Matthias Jung

 

 

 

Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich. (Lukas 18,27)

Jahreslosung 2009 - Predigt an Neujahr

 

Jahreslosung 2009

 

Liebe Gemeinde,

als ich die Jahreslosung Mitte letzten Jahres erstmals gelesen habe, fand ich das Wort schon sehr provozierend. Bei Gott ist möglich, was bei uns Menschen unmöglich ist? Was sollte das sein? Ich fing an nachzudenken, was denn für uns Menschen unmögliche Dinge sein könnten, aber so recht voran kam ich damit nicht. Ich blieb an dem Wort "un-möglich" hängen und verhedderte mich mit meinen Gedanken.

Ich versuchte umgekehrt zu denken. Dass Gott Möglichkeiten besitzt, die unsere Fähigkeiten überschreiten ist ja nun kein sehr neuer Gedanke. Allerdings führt er auch schnell in die Irre. Jahrhundertelang lang mußte "Gott" herhalten als Lückenbüßer an den Stellen der Welt, wo wir nicht weiter kamen. Das hat inzwischen dazu geführt, dass in den Naturwissenschaften diese Vorstellung eines allmächtigen Schöpfergottes ziemlich belächelt wird. Wie soll man auch einen Gott und seine Anhängerschaft ernst nehmen, die erst die offenen Fragen der Forschung mit Gott beantwortet und bei jedem Forschungsfortschritt buchstäblich den Rückzug antreten muss, so weit, dass es zunehmend schwieriger wird, "Schöpfung" zu denken in Übereinstimmung mit der Naturwissenschaft? Wie tief die Gräben vielerorts hier sind, kann an der im letzten Jahr neu aufgeflammten Diskussion um Darwin´s Evolutionslehre abgelesen werden, die sich im Darwin-Jahr 2009 noch verschärfen dürfte...

Fangen wir daher noch mal von vorne an. Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich. Zum dritten Mal habe ich mir Mitte letzten Jahres die Jahreslosung für das kommende Jahr vorgenommen und nach einem Bildmotiv gesucht, dass die Jahreslosung für mich und hoffentlich für andere erläutert, unterstützt, interpretiert. In den vergangenen beiden Jahren lief das so, dass ich so lange über den Text nachdachte, bis ich eine inhaltliche Ahnung bekam, was die Losung mir sagt. Und dann erst habe ich angefangen, ein Bild zu suchen oder auch erst zu fotografieren.

Im letzten Jahr war das anders. Das Foto entstand am 15. Juli in der Schweiz, oberhalb von Flims, aus lauter Langeweile, weil meine Frau und ich eine Zwangspause bei einer Bergwanderung wegen einer defekten Seilbahn hatten. Ich meine mich zu erinnern, dass ich schon während ich eine ganze Serie von Aufnahmen von Gleitfliegern machte, den Gedanken spürte, dies könnte ein passendes Motiv für die Losung 2009 sein. Jedenfalls kurz danach, noch in unserem Urlaub war die Bildkarte fertig. Ohne dass ich eigentlich wußte, warum dieses Motiv mit dem Text zusammenpasst.

Und eigentlich passt es doch auch gar nicht zusammen. Denn hier macht ein Mensch etwas, das Ewigkeiten ein unerfüllbarer Menschheitstraum war: fliegen.

Als ich dann anfing, über Bild und Text nachzudenken, kam ich von diesem unmöglichen Tun eines Menschen schnell zu dem Gedanken, dass nicht gemeint sein kann, Gott in irgendwelche Lücken zu schieben, die sich für uns Menschen auftun. Erwarten wir von ihm Dinge, die uns nur diese Welt geben kann oder eben auch nicht, dann machen wir Gott zu einem Teil dieser Welt, zu einem Abgott. Dafür taugt er nicht. Weder als Welterklärungsmodell; noch als Hoffnung für heute noch unheilbare Krankheiten; noch als derjenige, der letztlich denn dann doch irgendwann in das Weltgeschehen eingreift, um das Schlimmste zu verhindern...

