Matthias Jung

 

 

 

Josef von Arimathäa
Wie aus einem heimlichen ein öffentlicher Anhänger Jesu wird (Markus 15,42-47)

 

Liebe Gemeinde,

Josef von Arimathäa ist ein weithin unbekannter Mann. In keiner der alten Predigtreihen unserer Kirche taucht er auf. Vermutlich liegt es daran, daß Josef irgendwie dazwischen hängt, die Passion ist vorbei, Jesus ist tot und der Ostermorgen noch fern. Was soll an diesem Mann dran sein? Er begräbt Jesus, das scheint alles zu sein. Doch es lohnt durchaus, ihn einmal näher zu betrachten, denn Josef von Arimathäa ist eine hochinteressante Persönlichkeit.

Was wissen wir über ihn? Josef ist Mitglied des Hohen Rates, er wartet auf das Reich Gottes und er besitzt ein Grab. Diese wenigen Hinweise reichen schon aus, um ein recht klares Bild dieses Mannes zu zeichnen.

Er ist Mitglied des Hohen Rates.

Der Hohe Rat war die oberste jüdische Behörde. Er war ein aristokratischer Senat, der letztlich über alle jüdischen Belange zu entscheiden hatte, ganz gleich ob es sich um weltliche oder geistliche Angelegenheiten handelte. Mitglied wurde man in durch Geburt, d.h. die alten Familien, aus denen unter anderem die Priester stammen, entsandten Männer (natürlich nur Männer) in den Hohen Rat. Zwar hatten die Römer den Hohen Rat kräftig in seinen Rechten beschnitten, als sie Israel eroberten. Nichtsdestotrotz stellte der Hohe Rat zur Zeit Jesu ein mächtiges Organ dar. Vielleicht lag seine Macht mehr im Atmosphärischen, im Blick auf die Meinungsbildung, weniger im Blick auf die tatsächliche Machtausübung. Diesem Gremium gehört Josef an, also muß er aus einer der angesehensten Familien des Landes stammen. Und noch von einer anderen Tatsache können wir ausgehen: Josef war bei dem Verhör Jesu vor dem Hohen Rat in der Nacht zuvor dabei - ohne allerdings dem Schuldspruch zu widersprechen. Das Lukasevangelium setzt zwar noch hinzu, daß Josef das Verhalten des Hohen Rates nicht gebilligt hat - aber er hat es mit Sicherheit nicht öffentlich getan.

Josef wartet auf das Reich Gottes.

Wir dürfen uns das Judentum und die jüdische Religion nicht so vorstellen, daß alles in klar geordneten Bahnen lief. Wie heute in unserer Kirche gab es auch damals die unterschiedlichsten Einstellungen und theologischen Strömungen, mit Sicherheit auch unter den Priestern und den Mitgliedern des Hohen Rates. Es gab nicht die jüdische Religion, die Hoffnung auf den Messias war sehr unterschiedlich ausgeprägt. Josef wartete noch auf das Reich Gottes, er war noch auf der Suche nach der letzten Wahrheit, er war noch offen, unruhig, erwartungsvoll. Vielleicht kann man aus dieser Formulierung aber auch schon heraus hören, daß er seit längerem ein heimlicher Anhänger Jesu gewesen war, der ja das nahe Reich Gottes verkündigt hat. Aber das können wir nicht sicher sagen.

Und er besitzt ein Grab.

Viele wohlhabende Juden errichteten sich schon zu Lebzeiten Grabstätten, die sie nach ihrem Geschmack ausstatten, ähnlich wie dies die ägyptischen Pharaonen in viel pompöserer Form mit den Pyramiden getan hatten. Josef muß also ein reicher Mann gewesen sein, sonst hätte er sich kein solches Grab leisten können.

