MJ

Gerechtigkeit auf Erden, Gerechtigkeit Gottes
Predigt am Karfreitag 1999

 

"Es gibt keine Gerechtigkeit auf Erden", sagt sie. Ich sitze am Tisch in ihrer Küche. Es gibt keine Gerechtigkeit. "Er", und sie deutet mit dem Kopf auf ein Bild über der Kommode, "er ist im Krieg geblieben." Er, das war ihr Mann. Vier Monate waren sie verheiratet. Dann wurde er eingezogen. Ostfront. Kam noch einmal auf Urlaub. Dann kein Lebenszeichen mehr. Ihre Tochter, erzählt sie weinend, ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Seit Jahrzehnten lebt sie allein. Hier in dieser Wohnung. Alte, gebohnerte, einfache Möbel. Kaltes Wohnzimmer, warme Küche. Angelaufene Fenster. Kartoffeln stehen auf dem Gasherd. Sie wischt sich die Brille mit der Schürze. "Es gibt keine Gerechtigkeit mehr." Heute morgen hat sie erfahren, daß man ihr den gepachteten Garten wegnimmt. Und sie kann sich nicht wehren. Die Gärten werden umgelegt als Industriegebiet. Die Stadt braucht dringend Arbeitsplätze, Steuereinnahmen. Der Garten, das war wenigstens noch eine Aufgabe, ein Lebenszeichen. So kam sie noch heraus aus der Wohnung.

Bitter sieht sie aus. Abgeschaffte Hände, abgeschaffte Seele, abgeschafftes Gesicht. Eine Bibel hat sie. Liest darin. Aber in die Kirche geht sie nicht. Seit sie irgendein Kirchengemeinderat mal - sagen wir -"übervorteilt" hat beim Verkauf eines kleinen Grundstücks. So sagt sie. Eine alte Geschichte.

"Nein, es gibt keine Gerechtigkeit. Die einen trifft's, und den anderen geht's gut. Wer hat, der bekommt mehr. Der eine Geld, der andere Sorgen." Sie sagt es nicht ganz so zurückhaltend. "Aber bald ist auch das rum." -"Das rum?" - "Na ja, ich bin 71", sagt sie. "Hätte ich einen Mann gehabt, dann hätten sie nicht so mit mir umspringen können." Drei Wochen später bekommt sie auf der Straße einen Schlaganfall. Fällt ungeschickt. Und bevor sie in der Klinik ist, ist sie schon tot. Verwandte sind keine da. Zur Beerdigung werden einige ältere Damen aus der Nachbarschaft kommen. Dezent an der Seite der Bestattungsunternehmer. Die Ansprache wird kurz sein. "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln." Und: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen." Und keiner, der dem Pfarrer ins Wort und der Organistin in den Arm fällt. Und sagt: "Das geht doch nicht! So geht das doch nicht!" Doch, genauso geht das. Eben so.

Sie wird zu liegen kommen in einem der vielen Gräber auf dem riesigen Friedhof. Nach Jahren verwildert, wenn sich keine mitleidige Hand findet. Es gibt keine Gerechtigkeit auf der Erde, nicht einmal auf dem Friedhof, würde sie sagen.

Liebe Gemeinde, diese Geschichte las ich vor einiger Zeit. Diese Frau stammt nicht aus Voerde und ich war nicht ihr Gesprächspartner. Aber es gibt sie dutzendfach, hundertfach. Es gibt sie auch als Mann. Es gibt sie in vielen Varianten. Es gibt sie unter uns. Es gibt keine Gerechtigkeit.

Jesus wird hingerichtet. Er stirbt gegen 12 Uhr mittags am 15. April des Jahres 30. Die Soldaten nehmen ihre Lanzen, den unzerteilten Rock und gehen in die Kaserne. Sie haben ihren Dienst getan. Ordentliche Arbeit. Präzisionsarbeit, Jesus ist tot. Scheintod ausgeschlossen. Das muß auch jemand tun. Ja, es ist Drecksarbeit, aber irgendwann hast du dich daran gewöhnt. Wer redet von Gerechtigkeit? Es gibt keine Gerechtigkeit.

