Meinst du, ich habe Gefallen am Tod des Gottlosen?
Predigt über Ezechiel 33,6-10 beim ökumenischen Kanzeltausch
Es war heiß an jenem Tag. Eigentlich wie jeden Tag. Ezechiel saß um die Mittagszeit am Kanal und sah seinen Landsleuten bei der Arbeit zu. Zehn Jahre lebten sie jetzt hier, fern der Heimat. So lange war die erste Belagerung Jerusalems durch die Babylonier nun her. Ezechiel erinnerte sich noch genau an den furchtbaren Anblick des fremden Heeres vor den Mauern der heiligen Stadt. Nach wenigen Wochen war alles vorbei und Israel vernichtend geschlagen. Zedekia wurde als König von Babylons Gnaden eingesetzt. Tausende der sogenannten Oberschicht, Großgrundbesitzer, Handelsführer, Minister - und Priester wurden deportiert. So kam auch er ins fremde Land nach Tell Abib an den Kanal Kebar. Hier wurden sie angesiedelt, durften Dörfer bauen, sich weitgehend selbst verwalten – bei allem Respekt. Und arbeiten mussten sie natürlich für die fremden Herren. Kanäle ausheben, Kanäle pflegen, tagaus, tagein. An Rückkehr war nicht zu denken.
Er, Ezechiel, war als Priester von der harten körperlichen Arbeit befreit. Geistliche wurden respektiert. Ihre neuen Herren waren der Meinung, Religion sei wichtig. Und so übte er Seelsorge, hielt in seinem eigenen Haus Gottesdienste. Woche für Woche, Sabbat für Sabbat.
Und dann, vor fünf Jahren, der Tag, der sein Leben auf den Kopf stellte. Mit großer Wucht hatte ihn vor Jahren der Ruf Gottes erreicht. Eigentlich war es auch nicht allein ein Ruf gewesen, eher eine ihn mit allen Sinnen gefangen nehmende Vision. Seither hatte er unermüdlich im Namen seines Gottes gepredigt. Es wird nicht gut enden, das war seine Botschaft, die er immer und immer wieder verkünden musste, mit Worten und mit Taten. Selbst als seine Frau starb, musste er ihren Tod als Bild für den bevorstehenden Untergang seines Volkes nehmen... Furchtbar war dies gewesen.
Beliebt hatte ihn das alles nicht gemacht.
Es gab ja auch andere Propheten.
Diejenigen, die der Meinung waren, jetzt könne es nur noch aufwärts gehen. Die Niederlage Israels sei das reinigende Gewitter gewesen, nun sei der Himmel wieder klar und Gott wieder gut. Alles falsch, lautete Ezechiel Antwort, es ist noch nicht vorbei.
Und dann gab es noch die anderen, welche die Religion der Babylonier, ihre Sternendeuterei und anderes faszinierend fanden und die nach einer Verbindung zwischen alten und neuem Glauben suchten. Ihr geht in die Irre, hielt Ezechiel entgegen. Haltet besser am Gott Israels fest.
Schnell fanden sich Männer, des Schreibens kundig, die auf Papier festhielten, was Ezechiel zu sagen hatte. Seine Worte und Taten waren bekannt unter den verstreut in der Ferne lebenden Israeliten.
So ging es Jahr um Jahr. Unheil, Untergang, Vernichtung – immer die gleichen Themen der Predigten Ezechiels. Woche für Woche, Monat für Monat. Es kann nicht anders kommen. Eure Schuld ist so groß, sie kann nur mit der endgültigen Niederlage gesühnt werden, es geht nicht anders, Gott lässt sich nicht spotten.
Dann war es so weit. Vor wenigen Wochen hatten die Verbannten die furchtbare Nachricht erhalten: Jerusalem zerstört, der Tempel geschliffen, Ende, aus.
Ezechiel wischte sich den Schweiß aus der Stirn. Er hatte es ja all die Jahre gewusst, dass es so kommen würde. Aber nun war es doch schrecklich. Über dem Dorf am Kanal hing die Nachricht wie eine dunkle Wolke. Still war es geworden. Trauer, Fatalismus. Resignation.
