MJ

Förderung Hochbegabter im Bildungssystem der BRD

Thesenpapier zur mündlichen MA-Zwischenprüfung Fach Erziehungswissenschaft

- überarbeitete und erweiterte Fassung aus dem Sommer 2003 -

 

"Extrem Intelligente sind eigenwillig, nicht führbar, die werden zu Bedenkenträgern. Wir sind ein Massenbetrieb, da können wir mit Spinnern nichts anfangen."
(Gerrick von Hoyningen-Huene, Juraprofessor, Heidelberg, in: stern 16/2003, 83)

Leserbriefkommentar dazu:
"(Dies kommt) einem intellektuellen Armutszeugnis und einer Bankrotterklärung des Forschungsstandorts Deutschland gleich. Gerade heute, wo das Völkerrecht mal so eben gebrochen wird, wären mir mehr so genannte Bedenkenträger lieber als weniger."
(Olga Masur, Mensa-Mitglied, in: stern 18/2003, 13)

 

1. Für das Finden, Fördern und Fordern Hochbegabter im Bildungssystem ist die Frage nach der Definition entscheidend. "Eine wesentliche Unterscheidung der Modelle besteht darin, ob Hochbegabung als eine Disposition zu hohen Leistungen verstanden wird oder ob das Erbringen hoher Leistungen bereits eine Voraussetzung für eine hohe Begabung ist" (HOLLING et al. 2002, 43). Je nachdem, welcher Definition ich folge, ergeben sich unterschiedliche Konsequenzen für die Planung und Organisation von Fördermaßnahmen.

Erläuterungen:

- Es gibt viele Vorurteile im Blick auf Hochbegabung. Musische und sportliche Hochbegabung wird akzeptiert, aber intellektuelle Begabungen in Zweifel gezogen. Wenn es sie denn überhaupt gibt, dann gehen viele davon aus, dass gerade unser gegliedertes Schulsystem von alleine Förderung ermöglicht. Andere wiederum sehen die angebliche Gefahr, dass eine spezielle Förderung von Hochbegabten die Schwächeren benachteiligen würde, weil sich die Schere noch weiter öffnet. Darüber hinaus würden Fördermaßnahmen zu Elitebildung führen, Fachidioten produzieren und höhere Kosten verursachen...

- Grob kann man die vielen Definitionen auf zwei Bereiche verteilen:

a) Hochbegabung liegt nur vor, wenn Fähigkeiten, Kreativität und  Aufgabenorientierung vorhanden sind. Motivation ist schon Teil von Hochbegabung. – Hochbegabung ist schon Leistung (RENZULLI, MÖNKS)

b)  Andere sehen die Motivation unabhängig von der Begabung, sie ist ein Faktor,  der die Leistung beeinflusst – Hochbegabung ist eine Disposition (Münchener Begabungsmodell u.a.).

Der Vorteil von b) liegt darin, dass auch diejenigen Hochbegabten mit erfasst werden, die aus welchen Gründen auch immer keine Leistung bringen.

- Ungelöst bislang ist die Frage, ob Hochbegabung stärker durch Gene oder durch die  Umwelt bedingt wird. Beides ist schwer auseinander zu halten. Weinert spricht von 50% angeboren Anteilen und bezieht sich auf die Zwillingsforschung.
Auf Ergebnisse der Entwicklungspsychologie bezieht sich SCHWITTMANN: es gibt Hinweise aus der Hirnforschung, dass es für das Erlernen bestimmter Dinge besserer oder schlechtere Phasen gibt; Begabungen werden gelernt: "Es kommt also nicht darauf an, jeden gemäß seiner Begabung entsprechend zu fördern, sondern durch anspruchsvolle Lernprozesse die Entwicklung von Begabungen zu fördern". Hochbegabung sei daher keine qualitative, sonder quantitative Sache! Sein Vorschlag: nicht von begabten oder unbegabten Kindern sprechen, sondern von geförderten oder ungeförderten!
STAPF wiederum verweist darauf, dass es schwierig sei, befriedigende Forschungsergebnisse zu erhalten, da repräsentative Stichproben nur unter kleiner Gruppen durchzuführen seien, die Validität der Ergebnisse daher problematisch sei, und eine vorsichtige Interpretation geboten sei. 

