Gemeindeleitung damals und heute –
Predigt über Apostelgeschichte 6,1-7 am 18. September 2011
Liebe Gemeinde,
Fragen der Gemeinde und der Gemeindeleitung beschäftigen uns hier in Voerde, in unserer Kirchengemeinde in diesen Tagen und Wochen. Morgen findet unsere diesjährige Gemeindeversammlung statt, in der es – wieder einmal – um die vielen Gebäude unserer Gemeinde geht. Und bis Mitte November laufen die Vorbereitungen für die Presbyteriumswahlen 2012 an, konkret müssen bis dahin diejenigen gefunden werden, die für dieses Amt kandidieren wollen. Nachdem es vor vier Jahren nur wenige neue Gesichter in unserer Gemeindeleitung gab, wird das diesmal anders sein: etliche Frauen und Männer werden nicht wieder kandidieren, viele allein aus dem Grund, dass sie an die Altersgrenze von 75 Jahren kommen. Genug Gründe also, auf einen Text aus dem Neuen Testament zu hören, der sich mit Fragen der Gemeindeleitung beschäftigt.
- Lesung des Predigttextes -
Diese kleine Geschichte beschreibt sehr schön die Aufgaben, die Gemeinden haben, damals wie heute. Sie zeigt aber auch, dass es nicht nur heute Konflikte in Kirchengemeinden gibt, sondern schon wenige Jahre nach Tod und Auferstehung Jesu bzw. nach dem Pfingstfest mit der Aussendung des Heiligen Geistes. Und sie beschreibt eine Lösung, die damals getragen hat und an der sich auch heute noch die Ordnung unserer evangelischen Kirche orientiert.
Gemeindeleitung – damals und heute.
Die Aufgabe der Kirche und ihrer Gemeinden beschreiben die zwölf Apostel in der Geschichte mit dem Satz: » Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.« Zweierlei ist an diesem Satz bemerkenswert: Neben der Verkündigung des Evangeliums als der zentralen Aufgabe aller Kirchen und Gemeinden tritt die Aufgabe, das Zusammenleben der Christinnen und Christen nach den Maßstäben des Evangeliums zu organisieren, also an Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Mit der Predigt allein ist es nicht getan. Nun hat man diesen Satz der Apostel so verstanden, als ginge darum, zwischen dem Predigtamt und der Diakonie zu unterscheiden, die Predigt ist Aufgabe der Apostel, für die Diakonie werden die sieben Männer bestimmt. Dies ist aber wohl ein Irrtum. Denn wenn die Zwölf hier sagen, wir wollen das Wort Gottes nicht vernachlässigen, dann meinen sie damit nicht das Predigtamt in der Gemeinde vor Ort. Sondern sie sahen ihre Aufgabe darin, missionarisch loszuziehen, nach Süden und nach Norden, um das Evangelium auszubreiten und anderswo neue Gemeinden zu gründen. Die Bestellung dieser sieben ausgewählten Persönlichkeiten bedeutete daher wohl eher die Aufgabe, die Gemeinde vor Ort insgesamt zu leiten, also auch für Gottesdienste und Seelsorge zu sorgen und nicht nur diakonisch tätig zu werden.
Konfliktfrei war das alles schon damals nicht. Liebe, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit – klar, das liegt im Evangelium drinnen und dafür sind wir als Christinnen und Christen mit verantwortlich. Aber schon damals waren die Ressourcen offenbar begrenzt. Seien es nun Lebensmittel oder Geld, es war nicht genug dafür da, alle Wünsche zufrieden zu stellen. Und dann kommt es – ganz menschlich - zum Streit. Witwen der griechischen Juden in Jerusalem hatten das Gefühl – ob nun zutreffend oder nicht, das wird gar nicht gesagt –, sie würden gegenüber den hebräischen Witwen benachteiligt. Also wenn man so will, die Zugewanderten fühlten sich von den Einheimischen übervorteilt bei der Verteilung dessen, was da ist. Sie fühlten sich nicht wahrgenommen, übersehen. Wie die Verteilung der Nahrungsmittel organisiert war, erzählt die Geschichte nicht. Entschied derjenige, der die Spende gab, an wen sie ging? Oder gab es bereits auch damals Vorurteile gegenüber Fremden, Flüchtlingen, Zugewanderten? Machten diejenigen, die schon immer in Jerusalem wohnten, ältere Rechte geltend? So nach dem Motto: das ist erst mal unserer Hände Arbeit, die hier verteilt wird, wären doch die anderen mal lieber dort geblieben, wo sie früher gewohnt haben? Ich weiß es nicht.