Dieses reiche, religiös interessierte Mitglied des Hohen Rates setzt am Ende des Todestages Jesu all das auf´s Spiel, seine Stellung, seinen Besitz, vielleicht sogar sein Leben. Er geht zu Pilatus und bittet um den Leichnam Jesu. Eine unerhört mutige Tat. Normalerweise wurden Hingerichtete auf einem Verbrecherfriedhof ohne jede Trauerfeier verscharrt. Dort blieben sie, bis sie verwest waren. Erst dann durften Angehörige die Überreste holen und beerdigen. Josef bricht mit dieser Tradition, geht zum römischen Statthalter, der das Todesurteil ausgestellt hat und bittet um den Leichnam, um ihn beerdigen zu können. Es mag zwar überraschen, daß Pilatus ihm diesen Wunsch ermöglicht (War er am Ende dieses langen Tages müde? War er inzwischen an Jesus schon überhaupt nicht mehr interessiert? Oder fühlte er sich überrollt von dem Ansinnen Josefs?), aber noch überraschender, ja tollkühn verhält sich Josef. Pilatus hätte ihn abweisen können, öffentlich bloßstellen und schlimmstenfalls als Anhänger Jesu verhaften lassen können. Josef hätte alles verlieren können. Wie kommt ein Mensch dazu, so mutig zu sein, wo er doch wenige Stunden zuvor beim Verhör Jesu geschwiegen hat?

Als wir vor einiger Zeit im Bibelkreis darüber sprachen, sagte jemand: vielleicht war das wie damals im Dritten Reich. Alle wußten, was mit den Juden geschah, aber niemand hat sich getraut, etwas zu sagen, weil jeder wußte, wie gefährlich für das eigene Leben war. Und doch gab es dann immer wieder Menschen, die sich durch einen plötzlichen Umstand genötigt sehen, doch einzuschreiten. In dem Film "Schindlers Liste", der heute Abend im Fernsehen läuft, ist es eine Kleinigkeit. Oskar Schindler, ein wohlhabender, unauffälliger Unternehmer beobachtet die brutale Vertreibung von Juden aus einem Wohnviertel. Fast der ganze Film ist schwarz-weiß gedreht - bis auf einen roten Mantel, den ein Mädchen bei diesem Progrom trägt. Aus der Masse der geschundenen Menschen hebt sich so dieses eine Kind heraus. Der Film stellt dies so dar, als sei dieser rote Mantel, dieses eine Mädchen der letzte Auslöser dafür gewesen, daß Oskar Schindler unter Einsatz seines ganzen Besitzes und seines Leben etliche hundert Juden vor dem sicheren Tod rettet. Später sieht Schindler auf einem Karren, mit dem ermordete Juden abtransportiert werden, das Mädchen mit dem roten Mantel wieder. Diesen Menschen konnte er nicht retten, aber tausend andere...

Was war der Auslöser bei Josef von Arimathäa? Für ihn war wohl in irgendeiner Weise der Tod Jesu entscheidend. Er, der religiös bewegte Mann wird nicht unbewegt dem Verhör Jesu vor dem Hohen Rat gelauscht haben. Sicher hat er von Jesus vorher schon viel gehört, vermutlich ihn aber nie zuvor gesehen. Vielleicht war er auch bereits ein heimlicher Anhänger Jesu - vielleicht wurde er es aber auch erst in dieser Nacht. Vielleicht hat ihn das Auftreten Jesu bei diesem unwürdigen Verhör tief beeindruckt, so wie viele andere in der Begegnung mit Jesus verwandelt wurden. Vielleicht kam die Erleuchtung: dieser ist es, auf den wir - ich! - gewartet haben, erst, als er wieder zuhause war. Vielleicht hätte er sich im Nachhinein am liebsten die Zunge abgebissen, weil er geschwiegen hatte. Manchmal ist das ja so, daß wir in einer Situation absolut nicht wissen, was wir sagen können und nur das Gefühl haben, hier darfst du eigentlich nicht schweigen und erst Stunden später fallen mir dann all die schönen und richtigen und wichtigen Worte ein, die ich hätte sagen können oder vielleicht auch müssen - aber dann ist´s zu spät. Vielleicht aber überkam es Josef aber auch erst am Vormittag, als er von der Nachricht hörte, Jesu sei gekreuzigt, hingerichtet worden. Und vielleicht machte er sich dann die heftigsten Schuldgefühle, geschwiegen zu haben.

Wie dem auch sei - irgend etwas in dieser Nacht oder am Todestag Jesu muß bei Josef so eingeschlagen haben, daß er, der bis dato unbescholtene unauffällige Bürger und angesehener Politiker alle Vorsicht fahren läßt und alles auf´s Spiel setzt, um Jesus wenigstens die letzte Ehre erweisen zu können. Der darf einfach nicht als Verbecher beigesetzt werden. Der war ein Heiliger Gottes und verdient die letzte Ehre. Und so geht er hin und bittet Pilatus um den Leichnam Jesu. Ob er wirklich damit gerechnet hat, ihn zu erhalten? Ich wage es zu bezweifeln. Aber Josef konnte nicht mehr anders.