– Solche Positionen machen es der Politik nicht leicht, Fördermöglichkeiten zu planen

- WEINERT: "Das Fatale ist, dass sowohl erb- als auch umwelttheoretische Deutungen möglich sind. Das öffnet ideologischer Überlagerung Tür und Tor."

 

2. Ich halte die Definition von LUCITO für sinnvoll, weil sie verschiedene Faktoren einbezieht und die Bedeutung der Förderung betont: "Hochbegabt sind jene Schüler, deren potentielle intellektuelle Fähigkeiten sowohl im produktiven als auch im kritisch bewertenden Denken ein derartig hohes Niveau haben, dass begründet zu vermuten ist, dass sie diejenigen sind, die in der Zukunft Probleme lösen, Innovationen einführen und die Kultur kritisch bewerten, wenn sie adäquate Bedingungen der Erziehung erhalten" (zitiert bei: FEGER/PRADO 1998, 31).

Erläuterungen:

- In der Forschung werden in der Regel heute fünf Begabungsbereiche unterschieden:
a) intellektuell
b) sozial
c) musisch 
d) bildnerisch-darstellend
e) psychomotorisch-praktisch

Dabei gibt es hinsichtlich der intellektuellen Begabung unterschiedliche Ansichten: STAPF ist der Auffassung, dass Hochbegabung in der Regel in einem der fünf Bereiche auftritt, FEGER dagegen meint, dass wer sportlich, musisch usw. hochbegabt hat, zumeist auch intellektuell hochbegabt ist.

- Die Frage der Diagnostik intellektueller Hochbegabung ist hoch kompliziert und sehr umstritten. einig sind sich alle, dass der "reine" IQ kaum hilfreich ist. Intelligenz ist nach  STAPF 40f die Denk- und Problemlösungsfähigkeit, sie besitzt einen hohen Stellenwert bei Bewältigung alltäglicher Probleme.
Bei Testreihen konnte festgestellt werden, dass sich ein Unterschied bei der Leistung oft erst bei schwierigen Aufgaben erkennen läßt. Dies wird auch auf die hohe Verarbeitungsgeschwindigkeit und –kapazität Hochbegabter zurückgeführt.

 

3. Es handelt sich bei den Hochbegabten nicht um eine Minderheit: Gehe ich von 2% Hochbegabten aus, so kann ich bei etwa 9,5 Millionen Schülerinnen und Schülern in der BRD mit ca. 190.000 Hochbegabten rechnen (nach FELS 1999, 54f.). Anders ausgedrückt: bei einem Gymnasium mit 1000 Schülern muss mit mindestens 20 Hochbegabten gerechnet werden.

Erläuterungen:

- Die Frage nach der Quantität wird kaum jemals befriedigend beantwortet werden. Nach der gausschen Normalverteilungskurve kann aber mit ca. 2-5% Hochbegabten gerechnet werden. Dies ist - auf die Schülerzahl umgerechnet - eine Größenordnung, an der Schulpolitik und - organisation nicht vorbei gehen kann.

-  Die Zahl hochbegabter Kinder und Jugendlicher exakt zu bestimmen ist schon wegen der Zahl der Underachiever schwierig. Da diese sich aber gerade dadurch auszeichnen, dass sie nicht auftauchen, ist deren Zahl nur zu schätzen. MÖNKS geht von 50% Underachiever aus (d.h. er verdoppelt die Zahl der "bekannten" Hochbegabten), HANY geht nach Angaben von Beratungsstellen davon aus, dass ca.  10% aller Kinder Lernschwierigkeiten welcher Art auch immer haben und sieht keinen Grund, dass die Zahl hochbegabter Kinder mit Lernschwierigkeiten  höher sein soll als bei "normalbegabten" Kindern.

