Matthias Jung

 

 

 

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig

Jahreslosung 2012 - Predigt an Neujahr

 

Jahreslosung 2012

 

 

Liebe Gemeinde,

diese Worte stammen vom Apostel Paulus und sind Insidern und Theologen gut bekannt. Wir haben ja eben in der Lesung diesen Vers im Zusammenhang gehört. Seit Jahrhunderten rätseln Ausleger, was hinter den Andeutungen des Apostels stecken könnte. Viele vermuten eine Krankheit, aber welche? Wie dem auch sei – Paulus hat mehrfach Gott inständig gebeten, ihn von diesem Stachel im Fleisch zu erlösen, doch vergeblich. Seine Sehnsucht nach Heilung und Erlösung wird in dieser Welt nicht erhört. Er muss damit leben und Gottes Antwort lautet: Lass dir an meiner Gnade genügen, meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Damit fangen die Fragen aber erst recht an. Gut, wir können nicht mehr sagen, was Paulus so quälte. Und dass nicht jede Bitte um Heilung erhört wird, nun ja, da brauchen wir uns nur mal in der Welt umzuschauen. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele verzweifelte Gebete grade in dieser Sekunde rund um den Erdball an Gott gerichtet werden, mit der Bitte um Heilung oder wenigstens Erlösung.

Nein, das wissen wir alles, auch wenn es uns natürlich schwer fällt, dies immer wieder zu akzeptieren. Mich beschäftigt aber eine ganz andere Frage: Ist das Evangelium eigentlich in dieser Logik nur etwas für Schwache, also Kranke, Benachteiligte, Arme, Verfolgte, Unterdrückte....? Das Evangelium hat eine »Option für die Armen«, so formuliert es unsere christliche Tradition, und dem stimmen wir sicher auch spontan zu. Was ist aber mit mir, wenn ich mich gesund und zufrieden, kräftig und glücklich fühle? Manch einer wird jetzt vielleicht sagen, nun, manchmal sind wir eben stark und manchmal schwach, das kommt doch in jedem Leben vor. Das weiß ich auch, aber das beantwortet die Frage nicht. Denn dann hätte das Evangelium nur etwas, wie es Bonhoeffer mal sagte, an den Rändern, an den Grenzen unseres Lebens zu sagen und nicht mitten drin. Das fand Bonhoeffer eine fatale Auffassung, weil dann Gott mit der Welt nicht wirklich etwas zu tun hätte, oder zumindest in Gesundheit und Glück nicht vorkäme. Das widerspricht aber vielen anderen Aussagen der Bibel.

Ich habe in dieser Woche lange über diese Frage nachgedacht und möchte mit Ihnen einen anderen Zugang suchen. Und zwar über die Frage: Was heißt eigentlich »schwach«?

Schwach, das ist das Gegenteil von stark. Und wenn ich da noch etwas weiter drüber nachsinne, dann fällt mir ein, schwach hat oftmals eine Nähe zu weich und stark zu hart. Und weich wiederum steht eher für lebendig und beweglich als der harte, feste Stein zum Beispiel. Mir fiel dieser Zusammenhang auf, als ich über das Bild nachdachte. Ich hatte es unter den vielen Fotos auf meinem PC im Herbst eher so aus dem Bauch heraus ausgewählt, irgendetwas sagte mir, das passt zu dem Spruch. Irgendwie.

Und nun fiel es mir auf. Die zarten, weichen Blütenblätter umhüllen den Fruchtstempel. Schützen ihn für eine ganze Weile, ziehen mit der Farbe die Bienen zum befruchten an. Doch dann ist ihre Zeit vorbei, sie fallen ab, geben den Samen frei, damit er sich verteilen kann und neues Leben aussäen kann. Wären die Blätter bretthart, könnten sie diese Funktion nicht erfüllen.

Nun will ich nicht sagen, dass alles Harte und Starke und Feste in dieser Welt schlecht wäre. Dann hätten wir auch keine Häuser und viele andere Gegenstände. Aber vielleicht, wenn ich in diesem Bild bleibe, geben die harten, starken Dinge den Rahmen unseres Lebens ab, aber Leben ist immer weich und zart und verletzlich und – schwach.

Und so höre ich diesen Satz des Apostels am Morgen dieses neuen Jahres dann so: Bleib lebendig, blieb beweglich, bleib »schwach«, nur so kann sich etwas entwickeln, nur so vollzieht sich Leben, nur so kann denn dann auch das Evangelium, Gottes Geist in euch wirken. In der Stärke, in der Härte kann sich nichts entwickeln. Meine Kraft, so sagt Gott zu uns, kann sich nur da entfalten, wo Menschen beweglich, offen, weich bleiben – oder auch erst werden, weil sie durch die Begegnung mit dem Lebendigen erst ihre weiche, zarte, verletzliche Seite erkennen, akzeptieren und ausleben können.

Vielleicht ist diese Deutung ungewöhnlich und vielleicht ist sie auch falsch, aber sie führt zumindest einmal aus der moralischen Sicht von Stärke und Schwäche heraus, die heute vielfach vorherrscht. Und nach der eben Glück, Gesundheit und Wohlstand auf die »starke« Seite des Lebens gehören und Unglück, Krankheit und Armut auf die »schwache« Seite. Doch dann stellt sich unweigerlich sofort die Frage nach dem Warum, und vielleicht geht es bei dieser Frage dann doch eher um das ebenso unendlich große und schwere Thema: Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in der Welt.

Ein letzter Hinweis, das ich mit dieser Deutung vielleicht doch nicht so falsch liege. Wir feiern gleich gemeinsam das Abendmahl. Nehmen Brot und Saft der Trauben und verleiben sie uns ein, nehmen das Evangelium ganz und gar in uns auf. Und verdauen es, es setzt Kräfte in uns frei, und wir scheiden die Überreste wieder aus. Das geht nur mit weichen Dingen, liebe Gemeinde, wenn ich einen kleinen Stein versehentlich mit esse, der kommt unten wieder so heraus. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig und entfaltet dort ihre Kraft, wie auch immer, wo auch immer, und in welche Richtung auch immer. Darauf zu vertrauen, ist ein guter Vorsatz am Morgen eines neuen Jahres.

Amen.