Matthias Jung

 

 

 

Judas.
Predigt am Gründonnerstag 2003

 

I.

 

Auf den ersten Blick scheint das ganz einfach zu sein mit Judas. Er ist der Verräter, er liefert Jesus aus. Jesus stirbt und Judas endet im Wahnsinn, bringt sich um. Die Evangelisten deuten dies als Zeichen sei­ner Verlorenheit.

Schaut man etwas genauer hin, ist die Sache nicht mehr so einfach.

Judas ist einer der Zwölf. Ein Freund und Gefährte Jesu. Mit ihm zog er Monate, vielleicht Jahre durchs Land. Wie kommt's, das so einer Je­sus ans Messer liefert?

Die Evangelisten sind letztlich ratlos:

Markus nennt gar kein Motiv.

Bei Lukas ist der Teufel in Judas gefahren und macht diesen zum wil­lenlosen Subjekt.

Für Matthäus ist das Geld der treibende Grund und Johannes nimmt dies auf und nennt Judas einen Dieb, der schon früher gestohlen hat.

Doch nach Matthäus geht Judas nach dem Tod Jesu hin und wirft den Hohenpriestern das Geld vor die Füße und sagt, er habe unschuldiges Blut vergossen. Woher kommt die plötzliche Einsicht? Ich möchte in die Person des Judas schlüpfen und ihn selbst erzählen lassen. Und die Geschichte vom letzten Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern spielt da eine zentrale Rolle.

II.

Nein, das habe ich nicht gewollt! Getötet haben sie ihn. Ihn den Römern übergeben und angeschwärzt. Und die haben kurzen Prozess gemacht. wie einen Verbrecher haben sie ihn hingerichtet!! Nein, das habe ich nicht gewollt. Hinter­gangen haben die mich und getäuscht. Ich wollte doch ganz etwas anderes... 

Irgendwie war ich immer ein Außenseiter unter den Jüngern, von Anfang an. Es lag vielleicht daran, dass ich aus Judäa kam und nicht aus Galiläa wie die anderen. Wenn man nicht in der Heimat lebt, spricht man oft nicht nur einen anderen Dialekt als die anderen. Aber es gab noch etwas anderes. Ich war aufgewachsen in den Synagogen. Mein Vater hat mich in den Traditionen meiner Väter unterrichtet, wie sich das gehörte. Ich habe den Schriftgelehrten zugehört und all das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Ich lebte wie ein Jude. Die anderen Jünger dagegen kamen aus Galiläa. Von dort aus ist Jerusalem und der Tempel weit weg und die Leute da nehmen es mit dem Gesetz oft nicht so genau. Wenn sie es überhaupt kennen. Jedenfalls, was die Jünger angeht - keiner kannte sich auch nur annähernd so in den jüdischen Traditionen aus wie ich. 

Eines Tages war ich Jesus begegnet. Ich war vom ersten Augenblick an fasziniert. Diese Freundlichkeit. Diese Zuwendung. Wenn der mit dir sprach, dann wusstest du: der spricht jetzt nur mit dir und die Welt existiert gar nicht um dich herum. Und seine Augen, die werde ich nie vergessen. Wenn die dich ansahen, dann ging dir das durch und durch und du wusstest: dem kannst du dein Herz ausschütten, dem kannst du alles sagen. Kein Wunder, dass all die Menschen zu ihm gerannt kamen... Begeistert und fassungslos vor Freude war ich, als er mich - mich! - fragte, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm zu gehen. Allein der Gedanke war wie ein Traum. Ständig in der Nähe von diesem Mann sein zu können! Keinen Moment habe ich gezögert. Und es war dann wie ein Traum. Meine Seele blühte auf wie nie zuvor in meinem Leben...

Doch mit der Zeit legte sich da ein Schatten auf meine Seele. Oder besser gesagt: es entstand ein Zwiespalt in mir, als ich sah, wie Jesus mit dem Gesetz der Juden umging. Er achtete sie, keine Frage. Er verstand sie viel tiefer als unsere Schriftgelehrten. Aber: er übertrat sie eben auch. Und das tat mir weh. Das war wie ein Stachel im Fleisch. Ich spürte: wenn der nur den Mund aufmacht, spricht mit jedem Wort die Liebe Gottes aus ihm. Und dann dieser Umgang mit den Geboten... Ich war hin- und hergerissen. Ich sah ihn und die Schriftgelehrten. Beide waren mir lieb und teuer. Die eine Seite hatte ich dreißig Jahre meines Lebens Tag für Tag gelebt und die andere Seite, nun, das war Jesus. Es tat mir weh, wenn ich sah, dass sie sich immer mehr zerstritten. Ich wollte dagegen, dass sie sich versöhnten.

