Karfreitag 2001
Predigt zu Jesaja 52/53 über ein Bild von Heinrich Tenter
Bild: Heinrich Tenter, Voerde, im Jahr 2000
(die Kopie gibt das Original nur unzureichend wieder)
Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein.
Wie sich viele über ihn entsetzten, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder,
so wird er viele Heiden besprengen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn denen nichts davon verkündet ist, die werden es nun sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden es merken.
Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart?
Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich.
Er hatte keine Gestalt und Hoheit.
Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.
Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.
Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.
Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. (Jesaja 52,13-53,5)
*
(Nach einer Phase der stillen Betrachtung des Bildes:)
Auf diesem Bild hängt eine Kreatur am Kreuz. Eine ausgemergelte Gestalt mit verzerrtem Gesicht. Aufgerissene Augen, eine Dornenkrone hängt wirr um den Kopf. Es ist Jesus, das macht die Aufschrift deutlich.
Liebe Gemeinde,
dieses Bild des Voerder Künstlers Heinrich Texter ist nicht jedermanns Geschmack. Einige sagten zu mir, dass ist doch kein Jesus, dass ist eher ein Affe, der am Kreuz hängt. Es scheint für manche gegen den guten Geschmack zu verstoßen. In der Tat, es unterscheidet sich von vielen Kreuzigungsdarstellungen.
Ich finde dieses Bild nicht "schön", aber interessant. Es regt an, einen Blick auf das Karfreitagsgeschehen zu werfen. Zwei meiner Gedanken möchte ich mit Ihnen teilen.
Als ich das Bild betrachtete, fiel mir der sofort Text aus Jesaja ein. Die Darstellung des leidenden Gottesknechtes. Christen haben in diesem Text immer das Leiden Jesu beschrieben gesehen:
...seine Gestalt war hässlicher als die anderer Leute...
...da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte...
...er war der Allerverachtetste, Unwerteste...
...er war so verachtet, dass man das Gesicht vor ihm verbarg...
Solche eine Gestalt sehe ich hier dargestellt. Dieser Mensch wirkt nicht sympathisch, eher abstoßend. Er erweckt nicht Vertrauen, löst eher Angst und Abwehr aus. Dieser Jesus ist keiner, dem ich gerne begegnen möchte.
Das Evangelium sagt: Genauso endete der Gottesssohn. Seine Mission ist gescheitert. Von (fast) allen ist er verlassen. Den Zorn der Menschen hat er auf sich gezogen. Seine Anhänger enttäuscht. Die Hoffnungen der Juden zerplatzen lassen. Allein hängt er am Kreuz. Nur einige Frauen und ein Jünger stehen darunter. Ansonsten verlassen und gequält, dem Spott der Leute ausgesetzt. Er wird schreien: Mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Als solcher trägt er Krankheit, Schmerz und Sünde.
Wir aber hielten ihn für den, der von Gott geschlagen und gemartert wäre.
Doch durch seine Wunden sind wir geheilt.
Karfreitag bringt die Abgründe unserer menschlichen Gesinnung erbarmungslos ans Licht. So sind wir Menschen. Nicht mal besonders böse, obwohl es ganz sicher furchtbare Menschen gibt. Letztlich sind es aber nicht diese wenigen, sondern die vielen eher Normalen, die Jesus ans Kreuz bringen.
Die Einflussreichen, die auf ihre Macht nicht verzichten wollen.
Die Freunde, die ihn falsch verstanden haben und ihn allein lassen.
Die sogenannten kleinen Leute, deren Hoffnungen er nicht erfüllt hat und deren Begeisterung in Hass umschlägt.
Die Soldaten, die tun, was ihnen befohlen wird.
Usw. usw.
Jesu Weg endet am Kreuz, weil sich Menschen so wie immer und überall verhalten haben. Bis heute. Und am Kreuz endet er auf qualvolle Weise, körperlich qualvoll, aber auch seelisch. Das unterstreicht dieses Bild.
