MJ

Gott sieht alles
Predigt über Hebräer 4,12-13 im Februar 2004

 

Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Liebe Gemeinde,

die Gedanken und Bilder dieses Textes machen vielen Menschen Angst. Alles ist aufgedeckt vor den Augen Gottes, nichts vor ihm verborgen. Eine Horrorvision für viele Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugend solche Sätze immer wieder gehört haben. Gott als Erziehungshelfer, als verlängerter Arm der Eltern, dass haben viele Menschen der älteren Generation noch lebendig vor Augen. Gott sieht deine bösen Gedanken. Er sieht, dass du heimlich Bonbons klaust. Er schimpft mit dir, wenn du deinen Teller nicht leer gegessen hast. Jedes Gewitter wurde mit dem mahnenden und drohenden Zeigefinger begleitet: Oh, oh, was hast du getan, dass der liebe Gott so grollen muss. Manche von Ihnen werden dieses Lied noch kennen: 

Pass auf, kleines Auge, was du siehst!
Denn der Vater in dem Himmel schaut herab auf dich, drum pass auf kleines Auge was du siehst!
Pass auf, kleines Ohr, was du hörst!
Pass auf, kleiner Mund, was du sprichst!
Pass auf, kleine Hand, was du tust!
Pass auf, kleines Herz, was du glaubst!
Pass auf, kleines Ich werd nicht groß!

Viele lächeln heute über solche Verse, die sie einst gelernt haben, bei anderen führten solche Erziehungsmethoden zur radikalen Trennung von Gott und Kirche. Bekannt geworden ist vor mehr als zwanzig Jahren Tillmann Moser´s "Gottesvergiftung":

"Weißt du, was das Schlimmste ist, das sie mir über dich erzählt haben? Es ist die tückisch ausgestreute Überzeugung, dass du alles hörst und siehst und auch die geheimen Gedanken erkennen kannst. In der Kinderwelt sieht das dann so aus, dass man sich elend fühlt, weil du einem lauernd und ohne Pausen des Erbarmens zusiehst und zuhörst und mit Gedankenlesen beschäftigt bist. Vorübergehend mag es gelingen, lauter Sachen zu denken oder zu tun, die dich erfreuen, oder die dich zumindest milde stimmen. Ganz wahllos fallen mir ein paar Sachen ein, die dich traurig gemacht haben, und das war ja immer das Schlimmste: dich traurig machen - ja, die ganze Last der Sorge um dein Befinden lag beständig auf mir, du kränkbare, empfindliche Person, die schon depressiv zu werden drohte, wenn ich mir die Zähne nicht geputzt hast. Also: Hosen zerreißen hat dir nicht gepasst; im Kindergarten mit den anderen Buben in hohem Bogen an die Wand pinkeln, hat dir nicht gepasst, obwohl gerade das ohne dich ein eher festliches Gefühl hätte vermitteln können; die Mädchen an den Haaren ziehen hat dich vergrämt; (...) die Mutter anschwindeln, was manchmal lebensnotwendig war, hat dir tagelang Kummer gemacht..." 
(S. 13f.)

Jüngere Menschen schütteln darüber nur ungläubig den Kopf, aber, wie mir mein Frauenabendkreis bestätigt hat, so war es vielfach früher. Und ich selbst kann mich noch gut an meinen Konfirmandenunterricht erinnern. Der Psalm 139, den wir vorhin gesprochen haben, war einer der zentralen Texte unseres Pfarrers: er betonte sehr stark die Fehlerhaftigkeit des Menschen, die Notwendigkeit der Umkehr und der Buße. Und mit diesem Psalm konnte er zur Selbstbespiegelung auffordern. Wohlgemerkt: Gott als Erziehungshelfer, das war nicht sein Anliegen. Er bezog es einzig und allein auf die Gottesbeziehung. Das Ergebnis: man fühlte sich klein und schlecht. Und dann kam irgendwann die Rede von Vergebung und Neuanfang, aber das zündete dann nicht mehr so recht...

