Er hoffte auf Gerechtigkeit, doch siehe da: Schlechtigkeit!
Er hoffte auf Gutregiment, doch siehe da: Blutregiment!
Predigt über Jesaja 5,1-7 - (Weinberglied) am 6. April 2003
Man erzählt sich, das Folgende habe sich etwa im Jahre 740 v. Chr. in Jerusalem zugetragen.
Laubhüttenfest - Jerusalem liegt im milden Licht der Oktobersonne. Das Volk strömt zum Gottesdienst in den Tempel. Die Hände der Männer und Frauen sind noch voller Schwielen von der Arbeit auf den Feldern und in den Weinbergen. Die Ernte ist eingefahren. Nun gilt es zu feiern. Zunächst den Gottesdienst.
Der Oberpriester Uria beginnt mit der Liturgie:
"Hört, Gott hat euch erwählt. Er ist unser Freund. Er hat mit uns einen Bund geschlossen. Und was das Land als Ertrag gibt, die Ernte, das ist das Zeichen seiner Liebe."
Und das Volk antwortet:
"Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewig."
Am Ende der Liturgie singt das Volk:
"Großer Gott wir loben dich, Herr wir preisen deine Stärke."
Zum Abschluss des Gottesdienstes fordert der Oberpriester Uria das Volk auf:
"Seid fröhlich! Wohnt wie jedes Jahr zu diesem Fest in Laubhütten zum Zeichen der Erinnerung, das Gott uns aus Ägypten durch die wüste in dieses Land geführt hat."
Und das Volk antwortet:
"Ja, wir wollen in Laubhütten wohnen zum Zeichen der Erinnerung an die Güte Gottes."
Dann wenden sich alle Blick nach Süden zum Tor des Tempelplatzes. Es ist so üblich, dass am Ende des Gottesdienstes ein Sänger auftrat, der mit einem fröhlichen Lied zur allgemeinen Fröhlichkeit überleitete.
Und da geschieht es.
Gitarrenklänge aus dem Norden, vom anderen Ende des Tempelplatzes. Die Menschen drehen sich überrascht um. Dort steht der Prophet Jesaja mit einer Gitarre. Und er beginnt mit wohlklingender Stimme zu einer fröhlichen Melodie zu singen.
"Singen will ich von meinem Freund, das Lied meines Liebsten von seinem Weinberg"
Freudige Überraschung unter den Zuhörern. Ein Liebeslied! Und keine neue Provokation, wie bei Jesaja üblich. Jesaja singt weiter:
"Einen Weinberg hatte mein Geliebter, oben am Hügel, auf gutem Boden. Und er grub ihn um und säuberte ihn von Steinen und bepflanzte ihn mit Edelreben. Er baute einen Wachturm in seine Mitte und hieb auch eine Kelter darin aus. Dann hoffte er, dass er Trauben bringe."
Die Zuhörer sind begeistert. Einige schreien: "Edelreben hat er gepflanzt! Das wird ein Wein!"
Jesaja singt weiter:
"Doch: er brachte nichts als faule Beeren."
Enttäuschung macht sich breit. "Was? Wie können Edelreben saure Trauben bringen? So ein undankbarer Weinberg! Rausreißen würde ich die Edelreben! Das ganze Geld verschwendet, alle Arbeit umsonst!"
Jesaja wartet, bis alle wieder still sind. Dann schlägt er ernste Töne an. Langsam und eindringlich fordert er auf:
"Und nun, Bewohner von Jerusalem und Männer von Juda: Seid jetzt Richter zwischen mir und meinem Weinberg!"
"Ja, das wollen wir" schreien einige Zuhörer. "Treuloser Weinberg!" "Urteilen wollen wir!"
"Was war an meinem Weinberg noch zu tun," fragt Jesaja, "und ich hätte es nicht an ihm getan? Warum habe ich erwartet, dass er Trauben bringe, und er brachte schlechte Beeren?"
"Du hast alles getan!" tönt es aus der Menge. " Du hast keine Schuld. Der Weinberg allein ist schuld."
Jesajas Gesicht ist nun ganz bleich. Kein Ton kommt mehr von der Gitarre. Er lässt die Arme hängen, wartet, bis wieder Ruhe ist. Dann fährt er fort:
"Nun, so will ich euch mitteilen, was ich mit meinem Weinberg tun werde:
Seinen Zaun will ich entfernen, dass er abgeweidet wird,
seine Mauer niederreißen, dass er zertreten wird.
Ich werde ihn zur Wüstenei machen.
Er soll nicht beschnitten und nicht behackt werden, dann geht er in Dornen und Disteln auf."
Erwartungsvoll schaut Jesaja in die Menge.
"Ja, ja, das hat er verdient! Das ist auch unsere Meinung!"
Jesaja fährt fort:
"Und ich will den Wolken befehlen, dass sie keinen Regen auf ihn regnen lassen."
Es dauert einen Augenblick, bis sich die Menge von der Verblüffung erholte. Dann erhebt sich Gemurmel:
"Was hat er gesagt? Die Wolken sollen nicht mehr regnen? Das kann doch nur Gott sagen. Ich dachte, Jesaja spricht von sich - aber... er sprach von Gott!!"
