Matthias Jung

 

 

 

Jakob kämpft am Jabbok

Predigt über Genesis 32,23-32 im Oktober 2010

23 Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok, 24 nahm sie und führte sie über das Wasser, sodass hinüberkam, was er hatte, 25 und blieb allein zurück. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. 26 Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. 27 Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. 28 Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. 29 Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. 30 Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. 31 Und Jakob nannte die Stätte Pnuël; denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet. 32 Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte.

 

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte aus dem AT begleitet mich seit vielen Jahren. Als ganz junger Student in Marburg mußte ich zu diesem Text meine allererste Hausarbeit schreiben. Ich habe ganz schön gekämpft mit der Geschichte. Worum geht es hier eigentlich? Wahrlich nicht leicht zu sagen... Vor fast zwanzig Jahren habe ich mich dann mit den Kirchenfenstern Marc Chagalls beschäftigt und bin durch Frankreich, Schweiz und Deuschland gefahren und habe mir die Kunstwerke vor Ort angesehen. Immer wieder tauchte zu meiner Überraschung der kämpfende Jakob bei Chagall auf und ich habe dann etwas geforscht über den Hintergrund und ein Gemeindeseminar veranstaltet. Gepredigt habe ich über diesen Text noch nie, dieser Abschnitt taucht in keiner unserer evangelischen Predigtreihen auf. Als wir daher Anfang des Jahres beschlossen haben, eine Predigtreihe zu Jakobgeschichten zu machen, habe ich sofort gesagt: "Den Text nehme ich, den kriegt kein anderer von euch!"

Jakob kämpft am Jabbok. Ich möchte einigen Fragen heut früh nachgehen.

Wer ist dieser Jakob?
Was ist das für eine Nacht?
Mit wem kämpft Jakob?
Und warum kämpft er hier?
Und zum Schluß frage ich: wie kämpft Jakob?

Wer ist dieser Jakob? Nun, vielen sind die Geschichten bekannt. Von Jakob und Esau. Jakob, der seinen Bruder um den Erstgeburtssegen betrügt. Der anschließend fliehen muss, weil sein Bruder ihm aus Rache nach dem Leben trachtet. Der dann auf der Flucht im Traum den Himmel offen sieht und Gottes Stimme hört, der ihm, dem Betrüger, zusagt, dass seine Nachommen einst ein großes Volk werden. Und dann erzählt die Bibel, wie der Betrüger von seinem Onkel selbst betrogen wird. Jakob verpflichtet sich, sieben Jahre zu dienen, um Rahel heiraten zu können. Doch in der Hochzeitsnacht führt ihm der Onkel die falsche Tochter zu, Lea. Und am nächsten Morgen sagt er, ach komm, dien mir einfach noch sieben Jahre, dann bekommst du die Rahel auch noch, und zwar sofort! So geschiehts und in diesen Jahren wird Jakob reich. Nach den vierzehn Jahren macht er sich mit Frauen und Kindern und seinen Herden auf den Weg nach Hause. Und morgen wird er dort ankommen und Esau seinem Bruder gegenüber stehen. Der wird ihn freundlich aufnehmen und das Versprechen Gottes wird wahr werden, Jakob ist der Stammvater des Volkes Israel bis auf den heutigen Tag.

Doch in dieser Nacht weiß Jakob das noch nicht. An der Furt des kleinen Fusses Jabbok führt er Familie und Herden durch die Furt und bleibt allein zurück. Es ist die Nacht vor der Entscheidung. Manch einer von uns ist in solchen Nächten nicht gern allein, andere aber suchen die Einsamkeit, fliehen Familie und Bekannte, wollen allein mit sich sein. Sich vorbereiten. Den Gefühlen nachgehen. Die Angst aushalten. Sich fragen was kommt. Vielleicht auch Kraft aus der Ruhe schöpfen, nicht abgelenkt sein von mutmachenden Appellen, von Durchhalteparolen oder ernstgemeinten Unterstützungsangeboten. Manche Kämpfe muss ein Mensch mit sich alleine ausmachen, da stören alle anderen nur. Und solche eine Nacht erlebt Jakob.

Mit wem kämpft Jakob? Zunächst heißt es: ein Mann. Zwei Männer kämpfen und der Kampf verläuft ohne Entscheidung, bis der Morgen graut. Dann will der Gegner weg, weil die Morgenröte anbricht. Klingt so, als wäre es ein Vampir oder Dämon, von denen es ja heißt, sie können das Tageslicht nicht ertragen. Doch dann kommt das merkwürdige Gespräch, Jakob will gesegnet werden. Dann kann das aber kein Dämon sein, denn von so einem gesegnet zu werden, wäre ja absurd. Und am Ende klingt es dann so, als verberge sich hinter dieser merkwürdigen und dunklen Gestalt niemand anderes als Gott selbst. Aber die Frage bleibt: warum kann Gott Jakob nicht besiegen...?