Und genau darin liegt das Problem! Es ist ja richtig, dass wir Menschen sind, fehlerhaft, schwach und oft auch böse. Aber die biblische Botschaft ist da glasklar: das erste Wort Gottes zu uns ist immer ein Wort der Liebe, da gibt es kein Vertun. Das ist übrigens im Hebräerbrief ganz genauso, denn direkt im Anschluss an den Predigttext geht es so weiter:

Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so laßt uns festhalten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum laßt uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben. Denn jeder Hohepriester, der von den Menschen genommen wird, der wird eingesetzt für die Menschen zum Dienst vor Gott, damit er Gaben und Opfer darbringe für die Sünden. Er kann mitfühlen mit denen, die unwissend sind und irren, weil er auch selber Schwachheit an sich trägt.

Wenn ich das lese, dann frage mich schon, ob die alte Einteilung des Predigttextes nicht dem Missverständnis von Gott als dem großem Kontrolleur oder Polizisten Vorschub leistet. Nehme ich diese Verse hinzu, dann wird deutlich: vor unserem Leben steht ein großes Vorzeichen: das Ja Gottes zu mir als Mensch und Person. Dieses Ja ist durch nichts und niemand zu zerstören. Es bestimmt wie ein mathematisches Vorzeichen vor der Klammer all das, was innerhalb geschieht. Und da gibt, da brauchen wir uns nichts vorzumachen, das wissen wir alle, neben unseren unbezweifelbaren Stärken auch viele Schwächen. Und all das sieht Gott natürlich, ihm ist nichts verborgen. Aber er sieht auf all das mit den Augen der Liebe, will uns einladen und begleiten, auch zurechtbringen und heilen.

Und damit wird zugleich aber auch deutlich, dass der Gott der Bibel nicht der Kuschelgott ist, der heute manchmal durch unsere Gesellschaft geistert: ein Gott zum liebhaben und knudeln, der immer nur gut und verständig ist, warm und weichgespült, ein Gott ohne Ecken und Kanten, einfach nur gut. Ich karikiere, Sie merken das.

Was ich sagen will: Gott hat keineswegs für alles Verständnis, er heißt keineswegs alles gut, was wir Menschen so anstellen. Er möchte schon, dass wir auch Verantwortung für unser Leben und das anderer übernehmen. Aber nicht aus dem Druck heraus: du musst!, sondern aus der Einladung heraus: du darfst, du kannst, weil du als allererstes von mir geliebt bist und bleibst. Alle kritischen Worte Gottes über mein und unser Leben werden innerhalb der Klammer laut, vor der als Vorzeichen das Ja Gottes zu mir steht.

Interessanterweise hat auch Tillmann Moser im Lauf seines Lebens seine Einstellung Gott und Kirche gegenüber wieder verändert. In einem Interview sagte der Psychologe Moser vor einigen Jahren: 

"Wenn ich Patienten helfen kann, bin ich ein Diener Gottes. (...) Ich bilde mir nicht ein, meine Möglichkeit Heilsames zu tun, hinge nur mit meiner persönlichen Kraft zusammen. Hilfreiches tun zu können erlebe ich als Geschenk. (...) Wir sind eingebettet in etwas Drittes."

Amen.

Das ganze Interview mit Tillmann Moser finden Sie unter:

http://www.sonntagsblatt.de/artikel/1998/22/22-s5.htm

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Anmerkungen:

- Nachdem ich die Predigt zum ersten Mal gehalten habe, meldete sich spontan der Organist zu Wort und wies darauf hin, dass Tillmann Moser zu seinen veränderten Einsichten ein neues Buch geschrieben hat. Titel: "Von der Gottesvergiftung zu einem erträglichen Gott", erschienen 2003.

- Eine Woche später hielt ich die Predigt erneut in einer anderen Kirche. Danach meldeten sich mehrere Männer aus der älteren Generation zu Wort. Sie konnten sich an derartige Erziehungspraktiken nicht erinnern. Waren es vor allem Frauen, die unter Gott als verlängertem Arm der Eltern zu leiden hatten? - Offenbar gab es auch große regionale Unterschiede. Hier am Niederrhein scheint vor Jahrzehnten eine verhältnismäßig strenge Erziehung verbreitet gewesen zu sein. Später "Zugegzogene" berichten aber auch von wesentlich liberaleren (religiösen) Erziehungspraktiken.

Lange habe ich schon nicht mehr so viele direkte Rückmeldungen in der Gemeinde zu einer Predigt erhalten. Ich würde mich über Ihre Erfahrungen/Meinung freuen!