Das zweite, was mir auffiel, das waren die Augen Jesus. Die weit aufgerissenen Augen. Als ich das Bild zum ersten Mal gesehen habe, war mein spontaner Eindruck, das ist ein Jesus, der überrascht ist, jetzt hier am Kreuz zu hängen. Ich bin dem in Gedanken nachgegangen und habe überlegt, ob es für diesen Eindruck im Evangelium Hinweise geben könnte. Schließlich fiel mir die Gethsemane-Geschichte ein. Jesus sagt dort: Vater, wenn du willst, lass diesen Kelch an mir vorübergehen – aber nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe. Dort, in der Nacht vor seinem Tod, wird Jesus sehr menschlich geschildert, ein Mensch voller Gefühle, schwankend zwischen Angst und Zuversicht, zwischen Standhalten und Flucht. Ich habe diesen Satz Jesu immer so gehört, als sei mit dem Morgengrauen alles für ihn entschieden. Vielleicht aber hat Jesus auch nach seiner Entscheidung bis zuletzt darauf gehofft, dass Gott doch noch irgendwann einschreitet, diesem furchtbaren Geschehen ein Ende setzt, nicht tatenlos zuschaut, wie sein Sohn leiden muss. Auch wenn er selbst früher immer wieder gesagt hat, es kann gar nicht anders kommen, es muss so für mich enden. Aber da Jesus Mensch war wie wir – vielleicht hat auch er sich an den letzten Strohhalm geklammert und gehofft, Gott würde mit seinen Engeln kommen und dem Spuk ein Ende setzen und für alle offenbar werden lassen, wer die Macht über Himmel und Erde hat. Der Schrei am Kreuz: Mein Gott, warum hast du mich verlassen, könnte ein Hinweis darauf sein, dass Jesus bis zuletzt auf eine Wende gehofft hat, wer weiß es... Und in dem Bild von Heinrich Tenter könnte dann dieser Augenblick festgehalten sein, in dem Jesus die Augen aufgehen und er erkennt, es wird mit meinem Tod enden, der Himmel bleibt verschlossen. Und im nächsten Moment wird sich sein Gesicht verziehen, wird er seine Augen schließen und seinen Mund zu Schrei öffnen...
Liebe Gemeinde,
mich lehrt dieses Bild aufs Neue, dass Karfreitag nicht einfach eine Durchgangsstation auf dem Weg zum Ostertag ist. Ich werde daran erinnert, dieses grausame Geschehen wahrzunehmen und auszuhalten. Diese Welt und wir Menschen sind so, wie wir sind. Neben sehr viel Gutem und Schönen, dass wir hervorbringen können, liegen in uns allen auch die Abgründe. Und am Karfreitag wird schmerzlich deutlich, dass Gott nicht einfach einschreitet und dazwischen tritt. Dieses Schweigen und Stillhalten Gottes hat Menschen immer wieder in die Verzweiflung getrieben. Es ist ja auch nicht einfach zu verstehen, warum so viel Leid auf der Welt ist. Besonders hart ist das, wenn ich selbst leiden muss. Und die Antwort vom Ostertag macht auch nicht alle glücklich, weil sie das, was Menschen als leidvoll empfinden, nicht wegwischt. Ostern wird Hoffnung in dieser Welt bedeuteten, nicht eine neue Welt. Aber noch sind wir nicht so weit.
Für heute, am Karfreitag, bleibt festzuhalten, dass Jesus in diesem Geschehen am Kreuz an die Seite all derer tritt, die leiden müssen. Er wird ihnen Bruder und Freund. Er trägt Krankheit Schmerz und Schuld, indem er sie teilt. Und da hilft mir dieses Bild von Heinrich Tenter, das mir Jesus nicht als Lichtgestalt vor Augen stellt, die halt mal eine kurze Zeit leiden muss und dies leicht auf sich nimmt. Es fiel Jesus genauso schwer wie allen anderen. Doch durch seine Wunden sind wir geheilt.
Amen.
Anmerkung nach dem Gottesdienst:
Die Predigt und das Bild wurden beim Kirchenkaffee intensiv diskutiert. Es hing als Leihgabe schon während der ganzen Passionszeit in der Kirche und dieses Thema im Karfreitagsgottesdienst war lange angekündigt. Für mich überraschend fanden beide bei etlichen aus der eher älteren Generation Zustimmung. Meinem Eindruck im Blick auf die Augen der dargestellten Gestalt wurde aber auch widersprochen. Andere sahen eher Entsetzten und Angst darin. Es war in jedem Fall ein spannender Gottesdienst, bei mir in der Vorbereitung, bei Besucherinnen und Besuchern während des Gottesdienstes. Bedauert wurde, dass Heinrich Tenter nicht anwesend sein konnte - er war verreist...