Stellen wir die Antwort auf diese Frage noch einen Augenblick zurück und fragen wir erst einmal, um was es in diesem Kampf eigentlich geht. Wann ringen Menschen mit Gott? Was könnte Jakob beschäftigt haben in dieser Nacht? Die Schuldfrage - wie soll ich Esau gegenübertreten? Glaube und Zweifel - wird Gott seine Zusagen einhalten? Mut und Feigheit - soll ich wirklich nach Hause ziehen oder mich vielleicht doch besser dieser Konfrontation entziehen? Anders gefragt: was ist mein Weg, was will ich wirklich, was soll ich, was muss ich tun? Ganz zentrale menschliche Fragen. Und viele von uns kennen das: die Gedanken, die Kämpfe, die Angriffe, die Zweifel die Sorgen - die kommen besonders gerne nachts, wenn wir nicht schlafen können und die Dunkelheit alles einhüllt und wir allein sind mit uns und den Dämonen, den Ängsten. Sie bedrängen uns, werfen übergroße Schatten und weichen erst, wenn der Morgen graut. So auch bei Jakob. Aber er hält die Schatten noch fest. Er weiß jetzt, was er will, wird seinen Weg weitergehen, komme, was wolle. Aber seinen Gegner in der Nacht, den will er nicht so einfach gehen lassen. Er will noch dessen Segen haben. Er will, dass sein Kampf, aus dem er nicht unbeschädigt herausgeht, sich doch gelohnt hat. Und er bekommt den Segen und den Namen - Israel, auf deutsch: Gottes-Streiter.

Und jetzt ahnen wir auch, warum Gott ihn nicht besiegt hat. Es hätte natürlich in seiner Macht gelegen zu zertreten wie einen Wurm. Aber das ist es doch nicht, was Gott will. Er führt Jakob durch diese Nacht, in dem er sich verhüllt, ihm die Dämonen vor Augen stellt. So führt er ihn zu dem, was er wirklich will: nicht fliehen, sondern den Weg der Konfrontation mit Esau suchen, zurück in die Heimat kommen und der Zusage Gottes vertrauen. Gott hat Jakob nicht besiegt, weil er ihn nicht besiegen wollte, sondern nur für den inneren Kampf von Jakob als Partner zur Verfügung stehen wollte. Vielleicht ein Trost für die, die in Nächten kämpfen und kämpfen müssen: Gott will uns nicht zertreten, aber er macht es uns auch wahrlich oft nicht leicht...

Und wie kämpft Jakob? Komische Frage? Vielleicht. Die biblische Geschichte sagt dazu auch nichts. Ich bin auf diese Frage gekommen, als ich für den Bibelabend am Donnerstag die Bilder Chagalls wieder betrachtet habe. Er hat den kämpfenden Jakob wieder und wieder dargestellt, auf Kirchenfenstern und auf Leinwänden. Und das eindrückliche: immer wieder anders. Mal sehen wir einen aggressiven Jakob, die Beine fest auf den Boden gepresst und mit dem Kopf voran geht er gegen Gott, bei Chagall immer als Engel gezeichnet, an. Mit Widerstand kämpft er hier gegen den, der sich ihm den Weg stellt, will ihn aus dem Weg schaffen. Ein anderes Mal scheinen die beiden sich kaum zu berühren, es ist eher eine Distanz da, sich umschleichen sich eher, da ist keine Aggressivität, sondern eher Überraschung bei Jakob, dass er plötzlich sich jemand gegenüber steht. Und wieder ein anderes Mal ist auch weniger Kampf denn innige Umarmung, kein Ringen, sondern eher halt- ja, trostsuchende Ergebenheit, keine Kraft ist vorhanden, halte mich, hilf mir durch diese Nacht.

Und so ist es doch auch in unserem Leben. Nicht alle Kämpfe sind gleich. Mal gehen wir mit voller Wucht in Konflikte, mal stehen wir überrascht davor und manchmal haben wir gar eine Kraft mehr zu kämpfen und müssen doch. Und die Botschaft des Textes in der Kunst eines Marc Chagall heißt dann: Gott in seiner Liebe setzt und so viel Widerstand entgegen, wir wir brauchen, um die Nacht zu überstehen. Er will uns nicht vernichten. Nicht immer heil kommen wir da heraus, auch Jakob hinkte seit diesem Kampf. Aber er hat den Segen, sein Kampf hat sich gelohnt.

Amen.