MJ

Ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde

Predigt am Totensonntag 2006 über Jesaja 65, 17-19.2e-25

 

Ja, schau: Ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. 
An das Frühere wird nicht mehr gedacht werden 
und es wird nicht mehr zu Herzen gehen.

Vielmehr freut euch und seid fröhlich immerzu 
über das, was ich schaffe.

Ja, schau: Ich schaffe der Stadt Jerusalem Lachen und ihrem Volk Freude.

Dann werde ich über Jerusalem fröhlich sein 
und mich an meinem Volk freuen. 
Dort wird kein Weinen mehr gehört werden und kein Klagen.

Sie werden sich nicht vergeblich mühen, 
und sie gebären keine Kinder für einen plötzlichen Tod, 
denn sie sind Nachfahren der von Gott Erwählten, 
ihre Nachkommen bleiben bei ihnen.

So wird es sein: Bevor sie rufen, werde ich antworten, 
während sie noch reden, werde ich sie erhören.

Wölfin und Lamm werden einträchtig weiden,
der Löwe wird wie das Rind Stroh fressen, 
aber die Schlange: Staub ist ihr Brot.

Niemand tut etwas Böses oder wirkt Verderben 
auf meinem ganzen heiligen Berg, spricht Gott.

(Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache)

 

Liebe Gemeinde,

ein traumhaftes Bild wird uns hier vor Augen gestellt:

Schau, ich mache einen neuen Himmel und eine neue Erde. An das Frühere wird nicht mehr gedacht werden uns es wird nicht mehr zu Herzen gehen. Niemand tut mehr etwas Böses.

Das Frühere wird nicht mehr zu Herzen gehen...

Heute, am letzten Sonntag im Kirchenjahr, geht es uns anders:  das Frühere steht uns sehr deutlich vor Augen:

Wir gedenken der Menschen, die von uns gegangen sind. Vor allem der Angehörigen, Freunde, Nachbarn, die wir in den letzten zwölf Monaten beerdigen mussten. Aber damit verbinden sich Gedanken, Erinnerungen, Gefühle an Menschen, die noch länger nicht mehr unter uns sind.

Das geht uns zu Herzen. Sehr unterschiedlich. Es ist etwas anderes, ob der Tag des Abschiedes zwei Wochen oder sechs Monate her ist. Es macht einen Unterschied, ob jemand alt und lebenssatt friedlich einschlafen konnte oder ob wir das Gefühl hatten, da ist  etwas grundlegend schief gegangen, dieses Sterben ist schrecklich gewesen oder der Tod kam vielleicht viel zu früh...

Wie dem auch sei: das Frühere geht uns noch  zu Herzen. Und an unseren Gefühlen merken wir auch, was wir verloren haben. Wenn ich Wertloses verliere, zucke ich mit den Schultern. Verliere ich Wertvolles, dann bin ich betroffen.

Jesaja malt uns dieses Bild vor Augen:

Gott schafft einen neuen Himmel und eine neue Erde. Den zu frühen Tod wird es nicht mehr geben und auch nicht die vergebliche Arbeit. Niemand tut mehr etwas Böses und selbst die Tiere gehen friedlich miteinander um.

Ein schönes, friedliches Traumbild.  

Es ist das kleine Wörtchen "neu", das hier viele Gefühle und Assoziationen auslöst. Mir fällt dazu ein: rein - weiß - unverbraucht - offen - leicht - unbelastet - schwebend - hoffnungsvoll.

Dagegen steht das Alte: belastet, schwer, bedrückend, fleckig, gelebt, entschieden, vorbei.

Gott sagt durch Jesaja:

Schau: ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Der Gedanke des neuen Himmel und der neuen Erde richtet unsere Blicke nach oben, oder besser: nach vorn. Die Blickrichtung wechselt: nicht mehr die Vergangenheit ist im Blick, sondern die Zukunft. Nicht mehr die Trauer, sondern die Hoffnung. 