 

4. Die Zielsetzung von Hochbegabtenförderung im Bildungssystem kann so beschrieben werden: "Die Gesellschaft benötigt hochqualifizierte Fachleute und sollte durch die Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen bereits in den Bildungseinrichtungen (...) jedem Kind, insofern auch dem begabten, den besten, seinem Leistungsvermögen angemessenen Start vom Bildungs- ins Beschäftigungssystem ermöglichen. Begabtenförderung in der Schule ist nötig zur Realisierung dieser Chancengleichheit." (BLK 2001, II) Denn: "Auch außergewöhnliche Befähigungen entwickeln sich nicht von selbst, sondern bilden sich im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung – unterstützt durch Erziehung und Bildung – heraus." (MSJK NRW 2002, 4)

Erläuterungen:

- HELLER 2003 stellt folgende These auf: 
Die Tatsache, dass selbst die Spitzenleistungen von Gymnasiasten bei PISA und TIMMS nur im mittleren Leistungsbereich liegen, dürfte auch auf die in Deutschland ungenügend Förderung sogenannter hoch begabter Schüler zurückzuführen sein.

- Alle Kinder und Jugendlichen soll das Bildungssystem die Chance zur individuellen Persönlichkeitsentwicklung geben, das entspringt aus dem Prinzip der Chancengleichheit oder Chancengerechtigkeit. Fördermöglichkeiten und Förderverpflichtungen sind dann aber auch für höher Begabte zu entwickeln und umzusetzen.

- In der BRD gibt es aus der Geschichte des Dritten Reiches heraus Vorurteile und Skepsis gegenüber einer Elitebildung. Manche schreiben sich auch einen Egalitarismus auf die Fahnen, alle sollen möglichst gleich werden... Manche Wissenschaftler sehen auch in Entwicklungen aus der 68er-Zeit heraus Vorurteile gegenüber der Förderung von Hochbegabten, da damals zum Teil die  Schädlichkeit von Leistungsförderung propagiert wurde.

- Die Forderung nach "Sozialpflichtigkeit" (BLK) der Hochbegabung ist sicher angemessen, solange sie nicht individuell eingefordert wird. Das Beispiel des Hochbegabten, der nach 1.0 Abitur eine Automechanikerlehre beginnt und damit völlig zufrieden ist, macht das deutlich. Auf die ganze Gesellschaft gesehen, stimmt der Satz aber. Neu ist er auch nicht, schon STERN formulierte 1916: Begabung ist nicht Verdienst, sondern Verpflichtung.

- Die Politik bestimmt das gesellschaftlich Mögliche, legt Ressourcen fest und schafft Realisierungen (oder auch nicht...).

- Es gibt Schulen und Netzwerke, die sinnvolle Förderung anbieten. Zwei finde ich besonders interessant:
a) das LIBRO-Netzwerk mit der Förderung Hochbegabter in heterogenen Gruppen innerhalb des "normalen" Schulbetriebs mit der Entwicklung von Förderplänen (siehe dazu unten mehr)
b) die Schulen des CJD in Braunschweig, Rostock und Königswinter: hier werden homogene Gruppen innerhalb eines "normalen" Schullebens gebildet und das Schuljahr in Trimesteraufgeteilt: 1. HJ/2. HJ/Projektphase 3 Monate

- Eine andere sinnvolle Fördermöglichkeit sind in Baden-Württemberg die seit 1985 eingerichteten Arbeitsgemeinschaften. Nach HANY und HELLER bietet diese Form für ca. 80% der Hochbegabten hinreichend effektive Lernumwelten.

 

5. Es ist sinnvoll, drei Gruppen von Hochbegabten zu unterscheiden, die das Bildungssystem durchlaufen (angelehnt an FEGER/PRADO 1998, 75f. und HANY 2000, 75f.):
a) Hochbegabte, die von allein Leistungen erbringen;
b) Hochbegabte, die durch Störungen usw. auffällig werden, dabei Leistungen erbringen oder auch nicht;
c) Hochbegabte, die weder durch Leistungen noch durch Störungen auffallen, also schlimmstenfalls überhaupt nicht entdeckt werden. Sie nicht zu finden und zu fördern, schadet nicht nur der Entwicklung dieser Menschen, sondern auch der Gesellschaft.
Alle drei Gruppen gilt es angemessen zu fördern, z.B. durch Förderpläne (HÖHMANN 2003).

Erläuterungen:

zu a)

- HELLER 1992 formuliert drastisch: Das  unausrottbare Vorurteil, dass sich hochbegabte Kinder allein durchsetzen, gehört zu den wissenschaftlich am besten widerlegten Annahmen.

zu b)

- Es gibt folgende wesentliche Gründe für hochbegabte Kinder und deren Familien, eine Beratungsstelle aufzusuchen:

- Schulversagen oder erwartungswidrig niedrige Leistungen
- Schullaufbahnberatung
- soziale Anpassungsprobleme

- Es gilt als erwiesen, dass sich die Förderung von Hochbegabten durch Nachlasen von Störungen positiv auf Klassenklima insgesamt auswirken kann wirken.

