Prüft alles – und das Gute behaltet!
Eine Andachtzu 1. Thess 5,21 im Presbyterium zu den Möglichkeiten des Internets in der Kirche zur Zeit von GuttenPlag
Liebe Presbyterinnen und Presbyter,
lege ich dieses Bibelwort an die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg an, was bleibt dann übrig? In diesen Wochen zeigt sich mit einem Mal für die Öffentlichkeit, wozu die Internetgemeinde heute fähig ist. Im wissenschafts-chinesisch würde man sagen, da war so etwas wie "kollaborative Schwarmintelligenz" am Werk. Einfacher ausgedrückt: innerhalb kürzester Zeit arbeiteten Menschen, die sich überhaupt nicht kennen, gemeinsam an einer Aufgabe (Kollaboration) und erreichten so etwas, was einem einzelnen Menschen wenn überhaupt, dann nur über einen langen Zeitraum möglich gewesen wäre, nämlich der Aufweis, dass hier massiv abgeschrieben wurde.
Wie komme ich da drauf? Nun, heute Abend steht noch mal das Thema Homepage unserer Gemeinde auf der Tagesordnung und etwas zufällig habe ich in dieser Woche eine verloren geglaubte CD-ROM gefunden, auf der die allererste Homepage aus dem Jahr 1998 drauf ist.
Damals waren wir hier Pioniere, weit und breit gab es noch keine Internetseite einer Kirchengemeinde. Zwei Dinge waren es, die mir zeigten, dass wir auf einem interessanten Weg sind. Nach kurzer Zeit bekam ich eine Email (das war damals noch etwas seltenes!) aus Kanada von einem Mann, der aus Spellen stammte, ausgewandert war und nun über das neue Medium nach Informationen über seine alte Heimat suchte. Dann gab es die ersten Reaktionen auf meine Predigten, die ich da versuchsweise mit hochgeladen hatte. Diese Rückmeldungen und Fragen aller Art vermehrten sich dann so, dass ich im März 1999 "meine" Seite von der Website der Gemeinde trennte.
Heute, zwölf Jahre später hat sich unsere Gesellschaft durch das neue Medium Internet kolossal verändert. Das kann man bewerten wie man will, man kann das gut finden oder schlecht, man kann es nutzen oder auch lassen – das ändert nichts daran. Begriffe wie Email, Skype, Ebay, Wikipedia, Facebook kennt inzwischen jedes Kind und die Zahl auch der Älteren unter uns steigt jährlich an, die "online" sind.
Prüft alles – und das Gute behaltet. Ob es uns nun passt oder nicht, das Internet verändert auch das kirchliche Leben. Kaum noch eine Gemeinde, die keinen Internetauftritt hat. Inzwischen finden Sie Informationen über alle möglichen kirchlichen oder christlichen Themen auch im Netz. So habe ich z.B. ein erzkatholisches Diskussionsforum gefunden, bei dem ich mehr über das Denken und Fühlen von sehr katholischen Menschen gelernt habe als aus Büchern oder Gesprächen. Es gibt Chatseelsorge und vieles mehr.
Prüft alles – und das Gute behaltet. Nimmt das Interesse an den Angeboten der Kirchengemeinde ab durch die virtuelle Vernetzung? Ich glaube nein. Besuche, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen, schöne Weihnachtsgottesdienste – all das gibts nicht durch die Datenleitung. Wohl aber kommen Brautpaare heute sehr oft schon mit sehr konkreten Texten und Ideen, die sie sich von Seiten wie www.trauung.de heruntergeladen haben.
Und die Veränderungen gehen weiter. Gestern haben wir in Düsseldorf im Sozialethischen Ausschuss zusammen gesessen. Der Referent war Gustav Horn, Vorsitzender der Sozialkammer der EKD. Er sprach davon, dass es Überlegungen gibt, ein neues Sozialwort der Kirche zu verfassen. 1997 gab es ein viel beachtetes Wort beider Kirchen. Das Spannende damals: Gemeinden und Einrichtungen wurden eingeladen, sich zu beteiligen und den Entwurf zu kommentieren. 2.500 Zuschriften gab es seinerzeit. Wir haben dann überlegt – wie wäre das, wenn ein neues Sozialwort über das Netz diskutiert würde? Selbst wenn nur ein Bruchteil der Beteiligung zusammen käme wie jetzt hier beim GuttenPlag-Wiki könnte das doch eine interessante Erfahrung werden.
Sie finden, alles schön und gut – aber doch weit weg von uns hier in Voerde? Ich bin da anderer Meinung. Wir könnten ja mal überlegen, ob wir im Sommer, wenn die Ergebnisse im Blick auf unsere Gebäude und Grundstücke vorliegen, diese auch über das Internet zur Diskussion mit der Gemeinde stellen. So eine Gemeindeversammlung ist nach zwei Stunden schnell vorbei, da kann sich kaum einer eine differenzierte Meinung bilden. Und die vielen Briefe, die wir nach der Möllener Gemeindeversammlung bekamen, ja , die haben wir im Presbyterium gelesen, aber das war doch Einbahnstraßen-Kommunikation, die Schreiberinnen und Schreiber konnten nicht lesen, was die anderen geschrieben hatten. Ist es denkbar, dass wir das diesmal vielleicht breiter anlegen...? Heute Abend brauchen wir darüber nicht zu entscheiden, aber den Denkanstoß gebe ich Ihnen und Euch einfach mal mit. Denn: Prüft alles – und das Gute behaltet.
Amen.
(Während der Andacht wurde die erste Seite der Kirchengemeinde noch einmal von der CD-Rom gezeigt. In den Weiten des Netzes ist sie längst im "Daten-Nirwana" verschwunden...)