schon manches gemeinsam mit der Liebe.
Zum Beispiel kann ich sie mir nicht vornehmen.
Und erzwingen auch nicht.
Da wo sie geschieht, ist sie ein Geschenk.
Freundschaft, das ist ein Gleichklang der Seelen; das ist, wenn der andere tief in mir etwas anrührt.
Freundschaft ist Geben und Nehmen.
Aber auch Sein-lassen-können.
Keineswegs hat Freundschaft unbedingt etwas mit gleichen Interessen zu tun. Die können gleich sein, müssen´s aber nicht.
Freunde stellen auch mal die wirklich unangenehmen Fragen, die mir den Schweiß auf die Stirn treiben und ich mich frage: woher kennt der mich so gut? Aber das sind die Fragen, die mich wirklich weiter bringen.
Freunde.
Auf dem Elternabend haben wir festgestellt: die Zahl der Freunde nimmt ab. Das ist richtig. Unsere Zeit ist schnell geworden. Unsere Bekanntschaften sind flüchtig geworden. Wir haben Angst, uns länger fest zulegen. Und das geben wir an unsere Kinder weiter.
Irgendwie sind wir Sklaven der Fernbedienungen unser Fernseher geworden: das Programm, daß uns nicht gefällt, wird gewechselt. Und im Leben handeln zumeist genauso. Das macht´s für die echten Freundschaften schwer. Denn die setzen meine Bereitschaft voraus, nicht "umzuschalten", sondern dabei zu bleiben.
Freunde.
Ich selbst habe nur wenige Freunde. Ihr wichtigstes Kennzeichen: die Beziehung wird nicht in Frage gestellt. Auch wenn wir wochen-, monatelang, ja manchmal jahrelang nichts voneinander hören. Doch: Ich kann aus der Tür gehen. Und vielleicht erst nach langer Zeit wiederkommen. Hineingehen. Und zu reden anfangen. Und dann, ja, dann ist es, als wäre die Zeit stehen geblieben.
Es gehört zu den schönsten Erfahrungen meines Lebens, dieser Moment:
Ich kenne diesen Menschen. Seit Jahren vielleicht. Habe ihn lange nicht gesehen. Und vorher überlegt: Mensch, wie wird das sein? Und dann komme ich die Tür herein und wir begrüßen uns, umarmen uns - und dann ist es eben so, als wäre die Zeit stehen geblieben, als wäre ich nie fort gewesen. Wir setzen uns und fangen zu reden an. Und wir verstehen uns. Andeutungen genügen. Und es ist wieder wie früher.
Freunde.
Wo findet "man" sie?
Schwer zu sagen.
Wer mein Freund ist, zeigt sich erst im Lauf der Zeit.
Denn:
Es gehört zu den schmerzlichsten Erfahrungen meines Lebens, mich in Menschen hinsichtlich ihrer Freundschaft getäuscht zu haben.
Da sind Menschen, von denen ich mir vorgestellt, vielleicht gewünscht habe, daß wir Freunde für´s Leben sein könnten. Und dann wurden wir es nicht. Vielleicht, weil die Beziehung ganz eingeschlafen ist. Oder, noch schlimmer, als wir uns wiedersahen, plötzlich merkten, daß wir nichts mehr miteinander zu bereden hatten...
Das kann passieren. Auch wenn am Anfang die Faszination da war, ich mir vorstelle, der andere könnte mein Freund werden. Und wir zunächst aufeinander fliegen, uns perfekt verstehen, immer zusammen sein wollen, einander bereichern. Der Andere mein heißgeliebter Freund ist. Und dann zeigt sich, daß alles ein Strohfeuer war. Das, was uns verbunden hat, ist schnell verbrannt. Und nichts als Asche zurückgeblieben.
Also, noch einmal die Frage:
Wo finde ich meine Freunde?
Es gibt kein Rezept.
Ich kann nur hoffen.
Warten.
Offen bleiben.
Suchen.
Zupacken, wo sie sich zeigt.
Aber erzwingen läßt sich die Freundschaft nicht, niemals.
Freunde.