- Auch andere Schüler langweilen sich oft, meist weil die Themen sie nicht interessieren. Hochbegabte finden in der Regel die Themen interessant, aber das Level des Input ist zu niedrig.

zu c)

- Das große Problem der Underachiever:  Wie finden wir sie? Folgende Schritte scheinen sinnvoll:

1.) Die Lehrerschaft muss ein Bewusstsein für Hochbegabung haben und Langeweile statt Minderbegabung erkennen

2.) In solchen Fällen intellektuelle Intelligenztests durchführen

Ein wichtiger Hinweis ist vielfach, dass Underachiever Leistung oft außerhalb der Schule erbringen.

 

6. Im Bildungswesen der BRD gibt es zahlreiche rechtliche Bestimmungen und Instrumente zur Förderung Hochbegabter (Akzeleration, Enrichment, Grouping). Sie können und müssen konsequent und flächendeckend angewendet, aber auch noch verbessert werden. Denn: "Die individuellen Lernpotentiale werden in unseren Schulen noch keineswegs optimal ausgeschöpft. Das gilt sowohl für Hochbegabte als auch für begabungsschwächere Schüler." (Weinert 2000, 20)

Erläuterungen:

- Das Grundgesetz gibt  Art 2 jedem Menschen das Recht auf Persönlichkeitsentwicklung. Dies ist aber im Einzelfall nicht subjektiv einklagbar (MANNHART). Ich kann nicht mit dem GG z.B. eine bestimmte Form von Förderung juristisch einklagen.

- Die Situation in der BRD sieht FEGER so: "In keinem Bundesland wurden aus der Beratungsarbeit systematische Konsequenzen für Fortbildung der Lehrer gezogen. Es wird allerdings inzwischen in allen Bundesländern die Notwendigkeit von Beratung gesehen, führt aber zumeist über die Diagnose nicht hinaus, viel zuwenig Förderangebote."

Zielvorstellung könnten "begabungsfreundliche Lernorte" (BLK) sein.

Leitlinie: "Fördern heißt anregen und fordern" (STAPF)

Letztlich geht es immer um die Frage: Integration oder Segregation? STAPF hat dazu diese Übersicht erstellt:

Integration Segregation
(eher) Akzeleration - vorzeitige Einschulung

- Überspringen der Klassenstufe

- Teilunterricht in höheren Klassen

 

- D-Zug-Klassen

- Spezialklassen

- Spezialschulen

 

(eher) Enrichment - besonderer Stoff

- besondere Lernprogramme

 

- Spezialschulen

- HEINBOKEL: Das Mittel der Akzeleration wird kaum genutzt. Es gibt Vorbehalte bei Lehrkräfte, aber kaum Wiederholer nach Überspringen. 83% springen in der Grundschule.

- D-Zug Klassen (5-10) [nach FELS effektivste Form von Akzeleration] oder Profilklassen NRW (Klasse 11 wird übersprungen)

- Spezialschulen: CJD Rostock, Braunschweig, Königswinter; "reine" Hochbegabtenschule: St. Afra Meißen)

- Weitere Fördermöglichkeiten sind Wettbewerbe, AG´s (gute Erfahrungen vor allem in Baden-Württemberg), Schülerakademie. Evaluation ist immer wichtig!

- Eine andere sinnvolle Möglichkeit sind Beratungslehrer an den Schulen, speziell für Begabtenförderung (evtl. auch eine Person für mehrere Schulen).

- die Freistellung von der Schulpflicht ist in der BRD nicht möglich (home schooling in USA) – Programme und Ausnahmen gibt es auch in Deutschland, allerdings nur extrem selten (z.B.: Anne-Sophie Mutter).

