Jesus und der Besessene von Gerasa -
Konfirmationspredigt über Markus 5,1-10
Text in eigener Übersetzung:
Und Jesus kam mit seinen Jüngern in das Land der Gerasener. Sofort lief ihm von den Gräbern her ein Mensch mit einem unreinen Geist entgegen, der seine Wohnung in den Grabstätten hatte. Selbst mit Ketten konnte ihn keiner binden, denn er war oft mit Fußfesseln und mit Ketten gebunden worden und hatte die Ketten in Stücke zerrissen und die Fußfesseln zerrieben. Niemand konnte ihn bändigen. Immer, Nacht und Tag, war er in den Grabstätten und auf den Bergen und schrie und zerschlug sich mit Steinen.
Als er Jesus von fern sah, lief er und warf sich vor ihm nieder; und schrie mit lauter Stimme: Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, Sohn Gottes, des Höchsten? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht! Denn Jesus hatte zu ihm gesagt: Fahre aus, du unreiner Geist, aus dem Menschen!
Und Jesus fragte ihn:
Wie ist dein Name?
Und er spricht zu ihm: Legion ist mein Name, denn wir sind viele.
Und er bat ihn sehr, daß er sie nicht aus der Gegend fortschicke. Es war aber dort an dem Berg eine große Herde Schweine auf der Weide. Und sie baten ihn und sagten: Schicke uns in die Schweine, damit wir in sie hineinfahren. Und Jesus erlaubte es ihnen. Und die unreinen Geister fuhren aus und fuhren in die Schweine, und die Herde stürzte sich den Abhang hinab in den See, etwa zweitausend, und sie ertranken in dem See. Und ihre Hirten flohen und verkündeten es in der Stadt und auf dem Land; und sie kamen, um zu sehen, was geschehen war. Und sie kommen zu Jesus und sehen den Besessenen, der die Legion gehabt hatte, bekleidet und vernünftig sitzen, und sie fürchteten sich. Und die es gesehen hatten, erzählten ihnen, wie dem Besessenen geschehen war, und das von den Schweinen. Und sie fingen an, Jesus zu bitten, daß er aus ihrem Gebiet weggehe. Und als er in das Schiff stieg, bat ihn der, der besessen gewesen war, daß er bei ihm sein dürfe. Und er gestattete es ihm nicht, sondern spricht zu ihm: Geh in dein Haus zu den Deinen und verkünde ihnen, wieviel der Herr an dir getan und wie er sich deiner erbarmt hat.
Und er ging hin und fing an, in der Gegend auszurufen, wieviel Gutes Jesus an ihm getan hatte, und alle wunderten sich.
Liebe Konfi's,
das wird die letzte Predigt sein, die ihr in eurer Konfirmandenzeit zu hören bekommt. Und für viele von euch wird es die letzte für viele Jahre sein. Das habt ihr mir letzte Woche schon deutlich gesagt. Die letzte Predigt... Ihr habt ja einige gehört in den vergangenen zwei Jahren. Diese hier geht ganz allein an euch. Sie ist nicht für eure Eltern gedacht, nicht für eure Paten, ihr seid gemeint, ihr allein. Ich will noch einmal versuchen deutlich zu machen, was Glaube an Jesus für euch bedeuten kann.
Ihr seid jetzt 14, 15. Die nächsten vier, fünf Jahre werden sehr, sehr wichtig für euch. Vieles müßt ihr entscheiden. Welchen Beruf ihr wählt. Mit wem ihr leben wollt. Wo ihr leben wollt. Welchen Schulabschluß ihr machen wollt. Für die Jungs steht die Frage Wehrdienst oder Zivildienst an.
Vielleicht sehnt ihr diese Zeit herbei, wo ihr auf eigenen Füßen steht. Selbst entscheiden könnt was ihr wollt und was ihr macht. Vielleicht ist aber auch etwas Angst vor dieser Zeit dabei. Vielleicht ist es eine Mischung aus beidem - bei mir war das damals zumindest so.