Liebe Gemeinde,

Josef von Arimathäa war bis zu diesem Tag ein ganz normaler Mensch. Doch dann wurde alles anders. Er konnte es nicht mehr aushalten, mit der Wahrheit hinter dem Berg zu halten. Er mußte etwas tun, um sich öffentlich zu diesem Jesus zu stellen. Es gibt im Leben von Menschen Punkte, an denen sie sich manchmal gezwungen sehen, Entscheidungen zu treffen, die ihr Leben verändern und hinter die sie nicht mehr zurück können. Sie fühlen sich dann herausgefordert, so zu handeln, von ihrem Gewissen, von ihrem Verständnis der Liebe Gottes zu allen Menschen oder einfach aus einem tiefen Gefühl für das hier und jetzt Richtige. Ich bin mir nicht sicher, ob es in jedem Leben solche markanten Punkte gibt. Sie müssen auch keineswegs so spektakulär sein wie hier bei Josef von Arimathäa. Es kann um viel harmlosere und unscheinbarere Dinge gehen. Aber entscheidend ist, daß es Momente geben kann, wo sich vor mir zwei Wege auftun und ich ganz genau weiß, welchen ich zu gehen habe. Es macht irgendwie klick und die Sache ist klar und ich kann nicht mehr anders. Es gibt Menschen, die von sich sagen, daß sie in ihrem Leben an solch einem Punkt von Gottes Gegenwart so überwältigt wurden, daß sie fast schon gezwungen wurden, an ihn zu glauben, obwohl sie vorher nichts mit ihm am Hut hatten. Für andere veränderte sich vielleicht durch eine Begegnung mit einem Menschen auch ihr gesamtes Verständnis von Gott. Für andere geht der Weg vielleicht umgekehrt, daß sie durch einen Unfall, eine Krankheit oder auch ein unglaubliches schönes Erlebnis in ihrem Leben verändert werden und Gottes Spuren darin erst viel später erkennen. Wie dem auch sei - es gibt solche Momente im Leben, die mein Leben mehr oder weniger stark verändern können. Dann muß ich z. B. endlich den Mund aufmache, wo ein Anderer eingeschüchtert oder benachteiligt wird. Oder ich kann auf der Straße nicht mehr achtlos vorübergehen, wenn ich sehe, wie ein Kind oder eine Frau bedrängt wird. Oder ich kann nicht mehr sitzen bleiben und zuschauen, wie Menschen und Mächte unsere Welt zerstören. Manchmal ist eine religiöse Erfahrung darin eingeschlossen - wie hier bei Josef von Arimathäa. In der Begegnung mit Jesus verändert er sich so sehr, daß er hingeht und für Gott und den toten Jesus alles auf´s Spiel setzt, auf´s Spiel setzen kann, auf´s Spiel setzen muß, weil urplötzlich daß Vertrauen zu Gott so viel größer ist als die Angst vor den Folgen. Noch einmal: So etwas kann man nicht machen, sich nicht vornehmen oder erzwingen! Es geschieht oder es geschieht nicht. Aber wenn´s geschieht, hat es Folgen. Josef von Arimathäa geht hin und schafft es, Jesus von Nazareth ein würdiges Begräbnis zu verschaffen. Nicht viel. Doch vergessen wir nicht, von Ostern wußte Josef nichts. Welche längerfristigen Folgen dieser Tag für Josef hatte, wissen wir nicht. Seine Spur verliert sich nach diesem Begräbnis. Es wird nicht berichtet, daß er seine Religion verlassen hätte und sich den Christen angeschlossen hätte. Und doch ist er unvergessen bis heute als derjenige, der aus einer tiefen Erfahrung heraus die Entschlossenheit zu mutigem Verhalten erhält. Ein Vorbild für uns? Wie gesagt, solche Erfahrungen kann man nicht machen und nicht herbeizwingen. Aber vielleicht erinnert sich der eine oder die andere irgendwann einmal an Josef von Arimathäa, wenn eine mutige, vielleicht auch öffentliche Entscheidung von mir gefordert wird und vielleicht wird diese Erinnerung dann zum Auslöser, entschieden für die Sache Jesu und damit für die Liebe zu Mensch und Schöpfung einzutreten.

Amen.