Es wird aber deutlich: eine Lösung muss her und so wird eine Gemeindeleitung eingerichtet. Sieben Männer – ja, damals natürlich erst einmal nur Männer – sollen gesucht werden aus der Mitte der Gemeinde. Ihre Kompetenzen: einen guten Ruf haben, voll heiligen Geistes sein und mit Weisheit gesegnet. Wenn wir heute das so hören, denken wir wahrscheinlich an andere Dinge, als die junge Christenheit damals. Der gute Ruf, ach, der ist heutzutage schnell dahin, denken wir nur an die vielen Guttenbergs. Voll heiligen Geistes sein, damit können viele vermutlich gar nichts anfangen, und mit Weisheit gesegnet sein, da denken wir vielleicht zunächst an alte Männer mit weisem Bart und philosophischen Hintergrund. Das ist schon der Übersetzung Martin Luthers geschuldet, der hier nicht wörtlich übersetzt. Eine neuere Bibelübersetzung schreibt hier für unsere heutigen Ohren recht präzise: »Schaut euch nach Männern um, die einen guten Ruf haben, geistvoll und klug sind.«
Nun, es werden sieben gefunden, interessanterweise haben sie alle (!!) griechisch klingende Namen, es spricht also einiges dafür, dass die Gemeinde aus der Gruppe der eher benachteiligten, am Rand stehenden Menschen die Gemeindeleitung bestellt hat und die Einheimischen hier nicht berücksichtigt werden, vielleicht nach dem schlauen, eventuell sogar augenzwinkernden Motto: Ach, die werden schon nicht zu kurz kommen, die immer hier gelebt haben, aber die Zugereisten, die brauchen Unterstützung nicht nur bei der Versorgung der Witwen. Genau wissen wir es natürlich nicht, vielleicht klingen die Namen auch zufällig alle griechisch.
Gemeindeleitung – damals und heute.
Ich glaube, bei aller Unterschiedlichkeit, einige Parallelen zu uns haben Sie bestimmt auch entdeckt.
Die Aufgabe der Kirche ist immer noch die gleiche, das Wort Gottes, das Evangelium, die Botschaft vom liebenden Gott zu verkündigen und nach Wegen zu suchen, das Zusammenleben von Menschen nach den biblischen Maßstäben Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu gestalten.
Das geht nicht ohne Konflikte und Streit ab, weil die Mittel, damals wie heute, heute vor allem das Geld, leider begrenzt sind. Und, wie könnte es anders sein, es gibt auch unter uns, und nicht nur in unserer Gemeinde, ganz verschiedene Ideen, Auffassungen und Vorschläge, welche Entscheidungen am ehesten dem Auftrag der Kirche entsprechen würden.
Und damals wie heute entscheidet darüber die aus der Mitte der Gemeinde gewählte Gemeindeleitung, welche die Aufgabe übertragen bekommen hat, zu entscheiden. Und wenn die Meinungen auseinander gehen, dann heißt das immer auch, zunächst nach einem Konsens zu suchen, aber zur Not eben auch Mehrheitsentscheidungen zu treffen. Die Siebenzahl der allerersten Gemeindeleitung ist mit Sicherheit kein Zufall – ein Unentschieden, ein Patt bei Abstimmungen kann es so nicht geben.
Liebe Gemeinde,
damals wie heute stehen Gemeindeleitungen oft vor schwierigen Situationen und haben mit großen Herausforderungen zu kämpfen. Lesen Sie nur mal das nächste Kapitel in der Apostelgeschichte. Stephanus, einer der sieben wird wegen seines Engagements für die christliche Botschaft verfolgt, angeklagt und hingerichtet. Diese Gefahr besteht für heutige Gemeindeleitungen, Presbyterinnen und Presbyter, Pfarrerinnen und Pfarrer (die seit der Reformation in Deutschland immer schon zur Gemeindeleitung dazugehören, anders als zum Beispiel in der Schweiz) sicher nicht. Zumindest hier in Deutschland. In anderen Ekcen unserer Erde ist es immer noch lebensgefährlich, Pfarrerin oder Pfarrer zu sein oder der Gemeindeleitung anzugehören. Gott sei Dank bei uns nicht. Aber mit Konflikten müssen auch wir immer wieder rechnen. Letztlich sind Gemeindeleituneng ja auch genau dafür da, Konflikte zu bearbeiten, das lernen wir schon aus der Apostelgeschichte. Konflikte haben mit unterschiedlichen Meinungen und Auffassungen zu tun, und das führt zu Streit - damals wie heute. Und das ist auch gut so – wenn es sachlich zugeht. Aber wenn die Enttäuschung darüber, dass ich mich vielleicht mit meinen Vorstellungen nicht durchsetzen kann, in persönliche Angriffe umschlägt, dann wird es schwierig. Denn was kommt danach? Hebräische und griechische Christen mussten in Jerusalem weiter miteinander klar kommen und wir hier in unseren Gemeinden heute auch.
Ich weiß nicht, liebe Gemeinde, wie die Geschichte der Gemeinde in Jerusalem weiter gegangen ist. Ja, Stephanus verlor sein Leben, aber wir hören erst einmal nicht mehr von Streitereien innerhalb der Gemeinde. Es hat offenbar funktioniert, die Entscheidungsmacht auf sieben Männer zu übertragen. Ich wünsche uns allen in den schwierigen Diskussionen, die wir vor uns haben, bei der Suche nach neuen Menschenkindern aus Ihrer Mitte für das neue Presbyterium und vor allem auch im Blick auf den Umgang mit den Entscheidungen, die das alte und später das neugewählte Presbyterium treffen wird, dass wir uns alle von dem Geist dieser Begebenheit aus der Apostelgeschichte leiten lassen.
Amen.