Wie entscheiden? Welchen Weg gehen? Vielleicht erinnert ihr euch an das Bild, das wir einmal betrachtet haben: Der Junge, der sein Kinderzimmer verläßt und eine Treppe vor sich hat, die irgendwo in den Wolken endet... Ein Stück weit können wir vorausschauen. Doch was dann kommt, liegt im Nebel...
Wie entscheiden? Da ist die Angst vor Fehlern, vor falschen Entscheidungen. Viele Stimmen reden auf euch ein. Versuchen zu helfen. vielleicht auch zu bestimmten. die Eltern wollen helfen und nur das Beste, die Lehrer vielleicht auch. Und die Clique und das Fernsehen. Und die Mode sagt, was gerade in ist... Es ist schwierig, den eigenen Weg zu finden. Sehr schwierig. Was tun?
Die Geschichte aus dem Markusevangelium mag eine Orientierung geben. Denn dieser Mann da ist uns heute ähnlich. Auf den ersten Blick kommt euch das vielleicht komisch vor. Ich will euch erklären, wie ich darauf komme.
Dieser Mann ist wie tot. Er lebt auf dem Friedhof Kommt mit sich nicht zurecht. Haßt sich. Ist aggressiv gegen sich. Ist hin und hergerissen. Er läuft Jesus entgegen und schreit ihn gleichzeitig an: hau ab, laß mich in Ruhe.
Der entscheidende Punkt in dieser Geschichte ist die Frage Jesu:
Wie ist dein Name?
Wie heißt du?
Wer bist du?
Und er muß antworten - und die Antwort ist schrecklich: Legion ist mein Name. Wir sind viele. Ich bin nicht ich. viele Geister reden auf mich ein. Wir wurden sagen: er hört viele innere und äußere Stimmen, die auf ihn einschneien Und das kennen wir alle.
Wir müssen nur einmal überlegen: wo sage ich "ich" - und wo sage ich "man". Man tut das nicht... Man hat das Gefühl... Man bleibt dabei... Man. Nicht ich. Irgendwer halt. Aber nicht ich. Man. Ich verstecke sich hinter man. Traue mich nicht ich zu sagen.
So auch dieser Mann. Er hört viele Stimmen. Und weiß über dem Geschrei nicht, wer er ist. Vielleicht hat er nie gefragt:
Wer bin ich?
Was geht in mir vor?
Was ist mein Wesen?
Was fühle ich?
Was für Träume, Ziele, Wünsche habe ich?
Sondern wahrscheinlich hat er eher so gefragt: Wie soll ich sein? Was sagen die Eltern? Was der Chef? Der Freund, die Freundin, die Nachbarn? Was gaukelt mir die Werbung vor? Wie komme ich nach oben? Was ist "in"? Wie gehört man dazu?
Jesus legt den Finger auf den Punkt. Wie heißt du? Wer bist du? Die Antwort: Ich weiß es nicht. Ich lebe nicht selber. Ich werde gelebt. Andere bestimmen über mich. Und ich hasse mich dafür. Schlage mich, zerreiße die Ketten. Ich kann nicht mit anderen leben. So drastisch reden heute sicher nur wenige. Und wer sich so behandelt und sich so aufführt, landet heute nicht auf dem Friedhof, sondern in der Psychiatrie. Aber Haß gegen sich selbst, das gibt es ganz oft und in anderen Formen. Ich lehne mich ab. Werde traurig und depressiv. Fange an zu saufen oder nehme Tabletten. Denke an Selbstmord. Oder noch schlimmer: ich bin so abgestumpft, daß ich gar nicht mehr leide darunter, nicht zu leben, sondern gelebt zu werden. Dann ist alles tot in mir, alles still... Und an der Oberfläche ist derselbe Mensch totschick, strahlend, erfolgreich, angesehen, beliebt...
Liebe Konfi's, Jesus stellt die Frage:
Wie heißt du?
auch an euch. Wie an uns alle. Denn wir alle stehen in der Gefahr, nicht zu leben, sondern gelebt zu werden. Die Frage zu beantworten, ist allerdings sehr schwer. Heraus zu finden, was ich wirklich will - das ist schwer. Aber wichtig. Denn - so banal es klingt - ihr habt nur ein Leben. Und das ist viel zu schade, als es zu vertun! Zu vertun, indem "man" tut, was sich gehört, was anderer sagen.
