Matthias Jung

 

 

 

Judas  - einer von uns
Predigt am Karfreitag 1998

 

Am Abend des 4. Nissan im Jahre 30 unserer Zeitrechnung gab es in Jerusalem wenigstens vier Tote, die gewaltsam ums Leben gekommen waren. Davon waren drei hingerichtet worden am Kreuz nach einem Prozeß, der vierte hatte sich aufgehängt, wenn man dem eben gelesenen Text aus dem Matthäusevangelium folgt. Ihre Schicksale waren miteinander verbunden, wenn auch zum Teil sehr oberflächlich.

- Da waren zwei Straßenräuber, Angehörige einer der vielen Räuberbanden, die seinerzeit Israel unsicher machten.

- Da war einer der vielen Wanderrabbinen, die landauf, landab zogen, verurteilt wegen angeblich politischer Machenschaften in Tateinheit mit gotteslästerlichen Umtrieben, jetzt gleichzeitig exekutiert, um vor dem Osterfest reinen Tisch zu machen.

- Und da war einer der engen Anhänger dieses Jesus von Nazareth, Judas mit Namen.

Diese beiden Menschen haben die Menschen nie losgelassen. Zu allen Zeiten hat sich ihre Phantasie mit ihnen beschäftigt. In immer helleres Licht rückte der eine auf, in abgrundtiefschwarzes Dunkel der andere mehr und mehr gedrängt. Aber im Dunkeln ließ sich der eine genauso wenig vergessen wie der erste. Im Neuen Testament finden wir ihn, in islamischen Legenden, bei Goethe genauso wie im Gebetbuch Hildegard von Bingen, im Skizzenbuch Leonardo da Vinci ebenso wie auf der Leinwand Rembrandts oder einer Kohlezeichnung Otto Pankoks. Wo man den einen in den Himmel hob, gellte diesem das Verdammungsurteil entgegen. Doch wer war dieser Judas?

An 22 Stellen des NT wird er erwähnt. Kein einziges Mal in den Briefen, einmal in der Apostelgeschichte des Lukas, ansonsten nur in den vier Evangelien. Ziemlich im Dunkel bleibt Judas. Sicher ist lediglich, das er zum engsten Kreis der Anhänger Jesu gehörte, zu den Zwölfen. Sicher ist weiter, daß er eine unheilvolle Rolle in den letzten Stunden des Lebens gespielt hat. Aber welche? Die spontane Antwort der meisten darauf würde lauten: er hat ihn verraten! Doch so steht es nirgends in der Bibel. Sein Tun wird im griechischen Original als paradidonai beschrieben. Das bedeutet aber nicht verraten, sondern übergeben, überliefern, ausliefern. Das Wort wird auch verwandt, wenn vom Heilshandeln Gottes durch Jesus gesprochen wird: Wegen unserer Verfehlungen wurde er von Gott hingegeben, heißt es beispielsweise bei Paulus im Römerbrief. Auch wenn es erschreckt, es ist nicht zu leugnen: Judas tat etwas, das auch Gott getan hat im Einverständnis mit Jesus: er gab hin, er lieferte aus. Aber über dieses Wort hinaus tappen wir bei Judas im Dunkeln. Nichts wird erkennbar von den Motiven des Judas. War es verschmähte Zuneigung, wollte er Jesus zur Aufrichtung der von ihm wie von vielen anderen Zeitgenossen politisch mißverstandenen Gottesherrschaft provozieren, war er naiv und hat nicht mit dem Ausgang seiner Tat im Todesurteil gegen seinen Meister gerechnet? Wir wissen es nicht. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit läßt sich sagen, daß er sich schon vor seiner Tat am Gründonnerstag von Jesus entfremdet hat und auf die Seite der Gegner übergelaufen war. Unsicher ist auch das Ende. Nach Matthäus hat er sich erhängt, die Apostelgeschichte spricht von einem Unfall. Jedenfalls erwähnen die Evangelien den Judas nach der Auslieferung nicht mehr. Allerdings malen sie ihn im Verlauf der Jahre immer düsterer. Markus beschränkt sich in seinem Bericht nüchtern und sachlich auf die Rolle Judas. Matthäus schildert ihn als Außenseiter im Kreis der Zwölf, Lukas nennt ihn erstmals Verräter und führt sein Tun auf satanischen Einfluß zurück. Höhepunkt der Schwarzfärbung ist Johannes, der Judas Dieb Betrüger, Verkörperung des Bösen nennt. Dieses letzte Bild hat die Christenheit geprägt für Jahrhunderte. Denn die Christenheit kam nicht los von Judas. Der Karfreitag des Christus ist unentrinnbar mit Judas verbunden. Warum ist das so?

Es ist um so erstaunlicher, als das, was Judas getan hat im Gesamtbild dieser letzten Tage Jesu eher bescheiden ist. Das gilt für seine Aktionen wie für seinen Schuldanteil. Die staatlichen Autoritäten waren sicher nicht auf seine Dienste angewiesen, um des Wanderrabbiners Jesus habhaft zu werden. Und wer sich den Ablauf des Geschehens anschaut, bemerkt sehr schnell, daß Judas eigentlich nur ein Glied in einer langen Kette mit manchen Vorgänger und vielen Nachfolgern ist. Jesus ausliefern, letztlich in den Tod, das hatten sein Gegner schon lange ins Auge gefaßt. Ihn der Vernichtung ausliefern, das tun jetzt, im unmittelbaren Prozeßgeschehen des Karfreitags, die jüdischen Machthaber, der jüdische König Herodes, der Statthalter der Römer, Pontius Pilatus, die Kreuzige-ihn!-Schreier vor dessen Amtssitz und die Jünger, einer nach dem anderen, indem sie sich aus dem Staub machen, Petrus als letzter. Am Ende steht das Kreuz, Jesus vollkommener Einsamkeit preisgegeben. Kein Freund ist mehr da, nur gaffende Gegner und vielleicht ein paar hilflose und machtlose Leute wie der Knabe Johannes und seine Mutter.