Manchmal biedern Menschen sich mir an. Drängen sich auf. Mitunter sehr geschickt. Versuchen, sich in unser Leben hineinzuschmeicheln. Aber sie wollen eigentlich nicht mein Freund werden, sie wollen etwas anderes. Wenn Ihr jemals das Gefühl habt, von einem Anderen bedrängt, gedrängt zu werden, dann laßt die Finger von ihm oder ihr. Er - oder sie -meint´s nicht ehrlich. Er - oder sie will gar nicht Euer Freund sein. Sondern bestimmen. Seinen Willen, seine Wünsche durchsetzen. Auf Eure Kosten.
Freunde.
Also, wenn es Euch vergönnt ist, daß Ihr solche Freunde habt oder sie noch findet, dann pflegt diese Freundschaften. Geht sorgsam mit ihnen um. Und behaltet sie auch und gerade neben den Liebesbeziehungen, die Ihr in den kommenden Jahren haben werdet. Hoffentlich. Ich wünsche es Euch. Auch, daß eure Partner Euch neben der Liebe auch Freunde werden. Aber bewahrt Euch - um Himmels willen! - Eure Freundschaften neben Euren Liebesbeziehungen. Denn sollten die einmal scheitern, dann habt Ihr die anderen Freunde bitter nötig... Die tun dann sehr gut.
Freunde.
Auch Jesus ist ein Freund. Kurz vor seinem Tod sagt er zu seinen Anhängern:
"Euch habe ich gesagt, daß ihr Freunde seid" (Johannes 15,15).
All das, was ich über Freundschaft gesagt habe, gilt auch von ihm.
Er begleitet mich. Ist an meiner Seite, Tag für Tag. Und sucht dabei nicht seinen Vorteil. (Auch wenn die Kirche manchmal den Eindruck erweckt, daß sie ihren Vorteil sucht - er nicht!)
Aber er stellt die unangenehmen Fragen, die Fragen, die mich wirklich weiterbringen im Leben:
Was tust du mit Deinem Leben?
Was willst du unbedingt erreichen, tun, schaffen?
Wie sieht der Sinn Deines Lebens aus?
Bist du wirklich zufrieden?
Wovor hast Du in Deinem Leben am meisten Angst?
Ihr könnt das Neue Testament aufschlagen, wo Ihr wollt, Ihr werdet auf diesen Jesus treffen.
Brennend interessiert an mir und meinem Leben.
Der nicht mit Vorwürfen oder Vorschriften kommt, sondern mit seinem Interesse an uns allen.
Aber vor allen ist es dieses eine, was ihn als Freund auszeichnet - und damit bin ich bei Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden:
Denn Ihr werdet fortgehen mit dem heutigen Tag aus diesem Haus. Und Ihr werdet vermutlich lange nicht wieder zurückkehren. Und das ist auch okay so. Es ist erst einmal genug nach zwei Jahren Unterricht. Jede Woche eine Stunde Nachdenken über Gott - und über Euch selbst. Das ist weit mehr, als die meisten Eurer Eltern in den letzten zehn Jahren, ja vielleicht sogar in den letzten zwanzig Jahren - über sich und Gott nachgedacht haben. Daß das erst einmal reicht, kann ich gut verstehen.
Doch wenn Ihr eines fernen Tages das Bedürfnis habt, wieder einmal in die Kirche zu gehen, oder Euch mit dem Glauben zu beschäftigen oder Euch über das Christentum auseinanderzusetzen, dann kommt wieder. Und erinnert euch daran: die Tür ist offen und bleibt offen.
Wenn ich´s im Bild sagen soll: Jesus steht in der Tür und wartet.
Nicht mit vorwurfsvollem Blick oder erhobenen Zeigefinger und schon gar nicht mit einer Drohgebärde.
Sondern er kommt Dir entgegen und nimmt Dich in die Arme und sagt:
Schön, daß Du da bist. Komm herein.
Er ist da. Und hinter ihm steht die Macht, die wir Gott nennen, der wir alles verdanken, was wir haben und sind. Und in Jesus spiegelt sich diese Macht, die sagt: Ich habe Dich lieb.
Ich wünsche Euch, daß Ihr mindestens einmal im Leben diese Erfahrung mit der Macht macht, die wir Gott nennen. Denn das ist eine Erfahrung, von denen Menschen zeitlebens zehren können.
Amen.