Die Frage Jesu zu beantworten, ist schwierig. Einfacher ist es, mit zu schwimmen und dem eigenen Weg auszuweichen. Sich bestimmen zu lassen.
Denn wenn ich versuche, die Frage zu beantworten, kann es sein, daß ich Angst bekomme. Angst davor, sich gegen die Eltern, die Freunde, die Lehrer stellen zu müssen. Denn das könnte ja dabei herauskommen. Oder - in eurem Alter vielleicht noch unangenehmer: ich könnte herausfinden, daß das, was ich wirklich will, genau das ist, was meine Eltern schon immer für mich das Beste hielten...
Oder da könnte die Angst riesengroß werden, daß ich mich falsch entscheide. Das wäre in der Tat schlimm, wenn ich das nach Jahren herausfinden wurde. noch viel schlimmer es allerdings, nach 40 oder 50 Jahren zu merken, daß ich niemals den eigenen Weg gegangen bin und die Jahre unwiderruflich vertan sind. weil die Zeit nicht mehr zurück zu drehen ist...
Ich will es ganz persönlich sagen. Es gibt in meinem Leben einige Jahre, von denen ich heute sage: das war vertane Zeit. Da habe ich nicht getan, was ich wollte, sondern das, was andere sagten. Das tut weh.
Jetzt könntet ihr natürlich fragen: Mensch, warum hast du das denn gemacht? Die Antwort die ich geben müßte: ich konnte nicht anders. Die Angst vor dem eigenen Weg war zu groß und übermächtig.
Dann könntet ihr weiter fragen: wie bist du denn gegen die Angst dann irgendwann angekommen? Die Antwort: der Mann in der Geschichte hat seinen Weg auch allein nicht gefunden. Erst als Jesus kommt, wird er befreit. Weil Jesus die richtige Frage stellt. Die diesem Mann vorher keiner gestellt hat. Und Jesus erlaubt ihm dann, alles heraus zu lassen, allen Frust, allen Schmerz, allen Ärger. Symbolisch ist das hier dargestellt in der Szene mit den Schweinen: alles heraus lassen, was an "schweinischem" in diesem Mann steckt. Danach ist es gut.
O.k., könntet ihr weiter sagen, wo ist denn dann dieser Jesus heute?
Darauf kann ich zwei Antworten geben: eine persönliche und eine von dieser Geschichte her. Und beide sind identisch. Zunächst zum Text.
Am Ende fragt der Mann Jesus, ob er bei ihm bleiben könne. Jesus lehnt ab und sagt ihm, er solle nach Hause gehen und dort erzählen was der Herr - also Gott - Gutes an ihm getan hat. Er geht hin und erzählt, was Jesus an ihm getan hat. Also: Gott begegnet in dem Mensch Jesus. Durch einen Menschen, der vertrauenswürdig ist und Mut macht.
Und genau dies ist auch meine Erfahrung. Den Schritt zu dem, was ich wollte, konnte ich erst tun, als ich Menschen begegnete, die mir Mut machten zum eigenen Weg. die mir Worte sagten, die meine Angst beruhigten. Die mich nach vorne schauen ließen. Ich sage heute: in diesen Menschen ist mir Gott begegnet. Weil mir durch sie der eigene Weg möglich wurde.
Liebe Konfi's, ich kann euch nur wünschen, daß ihr Menschen findet, die euch Mut machen und denen ihr vertrauen könnt. Vielleicht müßt ihr sie suchen, aber ihr könnt sie finden. Ich wünsche es euch genauso, wie ich euch wünsche, daß ihr den Mut habt, die Antwort auf die Frage Jesu zu suchen:
Wie ist dein Name?
Wer bist du?
Was sind deine Träume,
deine Ziele,
deine Wünsche,
deine Hoffnungen?
Amen.