Als er dann davon sprach, nach Jerusalem zu gehen, kam mir eines Nachts, als ich mich wieder mal ruhelos herumwarf, plötzlich die Idee: ich würde eine Lösung herbeizwingen zwischen Jesus und den Hohenpriestern. Ich würde sie an einen Tisch bringen. Ich dachte, wenn die erst einmal Jesus gegenüber sitzen, dann wird auch ihnen das Herz aufgehen - und dann werden sie sich versöhnen. Und dann wird alles gut.

Also, das dachte ich mir. Ich wollte, dass für alle sichtbar würde: Jesus ist der Messias. Dann würde auch der Riss in mir heilen.

Gesagt, getan. Ich ging hin zu den Hohenpriestern. Die waren superfreundlich. Sie zeigten sich ganz begeistert von meinem Plan. Toll fanden sie es, endlich Jesus begegnen zu können. Mit ihm reden und sich versöhnen zu können. Die Freude stand ihnen ins Gesicht geschrieben.

Allerdings - hinter meinen Rücken werden sie schallend gelacht haben über mich.

An dem Abend saßen wir zusammen. Dann das Abendmahl. Das ist mein Leib, sagte er, und das ist mein Blut für euch vergossen. Da haben wir alle noch nicht verstanden. Jesus muss gespürt haben, dass irgendetwas im Busch war. Einer von euch wird mich ausliefern, sagte er. Er sagte es ganz ruhig, ohne Vorwurf. Trotzdem, mir ging es durch und durch - aber ich dachte, es ist doch nur, damit endlich Frieden sein wird. Und dann haben sich alle angeguckt und gefragt: Bin ich's? Als er dann sagte: Einer von euch, der mit mir das Brot in die Schüssel taucht, da konnte ich nicht mehr und bin davon gestürzt. Ich holte die Soldaten und führte sie in den Garten Gethsemane - ich wusste, dorthin würde Jesus gehen.

Und dann standen wir uns gegenüber. Die Soldaten hinter mir - Jesus und die Jünger auf der anderen Seite. Und ich dazwischen. Da war er wieder, der Zwiespalt in mir - und nun ganz offensichtlich. Ich suchte verzweifelt nach einer Geste. Ich wollte nicht, dass Jesus dachte, ich hätte ihn verraten. So trat ich zu ihm und gab ihm einen Kuss.

Aber er wusste es ganz genau, was ich es tat und auch warum ich es tat. Aber da war noch etwas  in seinen Augen: eine abgrundtiefe Traurigkeit und ein ungeheurer Schmerz. Es zerriss mir fast das Herz. Ich konnte es nicht ertragen, wandte mich ab und lief davon. Ich dachte nur noch: morgen, morgen ist alles vorbei und alles gut...

Ich versteckte mich im Garten und wartete. Am Tag müsste ja irgendwann Jubel in den Straßen zu hören sein, wenn die Hohepriester Jesus öffentlich als Messias anerkannt hätten. Ich wartete. Aber nichts geschah. Gegen Abend schlich ich mich in die Stadt. Eine merkwürdige Stimmung hing in den Straßen. Ich fragte einen, was denn los sei. Er antwortete mir: sie haben Jesus hingerichtet. Die Priester haben ihn angeschwärzt und Pilatus hat ihn zum Tode verurteilt.

Als ich das hörte, ging in mir etwas kaputt. Ich dachte nur noch: aus, aus, aus... Alles verspielt, alles falsch gemacht. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Nehmt, das ist mein Leib, für euch gegeben, hatte er gesagt, und: nehmt, das ist mein Blut, für euch vergossen. Er hatte meinen Plan durchschaut und viel tiefer gesehen. In meiner Panik rannte ich zu den Hohenpriestern und warf ihnen das Geld vor die Füße, als könnte ich so damit noch etwas gut machen, aber die lachten nur. Nützlicher Idiot, Tölpel, las ich in ihren Gesichtern.

Was soll nun aus mir werden? Die Hohepriester meiner Religion haben mich hintergegangen, und Jesus, dieses Zeichen der Liebe Gottes, ist tot. Mir bleibt nur noch der Strick, mit dieser Schuld kann ich nicht weiterleben...

III.

Das ist das Ende des Judas.

Wirklich?

"In der Kirche von Vezelay befinden sich zwei Darstellungen des Judas: eine zeigt ihn mit einem offenen Mund wie einen Schrei, der nie endet, wie den Schmerz einer Verzweiflung, die den eigenen Untergang förmlich sucht; eine andere zeigt, wie Jesus ihn auf seinem Rücken trägt, sein Mund ist geschlossen, der Schmerz verstummt – ein Sieg der Barmherzigkeit, jenseits des Todes, für alle Zeit." (Eugen Drewermann, Das Markus-Evangelium – Zweiter Teil, S.448) 

Amen.