Sein Kopf war leer seither. Gott schwieg. Kein Bild stand vor seinem Auge, keins. Was sollte er auch sehen? Seine Aufgabe war doch erfüllt. Der Strafgericht war eingetreten.
Und dann, am letzten Sabbat, nach dem Gottesdienst. Sie standen draußen vor dem Haus. Da kam Lea, die Frau eines jungen Arbeiters auf ihn zu. Beide waren sie als kleine Kinder deportiert worden, hatten selbst zwei kleine Kinder und Lea viel Temperament. Schon des öfteren hatte sie sich mit ihrer scharfen Zunge den Mund verbrannt. Ihr Mann versuchte sie noch zurückzuhalten, vergeblich. Sie baute sich vor Ezechiel auf, stemmte die Arme in die Seiten und ihr ganzer aufgestauter Zorn brach aus ihr heraus. Bist du jetzt endlich zufrieden, Ezechiel, hatte sie geschrieen. Jetzt hast du deine Niederlage, dein Gott hat triumphiert. Endlich ist das ganz Volk am Ende und bestraft und du hast deine Ruhe. Kannst dich zurücklehnen und deinen Sieg genießen. Alle sind wir bestraft, wir hier schon lange, jetzt auch die anderen in der Heimat. Doch sag mir eins, Ezechiel, wie sieht ER das? Ist ER jetzt auch zufrieden? Sein Zorn gestillt? Und wenn ja, musste das alles wirklich sein? Sag mir doch mal, was habe ich denn getan? Wofür werde ich bestraft? Als kleines Mädchen bin ich hierher gebracht worden. Und jetzt habe ich selbst schon Kinder. Die werden nichts als Dreck und Arbeit, Arbeit und Dreck sehen, nie die Heimat kennen lernen. Niemals werden sie den Berg Zion sehen, und wenn auch der Tempel in Schutt und Asche liegt, ist es doch unser heiliger Berg. Ist er damit zufrieden, dein Gott? Ja?!
Nichts hatte Ezechiel gesagt, nichts. Leer war sein Kopf, verstummt sein Gott. Wie schlagfertig war er all die Jahre gewesen, nie um ein Wort verlegen. Immer wieder hatte er die Bilder vor seinem Auge gesehen, stets war ihm zu rechten Zeit das Wort Gottes zugefallen. Doch letzten Sabbat nicht. Er stand einfach nur da. Alle hatten auf ihn geschaut und dann war einer nach dem anderen gegangen, bis er ganz allein vor seinem Haus zurückblieb.
Seither hatte er kein Wort mehr geredet, mit niemand. Zu schwer lastete die Frage Lea´s auf ihm, noch schwerer allerdings das Schweigen Gottes. Stunde um Stunde saß er hier unter der Palme, von früh morgens bis zum Sonnenuntergang. Sie sahen ihn hier sitzen. Doch niemand sprach ihn an, alle machten sie einen großen Bogen um ihn, schauten nur aus sicherem Abstand ängstlich auf ihn. Was brütete er aus? Sie waren ja nun so einiges aus den letzten Jahren von ihm gewohnt. Doch nichts ging in ihm vor. Wenn die Sonne untergegangen war, ging er nach Hause, wälzte sich unruhig auf seinem Bett hin und her und bezog schon früh am Morgen wieder seinen Posten unter dem Baum.
Auch an diesem Tag wartete er, bis die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war. Er wusste, noch einen Tag, dann würde er wieder vor seiner Gemeinde stehen. Am Sabbat, morgen nach Sonnenuntergang. Doch heute stand er nicht auf, um nach Hause zu gehen. Er blieb einfach sitzen. Es wurde dunkel. Und kühl. Doch er spürte es nicht. Merkte kaum, wie sich der Sternenhimmel am tiefschwarzen Himmel ausbreitete. Ezechiel hatte ganz anderes vor Augen. All die letzten Jahre zogen vor ihm vorüber. All die Predigten, all seine verrückten Taten. Lea hatte recht. Untergang und Vernichtung hatte er gepredigt und nichts anders. So wie vor ihm auch Amos und Jeremia. Die Schuld des Einzelnen zählte nicht. Es war die Gesamtsumme, auf die es ankam. Und die war irgendwann so riesengroß, dass nur noch der endgültige Untergang zählen konnte. Doch war dies gerecht? Was konnten die Kinder dazu, hier geboren zu sein, fern der Heimat? Hatten sie eine Chance? Oder mussten sie nun auch noch die Schuld der Väter abtragen? War Gott damit wirklich zufrieden? Und wenn ja, sollte es immer so weiter gehen? Das Volk lud Schuld auf sich, es folgte eine Katastrophe – und dann wieder alles von vorne? Oder – war Gott jetzt zufrieden gestellt, und das musste auch so sein, weil ER selbst sonst unglaubwürdig geworden wäre – aber – jetzt könnte ER seine Meinung ändern, seine Einstellung ändern?
