Judas - Verräter, Verführter, Verblendeter...?
Predigt am Karfreitag 2006
I.
Auf den ersten Blick scheint das ganz einfach zu sein mit Judas. Er ist der Verräter, er liefert Jesus aus. Jesus stirbt und Judas endet im Wahnsinn, bringt sich um. Die Evangelisten deuten dies als Zeichen seiner Verlorenheit. Er ist der Böse, der Verlorene. Judaskuss und Judaslohn sind in unsere Sprache als Sprichwörter eingegangen. Es tut auch gut, einem die Schuld für den Tod Jesu zuschieben zu können, aller Hass, alles Kopfschütteln richtet sich auf ihn, lenkt ab von der Tatsache, dass Jesus immer davon gesprochen hat, für die Sünden aller zu leiden, nicht nur für Judas – den wir ja auch schnell als so verloren ansehen, dass für ihn Vergebung und Erlösung nicht in Frage kommen…
II.
Schaut man etwas genauer hin, ist die Sache nicht mehr so einfach.
Judas ist einer der Zwölf. Ein Freund und Gefährte Jesu. Mit ihm zog er Monate, vielleicht Jahre durchs Land. Wie kommt's, dass er Jesus ans Messer liefert?
Die Evangelisten sind letztlich ratlos:
Markus nennt gar kein Motiv. Stellt die bloße Tatsache als gegeben hin.
Bei Lukas ist der Teufel in Judas gefahren und macht diesen zum willenlosen Subjekt. Auch nicht wirklich eine hilfreiche Antwort… Alle Schuld, alles Versagen, könnten wir Menschen so dem Teufel zuschreiben und uns von aller Verantwortung frei sprechen. Denn was unterscheidet Judas von uns anderen?
Für Matthäus wiederum ist das Geld der treibende Grund und Johannes nimmt dies auf und nennt Judas einen Dieb, der schon früher gestohlen hat. Gut, das wäre ein mögliches Motiv. Für Geld haben Menschen schon viel Schlimmes angerichtet.
Doch nach Matthäus geht Judas nach dem Tod Jesu hin und wirft den Hohepriestern das Geld vor die Füße und sagt, er habe unschuldiges Blut vergossen. Woher kommt die plötzliche Einsicht?
III.
Die Passionsgeschichte zeigt auf Schritt und Tritt, warum Jesus sterben musste. In jeder Person, die uns dort vor Augen gestellt wird, liegt etwas verborgen, dass uns als Menschen zeigt, die dazu beitragen, dass Jesus ans Kreuz kommt. Petrus bekommt Angst vor der eigenen Courage, Pilatus hat Angst vor politischen Verwirrungen und wäscht seine Hände in Unschuld, die Hohepriester wollen endlich den religiösen Unruhestifter beseitigt sehen, sind auch eifersüchtig, dass das Volk Jesus mehr liebt als sie selbst. Überall begegnen uns Menschen, die keineswegs besonders böse wären. Nein, sie verhalten sich wie du und ich, hier und überall, nicht immer, aber immer wieder: ganz und normal, alltäglich. Unsere Normalität spiegelt das, was die Bibel Sünde nennt und das normale, alltägliche Verhalten bringt Jesus ans Kreuz. Und dies gilt auch für Judas.
In dem neu aufgetauchten Judas-Evangelium wird er als enger Vertrauter Jesu gezeichnet, der ale einziger Jesu wahre Bestimmung gekannt haben solle. Daher habe ihn Jesus auch gebeten, ihn absichtlich zu verraten, damit er seine Mission zu Ende bringen kann. Die Theologen sind sich relativ einig, dass in diesem Text nicht wirklich Neues und vor allem nichts enthüllendes steckt – das schreibt sogar der SPIEGEL (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,410159,00.html .
Robert Leicht schreibt in der ZEIT dazu, dass es mehr als unwahrscheinlich sei, dass Jesus nur einem einzigen Menschen seine wahren Absichten offenbart hätte, die gesamte Linie seiner Botschaft spräche dagegen.
Allerdings eine Aussage des Judas-Evangeliums stimmt vermutlich: Judas war ein enger Freund und Vertrauter Jesu. Vermutlich stammte er aus Kreisen, die auf einen politischen Umsturz im Land hofften und von Jesus erwarteten, er würde sich eines Tages als Anführer eines Befreiungskrieges gegen die Herrschaft der Römer stellen. Manche Aussagen Jesu lassen sich ja auch durchaus so verstehen: "Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert" (Mt. 10,34), z. B. Und auch in der Hoffnung auf den kommenden Messias gibt es Texte aus dem Alten Testament, die einen kriegerischen Messias ankündigen. Es spricht manches dafür, dass Judas mit seinem Verrat Jesus zwingen wollte, endlich alle Zurückhaltung aufzugeben und sein wahres Gesicht zu zeigen. Und gerade Jerusalem bot sich dafür an: der Mittelpunkt, die alte Königstadt Israels. Und als er merkt, dass Jesus zwar nach Jerusalem zieht, aber wieder keine Anstalten unternimmt, die Macht im Land zu beanspruchen, da kann er nicht mehr warten. Zu groß der Druck in Judas, zu groß der Hass auf die Römer, zu große die sehnsüchtigen Erwartungen auf den Kriegsherren und Messias Jesus. Es spricht manches dafür, dass er ihn ausliefert, um eine Entscheidung herbei zu zwingen. Und als er anschließend merkt, dass sein Plan nicht aufgeht, dass Jesus ganz anderes im Sinne hatte, auch den Verrat erträgt, weil er ganz gut in den Absicht Jesu passte, sich hier zu stellen und ans Kreuz zu gehen – da wirft er den Hohepriestern den Judaslohn vor die Füße, nimmt sich einen Strick, er ist auf der ganzen Linie gescheitert.
IV.
Das ist das Ende des Judas.
Wirklich?
"In der Kirche von Vezelay befinden sich zwei Darstellungen des Judas: eine zeigt ihn mit einem offenen Mund wie einen Schrei, der nie endet, wie den Schmerz einer Verzweiflung, die den eigenen Untergang förmlich sucht; eine andere zeigt, wie Jesus ihn auf seinem Rücken trägt, sein Mund ist geschlossen, der Schmerz verstummt - ein Sieg der Barmherzigkeit, jenseits des Todes, für alle Zeit." (Eugen Drewermann, Das Markus-Evangelium - Zweiter Teil, S.448)
Liebe Gemeinde,
mir gefällt diese Darstellung in der Kirche von Vezelay. Denn auch Judas verhält sich "normal". Wie oft haben wir gute Absichten und handeln dennoch völlig falsch, weil die Verhältnisse anders sind, als wir sie eingeschätzt haben. Oder wir sind unseren Vorstellungen, Erwartungen, Wünschen so gefangen, dass wir nicht sehen, dass wir in die Irre laufen und andere mit in den Abgrund ziehen, wenn wir sie weiter verfolgen. So reiht sich Judas in die lange Reihe derer, die Jesus ans Kreuz bringen. So erklären sich auch die meisten Aussagen des Neuen Testamentes zu ihm.
Und: wir haben nicht mehr die Möglichkeit, auf ihn zu zeigen und von der menschlichen Verstrickung abzulenken. Denn die realen Menschen, denen Jesus auf seinem Weg ans Kreuz begegnet, handeln so wie wir bis heute handeln. Daher sind sie uns nahe, und diese Menschen – uns! - will Jesus erlösen. Das gilt dann aber auch für Judas.
Amen.