Ein glückliches Leben?!
matthias jung
Ein glückliches Leben?!
Predigt am 31. Juli 2011
Liebe Gemeinde,
im Konfirmandenunterricht kamen wir vor ein paar Wochen auf die Frage nach dem Glück zu sprechen. Und das kam so: Wenn wir uns im KU darüber unterhalten, wann Menschen eigentlich beginnen, nach Gott zu fragen, schauen wir an einer bestimmten Stelle immer ein Musikvideo von John Osborne (One of us), in der sie die Frage stellt: Was würdest du Gott fragen wollen, wenn du eine einzige Frage frei hättest? Die Antworten sind von Jahr zu Jahr sehr verschieden, in diesem Jahr war für mich überraschend, dass eine ganze Reihe der Konfis aufschrieben: Werde ich ein glückliches Leben haben?
Die Frage nach dem Glück war noch nie Thema im Konfirmandenunterricht, aber ich dachte, ok, wenn das diese Gruppe interessiert, denken wir mal darüber nach.
In der folgenden Stunde habe ich die Jugendlichen in Gruppen eingeteilt, jede Gruppe bekam zwei Plakate und Stifte. Auf das eine Plakat sollten sie alles aufschreiben, was für sie zu einem glücklichen Leben gehört. Auf das andere all das, was für sie zu einem unglücklichen Leben gehört.
Die Gruppen haben sehr intensiv darüber nachgedacht, die Ergebnisse hängen seit einigen Wochen hinten an der Wand. Sehr spannende Sachen wurden da aufgeschrieben, manches war zu erwarten, anderes vielleicht nicht. Einige Dinge waren auch sehr reflektiert, so haben zwei Mädchen erst geschrieben: »viel Geld«, dann »viel« durchgestrichen und durch »genug« ersetzt. Eine Gruppe hat dann z.B. auch »Sex« aufgeschrieben, was schon zu, wie soll ich sagen, irritierten, aber auch nachdenklichen Reaktionen unter älteren Gemeindegliedern geführt hat, so nach dem Motto: »Das hätten wir früher nie aufgeschrieben, wenn man uns diese Frage gestellt hätte!«
Nun, wir haben uns das dann hinterher angeschaut, und es kam natürlich auch die Frage: »Was gehört denn für Sie zu einem glücklichen Leben?« Und da wird die Sache nun interessant. Denn hier gibt es einen ganz wichtigen Unterschied zwischen Jugendlichen und mir oder auch vielen von Ihnen: das ist das Alter. Vieles, fast alles, was die jungen Leute so aufgeschrieben haben, sind Hoffnungen, Erwartungen, Träume, Ziele – oder auch Befürchtungen, Zweifel, Ängste im Blick auf das, was vor ihnen liegt. Für mich, für Sie sieht das schon anders. Manches, vieles von dem, was auf diesen Plakaten steht, habe ich bereits erlebt. Dinge, die mich glücklich machen, Dinge, die ich als Unglück bezeichnen möchte. Und deswegen ist es, glaube ich, so: je älter wir werden, desto mehr fragen wir hier nach der Balance. Wir fragen uns im Blick auf vergangenes, bereits erlebtes Leben, aber auch im Blick auf das, was wir momentan erleben: wohin neigt sich die Waage denn bei mir? Sage ich unter dem Strich: ja, ich bin glücklich, führe ein glückliches Leben – oder fällt, wenn ich ehrlich bin, die Bilanz eher negativ aus? Und wenn wir weiter nachdenken über unser Leben, dann wird es vermutlich bei vielen von uns so sein, dass sich diese Waage im Lauf der Jahre und Jahrzehnte mal eher dahin, mal dorthin neigt. Und zugleich verändern sich die Erwartungen an das was noch kommt. Ich habe mit den Frauen im Seniorenkreis auch darüber gesprochen, und eine 89jährige sagte dann spontan: »Glück heißt doch vor allem gesund zu sein, alles andere ist doch überhaupt nicht wichtig!« Nun, das würde ich so nicht unterschreiben, und Jugendliche ganz sicher erst recht nicht.
Aber...
...das ist schon eine heikle Frage, die Frage nach dem Glück und der Bilanz, die ich ziehe...
Und wenn ich weiter drüber nachdenke, dann fällt mir ein und auf, dass viele Menschen bei dieser Frage – sowohl nach dem Glück im Leben als auch nach dem Unglück – an Gott spontan die gleiche Frage stellen: Womit habe ich das verdient?!