Grundsätzlich gilt für alle Zusatzangebote: "Sonderangebote mögen eine notwendige Ergänzung des allgemeinbildenden Schulwesens sein, sie können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich jede Schule der Frage nach dem Umgang mit besonderen Begabungen stellen muss" (HÖHMANN)

 

7. Das Hauptaugenmerk für zukünftige Verbesserungen der Förderung Hochbegabter sollte gelegt werden:

a) auf den Vorschul- und Primarbereich, denn: "Da anfällige Kinder bei Vorliegen extrem hemmender Bedingungen im Grundschul- oder Jugendalter möglicherweise nicht mehr als hochbegabt erkennbar sind, muss eine Hochbegabtenforschung früh einsetzen, um die entsprechenden Erkenntnisse zu erarbeiten" (STAPF 2003, 89);

Erläuterungen:

- In der Erzieherinnen-Ausbildung kommt das Thema Hochbegabung nicht vor. Weithin herrscht gerade zu eine Abneigung gegen jede intellektuelle oder kognitive Förderung von Kindergartenkindern vor. Kinder sollen spielen, der Ernst des Lebens kommt schon noch in der Schule! Dabei wird übersehen, dass viele Kinder - nicht nur hochbegabte - große kognitive Interessen schon im Kindergartenalter haben.
Die Tendenz im Kindergarten geht eher zu "langem Spielen" – also lieber Minderbegabte später als Hochbegabte früher einschulen!

- Dabei sollte es ein Ziel sein, möglichst früh Unterforderung zu verhindern und sozialisatorische Nachteile zu minimieren. Je früher Hochbegabung erkannt wird, desto eher kann gezielte Förderung beginnen.

 

b) auf die berufliche Bildung, denn: "(Es gibt) im Berufsbildungssystem keine generelle Regelung (...), die an der besonderen Begabung und Leistungsfähigkeit von Jugendlichen orientiert ist. Dies ist vor allem deshalb erstaunlich, weil zielgruppenspezifisch differenzierte Bildungsangebote seit langem existieren" (MANSTETTEN 1996, 23);

Erläuterungen:

- Es gibt ein singuläres Programm: Begabtenförderung beruflicher Bildung. Hier gibt es nach zehnjährigem Bestehen 40.000 Stipendiaten, derzeit 12.000 (siehe Berufsbildungsbericht 2003). Anfangs wurden Fremdsprache und "Schlüsselqualifikationen" besonders nachgefragt, heute sind PC-Kurse im weitesten Sinne hinzugekommen. Das große Problem: das Programm gilt nur für Menschen mit abgeschlossener Erstausbildung. Begabungspotentiale in der beruflichen Erstausbildung werden derzeit nicht ausgeschöpft (so auch BLK).
Aber auch: seit MANSTETTEN 1996 gibt es keine neueren Untersuchungen...

- In der Berufsschule gibt es nur vereinzelt Spezialklassen, Leistungskurse, zusätzlicher Unterricht. Die Berufsschule steht eher vor der Gefahr: Restschule zu werden weil Abiturienten in der betrieblichen Ausbildung oft gleich mit Uni zusammenarbeiten.

- Die Verkürzung der Lehrzeit ist möglich, aber nicht nur bei guten Leistungen, sondern auch für Auszubildende mit Realschulabschluss oder Abitur

- Problem: für alle Berufe müsste erst einmal definiert werden, was Hochbegabung heißt!

 

c) auf Mädchen, denn: "Hochbegabte Jungen und Mädchen werden ungefähr in gleicher Anzahl geboren, je älter sie jedoch werden, desto mehr hochbegabte Mädchen 'verschwinden' und desto weniger Mädchen werden als hochbegabt erkannt" (BMBF 2001, 59);

Erläuterungen:

- die "typischen "Mädchenprobleme" gelten auch für hochbegabte Mädchen: starke soziale Orientierung; Jungen überschätzen sich eher, Mädchen unterschätzen sich eher; Jungen stören eher, Mädchen verstecken sich (auch schon im Kindergarten); Mädchen haben ein niedrigeres Selbstvertrauen als Jungen.

- Hochbegabte Mädchen ähneln in intellektuellen Interessen stark hochbegabten Jungen - führt zu Problemen mit Mädchen!

- Mädchen reagieren auf Unterforderung eher mit psychosomatischen Beschwerden als Jungen

- Das höhere Entwicklungstempo könnte dazu führen, dass Mädchen bis zur Pubertät noch unterforderter sind als Jungen (danach wächst sich der Unterschied aus), aber sie sich viel stärker an normale Mädchen anzupassen versuchen.

