Matthias Jung

 

 

 

Die Nacht von Gethsemane
Predigt über Mk 14,32-42

 

Liebe Gemeinde,

es ist Nacht im Garten Gethsemane. Es ist dunkel geworden in Jeruslaem und in der ganzen Welt. [Licht dämpfen]

Wenn ich diese Geschichte höre, dann fallen mir sofort zwei Fragen ein:

- Warum schlafen die Jünger eigentlich in dieser Nacht? Und:

- Was ist das, was mit Jesus in dieser Nacht geschieht?

Warum schlafen die Jünger?

Warum gelingt es ihnen nicht, wach zu bleiben, Jesus in dieser für ihn offenbar so schweren Nacht beizustehen?

Verschiedene Antworten fallen mir ein.

- Vielleicht ist es die Erschöpfung nach den letzten anstrengen, harten Tagen.

Viel haben sie mitgemacht.

Sie sind den Weg nach Jerusalem gegangen.

Sie haben die Erwartung gehegt, daß Jesus dort König wird und sie vielleicht...

Sie sind triumphal mit Jesus eingezogen.

Sie haben die Auseinandersetzung im Tempel miterlebt.

Sie hörten die Gespräche auf der Straße.

Und sie saßen mit Jesus gerade nopch beim Abendmahl.

Das sind die Geschichten, die wir kennen, weil sie im Evangelium stehen. Doch was geschah dazwischen? Was erzählten sie sich auf dem Weg? Was dachten die Jünger, was fühlten sie? Wahrscheinlich war es eine Mixtur aus Freudentaumel und großer Verwirrung, grenzenloser Begeisterung und abgrundtiefer Angst. Es ging alles so schnell. Keine Zeit, inne zu halten, nachzudenken, geschweige denn, all dies zu verarbeiten. Das geht an die Substanz. Da können einem schon vor Erschöpfung die Augen zufallen.

- Vielleicht ist der Schlaf der Jünger aber auch die Verdrängung ihrer eigenen Angst.

Jesus hat ihnen vor einigen Stunde, vielleicht waren es auch nur Minuten, ins Gesicht gesagt, daß sie ihn alle verlassen werden. Eine furchtbare Anschuldigung. Da wird viel an Gefühlen in den jüngern aufgebrochen sein.

Empörung.

Unverständnis.

Zweifel.

Der Wille, unbedingt stark zu bleiben, Jesus das Gegenteil zu beweisen.

Und die Angst, Jesus könnte recht behalten.

Menschen reagieren verschieden auf Konflikte. Die einen sind dann so aufgedreht, daß sie keine Ruhe finden. Andere dagegen weichen solchen inneren Konflikten aus, indem sie sich ins Bett legen und schlafen. Das klingt für die meisten von Ihnen vielleicht verrückt, ist aber trotzdem so. Ich selbst kannte einen Studienkollegen, der sich zur Verwunderung und auch manchmal zum Ärger seiner Umgebung bei allen harten Fragen und Konflikten sich erst einmal ins Bett legte und einige Stunden schlief, ganz gleich, was rings um ihn herum geschah.

- Vielleicht gibt es aber auch noch eine dritte Möglichkeit. Eine, an die wir ungern denken.

Es könnte ja sein, daß der eine oder andere Jünger Jesus schon aufgegeben hat, die Sache mit Jesus innerlich schon abgehakt hat.

Tja, nun ist es vorbei, und er muß halt sterben.

Was soll´s.

Dann gehe ich eben wieder nach Hause und lebe weiter wie zuvor.

War ´ne schöne Zeit, aber nun geht sie zu Ende.

Ich habe immer schon gewußt, daß es mit Jesus so enden wird.

Warum soll ich es mir jetzt noch so schwer machen und ihm beistehen. Ist doch seine Sache.

Außerdem: wenn er mich so anfährt wie vorhin, dann hat er es doch nicht anders verdient. Herausgefordert hat er doch meine Ablehnung.

Das hat er jetzt davon. Soll er doch sehen, wie er die Nacht übersteht. Ich schlafe jetzt erst mal und morgen sehen wir weiter.

Das klingt hart in unseren Ohren. Aber es ist durchaus menschlich. Menschen lassen andere Menschen schnell im Stich, wenn sie leiden müssen. Sei es aus Angst, sei es aus Feigheit, sei es aus Bequemlichkeit. Gründe finden wir schnell.

Vermutungen sind all dies.

Die Frage, wie es denn nun wirklich um die Jünger in dieser Nacht stand, wird in der Schwebe bleiben. Sie verhalten sich auf jeden Fall wie alle Gestalten in der Passionsgeschichte menschlich, absolut menschlich. Und sie tragen so zum Leiden Jesu bei.

 

Jesus jedenfalls hat sie dringlich gebeten, bei ihm zu bleiben, mit ihm zu beten, ihm beizustehen, diese Nacht mit ihm zu teilen.

Nirgends im ganzen Evangelium erscheint Jesus so menschlich wie hier.

