Matthias Jung

 

 

 

"...die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit flügeln wie Adler..."

Predigt über Jesaja 40, 26-31 am 30. März 2008 bei der Einführung neu- und wiedergewählter Presbyterinnen und Presbyter

 

Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
Warum sprichst du denn, Jakob, und  du, Israel, sagst: "Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und  mein Recht geht vor meinem Gott vorüber"?
Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.
Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen, aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. (Jesaja 40,26-31)

Liebe Gemeinde,

seit längerer Zeit wird in unserer evangelischen Kirche dieses sogenannte Impulspapier der EKD: "Kirche der Freiheit - Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert" diskutiert.  Ganz salopp gesagt geht es darin um die Zukunft der Kirche mit viel weniger Mitgliedern, viel weniger Hauptamtlichen, viel weniger Kirchensteuern. Es werden eine Vielzahl von Ideen ausgebreitet, wie unsere Kirche im Jahr 2030 aussehen könnte. Unter zwölf sogenannten Leuchtfeuern werden interessante, teils auch provozierende und radikale Vorschläge zur Konzentration der kirchlichen Arbeit gemacht. Vor etwa zwei Wochen fand ich zufällig einen Artikel meines geschätzten Lehrers Wilfried Härle, der dieses Papier kritisch betrachtet. Er kommt zu dem Ergebnis: "Dass dieser Text so energisch konkrete Vorschläge macht und Ziele und Wege beschreibt, ist ausdrücklich zu loben. Das Impulspapier ist ins Gelingen verliebt, und das ist ermutigend. Aber der Text steht in der großen Gefahr, dabei die Elemente aus dem Blick zu verlieren, die wir nur erhoffen und von Gott erbitten können, aber nicht machen und herstellen." (S. 23) Andere gehen noch weiter und werfen dem Papier Machbarkeitswahn vor, statt auf Gott, sein Wirken zu hoffen und nach seinem Willen zu fragen (Christian Möller)

Als ich diese Zeilen las, musste ich an diesen Gottesdienst und die vor mir liegende Aufgabe denken, heute früh hier die Predigt zu halten. Ich hatte schon den Predigttext gelesen. Ich hatte schon über die Einführung des neuen Presbyteriums nachgedacht und hatte, wie das so geht, wenn ein Einschnitt bevorsteht, die letzten vier Jahre Revue passieren lassen und auch schon mal an die Aufgaben gedacht., die das neue Presbyterium zu lösen hat.

Das waren anstrengende und schwierige  vier Jahre. Im Presbyterium und in der Gemeinde. Und gerade auch in der Beziehung zwischen Gemeinde und Presbyterium. Mehrere turbulente Gemeindeversammlungen, Diskussionen um die Kindergärten, zuletzt die Entscheidung, die hauptamtliche Jugendarbeit im nächsten Jahr aufzugeben. Nur einige Stichworte. Und die Aufgaben, die vor dem neuen Presbyterium liegen, sind auch nicht gerade klein. Wir kommen zwar voran, in kleinen Schritten, aber der Weg ist noch weit. Es gibt positive Ansätze, aber auch ganz viele offene Fragen.

Wenn ich mich so umschaue und auch in mich hinein schaue, dann bemerke ich bei mir und anderen in Presbyterium angesichts dieser Situation häufig Erschöpfung, Zweifel, Frustration, Ermüdung.

Erschöpfung - weil dieser Weg schon so lange dauert.

Zweifel - weil so schwer erkennbar ist, was wirklich tragbar und zukunftsfähig sein könnte.

Frustration - weil jedes gelöste Problem immer neue nach sich bringt.

Ermüdung - weil es an kreativen, spannenden, motivierenden Ideen und Problemlösungsvorschlägen fehlt.

