Matthias Jung

 

 

 

Frithjof Bergmann - ein moderner "Prophet" im biblischen Sinn?


Andacht im Sozialethischen Ausschuss der EKiR am 20. Oktober 2008

Worte des Propheten Amos:

Hört dies Wort, ihr fetten Kühe, die ihr auf dem Berge Samarias seid und den Geringen Gewalt antut und schindet die Armen und sprecht zu euren Herren: Bringt her, lasst uns saufen! Gott der HERR hat geschworen bei seiner Heiligkeit: Siehe, es kommt die Zeit über euch, dass man euch herausziehen wird mit Angeln und, was von euch übrig bleibt, mit Fischhaken. Und ihr werdet zu den Mauerlücken hinausmüssen, eine jede vor sich hin, und zum Hermon weggeschleppt werden, spricht der HERR. (Am 4,1-3)

Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr leben könnt, so wird der HERR, der Gott Zebaoth, bei euch sein, wie ihr rühmt. Hasset das Böse und liebet das Gute, richtet das Recht auf im Tor, vielleicht wird der HERR, der Gott Zebaoth, doch gnädig sein denen, die von Josef übrig bleiben. (Am 5,14-16)

 

Die Menschen zur Zeit des Alten Testaments hatten es noch gut. In schwierigen Zeiten traten regelmäßig Propheten auf, die im Namen Gottes soziale und religiöse Missstände anprangerten und zugleich Wege in die Zukunft aufzeigten. Und ihre Texte haben die Jahrhunderte überstanden und beeindrucken Menschen bis in unsere Tage: ein Amos, der in scharfen Worten Ausbeutung und Rechtsbrüche geißelt; ein Jeremia, der in eindringlichen Worten seine Zeitgenossen zur Umkehr auffordert; der sogenannte "zweite" Jesaja, der Menschen in bitteren Lebensverhältnissen in wunderbaren Hoffnungsbildern die Zukunft Gottes verheißt.

Aber wo sind sie heute, die Propheten und Visionäre, die im Namen Gottes Kritik üben und zugleich Hoffnung machen und Zukunftsperspektiven eröffnen? Brauchen wir sie nicht ebenso wie vor zweitausend Jahren das Volk Israel? 

Natürlich gibt es - mehr oder weniger selbsternannte - Propheten wie die sieben Wirtschaftsweisen, die Jahr für Jahr versuchen in die Zukunft zu schauen, aber weitgehend nur Spott und Hohn ernten, da die Halbwertszeit ihrer Prognosen doch sehr, sehr kurz ist. Doch wo wäre heute in der Kirche eine Stimme zu hören wie die von Dietrich Bonhoeffer, dessen Texte aus dem Gefängnis auch sechzig Jahre nach seinem Tod noch  Menschen, anregen, in Bewegung zu bringen, be-geistern?

Wo finden wir heute Menschen, die als Prophet oder Visionär gelten könnten? Also Menschen, die nicht nur kritisieren und künftiges Unheil an die Wand malen (solche Propheten gibt es wie Sand am Meer), sondern Menschen, die Wege in die Zukunft aufzeigen können, und seien es nur Trampelpfade - und zwar so, dass Menschen sich davon inspirieren lassen? Die Visionen entwerfen, die zünden? In der Kirche sehe ich leider weit und breit niemanden, der in gut biblischer Tradition auf diese Weise seine Stimme erhebt. Wenn wir aber den kirchlichen Raum verlassen, dann finden sich vereinzelt Menschen, die diesen Spagat hinbekommen: Kritik üben und Hoffnung machen.

Einer von ihnen ist der deutschstämmige amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann. Über 25 Jahre hinweg hat er sich kritisch mit unserem heutigen Wirtschaftssystem auseinander gesetzt, welches Arbeitsplätze auf der einen Seite absolut setzt und auf der anderen dieselbigen permanent vernichtet. Aus seiner Sicht macht dieses System Menschen kaputt: weil sie entweder gar keine Arbeit finden oder Arbeit, die langweilig, zerstörerisch, abstumpfend ist. 

Nun, solche Kritiker gibt es viele. Das Besondere an Bergmann ist nun aber, dass er nicht bei der Theorie stehen bleibt, sondern in vielen Projekten über die ganze Welt verstreut nach Wegen sucht, Menschen eine Hoffnung auf zu zeigen und ihnen konkrete Schritte zu ermöglichen auf einem Weg in eine andere Zukunft. Seine Vision ist dabei sehr groß gedacht: eine Welt, in der die Menschen weitgehend einer Arbeit nachgehen, die ihrem Wesen entspricht. Diese Vision ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern in unzähligen Gesprächen und Projekten mit Menschen in aller Herren Länder. Sein Programm einer "Neuen Arbeit und neuen Kultur" in einem Satz zusammengefasst lautet:

"Es geht und um die Schaffung einer Gesellschaft und Kultur, in der wirklich jeder, Mann oder Frau, die Chance bekommt, einen beträchtlichen Teil seiner Zeit mit einer Arbeit zu verbringen, die er oder sie erfüllend und faszinierend findet und die die Menschen aufbaut und ihnen mehr Kraft und Vitalität gibt" (Frithjof Bergmann, Neue Arbeit, neue Kultur, Arbor Verlag 2004, S. 19).