Langsam geht allen auf: Sie sind mit dem Weinberg gemeint. Sie hatten sich selbst das Urteil gesprochen. Als Jesaja von den Edelreben sprach, meinte er die Bewohner Judas und Jerusalems. Sie waren es, die undankbar gewesen waren.
Die Stimmung schlägt um. Betretenes Schweigen breitet sich aus. Manch einer blickte feindselig auf Jesaja. Doch der ist noch nicht fertig:
"Denn:
Der Weinberg des mächtigen Gottes ist das Volk von Israel,
und die Männer von Juda sind die Pflanzung, an der sein Herz hing.
| Und er hoffte auf | Rechtsspruch, |
| und siehe da: | Rechtsbruch! |
| Er hoffte auf | Gerechtigkeit, |
| und siehe da: Geschrei über | Schlechtigkeit! |
| Er hoffte auf | Gutregiment, |
| doch siehe da: | Blutregimet!" |
Damit endet die Geschichte aus dem Jahr 740 v. Chr. Sie steht im Buch Jesaja in Kapitel 5.
Brutal hat er seinen Zeitgenossen die Augen geöffnet. Unverschämt im Namen Gottes den Gottesdienst gestört. Wie kommt Jesaja dazu?
Er beobachtete sein Volk. Sah, wie sich Bestechlichkeit und Rechtsbrüche ausbreiteten.
An der Oberfläche war davon wenig zu sehen. Das Land schien gesund. Blühender Wohlstand aller Orten. Saubere Straßen. Prächtige Häuser. Luxusvillen. Schöne Gärten. Rauschende Feste. Geschäfte mit vollen Regalen. Reiche Ernten Jahr für Jahr.
Jesaja sah tiefer.
Er sah das Leid der Armen, die abseits der sauberen Straßen wohnten. Er sah, wie Männer ihre Arbeit verloren, nach dem sie jahrelang für den Profit ihres Arbeitgebers gesorgt hatten - nur weil der woanders mehr Gewinn erwartete. Er sah, wie viele kleine Leute ihre Häuser oder Äcker verkaufen mussten, weil sie durch die Zinsen der Reichen in den Ruin getrieben wurden. Er sah, wie Menschen ihr Recht nicht bekamen, weil Richter mit vielerlei Maß maßen.
Er sah: wer Einfluss hat, hat Recht.
Polizisten jagten die Kleinen, während die Großen sich frei kauften. Korruption und Bestechlichkeit allerorten. Die Klugen, die den Durchblick hatten, schwiegen - weil sie Angst hatten, der Wahrheit wegen auf offener Straße verprügelt zu werden.
Jesaja sah: Das ist nicht der Willen Gottes! Und: Ihr werdet die Folgen eures Verhalten tragen! Denn: wird sich nicht mehr für Arme, Flüchtlinge, Alte, Witwen und Waisen eingesetzt - kurz: für die sozial Benachteiligten -, dann macht sich Gott aus dem Staub.
Harte Worte. Im Namen Gottes.
Wie kommt Jesaja dazu? Heißt es nicht: Gott liebt alle Menschen!?
Ja, sagt Jesaja, Gott liebt alle Menschen. Und deswegen leidet er unter dem Unrecht. Denn der Wille Gottes ist: alle Menschen sollen in Würde leben und arbeiten können.
Von daher steht er an der Seite derer, denen Rechte vorenthalten werden.
Wegen solcher Worte waren Männer wie Jesaja oder auch Amos unbequem und bei manchen verhasst.
Was bezweckt Jesaja mit seiner Rede?.
Zum einen übt im Namen Gottes Kritik am Unrecht. Er kritisiert offen diejenigen, die Unrecht tun. Und er mahnt: Nehmt die Verantwortung wahr, die ihr habt, zum Wohle aller!
Und zum anderen sagt er zu den Kleinen: Gott steht an eurer Seite. Lasst euch nicht unterkriegen. Er stärkt euch den Rücken. Deshalb: werdet nicht müde, laut auf euer Recht zu pochen.
Liebe Gemeinde,
nach der Ordnung unserer Kirche soll in der Passionszeit über diesen Text gepredigt werden. Auch wenn von Jesus mit keinem Wort die Rede ist. Es wird deutlich: Gott interessiert sich auch für das Leiden der Menschen unter politischen Verhältnissen, unter Willkürherrschaft und Ungerechtigkeit. Wir erleben das in diesen Tagen in schrecklicher Weise. Da soll eine Willkürherrschaft mit einem Angriffskrieg beseitigt werden und die Zeche zahlt wie immer die Zivilbevölkerung. Auch wenn Jesaja in seinem Weinberglied nicht vom Krieg spricht: Hinter jedem Krieg stehen Machtabsichten und wirtschaftliche Interessen, manchmal auch nur verletzte Eitelkeit und Rachsucht. Jesaja und Jesus hätten mit Sicherheit eine klare übereinstimmende Meinung zu diesem Krieg, die sich mit dem deckt, was der Ökumenische Rat 1948 so formulierte: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!
Amen.
[Der erste Teil der Predigt ist angeregt aus dem Buch "Flieg Friedenstaube" von Hermann Koch, S. 131-140ff]