- STAPF spricht von den hochbegabten Mädchen als einer "Risiko-Gruppe"

- Rangfolge der Probleme von hochbegabten Frauen nach Häufigkeit (FEGER 2002,  39):

a) Berufswechsel
b) Lern- und Arbeitstechnicken
c) Oberstufe

Die häufigsten psychologischen Probleme:

a) Selbstkonzept
b) fehlende Hilfs- und Beratungsangebote

 

d) auf die Aus- und Fortbildung der Lehrenden, denn: "Wer Lehrerbildung und Begabungsförderung oder Lehrerbildung und Begabtenförderung 'zusammendenkt', indem er sie mit dem unverbindlichen 'und' in Verbindung setzt, macht die überraschende Entdeckung, dass einerseits lehrerbildende Institutionen wenig bis gar nichts zur Begabtenförderung einbringen und dass andererseits unter einschlägigen Publikationen zum Thema Begabtenförderung die Fragen der Lehrerbildung kaum wirklich aufgegriffen werden" (OSWALD 2002, 18).

Erläuterungen:

- Lehrer kennen oft keine Hochbegabten...

- Lehrer müssten akzeptieren, das Schüler mehr wissen als sie...

- Hochbegabung kommt in Ausbildung der Lehrerschaft kaum vor

- In Verbindung mit Fortbildung sind deutliche Steigerungen möglich (Überspringerquote in Hamburg von 0,4& auf 1,6%

- Mögliche Ansatzpunkte in den Schulen

a) Beratungslehrer für HB
b) Scannen in Zeugniskonferenzen
c) Elternsprechtage
d) Ausbau Beratungsstellen (100 Km) und des schulpsychologischen Dienst

- Das Fehlen von Beratungsangeboten schadet vor allem Hochbegabten  aus sozial schwächeren Familien

- Muss ein Lehrer von Hochbegabten selbst hochbegabt sein? Nein, aber überdurchschnittlich begabt und sehr gute Fachkompetenz haben

- Lehrer bevorzugen (in dieser Reihenfolge):

a) konforme und leistungsstarke Schüler
b) konforme und leistungsschwache Schüler
c) non-konforme und leistungsschwache Schüler

- HELLERT berichtet von den Lehrerfortbildung im CJD Braunschweig:

a) grundlegendes Wissen vermitteln
b) eigene Testerfahrung, um "Gefühl" für Hochbegabung zu bekommen
c) psychologischer (Erklären und Verstehen) statt pädagogischer (Wertung des Verhaltens und Verändern) Blick

- "Jemanden auf den Weg zu schicken mit einem wahrlich prall gefüllten Rucksack an Fachwissen, aber ihm das notwendige Training zu verweigern, den schwierigen Weg zu finden, durchzustehen und sogar zu genießen, das grenzt schon an Fahrlässigkeit." (HELLERT 112)

 

e) auf die Entwicklung von Schulprofil und Schulprogramm, denn so können Kinder und Jugendliche gezielter nach Schulen suchen, die ihrer (tatsächlichen oder vermuteten) Hochbegabung entspricht.

Erläuterungen:

- In der derzeitigen Debatte um Autonomie in der Schule, Schulprogramme und Schulprofil könnte über eine gezielte Profilierung der Schulen eine gewisse "Selektierung" von tatsächlichen oder vermuteten hochbegabten Kindern und Jugendlichen erreicht werden.

 

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Ausgewählte, neuere Literatur:

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2001: Begabte Kinder finden und fördern. Ein Ratgeber für Kinder und Eltern. BMBF: Bonn

Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) 2001: Begabtenförderung - ein Beitrag zur Förderung von Chancengleichheit in Schulen . Materialien zur Bildungsplanung und Forschungsförderung,  Heft 91. BLK: Bonn

Feger, Barbara 2002: Probleme hoch begabter Mädchen und Frauen, in: Wagner, Harald (Hrsg.): Hoch begabte Mädchen und Frauen. Bad Honnef: Karl Heinrich Bock, S.29-42

Feger, Barbara/Prado, Tania M. 1998: Hochbegabung – die normalste Sache der Welt. Darmstadt: Primus

