Matthias Jung

 

 

 

Sündenbock.
Predigt über Jesaja 53,1-12

 

Liebe Gemeinde,

für die junge Christenheit war klar: in diesen Worten des Propheten Jesaja ist von Jesus die Rede. Jesus leidet unschuldig für uns, die Strafe, die wir verdient hätten, trägt er, durch sein freiwilliges Opfer erhalten wir Vergebung, Heil und Zugang zu Gott, dem Vater. Jesus wird sozusagen für uns zum Sündenbock gemacht.

Die sprichwörtlich gewordene Rede vom Sündenbock, der für andere büßt, hat ihren Ursprung auch in der Bibel. Im dritten Buch Mose lesen wir vom großen Versöhnungstag, Yom Kippur heißt er bis heute und wird in Israel begangen. Damals vollzog sich die Versöhnung so: der Priester lud symbolisch die Schuld des ganzen Volkes auf einen Bock und führte denselbigen dann in die Wüste und ließ ihn dort allein. Symbolisch trägt der Bock die Sünden weg, das Volk ist entsühnt, versöhnt mit Gott.

Diese Tradition vom Sündenbock, der in die Wüste geschickt wird, war den Israeliten zur Zeit Jesu sicher bekannt. Ebenso die Worte des Jesaja. Hier spricht sich eine der messianischen Hoffnungen aus. Auf den Messias hat Israel lange gewartet. Die Hoffnungen waren dabei sehr unterschiedlich. Es gab die Hoffnung auf einen königlichen Messias, der Israel politische Freiheit und Macht bringen wird. Es gab den Friedefürst, der es schafft, dass Frieden auf Erden wird, das Menschen miteinander auskommen, aber auch die Natur, solche Texte finden wir auch bei Jesaja, und sie werden regelmäßig an Weihnachten gelesen. Und es gab als dritten Strang diese Vorstellung eines leidenden Messias. Jesus hat wohl sehr früh geahnt, was auf ihn zukommt, er kannte die biblischen Texte, er kannte die Stimmung im Volk, er kannte die Herzen der Menschen. Er selbst griff vor allem zu dieser Vorstellung vom leidenden Messias. Mehrfach in den Evangelien weist er seine Jünger darauf hin, dass er am Ende leiden wird müssen. Doch die wollen nichts davon hören... Aber Jesus behält Recht, er stirbt am Kreuz, seine Ankündigung wird wahr.

Nach Ostern und Pfingsten beginnt die junge christliche Gemeinde, die Verheißungen der Väter zu lesen. Und sie findet hier bei Jesaja den leidenden Gottesknecht, und was hier beschrieben wird, scheint Wort für Wort auf Jesus zu zu treffen. Und so entwickelte die Christenheit nach und nach die Vorstellung, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist, er sich für uns opfert, das er Gott mit uns versöhnt, wie Paulus einmal schreibt.

Für uns Christen heute sind das selbstverständliche Gedanken. Jesus stirbt für uns, er leidet für uns, er opfert sich, er versöhnt uns mit Gott. Sein Blut macht uns rein, so heißt es in vielen älteren Liedern.

Doch treten wir einmal einen Schritt zurück und betrachten diese Aussagen mit etwas Abstand.

Versöhnung durch Leid?

Ein blutiges Menschenopfer um Gott umzustimmen?

Viele kritische Zeitgenossen stoßen sich an solchen Vorstellungen. Und auch schon in der Frühzeit der Kirche erregte diese Vorstellung Gelächter und Widerspruch, bereits Paulus spricht davon, dass das Kreuz den Griechen eine Torheit war. Doch lassen wir die alten Griechen in Frieden ruhen und fragen ganz ernsthaft: was soll das bedeuten: Versöhnung durch Leid, Versöhnen durch Menschenopfer, Versöhnen durch Blutvergießen?! Wie ist das zu verstehen, dass einen Sinn gibt?

Wir nähern uns einer Antwort, wenn wir zunächst fragen: Wer muss durch Jesu Leiden eigentlich versöhnt werden, Gott oder Mensch? 

Lange Zeit ist man von der Vorstellung ausgegangen, dass ein zu Recht über den Mensch zürnender Gott durch Christi Blut versöhnt werden musste, bevor die Beziehung heil werden konnte. Das entscheidende Geschehen spielt sich sozusagen in Gott selbst ab. Er wird versöhnt, seine Gefühle beruhigen sich wieder, und er ist dann wieder der liebende Vater. Doch was ist das für ein Gott, der so etwas nötig hätte....? Ein sehr menschlich klingender Gott, vielleicht zu menschlich...

Fragen wir weiter: Was haben wir Menschen dann noch mit der ganzen Sache zu tun? Ist das alles ein Geschehen zwischen Gott und Jesus, und wir sind die passiven Zuschauer, die dann "nur" noch glauben müssen, dass das alles stimmt....?

Drehen wir das Ganze doch einmal um. Nehmen wir mal an, dass nicht Gott umgestimmt, nicht durch das Opfer Jesus beruhigt werden mußte. Gehen wir davon aus, dass Gott uns immer und zu jeder Zeit mit seinen liebenden Augen angesehen hat. Er muss nicht versöhnt werden, dass macht doch gar keinen Sinn. Er hat uns immer geliebt und liebt uns weiter. Dieser Gott ist uns sicher sympathischer. Doch was hat es dann mit dem Leiden Jesu auf sich? Warum "musste" Jesus leiden, "uns zugute", wie es immer wieder in der Bibel heißt? Wenn Gott doch gar nicht umzustimmen, zu besänftigen ist, warum dann das ganze Leid für Jesus?

