MJ

Johannes 19 - Jesus ist tot. Und nun?

Predigt an Karfreitag 2009

 

Es ist Karfreitag, liebe Gemeinde.

Wir haben die Geschichte gehört, Jesus stirbt am Kreuz, er ist tot und wird begraben. In den meisten Karfreitagspredigten wird der Weg dorthin noch einmal bedacht, sie enden in der Regel mit dem Tod am Kreuz. Dann gehen wir nach Hause, kommen am Ostertag wieder und feiern die Auferstehung. Heute möchte ich unseren Blick auf die Zeit dazwischen lenken, auf den Zeitraum zwischen Tod und Auferstehung, ich könnte auch sagen: auf den Karsamstag. In manchen Gegenden wird er auch liturgisch begangen, bei uns ist das nicht so. Dennoch macht es Sinn, einmal zu fragen, was geschieht eigentlich dazwischen, zwischen dem Tod am Kreuz und dem Ostermorgen und der österlichen Freude über die Auferstehung?

Die Theologin Ina Praetorius beschreibt diesen Tag so:

"Wenn ich mir diesen Tag vorzustellen versuche, erscheint er mir als eine ziemlich desolate Angelegenheit: Triumph und Misstrauen aufseiten der Autoritäten, Enttäuschung, Trauer, mechanisches Weitermachen und Fluchttendenzen bei denen, die Jesus zu seinen Lebzeiten für den Messias gehalten haben. Wer schon einmal einen geliebten Menschen plötzlich verloren hat, kennt diesen Schockzustand unmittelbar nach dem Tod. Da hilft die Aufforderung, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken, nichts. Es fühlt sich an, als seien nicht nur der Verstorbene, sondern auch die Zurückbleibenden hinabgestiegen in das Reich des Todes. Die einen lassen alles stehen und liegen und machen sich davon. Diese Gruppe von Menschen wird in der Bibel von den Jüngern — einschließlich Judas — repräsentiert. Die anderen versuchen, irgendwie weiter zu funktionieren. »Das Leben muss schließlich weitergehen«, sagt man, wenn man nach einem Todesfall die gewohnten Beschäftigungen wieder aufnimmt. In der Passionsgeschichte sind es vor allem die Frauen, die überallhin mitgehen und die Totensalbung vorbereiten. Auch Josef von Arimatia, der sich um die Bestattung kümmert, verliert den Bezug zum jetzt Notwendigen nicht.

Weder der Rückzug noch das mechanische Weitermachen sind auf das freudige Ereignis der Auferstehung gerichtet. Beide Verhaltensweisen füllen recht und schlecht diesen Zeitraum aus, den ich lieber auslassen würde, wenn es in meiner Macht stünde, meine Existenz einfach außer Kraft zu setzen, wo sie zu schwer erträglich wird. Doch eben dies steht nicht in meiner Macht, es sei denn, ich wähle die endgültige Lösung des Judas. Der Karsamstag steht für diese eigentlich nicht aushaltbare Schwere menschlicher Existenz, die sich manchmal unerträglich in die Länge zieht."

(Ina Praetorius, Gott dazwischen. Eine unfertige Theologie, S. 82f.)

Der Tag zwischen Karfreitag und Ostern ist geprägt durch ein eigentümliches Warten, Hoffen und Bangen. Es ist etwas zu Ende gegangen, auf schreckliche Art und Weise. Bei den Anhängern Jesu, seiner Mutter. Aber solche Zeiten gehören wohl zum Leben aller Menschen. Wir kennen solche Erfahrungen auch. Hoffnungen, Träume, Wünsche, Beziehungen zerplatzen, mit einem Mal ist die Welt, meine, unsere Welt in Dunkelheit gehüllt. Schwer auszuhalten. Und doch warte ich. Hoffnungslos hoffend. Auf den Lichtschimmer am Horizont. Auf ein kleines bißchen Mut zum Weiterleben.

Warten. Gemeint ist hier nicht die gespannte, freudige, manchmal auch nur sehnsüchtige Erwartung, die den Advent prägt. Hier ist es ein angespanntes, erschöpftes oft kraftraubendes Warten. Und schauen wir voraus: der Ostermorgen, liebe Gemeinde, zeichnet sich nun nicht wirklich durch überschäumende Freude und Erleichterung aus. Ganz im Gegenteil, unsere österlichen Lieder verklären das Geschehen. Schauen wir in die Evangelien, dann ist da eher Überraschung, Irritation, Zweifel, erneute Verunsicherung, vorsichtiges Tasten. Und erst nach einer weiteren, längeren Phase des Nachdenken, miteinander Suchens und auch Betens kommt es an Pfingsten zu einem selbstbewußten, von Freude und Zutrauen geprägten Auftreten der Jünger, die jetzt von der Hoffnung auf den Auferstandenen her beginnen, die frohe Botschaft auszubreiten.