Fangen wir also noch ein drittes Mal von vorne an und fragen: was ist denn dann eigentlich Gott möglich, was für uns unmöglich ist? Und da kommen wir doch relativ schnell darauf, dass es hier um so grundlegende Dinge wie Erlösung, Geborgenheit oder Hoffnung geht. Also Dinge, an die wir mit all unserer naturwissenschaftlichen Forschung einfach nicht rankommen. Aber dazu müssen wir uns erst frei machen von der Vorstellung Gottes als großer Welterklärer.

Der scharfsinnige Philosoph Ludwig Wittgenstein hat am Ende seines hochkomplizierten "Tractatus Logico-philosophicus" einige außerordentlich bemerkenswerte Sätze geschrieben, die man nach der Lektüre der Schrift eigentlich nicht erwartet.

Zum einen sagt er:

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. (7)

Und zum anderen:

Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische. (6.522)

Das führt uns weiter, weil wir dadurch auf die Spur gelenkt werden, wie denn Gotteserkenntnis möglich ist. Sie beginnt nicht mit der Vernunft oder der denkerischen Anstrengung. Auf diesem Weg kommen wir nie zu Gott. Der Weg ist ein anderer. Und er beginnt, da sind sich viele Denkerinnen und Denker unterschiedlichster Philosophien und Theologien einig, er beginnt im Staunen.

Staunen. Überrascht werden. Überwältigt werden. Im Staunen weitet sich mein Horizont, ich verlasse meine Welt, verliere mich und finde mich auf ganz andere Weise wieder. In gewisser Weise drückt das Foto dies auch aus. Der Gleitschirmflieger, der für die Zeit seines eigentlich unmöglichen Fluges seine vertraute Welt hinter sich läßt, den Boden unter den Füßen verliert, aber ganz neue Erfahrungen der Weite, der Leichtigkeit und des Getragensseins erlebt.

Das Staunen ist der Anfang der Gotteserkenntnis, wenn ich von mir fortgehen kann, hinter mir lassen kann, was mich fest-hält. Auch mein Gedankengebäude. Auch meine Gottesvorstellungen und damit verbunden meine Erwartungen an Gott.

Erst wo das gelingt, dass ich mich - für eine Weile - verlassen kann, da kann sich das Gefühl von Geborgenheit, von Gehaltensein einstellen, was gleichzusetzen ist mit Glaube und Gottvertrauen.

Wenn ich dann wieder "zurück" bin und über das Erfahrene nachdenke, dann suche ich schon nach Worten, die beschreiben, was eigentlich unaussprechlich ist, weil wir "Gott" niemals in Worten zu fassen bekommen. Und dann stammeln wir etwas von "Liebe" und "Geborgenheit", von "Erlösung" und "Hoffnung" und meinen damit nichts anderes als das Staunen darüber, dass sich in unserer Welt etwas zeigt, was über diese Welt hinaus weist und manches, vielleicht alles relativiert, was uns "hier" so wichtig und wertvoll ist, Geld und Gut, Sicherheit und Gesundheit, oder was auch immer.

Liebe Gemeinde,

am ersten Morgen diesen Jahres wünsche ich uns allen, dass diese Jahreslosung uns zu möglichst vielen solcher Gotteserfahrungen verhilft und dass es so für uns möglich wird, dieses unser Leben ein Stück weit gelassener, entspannter, freudiger, zuversichtlicher, zugewandter leben zu können. Was uns Menschen unmöglich ist, Gott ist es möglich.

Amen.

 

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Die Zahlen hinter den Zitaten aus dem Tractatus Logico-philosophicus von Ludwig Wittgenstein beziehen sich auf die eigentümliche Gliederung des Textes. Die Schrift kann online eingesehen werden unter:

Tractatus Logico-philosophicus