Wir kommen einer  Lösung wieder einen Schritt näher, wenn wir uns klarmachen, dass Versöhnung immer eine Beziehungssache ist. Einer allein kann sich nicht versöhnen. Versöhung heißt, dass die Beziehung wiederhergestellt werden soll und zwar so, dass die beiden Parteien zukünftig in Frieden miteinander leben können. 

Das ist auch der Hintergrund der uralten Sündenbockgeschichte aus dem Alten Testament. Der Sündenbock trägt die Strafe der Israeliten weg und stellt so die Beziehung zwischen Gott und Mensch wieder her. Das, was zwischen Gott und dem Volk Israel steht, wird buchstäblich weggetragen.

Etwas von dieser Vorstellung gehört auch zu unserem christlichen Glauben. Jesus stellt die Beziehung zwischen Gott und Mensch wieder her, er beseitigt das, was zwischen Gott und Mensch steht. Aber eben nicht iim Sinne eines Dramas auf einer himmlischen Bühne und wir sitzen passiv im Zuschauerraum. Nein, wir sind mitten drauf auf der Bühne. Denn das ganze Versöhnungsgeschehen findet nicht innerhalb Gottes statt sondern innerhalb - von uns.

In unserem Kopf spielt sich die Versöhnung ab, wir müssen zurecht gebracht werden, nicht Gott. Unser Blick auf Gott, die Welt und uns Menschen ist verkehrt. Die Bibel nennt das Sünde, von Gott getrennt sein. Oft wird Sünde mit Moral verwechselt. Dann liegt auch die moralische Entsühnung durch Buße nahe. Aber darum geht es nicht. Es geht nicht um eine Entschuldung durch ein Opfer ("Sühnopfer"). 

Sondern darum, dass unsere Augen geöffnet werden und wir erkennen, wer wir sind und wer Gott ist. Dafür ist Jesus gestorben und das musste auch so sein. Anders war es nicht möglich, uns die Augen zu öffnen. 

Eugen Drewermann hat dies einmal so ausgedrückt: Der Kreuzestod Jesu bedeutet, "dass es sich nicht lohnt, vor Menschen Angst zu haben, weil es nicht mehr länger nötig ist, vor Gott sich zu fürchten. Es war und ist gerade dieser Glaube Jesu, der sich in allen seinen Worten und Begegnungen mit Menschen aussprach und der in seinem Tode sich bestätigte: wir Menschen können machen, was wir wollen, und wir können getan haben, was wir wollen - das erste und das wichtigste Wort Gottes über alle menschliche Angst und Schuld wird ein Wort des Verstehens und ein Wort der Vergebung sein." (Markusevangelium Teil 1, S. 78f.)

Und genau dies wollte Jesus beweisen: wir Menschen können getan haben, was wir wollen, Gottes erstes Wort ist immer ein Wort der Liebe - trotz allem. Und Jesus bewies es, indem er am eigenen Leibe erlitt, wozu Menschen fähig sind. Er macht sich selbst zum Sündenbock und erträgt das Leid. Erträgt, wozu wir Menschen fähig sind. Und macht zugleich deutlich, dass Gott sich dennoch nicht von uns abwendet.

Die Passionsgeschichte ist erschreckend, weil Menschen Jesus viel Leid zufügen: Verrat, Versagen, Mißhandlung, Hinrichtung und anderes mehr. Das Erschreckende daran ist nicht allein, dass es geschieht, denn solche Dinge geschenen ständig und immer und überall. Das Erschreckende ist vielmehr, dass die Menschen, die Jesus Leid zufügen, so normal sind, verhalten sich wie immer und überall. Judas, Petrus, die Soldaten, Herodes, Pilatus und wie sie alle heißen, sind keine besonders "bösen" oder unmoralischen Menschen. Sie sind ganz und gar normal und das führt dazu, dass Jesus ans Kreuz kommt und sterben muss. Das zeigt Jesus in unerbittlicher Konsequenz auf und es ist erschreckend für uns. Jesus opferte sein Leben für uns, aber nicht im Sinne eines himmlischen Dramas, wo auf einer Bühne ein Schauspiel abläuft, Gott versöhnt werden muss und wir die stummen Zuschauer sind. Jesus opfert sein Leben, damit das klar wird wer wir sind, wozu wir Menschen fähig sind.  Und sein Verhalten ist eine Einladung an uns, ihm und seinem Gott, seinem Vater zu glauben, dass dies wahr ist: das erste Wort Gottes ist immer ein Wort der Liebe und des Verstehens. Auch wenn wir uns gegen ihn wenden, auch wenn wir einander Leid und Schmerz zufügen. Petrus war vielleicht der erste, der das verstanden hat. Dreimal verleugnet und doch nicht fallen gelassen. Und auch Paulus hat das nicht viel später verstanden: er, der Christusverfolger, ist dennoch von Jesus geliebt. Wo ich das glauben kann, da geschieht Versöhnung. Ich werde versöhnt - mit Gott, mit mir uns dem Rest der Welt. Nicht Gott muss umgestimmt werden, sondern ich muss umgestimmt werden. Mir gilt die Einladung. Dafür hat Jesus gelitten, "für mich", "uns zugute". Das ist Versöhnung. Das ist die Chance auf ein neues Leben. Insofern ist Jesus der freiwillige Sündenbock und so unser Hoffnungsträger, weil er zugleich eine Ahnung von etwas ganz Neuem aufblitzen läßt. Doch damit sind wir dann schon beim Ostermorgen.

Amen.