Fels, Christian 1999: Identifizierung und Förderung Hochbegabter in den Schulen der Bundesrepublik Deutschland (Schulpädagogik – Fachdidaktik – Lehrerbildung Band 2). Bern, Stuttgart, Wien: Haupt

Hany, Ernst 2000: Muss man unterschiedlich hochbegabte Kinder unterschiedlich fördern? in: Wagner, Harald (Hrsg.): Begabung und Leistung in der Schule. Modelle der Begabtenförderung in Theorie und Praxis. Bad Honnef: Karl Heinrich Bock (2., überarbeitete und erweiterte Auflage), S. 71-98

Heller, Kurt A. 2000: Begabungsdefinition, Begabungserkennung und Begabungsförderung im Schulalter, in: Wagner, Harald (Hrsg.): Begabung und Leistung in der Schule. Modelle der Begabtenförderung in Theorie und Praxis. Bad Honnef: Karl Heinrich Bock (2., überarbeitete und erweiterte Auflage), S. 39-70

Heller, Kurt A. 2003: Das Gymnasium zwischen Tradition und modernen Bildungsansprüchen, in: Zeitschrift für Pädagogik 49/2003 Heft 2, S. 213-234

Hellert, Ursula: Lehrerfortbildung: "Wirklichkeit und Vision", in: Wagner, Harald (Hrsg.): Begabtenförderung und Lehrerbildung. Bad Honnef: Karl Heinrich Bock, S. 105-112

Heinbokel, Annette 2000: Gehupft wie gesprungen: Was nützt das Überspringen?, in: Wagner, Harald (Hrsg.): Begabung und Leistung in der Schule. Modelle der Begabtenförderung in Theorie und Praxis. Bad Honnef: Karl Heinrich Bock (2., überarbeitete und erweiterte Auflage), S. 153-170

Höhmann, Katrin 2003: Stärken sehen, Förderung planen. Förderpläne als Bausteine einer sinnvollen Begabtenförderung, in: Pädagogik 55/2003 Heft 4, S. 26-29

Holling, Heinz/Preckel, Franzis/Vock, Miriam 2002: Schulische Begabtenförderung in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland, in: Solzbacher, Claudia/Heinbokel, Annette 2002: Hochbegabte in der Schule – Identifikation und Förderung (Hochbegabte: Individuum – Schule – Gesellschaft Band 5). Münster, Hamburg, London: LiT, S. 43-64

Mannhart, Bettina 1999: Die Förderung von hochbegabten Kindern und Jugendlichen nach deutschem Recht. Dissertation der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Manstetten, Rudolf 1996: Strukturelle, institutionelle und innovative Aspekte der Begabtenförderung in der beruflichen Bildung, in: Manstetten, Rudolf (Hrsg.): Begabtenförderung in der beruflichen Bildung: empirische und konzeptionelle Beiträge zur Berufsbegabungsforschung. Göttingen, Bern, Toronto Seattle: Hogrefe, S. 21-85

Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen (MSJK NRW) 2002: Chancen. Konzepte zur Begabtenförderung in Nordrhein-Westfalen. MSJK NRW: Düsseldorf

Oswald, Friedrich 2002: Lehrerbildung – für eine begabungsfreundliche Lernkultur, in: Wagner, Harald (Hrsg.): Begabtenförderung und Lehrerbildung. Bad Honnef: Karl Heinrich

Bock, S. 17-34

Schwittmann, Dieter 2001: Was heißt "Begabung"?, in: Pädagogik 53/2001, Heft 12, S. 32-36

Stapf, Aiga 2003: Hochbegabte Kinder. Persönlichkeit – Entwicklung Förderung. München: C. H. Beck

Ulbricht Helga 2001: Rechtzeitige Einschulung, in: Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind (Hrsg.): Im Labyrinth. Hochbegabte Kinder in Schule und Gesellschaft. Münster, Hamburg, Berlin, London: LiT

Weinert, Franz 2000: Begabung und Lernen: Zur Entwicklung geistiger Leistungsunterschiede, in: Wagner, Harald (Hrsg.): Begabung und Leistung in der Schule. Modelle der Begabtenförderung in Theorie und Praxis. Bad Honnef: Karl Heinrich Bock (2., überarbeitete und erweiterte Auflage), S. 7-24