Matthias Jung

 

 

 

Predigt über Inschriften auf Grabsteinen am Ewigkeitssonntag 2004

 

Liebe Gemeinde,

in dieser Woche bin ich hier über den Friedhof gegangen. Ich habe mir die Grabsteine angeschaut, nachdem ich schon vor einiger Zeit mit den Konfirmanden auf dem Friedhof war. Damals war nicht die Zeit, mir in Ruhe manchen Grabstein zu betrachten, mir zu überlegen, was die Angehörigen damit verbinden, wenn sie bestimmte Symbole oder Sprüche mit dem Namen eines oder einer Verstorbenen in Zusammenhang bringen. Diesmal habe ich mir mehr Zeit genommen.

Einige Sprüche sind mir besonders aufgefallen und über sie habe ich länger nachgedacht. Und an diesen Gedanken möchte ich Sie heute morgen teilhaben lassen. Denn es geht bei dem, was Angehörige auf Grabsteine setzen, immer um den Weg der Trauer, um das Verarbeiten des Verlustes, um den Ausdruck ihres Schmerzes, aber auch ihrer Hoffnung. Und vielleicht sind diese Sätze dann auch geeignet, Ihnen ein Stück auf dem Weg Ihrer Trauer zu helfen, ganz gleich, ob der Verlust eines lieben, nahe stehenden Menschens nun schon fast ein Jahr oder erst ein paar Tage her ist.

 

- Gott weiß warum.

Drei Worte, und da steckt soviel drin. All die Fragen, die aufbrechen, wenn ein Mensch gestorben ist. Warum er? Warum jetzt? Warum so früh? Warum so? Der Tod bricht oft in unser Leben ein, unvermittelt und furchtbar. Wir rechnen häufig nicht mit ihm, wenn wir ihn nicht - was leider auch vorkommt - herbei sehnen, weil wir die Quälerei einen Menschen nicht mehr mit ansehen können. Aber die Frage: Warum? stellen wir uns ganz oft. Wir wollen verstehen, suchen nach Antworten, nach Erklärungen, um unsere erschrockene, verunsicherte, schmerzende Seele zu beruhigen. Gott weiß warum, hat diese Familie auf einen Grabstein gesetzt. Ich weiß nicht, ob es eher ein fragender Satz ist: Wir verstehen es nicht, aber du weißt hoffentlich warum; oder ob es Ausdruck der Vertrauen zu Gott ist: Wir verstehen diesen Tod nicht, aber wir sind zuversichtlich, dass du es weißt, dass du eine Antwort auf diese Frage hast, auch wenn wir sie nicht sehen.

 

- Du bist von uns gegangen, aber nicht aus unseren Herzen.

Das ist oft das erste Gefühl, dass Menschen empfinden nach der ersten, harten, schockierenden Erfahrung des Todes, des Abschied-Nehmens. Dieser Gedanke stellt sich dann ein, wenn die Beerdigung vorüber ist, Menschen durch das schwarze Loch gegangen sind, in das viele fallen. Du bist von uns gegangen, aber nicht aus unseren Herzen. Unser Leben hat sich verändert, du bist nicht mehr da, und wohin unser Weg führt, wissen wir noch nicht. Aber die Erinnerungen bleiben. Sie kommen hoch, immer wieder, am Geburtstag, beim Ausräumen der Wohnung, beim Gang auf den Friedhof, beim Besuch von Freunden, Bekannten, Verwandten. Wir spüren dann: ein Mensch ist nicht mehr da, aber er ist mir doch noch vertraut. Oft machen wir die Erfahrung, dass wir das Gefühl, gleich kommt er oder sie durch die Tür, wie so oft - und dann die schmerzliche Gewissheit, nein, er oder sie kommt nie wieder. Und ist mir doch ganz nah, ganz vertraut. Manche sprechen mit den Verstorbenen, spüren, dass ihnen das gut tut, auch wenn vielleicht andere darüber lächeln. Unsere Wege enden mit dem Tod, aber unsere Erinnerung nicht.