Gerne würde das Presbyterium in einer Zeit, in der sich rasend schnell so vieles verändert, den Menschen unserer Gemeinde einen verlässlichen, sicheren Ort bieten. Diese Erwartung wird offen oder verdeckt immer wieder spürbar: alles ist unsicher und schwierig geworden, wir sehnen uns nach Orten der Ruhe und der Zuverlässigkeit. Und wir als Mitglieder des Presbyteriums stehen da zwischen den Stühlen: wir sehen die Zwänge, vor denen wir stehen und stellen uns der Verantwortung und zugleich teilen wir auch die Gefühle unserer Gemeindeglieder, sehnen uns selbst auch nach diesem Ort der Ruhe, der Verlässlichkeit... 

Ich glaube nicht, dass man uns Machbarkeitswahn vorwerfen kann, aber auch wir stehen immer wieder in der Gefahr, bei allem Nachdenken über die Zukunft die Grenze zwischen dem was wir können und müssen, und dem was Gottes Aufgabe allein ist, zu verwischen. Gar nicht absichtlich, sondern aus dem Zwang handeln zu müssen, aus dem Verantwortungsgefühl heraus. 

Da spricht mir und vielleicht auch anderen, solch ein Text wie der von Jesaja aus der Seele. Ja, so fühle ich mich auch oft. Matt und müde. Ja, das würde ich gerne, auffliegen mit Flügeln wie Adler. Gar nicht mal in dem Sinne, alles einfach hinter mir zu lassen, sondern aus dem Abstand - "von oben" - einen neuen Blickwinkel auf unsere Gemeinde zu erhalten, neue Ideen, kreative, ja spannende, lustmachende, motivierende Vorschläge, Gedanken, Lösungsansätze zu bekommen. Die weiterhelfen und die Fesseln der Vergangenheit abfallen lassen, all das, was sich da mit den beiden - letztlich gescheiterten - Gemeindeversammlungen verbindet, Verletzungen, Misstrauen, Resignation. Neue Kraft bekommen, das wäre schön, dazu wünsche ich mir Zuversicht und Optimismus und Begeisterung...

Tröstlich zunächst, dass es den Menschen zur Zeit des Jesaja genauso ging wie uns heutigen. Sie wurden und müde und matt, sehnten sich nach Kraft und Hoffnung. Und die Antwort liefert Jesaja gleich mit: die auf den Herren harren!

Harren wir also nicht genug auf den Herren? Beten wir nicht genug um Lösungen? Oder beschleicht uns insgeheim der Gedanke, wir müssen die Lösungen finden, Gottes Wort kann uns da wenig helfen? Beides wird wohl so sein, denn wir sind Menschen und als solche Sünder, Menschen, die in der Gottesferne entweder zu groß oder zu klein von sich denken. So überschätzen wir uns und unsere Möglichkeiten auf der einen Seite gerne und auf der anderen Seite unterschätzen wir die Kraft Gottes. Oder wir verwechseln die Seiten, versuchen in die Hand zu nehmen, was in Gottes Hände gehört, lassen zugleich die Finger von dem, was unsere Aufgabe wäre...

Genau dies ist auch die Kritik Wilfried Härles am Impulspapier der EKD. Er sagt: Aus dem Papier könnte nicht nur abgelesen werden, "was und wie wenig die evangelische Kirche für ihre eigene Zukunft von Gott erwartet, erbittet und erwartet, sondern auch, was und wie wenig sie den Menschen als Grund des Vertrauens auf Gott zu verkündigen hat. Dass wir arbeiten sollen, als ob alles beten nicht nützte, davon ist dem Papier viel zu spüren. Dass wir beten sollen, als ob alles Arbeiten nichts nützte, das findet sich dagegen allenfalls in Spurenelementen." (S. 24)

Beten, als ob alles arbeiten nichts nützte.

Arbeiten, als ob alles Beten nichts nützte.

Hier nimmt Härle ein scheinbar paradoxes Wort von Martin Luther auf. Eine Art christlicher Handlungsanweisung für uns alle. Für Gemeindeglieder, Presbyterinnen und Presbyter, Pfarrerin und Pfarrer.