Als Anwalt der kleinen Leute, als Vertreter Gottes auf Erden war Jesus da. Nun hängt er, gefoltert, gedemütigt und abgeurteilt nach römischen Recht, am Kreuz zwischen zwei Straftätern. Das ist die Gerechtigkeit, die auf Erden gilt. Wer die Macht hat, setzt das Recht. Es gibt schon eine Gerechtigkeit auf Erden. Aber es ist nicht die der Armen und Elenden. Und es ist auch nicht Gottes Gerechtigkeit. Der Tod hat das Sagen. Der Tod und seine Handlanger.

Freitag, 2. April 1999, Kosovo, mitten in Europa. Häuser brennen, Zehntausende fliehen, Banden ziehen im Blutrausch systematisch durch die Dörfer. Grausame Bilder, furchtbare Berichte. Gerade mal eine Flugstunde entfernt von uns. Deutschland im Krieg. Nicht Krieg in unserem Land, aber Krieg mit deutschen Soldaten. Angst geht um. Wie wird das weitergehen? Die Kirchengemeinde bucht ihre Sommerfreizeit nach Ungarn um. Man weiß ja nie. Und: Erinnerungen kommen hoch. An den letzten Krieg. An Bombennächte. An die Flucht ´45. Ältere erzählen mit Schrecken in der Stimme davon. Hartgesottene Männer weinen, weil fünfzig Jahre wie weggewischt scheinen. Gerechtigkeit? Gibt´s nicht auf Erden.

Da kann man lange den Kopf schütteln und analysieren, wie es dazu kommen konnte. Und wir finden die Antworten auch in der Geschichte (diese Völker konnten eben noch nie miteinander), in der Psychologie (Haß und Gewalt beruhen oft auf Angst und Sadismus; auf Gefühlen, die in jedem von uns schlummern, aber meist halt nur schlummern). Doch diese Antworten helfen niemand weiter. Gehasst wird weiter, gemordet wird weiter. Gewalt ruft nach Gegengewalt, eine Unmenschlichkeit gebiert die nächste. Es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt.

Karfreitag, der Tag der Gottverlassenheit des Menschen. Der Tag, an dem man an Gott zweifelt. Warum läßt Gott das zu? Warum ist die Welt so, wie sie ist?

Hören wir das Evangelium dieses Tages.

Ob es vielleicht doch Evangelium, gute Nachricht enthält?

Hören wir Lukas 23, die Karfreitagspredigt des Lukas.

Text: Lukas 23, 32-49

Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, daß sie mit ihm hingerichtet würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riß mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein gerechter Mensch gewesen! Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

Im Vergleich zu Markus wird hier anders erzählt. Kein gottverlassener Jesus. Nicht der jüdische Sterbepsalm wird Jesus in den Mund gelegt, sondern das vertrauensvolle jüdische Abendgebet. Nicht Psalm 22, sondern Psalm 31. Nicht: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?", sondern: "Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist." Markus hätte gesagt: "Dieser ist Gottes Sohn gewesen." Lukas, wir haben es gehört, schreibt: "Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein gerechter Mensch gewesen."

Jesus ist für Lukas der Gerechte Gottes, der für Gottes Gerechtigkeit auf Erden eintritt. Aber das ist eine ganz andere Gerechtigkeit.

Lukas hat das Markusevangelium gekannt. Er weiß, daß der andere Jesus den jüdischen Sterbepsalm in den Mund legt. In der Gottesferne des Karfreitag durchleidet Jesus nach Markus alles menschliche Leid bis zu den Pforten der Hölle. Anders bei Lukas. Jesus betet ein Abendgebet. Ich lese dieses Abendgebet aus Psalm 31 im Zusammenhang:

"Du bist meine Stärke. In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott. Ich hasse, die sich halten an nichtige Götzen; ich aber hoffe auf den Herrn. ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, daß du mein Elend ansiehst und nimmst dich meiner an in Not und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum" (Psalm 31, 5b-9).