 

- Die Zeit heilt tiefste Wunden, wenn du ein Herz gefunden, dass in der bösen Zeit treu zu dir hält.

Diese Aufschrift hat mich tief berührt, weil ich mich gefragt habe: ist das Ausdruck der Hoffnung, dass es so sein könnte oder ist es Ausdruck einer Erfahrung, die diese Angehörigen bereits gemacht haben? In der Regel stellen wir den Grabstein nicht sofort auf, aber auch nicht viele Monate später, wenn der Weg der Trauer schon durchschritten ist. 
Wie dem auch sei: der Satz verweist darauf, wie wichtig es ist, in dieser schweren Menschen an der Seite zu haben, die mich begleiten. Die zuhören können, wenn ich reden muss. Die schweigen können, wenn ich nichts sagen möchte. Die das richtige Wort für mich finden, wenn ich mir nichts mehr einfällt. Die mir in den Dingen des täglichen Lebens dann helfen, wenn ich nicht mehr ein noch aus weiß. Die sich zurückziehen, wenn sie spüren, jetzt geht es doch wieder aufwärts und ich fange an, mein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Die aber auch bereit sind, mit mir eines Tages wieder zu lachen, wenn ich mich noch schäme, weil ich denke, das darfst du gar nicht. Die mir eines Tages Mut machen, auch wieder Dinge zu tun, die mir Spaß machen. Die mich auf dem Weg in ein neues, anderes, aber doch lebenswertes und sinnvolles Leben unterstützen und begleiten.
Dann ist es möglich, dass die Zeit die Wunden heilt. Es bleibt eine Narbe zurück, ganz sicher, aber die Wunde kann sich doch schließen und heilen. Auch wenn das anfangs kaum vorstellbar scheint.

 

- Jesus lebt, mit ihm auch ich!

Auf diesem Weg zurück ins Leben, auch ins pralle, volle, schöne Leben hilft auch der Glaube. Jesus lebt, mit ihm auch ich! ist Ausdruck der christlichen Hoffnung. Unsere Wege enden mit dem Tod, aber Gottes Wege nicht. Das war die Erfahrung der Frauen und der Jünger am Ostermorgen, das war und ist seither die Erfahrungen von Menschen, die sich auf diesen Gott, den Vater Jesu einlassen und ihm vertrauen. Vertrauen, dass er durchs Leben begleitet. Zutrauen, dass er uns auch darüber hinaus die Treue hält.
Insofern ist diese Aufschrift beides: Ausdruck, dass der oder die Verstorbene bei Gott in guten Händen ist, weiter lebet - wie immer das aussehen mag. Und das tröstet. Auch, weil das ja den Gedanken beinhaltet, dass auch all die Schmerzen ein Ende haben, all die Fragen eine Antwort finden, das Leben aufbewahrt wird. Aber diese Aufschrift ist auch Ausdruck des Vertrauens, dass dieser Gott mit mir auf dem Weg ist. Hier und jetzt in der Zeit der Trauer. Aber dann auch wieder auf dem Weg ins Leben. Gott will nicht, dass wir für immer in der Trauer versinken. Er hat diese Welt so eingerichtet, dass wir geboren werden, leben und eines Tages sterben. Der eine früher, die andere später. Nicht alles, nein, vieles verstehen wir nicht. Aber von dieser Welt heißt es am Anfang der Bibel: Siehe, es ist sehr gut. So ist es sehr gut. Dieses Leben hat Gott gewollt. Und so lädt er uns ein, dieses unser Leben anzunehmen und zu leben. In den schweren und in den guten Zeiten. Manchmal scheint es unerträglich. Da sind wir in guter Gesellschaft, auch Jesus hat so gelitten, dass er schrie: Mein Gott, warum hast du mich verlassen?! Aber das ist nicht alles. Es geht weiter und Gott mit mir. In diesem Sinne: Jesus lebt, mit ihm auch ich!

Amen.