Beim Unglück, beim Leid ist das ganz schnell so: Warum ich? Was habe ich getan oder auch nicht? Warum lässt Gott das zu?
Beim Glück ist das etwas versteckter, aber am Ende doch ähnlich: Warum geht es mir so gut (und anderen so schlecht)? Womit habe ich so viel gutes verdient, wo ich doch auch um meine Fehler und Schwächen weiß?
Und da merken wir auf einmal: bei all dem, was wir so tun oder lassen, oder auch tun oder lassen könnten, das allerallermeiste fällt mir zu, da hab ich gar keinen Einfluss darauf. Sicher, wir können eine Menge tun im Leben und das sollen wir auch tun, aber grade wenn es an die Bilanz geht, Strich drunter und dann mal schauen, mal ehrlich bewerten, dann stellen wir fest: ich kann nicht sagen, warum ich diese oder jene Krankheit bekommen habe – oder auch nicht, wo es doch in meiner Familie andauernd Herzkrankheiten oder Krebs gibt. Oder: Ich habe keinen Einfluss darauf gehabt, dass ich ein Vermögen erben konnte, weil es eben nicht in den letzten Jahren meiner Eltern fürs Pflegeheim drauf ging. Ich konnte nichts dazu tun, dass ich mich heute an Enkeln erfreuen konnte, es war nicht mein Verdienst, dass meine Eltern früh gestorben sind oder sehr alt wurden und dies mein Leben – so oder so – mit geprägt hat. Ich habe es mir auch nicht ausgesucht, konnte es auch nicht, dass ich in den 60er Jahren als Kind wohlhabender Eltern in Detuschland geboren wurde, für die es kein Problem war, mir später ein Studium zu finanzieren - und nicht als Kind einer Frau in Somalia, deren Mann von Rebellen erschossen wurde und die ihr Land und ihre Heimat verlassen muss in der verzweifelten Hoffnung, anderswo eine Überlebenschance für sich und ihr Kind zu finden. Und so weiter und so fort.
Und von daher erklärt sich für mich auch ganz leicht, warum die Bibel in ihren vielen Gebeten voller Dank und voller Klage ist. Dank für das unglaubliche Glück, Klage über das genauso unglaubliche Leid. Für die bekannte Theologin Dorothee Sölle beginnt der Glaube an Gott im Staunen. Im überraschten Staunen über das Schöne, was mir als Geschenk, so scheint es doch, einfach unverdient zufällt, der wunderbare Sonnenuntergang, ein überraschender Telefonanruf, die Geburt eines eigenen Kindes miterleben, das erste Enkelkind in den Armen halten können. Oder eben im entsetzten Staunen über das Leid, das über mich hereinbricht, ein Unfall, eine Krankheit (muss gar nicht mal meine eigene sein, die von meinen Liebsten finde ich oft noch viel unerträglicher), oder eine Naturkatastrophe oder was auch immer. Ich habe den Film letztens über die Loveparade gesehen und es war in vielen Augen der jungen Menschen in der Rückschau auf das Erlebte dieses Entsetzen, als sie völlig überraschend merken, jetzt hier in Duisburg geht es für mich mit grade, was weiß ich, 18,19,20 Jahren ums Überleben...!
Die Bibel und unser Leben ist voller Fragen nach dem Warum, hier wie dort. Antworten finden wir viel weniger. Und schon gar nicht auf die Frage nach dem Warum. Eigentlich sind die Antworten der Bibel auch eine Zumutung, weil sie die Fragen nicht beantworten, denn Gott sagt doch »nur« und immer und immer wieder: Vertraue dennoch, du bist gehalten, auch wenn du es nicht spürst. Vertraue dennoch, auch wenn du unsicher bist, was du kannst und was nicht, wenn du dir das komplizierte Gewebe unser Welt so anschaust: denn, ja, auch du kannst schon eine Menge bewirken. Vertraue dennoch, wenn deine Bilanz sich zum Unglück hin zu neigen scheint: es gibt in dieser Welt keine Gerechtigkeit, aber in meiner Welt, sagt Gott. Und der Apostel Paulus fasst es in die staunenden Worte in seinem Brief an die Gemeinde in Rom: »O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.« (Rö 11, 33-35).
Eine Zumutung ist das, ganz sicher. Schwer zu glauben. Aber diese Zumutung eröffnet auch Zuversicht. Deswegen: lassen Sie uns dennoch darauf vertrauen. Amen.