Gäbe es diese Geschichte nicht, dann könnte das Mißverständnis aufkommen, Jesus wäre im Sauseschritt durch diese Welt gefegt mit seiner Botschaft, als strahlender Held märtyrerhaft ans Kreuz gestiegen, ohne daß ihm dies alles besonders nahe getreten wäre.

Hier, in dieser Nacht, zeigt sich daß Jesus wirklich ganz und gar Mensch war.

Er blickt in den Abgrund.

Die Angst, die Todesangst greift auch nach ihm.

Und verzweifelt bittet er um Beistand.

In dieser Nacht, in dieser Angst will er nicht allein sein.

Doch die Jünger schlafen.

Sie schaffen es nicht. Warum auch immer.

Jesus bleibt allein.

Und er bittet darum, ihn das Bevorstehende zu ersparen.

Doch auch hier bleibt er allein. Der Himmel bleibt, wenn man so will, verschlossen.

Liebe Gemeinde, eine derartige Geschichte gibt es meines Wissens von keinem anderen der großen Religionsstifter.

Niemals zuvor und wohl auch niemals danach stand ein Mensch so allein vor Gott.

Ganz und gar durchdrungen von der Liebe Gottes ist Jesus durch das Land Israel gezogen.

Er hatte meist das richtige Wort, die richtige Geste zu richtigen Zeit.

Er wußte, welchen Weg er zu gehen hatte.

Und er redete frei darüber.

Voller Vertrauen - zu Gott und zu den Menschen - war er wie keiner zuvor und keiner danach.

Doch hier in dieser Nacht steht alles auf der Kippe.

Hier kommt die allerletzte Prüfung für Jesus.

Die Frage wird gestellt, was letztlich mehr Macht besitzt:

die Angst vor dem Tode oder das Vertrauen zu der Liebe Gottes, die weiter reicht.

Machen wir uns nichts vor.

Die Dämonen, die in solchen Momenten aus der Tiefe zu uns aufschauen, uns herabreißen wollen, die haben furchtbare Fratzen.

Die Versuchung ist mit Sicherheit da gewesen, die Einflüsterung:

Mensch, Jesus, was machst du eigentlich hier?

Lauf doch einfach weg!

Was hat das hier für einen Sinn?

Du hast doch den Menschen schon soviel gegeben.

Denk doch jetzt auch einmal an dich.

Der Garten hat so viele Tore. Es wird dich keiner finden. Du kannst unerkannt in der Menschenmenge der Passahfestpilger untertauchen.

Und dann gehst du wieder nach Galiläa.

So viele Kranke und Traurige warten dort sehnsüchtig auf dich, hast du daran schon einmal gedacht?

Menschen kennen diese Einflüsterungen, diese vielen verschiedenen Gedanken und Alternativen, die vor wichtigen Entscheidungen oder Auseinandersetzungen durch den Kopf gehen.

Wo finden wir Sicherheit?

Nirgends, lautet die Antwort dieser Nacht.

In dieser Welt kann nichts und niemand Sicherheit geben.

Allein stehe ich da.

Die Angst kann mir niemand nehmen.

Vielleicht auch ein Grund, warum die Jünger schlafen müssen, damit Jesus dieser Angst ganz allein gegenüber steht und sie überwindet.

Was bleibt, ist einzig allein gegen die Angst an zu vertrauen.

Denn das ist das Ergebnis dieser Nacht:

Jesus ringt sich gegen alle Versuchungen,

gegen alle Fratzen der Angst hindurch,

seiner Linie treu zu bleiben:

das Vertrauen in Gottes Nähe höher zu setzen als alles andere,

sei es auch noch so schrecklich,

noch so absurd,

so verlockend,

so scheinbar logisch und einfach und richtig.

In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe diese Welt überwunden. Und ich könnte hinzusetzen: In dieser Nacht, im Garten Gethsemane, habe ich die Welt und ihre Angst überwinden.

Liebe Gemeinde, zum Glück gibt es diese Nacht. Denn sie ist tröstend für alle, die in ähnlichen Situationen Angst haben und nicht weiter wissen.

Diese Nacht ist ein Vor-Bild.

Nicht in dem Sinn, daß wir genauso stark und mutig sein sollen wie Jesus.

Das können wir nicht. Wir sind nicht Jesus.

Vor-Bild ist diese Nacht, indem sie uns zeigt: es lohnt sich trotz aller Angst auf das Vertrauen zu Gott setzten.

Die Angst verschwindet dadurch nicht, aber es öffnet sich eine Perspektive, ein Licht am Ende des Tunnels.

Auch für Jesus war die Angst keineswegs am Morgen danach verschwunden.

Noch einmal bricht sie in furchtbarer Weise aus ihm heraus in seinen letzten Worten: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Aber hier, einige Stunden zuvor hat er sich entschieden.

Mühsam durchgerungen, nicht heldenhaft.

Was für ein Glück für uns, daß diese Geschichte in der Bibel steht.

Amen.