Wunschtraum oder Realität? Von Menschen ausgedacht, um einer bedrückenden Welt zu entrinnen, oder doch begründet in einer jenseitigen Hoffnung? "Nur" ein Traum oder doch handfeste Zuversicht?

Letztlich ist das kein Widerspruch.

Natürlich will Jesaja hier nicht wörtlich genommen werden. Er spricht nicht in der Sprache von Politikern, Wissenschaftlern oder Ärzten, die möglichst präzise etwas beschreiben wollen. Er entwirft kein politisches Programm, keine wissenschaftliche Zukunftsprognose, keinen therapeutischen Behandlungsplan.

Jesaja spricht in der Sprache der Dichter. Der Dichter erzählt Geschichten. Er nimmt den Zuhörer oder Leser mit, versucht ihn aus seinen vertrauten Räumen in neues Land zu führen. Die eigene bekannt Welt wird für einen Moment verlassen, die Dichtung entführt mich buchstäblich in eine Traumwelt, in der ich mich frage, was wäre, was könnte, was würde...

Und  damit beginne ich zugleich ein inneres Gespräch mit dem Dichter: ich frage mich, was ihn bewegt hat, dass er solche Worte gefunden hat. Ich spüre, dass mich etwas anspricht oder meinen Widerspruch auslöst. Denn vergleiche ich das mit meinen eigenen Erfahrungen.

Und dann kann es geschehen, dass ich einverstanden werde mit einem Gedicht oder eine Geschichte, weil ich merke, dass entspricht deinen Erfahrungen, hier komme ich vor. Oder ich merke vielleicht: hier wird mir auf einmal eine neue Sicht auf meine Welt durch die Augen des Dichters eröffnet.

Jesaja schildert hier seine Erfahrung mit Gott in diesem wunderbaren Bild. Gott liebt uns, er hält uns, trägt uns. So die eher trockene Theologensprache. Bei Jesaja klingt das wie Musik: Schau, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde, das Frühere wird nicht mehr zu Herzen gehen, den frühen Tod, das vergebliche Arbeiten, all das wird es nicht mehr geben...

Nehmen wir das wortwörtlich, wird alles falsch. Keiner von uns kann hinter diese Grenze sehen, die der Tod uns setzt. Aber in der Sprache der Poesie können wir uns für einen Moment über sie hinweg träumen. Nicht im Sinne einer Flucht aus dem Hier und Jetzt. Sondern weil die Erfahrung von Menschen sich dahinter verbirgt, von Gott geliebt, getragen, gehalten zu sein - trotz allem und vor allem über den Tod hinaus.

Und damit, so erträumt sich Jesaja, werden dann auch die Fragen beantwortet, die nach dem Tod eines Menschen vielleicht bleiben: 

Die Frage nach dem Warum. Warum jetzt... Warum so...

Die Frage nach der oftmals so ungerecht erscheinenden Verteilung von Glück und Leid im Leben von Menschen...

Die Frage von Schuld und Versäumnis...

Die Frage nach den abgebrochenen, unvollendeten Wegen...

Liebe Angehörige der Verstorbenen des letzten Kirchenjahres, über viele dieser Fragen haben wir geredet. Sie haben sie bewegt und bewegen sie vermutlich noch heute. Und wahrscheinlich auch noch länger.

Aber:

das Bild des Jesaja lädt auch ein, eines Tages sagen zu können: Lass es nun gut sein. In dieser Welt gibt nicht auf alle Fragen Antworten. Aber zu einem anderen Zeitpunkt. Und das glauben zu können, mag uns ruhig machen. Und fähig loszulassen.

Damit wir nicht auf ewig am Vergangenen kleben bleiben. Und uns in der Trauer verlieren. Sondern dass wir erleben, dass Gottes Zukunft auf uns zukommt. Und wir daher in seine Hände legen können, was wir doch nicht ändern können. Sagen können: Es ist gut jetzt. 

Schau, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Du darfst etwas von der Zukunft, vom Leben erwarten. Auch nach langer Zeit der Trauer. 

Ein schönes, hoffnungsvolles Traumbild. 

Amen.