MJ

Weihnachten wird abgeschafft...
1. Weihnachtsfeiertag 2006

 

"London ohne Weihnachtsfeiern" war vor ein paar Wochen in der NRZ zu lesen. "Traditionelle Weihnachtsfeiern sind nach Einschätzung zahlreicher britischer Arbeitgeber und Stadtverwaltungen nicht länger politisch korrekt. Einige Anwaltskanzleien veröffentlichten sogar schon eine Warnung: im multikulturellen London arbeiten Menschen verschiedenen Glaubens zusammen, und vor allem Muslime könnten die oft ausschweifenden Bürofeiern als beleidigend und empfinden, so die Anwälte. Aus Angst vor Ärger oder sogar Klagen wird in diesem Jahr bereits weniger gefeiert. von 5000 britischen Unternehmen wollen etwa 80 Prozent keine Party veranstalten. In einigen britischen Großstädten untersagen die Behörden Weihnachtsschmuck und Lichterketten in Einkaufszentren und Fußgängerzonen. Außerdem würden traditionelle Weihnachtsveranstaltungen säkularisiert."

Weihnachten wird also abgeschafft.

Ist das eigentlich ein Grund zur Freude oder zur Klage?

Natürlich ist zunächst zu sagen, dass wir hier in einer ländlichen Kommune in Deutschland kaum die Stimmungslage einer Metropole von London nachempfinden können, in der durch den früheren Kolonialismus der Briten das multikulturelle Zusammenleben sicher anders aussieht als bei uns auf dem platten Land. Und sicher wird man auch bedenken müssen, dass die furchtbaren Bombenanschläge auf London nicht nur Entsetzen über die Tat, sondern auch Angst und Verunsicherung nach sich gezogen haben. Ein wenig davon spiegelt sich ja auch in Deutschland der Diskussion um die erst abgesetzte, dann wieder eingesetzte Mozart-Oper in Berlin. Der weltweite Terror erreicht inzwischen auch uns, vorstellbar ist, dass auch jeder von uns betroffen sein könnte. Damit wird aus dem eher theoretischen Nachdenken über die hintergründe von Bombenanschlägen ein immer stärker persönliches Interesse, weil wir merken, wir könnten selbst betroffen sein... Auf einmal fangen wir in unseren westlichen Gesellschaften an, ernsthaft über die Folgen von immer mehr Zuwanderung nach zu denken.

So weit so gut. Aber deswegen gleich Weihnachten abschaffen? Wird da nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet? So äußerten sich auch Muslime selbst in dem Zeitungsartikel, nämlich kopfschüttelnd. Und jetzt kann man die gleichen Argumente wie bei der Mozart-Oper anbringen, ist ein solches Verhalten nicht ein feiges Zurückweichen vor dem Terror und beflügeln solche Reaktionen die Täter nicht noch mehr, weil sie sehen, wir haben Erfolg? Oder: ist es wirklich die angemessene Reaktion auf eine zunehmend multikulturellere Gesellschaft, wenn wir unsere christlichen Wurzeln immer weiter zurücknehmen? Ist es nicht vielleicht eher Ausdruck auch einer deutlichen Verunsicherung über Sinn und Zweck unseres eigenen Glaubens, unserer eigenen christlichen Tradition?

Hm...

Doch fragen wir doch erst einmal, was da eigentlich konkret abgeschafft werden soll.

Zum einen Weihnachtsfeiern in Büro´s. Ich kann da nicht so mitreden, die Weihnachtsfeiern in der Gemeinde sind eigentlich eher beschaulich, auf jeden Fall nicht ausschweifend. Wenn die Briten oder auch die Deutschen da dann richtig auf die Pauke hauen, naja, ich hab nichts gegen Feiern, aber ob dass dann mit Weihnachten verbunden sein muss, fragt sich ja schon. Wenn das also abgeschafft wird, hätte ich damit kein Problem.

Dann geht es um Lichterketten und Weihnachtsschmuck in den Einkaufzentren. Da sieht es dann schon ein wenig anders aus, finde ich. Natürlich kann man auch hier fragen, ob da nicht wahnsinnig viel Kitsch drunter ist und es vielfach übertrieben wird. Obwohl dieses Jahr viele meinten, es wäre deutlich weniger zu sehen gewesen. Wie dem auch sein, hier geht es nicht um Ausschweifung, sondern um ein Stück unserer kulturellen Tradition. Es gehört einfach dazu, Lichterketten und Weihnachtsschmuck in der Adventszeit. Sicher, es "muß" das nicht geben, aber es würde uns doch etwas fehlen, oder? Es gehört zu unserer Identität als Gesellschaft mit christlichem Hintergrund. Das einfach aufgeben, ich fände das nicht gut. Natürlich müssen wir uns mit der Tatsache beschäftigen, dass immer mehr Muslime unter uns leben, auch mit deutscher Staatsangehörigkeit. Und natürlich müssen wir uns auch damit auseinandersetzen, dass es immer mehr Menschen gibt, die weder Muslime sind noch einer christlichen Kirche angehören. Insofern finde ich die Diskussion, die durch die Vorgänge in England ausgelöst werden, garnicht so schlecht. Denn da kommt ja auch die Frage auf, wie stark wir Christinnen und Christen uns unserer eigenen Kultur und Tradition verbunden sind. Was einem nichts wert ist, kann schnell aufgegeben werden. Mir würde allerdings etwas fehlen, wenn Lichterketten und Weihnachtsschmuck ganz abgeschafft würden.

Aber Weihnachten wäre damit noch lange nicht abgeschafft!!

Denn Weihnachtsfeiern und Lichterschmuck sind doch nicht das Weihnachtsfest.

Das gibt es doch alles nur, weil dahinter die eigentliche Weihnachtsbotschaft steht: Gott wird Mensch in Jesus, kommt uns Menschen so nah wie es überhaupt nur geht, bringt Licht in die Dunkelheit, Liebe in die Abgründe der menschlichen Existenz, Zeichen des Friedens in unfriedliche Verhältnisse, Hoffnung in diese von Verzweiflung, Krankheit und Tod durchzogene Welt. Jede Lichterkette weist darauf hin, ob das nun denjenigen, die sie aufgehängt haben, bewußt ist oder nicht. Jeder Weihnachtsengel, und sei er noch so kitschig, verkündet die frohe Botschaft. Jeder Stern, der über einer Einkaufspassage leuchtet, weist hin auf den Stern, der zur Krippe führt. Sonst gäbe es dies doch alles nicht. Gut, auf ein paar Gestalten in der Weihnachtszeit könnte ich auch gut verzichten, der Weihnachtsmann hat da meiner Meinung nach nichts zu suchen. Doch egal - selbst wenn das alles abgeschafft würde: Weihnachten, liebe Gemeinde, würde es dennoch wieder werden. Dort, wo die Geschichten aus der Bibel gelesen werden. Dort, wo sich Menschen von dem Zauber, der von dem Kind in der Krippe und auch von den Symbolen ausgeht, innerlich berühren lassen.

"Wirklich" Weihnachten kann es nämlich nur in unseren Herzen werden, wenn die Botschaft bei mir ankommt und sie glauben kann und zu Jesus und seinem Gott Vertrauen fassen kann. Und das kann nichts und niemand abschaffen, weil wir es ja auch nicht selber machen können, sondern solches Vertrauen, solcher Glaube ein Geschenk Gottes ist. Er schenkt es, besser: er schenkt sich. Wir können das Geschenk nur annehmen. Oder ablehnen. Aber abschaffen können wir Weihnachten nicht. Gott sei Dank!

Amen.