Ein ganz anderer Klang. Hier hat Jesus die Gottverlassenheit des Karfreitags bereits überwunden. Wenn man so will: Lukas läßt Jesus bereits aus dem Blickwinkel des Ostermorgens auf das Geschehen dieses Tages blicken. Im Gegensatz zu Markus enthält die Erzählung von Lukas bereits Evangelium, gute Botschaft. Von daher können wir mit Fug und Recht sagen: dies ist die Karfreitagspredigt des Lukas. Jesus ist der Gerechte Gottes. Mit ihm kommt die Gerechtigkeit Gottes.

Das ist wichtig am lukanischen Karfreitag: Diese Gerechtigkeit gilt uns. Von Judas verraten, von Petrus verleugnet, von den Freunden verlassen, das Volk schaut stumm zu, die heidnischen Soldaten spotten - so hängt Jesus am Kreuz. Das ist die Gerechtigkeit auf Erden. Dennoch gilt: Wo immer du dich hinstellst, er hat ein gutes Wort für dich. Nichts, aber auch kein Wort, das er sagt, ist vorwurfsvoll urteilend, stürzt uns endgültig in die Gottverlassenheit. Jesus sagt am Kreuz des Lukaskarfreitags drei Sätze:

- "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun."

- "Wahrlich, ich sage dir: heute wirst du mit mir im Paradies sein."

- "Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist."

Das ist die Gerechtigkeit Gottes und unsere einzige Chance, daß Frieden wird in unserem Leben und Sterben und weit darüber hinaus, in der Weite eines Lebens in Gott, - nämlich, daß er uns vergibt. Zwar keineswegs gutheißt, was wir so alles tun oder lassen. Aber kein böses Wort für uns hat.

Nicht für die Römer, die ihn verurteilen.
Nicht für die Juden, denen er in die Quere kommt.
Nicht für die Jünger, die ihn mehr oder weniger deutlich im Stich ließen.
Nicht einmal für den Übeltäter, der lästert.
Nicht für mich und nicht für dich.
Aber auch nicht für die serbischen Mörder.
Oder die Nato-Piloten.
Oder den Diktator Milosevic.

Das ist die Gerechtigkeit Gottes.

Die sah und sieht eben ganz anders aus. Gott läßt seine Sonne über Böse und Gute aufgehen (Matthäus 5,45). Gott liebt alle Menschen, weil alle letztlich verstrickt sind in Schuld und Sünde, Angst haben, zu kurz zu kommen, übervorteilt zu werden, nicht anerkannt zu werden oder was auch immer. Die Gerechtigkeit Gottes passt niemand. Die Mächtigen fürchten angesichts solcher Sätze um ihre Macht, die ja allein auf der Behauptung eines Unterschiedes beruht, mit dem sie sich größer und besser und andere kleiner und schlechter machen - und sei es, indem ganze Völker zu Feinden, zu Unmenschen erklärt werden. Und die sogenannten kleinen Leute hassen Jesus, weil er ihnen nicht die Beseitigung der unzähligen Ungerechtigkeiten verspricht, sondern sich - im Gegenteil! - auch noch den Mächtigen zuwendet, um auch ihnen die Augen zu öffnen. Nein, Gerechtigkeit in unserem Sinne, so wie wir sie uns ersehnen und erhoffen, die gibt es nicht in der Welt und auch nicht bei Gott. Denn in unserer Gerechtigkeit kommt immer jemand zu kurz, sie beruht immer auf Macht und Ungleichheit, auf Angst oder Rache oder was auch immer. Schmerzlich, ärgerlich, enttäuschend. Am Karfreitag siegt scheinbar die Gerechtigkeit dieser Welt, zum Glück an Ostern die Gerechtigkeit Gottes. Denn Frieden wird nur, wenn ich die Sicht Gottes akzeptiere, der seine Sonne aufgehen läßt über Böse und Gute - wenn ich mir diese Gerechtigkeit Gottes gelten lasse. Und für mich auf Gewalt, Haß, Lüge, Rache, Ungerechtigkeit verzichte - so weit ich dazu in der Lage bin, so weit mir mein Glaube dies ermöglicht. Nur so kommt Frieden, Gottes Gerechtigkeit in die Welt. Das ist nicht viel, weiß Gott nicht. Aber alles andere ist unsere Gerechtigkeit, nicht seine. Amen.

Die einleitende Geschichte und einige Predigtgedanken stammen von Gerhard Engelsberger, Pastoralblätter 4/1999