Noch kürzer formuliert: es geht darum, dass Menschen eine Arbeit finden, die sie wirklich, wirklich wollen - und zwar deswegen, weil kaum etwas anderes Menschen so sehr zufrieden stellen wir eine erfüllende Arbeit.

Nun ist es mit Frithjof Bergmann so wie mit vielen Visionären: an ihnen scheiden sich die Geister. Die einen lassen sich inspirieren und be-geistern, die anderen lachen sich tot und sagen, was für ein Spinner. Die Wirtschaftswissenschaftler fragen: wo ist eigentlich das Konzept?! Die Politiker sagen: das ist nicht durchdacht, nicht bezahlbar, nicht wählerwirksam. Die Arbeitslosen fragen: und wovon soll ich meine Miete und meine Brötchen bezahlen?

Alles berechtigte Einwände. Das Wesen der Vision ist aber nun mal, groß und weit zu denken - und dabei gerät das Konkrete logischerweise erst einmal aus dem Blick.

Interessant an den Visionen Bergmann´s ist nun aber, das konstatieren ihm auch Kritiker, dass er zumindest in Ansätzen Erfolge vorzuweisen hat und seine Vision nicht völlig abgehoben ist, sondern "geerdet" ist. Es gibt erfolgreiche Projekte in der amerikanischen Autostadt Flint und in Südafrika, es gibt Netzwerke im deutschsprachigen Raum, es gibt Fortschritte bei der Entwicklung des sogenannten Fabricators, eines Gerätes, mit dem in Zukunft jedermann und jederfrau Schuhe, Handy´s und Kühlschränke herstellen kann, also alle möglichen Dinge des alltäglichen Gebrauchs - und mit dem Bergmann die Hoffnung verbindet, dass es in weiten Teilen der Welt helfen kann, Armut zu überwinden. Und das ist schon etwas, dass ihn von anderen Kassandra-Rufern unterscheidet: er vermittelt Menschen eine Perspektive, inspiriert sie, motiviert, bewegt Menschen. Kühn? Ja. Abgehoben? Nein. Realisierbar? Jein. Visionen malen ein Bild von Zukunft, aber unterscheiden sich von der Utopie darin, dass sie auf Verwirklichung drängen - diese aber immer an die konkreten kleinen Schritte gebunden ist. Eine Vision kann man nicht einfach umsetzen, sie ist ein Leitbild, kein Programm.

Frithjof Bergmann, ein Visionär ganz sicher, aber auch ein Prophet im biblischen Sinne? Ganz sicher nicht, denn er tritt im Namen der Menschlichkeit und der Menschenwürde auf und nicht im Namen Gottes. Doch ist das wirklich ein Widerspruch? Auch Amos kritisiert im Namen Gottes die Missachtung der Menschenwürde durch Großgrundbesitzer und die politische bzw. religiöse Kaste.

Wo auch immer er seine Kraft her bezieht: ein Visionär ist er allemal, einer, der aus dem Gewohnten heraustritt, große Linien aufzeigen kann in der Kritik als auch in der Zukunftsperspektive. Und er schafft es, Hoffnung zu vermitteln, nicht bei allen, sondern bei einzelnen Menschen und Gruppen. Wer das als unkonkret und zu kurz greifend kritisiert, nun, viel mehr haben Amos und seine biblischen Kollegen  oder auch ein Dietrich Bonhoeffer auch nicht ereicht. Doch sie ermutigen Menschen noch heute, regen Menschen an, konkrete Schritte zu wagen.

Unserer Kirche und unserer Gesellschaft täten etwas von diesem Mut gut. Wir zerfleischen uns in Strukturreformen, wir debattieren endlos über zurückgehende Finanzen und die Gefahren des demografischen Wandels. Wenn ich Texte von Bergmann lese, dann frage ich mich manchmal, ob wir deshalb in unseren ganzen Reformen und Debatten nicht weiter kommen, weil wir keine Visionen mehr haben und uns daher die Hoffnung verloren gegangen ist... Für unsere Gesellschaft wäre das schrecklich, für die Kirche aber - tödlich. Denn wenn das Evangelium uns keine Hoffnung mehr macht, wo ist dann die Kraft der Auferstehung hin entschwunden? Was motiviert uns? Woraufhin planen und bauen wir die Zukunft von Kirche und Gesellschaft? Vielleicht ist es an der Zeit, die biblische Prophetie neu zu studieren und sie zugleich mit modernen Visionären wie Frithjof Bergmann in einen Dialog zu bringen, damit wir sprach- und handlungsfähig werden - in Gemeinde und Kirchenkreis, in Landeskirche und EKD, aber auch in Politik, Gewerkschaft und Gesellschaft.

Amen.

 

Links zum Thema "Neue Arbeit - neue Kultur" von Frithjof Bergmann:

http://www.newwork-newculture.net/

http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Arbeit (dort auch Hinweise zur Literatur)

http://neuearbeitberlin.mixxt.de/ (im Aufbau befindliches deutsches Netzwerk)

http://www.youtube.com/user/vbaytube (Teile eines längeren Videos auf Youtube)

RP-Artikel zum Vortrag am 5. Februar 2009