Ezechiel zuckte zusammen, richtete sich auf. Sein ganzer Körper war zutiefst angespannt. Er lauschte. Ganz tief in sich drin hörte er etwas. Eine ganz leise Stimme. Aufgeregt stand er auf, lief auf und ab, blieb wieder stehen, versuchte den Gedanken zu fassen, raufte sich die Haare, schloss die Augen. Und dann hatte er ihn, den Gedanken, SEIN Wort. Er nickte, riss die Augen auf, fixierte irgendeinen Stern am Firmament. Ja sagte er, ja.
Im Morgengrauen lief er nach Hause, fiel totenählich auf sein Lager, schlief, bis die Sonne unterging und die ersten ängstlich vor seiner Tür auftauchten. Er stand auf, öffnete ihnen, und bat sie herein zu kommen. Nach und nach füllte sich der ganze Raum. Gespannt und still die Menschen. Schließlich stand Ezechiel auf, zündete die Kerzen an und sang den Lobpsalm. Dann stand er auf und sprach zu seiner Gemeinde.
Ihr habt es alle gehört, vor einer Woche, was Lea gesagt hat. Und ich blieb stumm. Ich hatte kein Wort des Herrn für euch, für uns. Ihr habt mich gesehen, die ganze Woche, draussen am Kanal unter der Palme. Mein Kopf war leer, meine Stimme verstummt, mein Körper müde. Doch dann, letzte Nacht hat Gott hat wieder zu mir geredet, endlich wieder geredet. Anders geredet, neu und überraschend. So hat ER geredet:
Du Menschenkind, sage dem Hause Israel:
Ihr sagt: Unsere Sünden liegen schwer auf uns; wie können wir damit weiterleben?
So sprich zu ihnen:
So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe. So kehrt nun um von euren bösen Wegen. Warum wollt ihr sterben, ihr vom Hause Israel?
Und du, Menschenkind, sprich zu deinem Volk:
Wenn ein Gerechter Böses tut, so wird es ihm nicht helfen, dass er gerecht gewesen ist.
Und wenn ein Gottloser umkehrt, so soll's ihm nicht schaden, dass er gottlos gewesen ist.
Auch der Gerechte kann nicht am Leben bleiben, wenn er sündigt.
Denn wenn ich zu dem Gerechten spreche: Du sollst leben! - und er verlässt sich auf seine Gerechtigkeit und tut Böses, so soll aller seiner Gerechtigkeit nicht mehr gedacht werden, sondern er soll sterben um des Bösen willen, das er getan hat.
Und wenn ich zum Gottlosen spreche: Du sollst sterben! - und er bekehrt sich von seiner Sünde und tut, was recht und gut ist, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben, und all seiner Sünden, die er getan hat, soll nicht mehr gedacht werden, denn er hat nun getan, was recht und gut ist; darum soll er am Leben bleiben. Amen!
Niemand sagte ein Wort, Schweigen und Stille. Zu unglaublich klangen diese Worte. SEINE Worte. Ganz neu, ganz anders. So, als spräche Gott ganz anders. So, als spräche ein ganz anderer Gott. Der Einzelne allein vor Gott? Allein verantwortlich, für das was er tat, und für das was er nicht tat? Und umkehren können, neu anfangen trotz Schuld und Fehler? Es war, als würden nach dem Gewitter der Niederlage auf dem Feld ganz neue Blumen sprießen...
An diesem Abend sprachen sie nicht mehr darüber. Aber Mordechai, der Schreiber, ging nach Hause, nahm Papier und hielt die Rede fest. Er wusste, schon bald würde jemand sie noch einmal hören wollen.
Amen.