Erschütternd: Wie lange ist das eigentlich her, daß sich im galiläischen Frühling die Massen um Jesus gedrängt haben? Ein paar Monate höchstens. Wann war der triumphale Einzug in die Stadt? Keine acht Tage sind verstrichen. Und ein paar Stunden ist es gerade her, seit Petrus ihm Treue bis zum Tode geschworen hat. Jetzt ist niemand mehr da. Selbst vom Vater fühlt er sich verlassen. Der Gekreuzigte ist wahrhaftig der Ausgelieferteste.

Der Einsamkeit ausgeliefert ist aber auch Judas. Der Verzweiflung ausgeliefert.

Wo die Sünde ist, da ist einsame Nacht.

Schuld führt ins Dunkel.

Aber: Ist dann nicht jeder Sünder ein Judas und Genosse seines Schicksals?

Und ist nicht jeder von uns ein Sünder?

Dann ist freilich auch jeder von uns Judas.

Das älteste Evangelium legt größten Wert auf die Zugehörigkeit des Judas zu den Zwölfen. Beim Abendmahl erklärt Jesus: einer von euch wird mich überliefern. Und alle fragen sich: Bin ich´s? Und seine Antwort: einer von den Zwölfen. Jemand aus dem engsten Jüngerkreis. Was Judas tut, hätte jeder tun können, jeder der Jünger, jeder der Anhänger Jesu, jeder Christ. Denn die Möglichkeit, zum Judas zu werden, ist ständig gegeben. Aber diese Scham halten wir nicht aus. Judas zu sein - das ist ein schier unerträglicher Gedanke für uns, für mich, für die Kirche. Das können wir nicht ertragen. So erklärt sich der finstere Haß der Christen auf Judas. Sie lasten ihm auf, was sie sich selbst nicht eingestehen wollen oder können. Judas wird für die Christen zum Sündenbock, der entlasten soll von der eigenen Schuld. Judas wird darum in der christlichen Deutung vom Verräter zum Typ jedweden Bösen. Vielleicht war Judas am Ende ein Feind Jesu - vielleicht, vielleicht aber auch nur verblendet und hat sich völlig verspekuliert. Kein "vielleicht" ist vor den Satz zu setzen, daß die Christen aus Judas ein Feindbild gemacht haben. Und in der weiteren Geschichte wurde aus Judas schnell Juda und die Juden wurden zu Teufelskindern erklärt, ein Feindbild. Und Feinde sind böse, ganz sicher, aber Feindbilder sind nicht weniger unheilvoll. Denn aus ihnen und durch sie entsteht der Haß, der zur Vernichtung antriebt und sie am Schluß noch legitimiert. Genau dies haben z.B. in furchtbarer Weise die Nazis getan. In einem seinerzeit weit bekannten Pamphlet hieß es: "Deutschland erwache! Läutet, daß Funken zu sprühen beginnen, Judas erscheint, das Reich zu gewinnen, läutet, daß blutig die Seile sich röten, rings lauter Brennen und Martern und Töten."

Wie viele Menschen haben ihr Leben verloren, wie viele sind zerbrochen worden, wie viele tödlich verwundet worden, weil man sie verteufelt hatte wie Judas. Noch einmal zeigt sich die Gestalt dieses Mannes als Bild der Sünde, die mit ihm alle zusammenbindet, auch die, die sich durch Judas zu entlasten zu versuchen.

Doch weil der Einsame am Kreuz die Einsamkeit der Sünde schlechthin, auch der größten, aufgebrochen hat, können wir alle begründete, feste und starke Hoffnung auf das Heil hegen. Die Sünde des Judas war groß, aber nicht größer als die Sünde anderer. Wenn Gott aber Rettung einem Petrus, einem Saulus und wie vielen anderen schenkt, kann er sie dann nicht allen gewähren, auch dem Dunkelsten aus den Zwölfen? Und wenn wir jetzt empört aufschreien wollen: allen, nur dem nicht!, sollten wir uns dann nicht fragen, ob wir dann immer noch nicht einsehen wollen, daß wir mit dem, was wir in unserem Leben so anfangen und anstellen, nicht besser da stehen als Judas und ihn noch immer als Sündenbock für unsere Fehler und Schuld mißbrauchen, um die Last der eigenen Fehler erträglicher zu machen? Wenn wir gerne und dankbar die Vergebung in Anspruch nehmen, sollten wir sie dann nicht auch von ganzem Herzen dem gönnen, der Jesus überliefert hat und mit seinem Leben danach nicht mehr zurecht kam? Jesus jedenfalls schließt Judas nicht vom Abendmahl aus und so hört auch Judas die Worte: Das ist mein Blut, für eure Sünden vergossen.

Karfreitag bleibt ein Kennzeichen unserer Geschichte, aber es bleibt der Karfreitag des Gekreuzigten, nicht der des Gehängten. Es bleiben Leid, Not, Krieg, der Sündenbockmechanismus, die Schuld, solange Menschen wieder und wieder der Spur des Judas folgen und andere ausliefern. Daß wir das einmal lassen, dafür besteht wenig Aussicht. Aber hinzugewonnen seit dem ersten Karfreitag ist die Hoffnung und die Gewißheit der göttlichen Liebe. Denn: "Es war Nacht", das bleibt sozusagen das letzte Wort am Karfreitag des Judas. Der Karfreitag des Christus aber mündet in die strahlende Helle von Ostern.
Amen