Also, liebe Gemeinde, erwarten wir von Ostern her für die Zeiten des Karsamstages in unserem Leben nicht zu viel auf einmal. Nicht mit einem Donnerschlag wird alles hell und weit, sondern in vielen kleinen Schritten. Aber damit bin ich schon zu weit, heute ist noch nicht Ostern, heute gilt es die Zeit dazwischen, die Zeit des Wartens zu ertragen und auszuhalten. Wir können uns diesen Zeiten unserer Lebens zuwenden, weil wir von der Hoffnung her kommen, dass Ostern kommt.

Warten. Unerträgliches Warten. Spannungen, kaum auszuhalten sind. Wir kennen solche Momente aus den Wartezimmern von Ärzten und von den Minuten, bevor Prüfungsergebnisse in Schulen bekannt gegeben werden. Da ist dann die Frage: ja oder nein, Hoffnung oder Untergang. Solches Warten gibt es auch in Zeiten der Trauer. Ein Mensch ist gestorben, kommt nicht mehr zurück. Oder: ich bin krank und werde nicht mehr gesund. Die Zeit dehnt sich ins unermessliche,quälendes Ticken der Uhr, Gedanken gehen im Kreis, mein Leben zieht an mir vorbei, ich stelle alles und jedes in Frage und die Welt wird grau und grauer... Die Entscheidung des Judas erscheint dann manchen als goldener Ausweg. Denn die innere Anspannung des Wartens, des Warten-Müssens auszuhalten ist schwer. Eine lähmende Zwischenzeit. Ich denke, jede und jeder von uns kennt solche Zeiten und fürchtet sie. Noch einmal Ina Praetorius:

"In der Passionszeit, die gemeinhin als Vorbereitung auf Ostern gilt, gibt es ja noch Hoffnung. Es könnte anders kommen, der Kelch könnte dieses Mal vorübergehen. An Karsamstag ist die Hoffnung gestorben. Trotzdem lebt man weiter." (A.a.O. 84)

Man lebt irgendwie weiter. Woher nimmt man die Kraft dazu? Menschen, so befragt, können oft im Nachhinein darauf keine Antwort geben. Manchmal sieht man zwar im Rückblick, das es Hilfe gab, Unterstützung, aber oftmals war es doch eher ein Stolpern und blindes Weitermachen. So wie die Jünger, die fliehen. So wie Josef von Arimatia, der etwas tun will und es macht. So wie die Frauen, die dann zum Grab gehen, um zu trauern. Und nach und nach, dass ist die Hoffnung für die Zeiten des Karsamstages, entsteht auch in dem einfach-so-weiter-machen neue Hoffnung, neue Perspektiven, neue Freude. Wie gesagt, auch bei den Jüngern dauerte es bis Pfingsten.

Die gute Botschaft des Karsamstages, des Tages zwischen Tod und Auferstehung, liebe Gemeinde, lautet daher: auch auf dem stolpernden einfach-so-weiter-machen in solchen lähmenden Zeiten unseres Lebens liegt eine Verheißung, die gespeist wird aus der Erfahrung unserer Vorgängerinnen und Vorgänger. Es ist erlaubt, ja vielleicht geboten, in diesen dunklen Tälern unseres Lebens einfach-so-weiter-zu-machen. Ein entlastender Gedanke für viele, die sich in diesen Zeiten unter Druck setzen, unter Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen leiden, weil sie nicht mehr so funktionieren können und wollen wie in den normalen "Zeiten". Es ist manchmal erlaubt, so zu stolpern und zu tasten, einfach-so-weiter-zu-machen. In der Hoffnung, dass ich dennoch gehalten und geliebt bin, obwohl ich das in diesen Tagen nicht fühlen kann. In der Hoffnung, dass sich mein Leben noch einmal wandeln wird. Nicht wieder so wird wie vorher, zurückdrehen läßt sich nichts. Aber wandeln, verwandeln, wieder lebenswert werden. Es ist eine Hoffnung auf Überraschungen.

Und auch diesen Gedanken verdanke ich auch Ina Praetorius:

"Manchmal komme es mir so vor, als ließe sich viel menschliche Existenz in karsamstäglichen Kategorien deuten: als ein Weiterleben und Weitermachen ins Ungewisse hinein, trotz Krieg, trotz Klimawandel, trotz Tod. Karsamstagstheologie wäre eine Art und Weise, diesem wenig beliebten Aspekt des Daseins Aufmerksamkeit zu schenken. Was mich am Sonntag, auch am Ostersonntag, schon als Kind gestört hat, ist der Zwang zur Gewissheit. Karsamstäglich begangen wäre der Ostersonntag nicht der Tag des triumphierenden Glaubens, sondern des ungläubigen Staunens." (A.a.O. 85)

Und das wäre dann doch auch ein schönes Bild, eine wunderbare Hoffnung für die Verwandlung am Ende unseres Lebens. Nicht triumphal siegen, sondern staunend in die Hände Gottes fallen, die mich auf ewig halten...

Amen.