Jungfrauengeburt - Predigt über einen schwierigen Begriff aus dem Glaubensbekenntnis
"empfangen vom Heiligen Geist, geboren von der Jungefrau Maria..." - so sprechen wir es an jedem Sonntag im Gottesdienst. Worte aus dem Glaubensbekenntnis. Schwierige Worte. Wie soll ich das verstehen? Was sollen diese Sätze bedeuten? Widersprechen sie nicht all unserer Erfahrung? Für manche sind solche Sätze ein Beweis dafür, dass das Christentum von gestern und die christliche Botschaft völlig veraltet und unglaubwürdig ist.
Doch die Fragen gibt es auch innerhalb der christlichen Kirche. Wie soll ich mir das vorstellen? Ist Jesus dann wirklich Mensch, wenn er von einer Jungfrau geboren und vom Heiligen Geist gezeugt ist? Ist er dann nicht eher ein Halbgott? Fragen über Fragen.
So wie ich es sehe, gibt es zwei sehr weit auseinander liegende Versuche, diese Sätze zu verstehen.
Die einen sagen: Gott ist Gott und wenn es in der Bibel steht, dass Jesus von einer Jungfrau geboren ist, dann glaube ich das so, wie es da steht. Ich traue Gott zu, dies so getan zu haben, warum auch immer. Er ist Gott, nicht ich.
Die anderen sagen: wir müssen versuchen zu verstehen, wie das gemeint ist. Und wir müssen es überprüfen an unserer normalen Vernunft und der wissenschaftliche Erkenntnis. Gott hat uns schließlich diesen Verstand gegeben, um ihn zu gebrauchen. Da sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse mit der Zeit ändern, müssen wir dann zwar stets neu überlegen, aber das liegt in der Natur der Sache.
Ich habe für beide Seiten Sympathien. Ich kann Menschen verstehen, die sagen, was soll ich mir da große Gedanken machen? Ich vertraue Gott und das allein zählt, auch wenn ich dann vielleicht manches nicht erklären kann. Ich kann aber auch die anderen verstehen, die sagen, ich muss der Sache auf den Grund gehen, ich möchte glauben und meinen Verstand gebrauchen können und das soll nicht völlig getrennt nebeneinander stehen. Ich habe für beide Seiten Verständnis. Allerdings nicht für die leider auch immer wieder auftauchende gegenseitige Verteufelung: Wenn du nicht glaubst, wie es da steht, dann bist du kein rechter Christ, weil du Gott und der Bibel nicht wirklich vertraust, werfen die einen den anderen zu und die anderen schlagen vielleicht zurück: ihr Hinterweltler und Ewig-Gestrigen, eure starre Haltung führt doch nur dazu, dass sich immer mehr Menschen vom christlichen Glauben abwenden.
Ich habe für beide Seiten Sympathien, aber ich sage doch ganz offen, dass ich zu der zweiten Sorte Mensch gehöre. Ich möchte schon meinen Verstand gebrauchen können und den Dingen auf den Grund gehen. Und ich glaube, dass es vielen anderen auch so geht. Deshalb erkläre ich meinen Konfirmanden das mit der Jungefrauengeburt so:
Von Jörg Kachelmann haben wir alle schon mal gehört. Er ist der Meteorologe, der im Fernsehen das Wetter ansagt. So einen nennen wir schon mal einen Wetterfrosch. Und dann gebe ich den Konfis eine Liste prominenten Personen und bitte sie, den Beruf der Personen zu nennen und für jede und jeden so ein Schlagwort zu suchen.
In diesem Jahr wurde so Arnold Schwarzenegger als Muskelprotz bezeichnet, Pamela Anderson als Busenwunder, Jeanette Biedermann als Sternchen, Ailton von Werder Bremen als Torjäger und Leonardo di Caprio als Herzensbrecher.
So, sage ich dann, jetzt stellt euch mal das ganz wörtlich vor:
Tor-Jäger und Herzens-Brecher.
Dann fangen die Konfis an zu lachen, und sagen, das geht ja nicht. Torjäger, das ist doch keiner, der mit der Flinte auf das Tor schießt. Und Herzensbrecher, das geht noch weniger, das Herz ist weich und glitischig, das kann ich in echt doch gar nicht brechen. Das sind doch nur Bilder.
Ja, sage ich dann, das sind nur Bilder. So, wie es die Jungfrauengeburt auch nur ein Bild ist. Wer damals lebte, wußte sofort, was gemeint ist. So wie heute jeder mit den Wörtern Torjäger und Herzensbrecher etwas anfangen kann.
Damals war es so, dass Sexualität als negativ angesehen wurde und Zeugung und Geburt als schmutzig galten. Frauen, die geboren hatten, mußten bestimmte Reinigungsvorschriften erfüllen, bis sie wieder unter Leute durften.
Und wenn ich dann weiter frage, wenn ihr das hört, was könnte da der Gedanke einer Jungfrauengeburt, also der Geburt eines Menschen ohne vorhergegangenen Geschlechtsverkehr, über Jesus aussagen - dann kommen die Konfis meist recht schnell auf den Gedanken, dass Jesus als etwas besonders reines und heiliges angesehen wird und von der - wie gesagt damals als schmutzig angesehenen - Sexualität fern gehalten werden sollte. Genau dies ist der Hintergrund dieses Bildes, den damals jedes Kind verstand, weil nach damaliger Anschauung auch alle römischen Kaiser als von Jungfrauen geboren angesehen wurden.
Und von da aus ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. Stellt euch vor, bitte ich meine Konfis, was sagen die Menschen in fünfhundert Jahren über den Torjäger, wenn Fußball längst Geschichte ist? Sie werden lachen über diese Verrückten aus dem 21. Jahrhundert, die doch tatsächlich glaubten, dass Menschen mit Waffen auf Tore schießen. Erst wenn sie verstehen, dass es damals ein bekanntes Bild war, wird ihr Lachen verstummen. Und genauso können wir, wenn wir das Glaubenbekenntnis gemeinsam sprechen, an der Stelle von der Jungfrauengeburt daran denken, dass dieses Bild nichts weiter aussagen möchte, als das Jesus ein außergewöhnlicher Mensch war. Und das war er ganz sicher.
Amen.