Betet, als ob alles arbeiten nichts nützte.
Arbeit, als ob alles Beten nichts nützte.

Beten, ohne zu arbeiten bedeutet: das Evangelium nicht ernst nehmen, denn der Zuspruch der nahen Liebe Gottes nimmt zwangsläufig in Anspruch, führt zur Nachfolge.
Arbeiten, ohne zu beten bedeutet aber genauso, das Evangelium nicht ernst zu nehmen. Dann trauen wir ihm nichts zu oder zumindest weniger zu als unserer Kraft und Kompetenz und Erfahrung.

In der Konsequenz machen beide falschen Wege uns müde und matt, wie Jesaja schreibt.

Die aber auf den Herren harren, bekommen neue Kraft, dass sie auffliegen mit Flügeln wie Adler. Auf den Herren harren, das sind eben die, die beten als ob alles Arbeiten nichts nütze und arbeiten, als ob alles Beten nicht nützte. Aus dieser so paradox klingenden Zusammengehörigkeit von Beten und Arbeiten erwächst der lange Atem, den wir brauchen auf unseren menschlichen Wegen, um die Fragen und Probleme im Alttag unserer persönlichen Lebens wie dem der Gemeinde lösen zu können. Aber zugleich auch den Blick auf unser Leben hier und heute nicht zu verlieren. 2030, 2015, ja sogar 2010 ist noch weit weg. Es ist schon richtig, den Blick nach vorn zu richten, aber auch die Gegenwart darf nicht vergessen werden. Die Gefahr besteht, dass wir uns sagen, ach, wenn wir erst einmal all die Fragen um Gebäude und Finanzen geklärt haben, dann können wir uns wieder dem Alltag der Menschen widmen. Dann wird sich alles beruhigen, vielleicht so werden wie früher.

Nein, liebe Gemeinde, das geht nicht. So verständlich das klingt, so menschlich verständlich, so wünschenswert, so ersehnt von uns, so falsch ist es in Gottes Augen. Beides muss und kann gleichzeitig geschehen, die Botschaft der Liebe Gottes ist immer hier und heute zu verkünden, nicht erst, wenn Gemeindehäuser neu hergerichtet und Kirchen restauriert sind... Und Gott gibt seine Kraft dazu, wenn wir ihn darum bitten und aus dieser Balance heraus leben: Beten, als ob alles Arbeiten nichts nütze; Arbeiten als ob alles Beten nichts nütze...

Wunderbar hat diese Grundhaltung, dieses Grundvertrauen  Dietrich Bonhoeffer formuliert in Worten, die als sein Glaubensbekenntnis bekannt wurden: "Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein."

Wir Glaubende wissen, wir bekommen Kraft für den Alltag und all seine Aufgaben heute. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und das kann so viel sein, dass wir auffliegen mit Flügeln wie Adler.

Ich wünsche uns im Presbyterium diese Kraft für die nächsten vier Jahre. Nicht im voraus, sondern jeden Tag neu. Ich wünsche uns allen diese Kraft für unseren Alltag, ganz gleich, welche Aufgaben und Herausforderungen auf uns warten. Und es ist so einfach und zugleich so schwer:

Beten, als ob alles Arbeiten nichts nütze; Arbeiten als ob alles Beten nichts nütze. Aber es lohnt sich, denn:

Die auf den Herren harren, bekommen neue Kraft, dass sie auffliegen mit Flügeln wie Adler, dass wir laufen und nicht matt werden, dass wir wandeln und nicht müde werden.

Amen.

 

Der Artikel von Wilfried Härle - "Als ob alles Beten nichts nützt" -  ist erschienen in: zeitzeichen 10/2006, S. 22-25.
Christian Möller hat sich im Deutschen Pfarrerblatt 3/2008 unter der Überschrift: "Und sie bewegt mich doch" geäußert, S. 131-139