Gott - so nah, so fern.
Oder: Mose lässt nicht locker
Predigt über Exodus 33,17-23 am 16. Januar 2011
Liebe Gemeinde,
diese Geschichte hier fasziniert mich seit meinen Kindertagen. Ich weiß nicht, ob es die Kinderbibel war oder der Kindergottesdienst - ich habe immer ein bestimmtes Bild vor Augen, wenn ich an diese Erzählung denke oder sie lese. Ob es ein Bild meiner Phantaise oder aus einer Kindebibel ist, das weiß ich nicht mehr. Es ist ja auch eine eindrückliche Szene. Gott, so nah und zugleich so fern. Mose, was wagt der sich, Gott so entgegen zu treten, so frech oder so verzweifelt oder beides? Und Gott lässt sich sehr weit auf ihn ein, unglaublich.
Eine seltsame und zugleich spannende Geschichte, die hier erzählt wird. Es lohnt, sich die Vorgeschichte hinzu zu nehmen. Mose, eine Lichtgestalt. Er führt sein Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten ins gelobte Land. Einer, der deswegen weit über uns normal Sterblichen thront und vielleicht deshalb so mit Gott umgehen darf. Aber Vorsicht. Zäumen wir nicht das Pferd von hinten auf. Wir wissen heute, dass das eine Erfolgsgeschichte wurde. Das Volk Israel und Mose wussten das nicht, als sie mittendrin waren. Und das, was in unserem Predigttext erzählt wird, ist so richtig mittendrin, Ägypten haben sie schon hinter sich, das gelobte Land ist noch fern. Und dem Mose geht es hier so richtig schlecht.
Von wegen Lichtgestalt Mose. Eigentlich ist er in die ganze Sache reingestolpert. Ausgesetzt als Kind, gerettet von der Pharaonentochter wächst er im Palast auf, wohl wissend um seine Herkunft. Als junger Mann beobachtet er wie einer der jüdischen Zwangsarbeiter von einem ägyptischen Aufseher erschlagen wird und wird so zornig darüber, dass er den Ägypter seinerseits erschlägt. Die Sache wird beobachtet, Mose muss fliehen, erhält hier am Sinai den Auftrag Gottes sein Volk aus der Sklaverei zu befreien. Aber er hat Angst, er ziert sich, ringt schon da mit Gott, der ihm dann Aaron, seinen Bruder, an die Seite stellt, sonst wäre Mose nie losgegangen. Dann kommen die Plagen, der Pharao lässt Israel erst ziehen, stürmt dann hinterher, im Roten Meer versinkt das ägyptische Heer in den Fluten, Israel ist gerettet. Erst ist das Volk dankbar, aber dann in der Wüste werden sie mürrisch, nix anständig zu essen, immer nur Sonne und Sand. Das alles ist eine einzige Quälerei für Mose, den Anführer. Hier am Berg Sinai angekommen steigt er allein hinauf, erhält die Zehn Gebote auf zwei Steintafeln, kommt zurück und muss sehen, dass sein Volk, Gottes Volk nichts Besseres zu tun hatte, als auf Nummer sicher zu gehen: da Mose und sein Gott auf sich warten ließen, haben sie aus ihrem Schmuck ein Gottesbildnis, ein goldenes Kalb geschmiedet und tanzten um ihren neuen Gott. Vor lauter Zorn zerschmettert Mose die Steintafeln, aber das Volk, sein Volk kehrt nicht einfach um und erkennt seinen Fehler, nur ein Teil ist dazu bereit. Mose scheint gescheitert.
Und nun steigt er nun noch einmal hinauf. Jetzt will er es wissen, was macht Gott: Verzeiht er? Vernichtet er? Und die beiden ringen so richtig miteinander, am Ende ist Gott bereit, das Volk doch noch ins gelobte Land führen. Und genau hier beginnt unser Text, Mose will noch mehr, lässt nicht locker, will Gott von Angesicht zu Angesicht sehen.
Warum? Was geht da in ihm vor? Ist das nicht unverschämt? Sollte er sich nicht zufrieden geben, mit dem, was er erreicht hat? Und das ist dich schon so viel!
Bevor wir nach einer Antwort suchen, möchte ich noch eines deutlich sagen, vor allem auch für die Konfirmandinnen und Konfirmanden: Das ist hier kein Zeitungsbericht. Das hat sich so ganz sicher nicht zugetragen. Gott begegnet uns nicht so direkt von Angesicht zu Angesicht, wr hören seine Stimme nicht wie Ihr oder Sie meine. Das hier ist eher ein Traumbild, eine Art Märchen, das eine tiefere Botschaft ans Licht bringt, eingebettet in die Geschichte vom Weg Israles von Ägypten ins gelobte Land, die sich einst zugetragen hat. Das kann ich jetzt nicht ausführlicher beschreiben, aber es liegt auf der Linie, was wir grade im Unterricht besprechen im Blick auf die Schöpfungsberichte von den ersten Seiten der Bibel. Wenn wir das oder auch diese Erzählung wortwörtlich als Historie nehmen, dann können wir nichts damit anfangen - denn wir erleben nicht, dass Gott uns so begegnet.
Aber er begegnet im Nachdenken, in Erzählungen, in Träumen. In Gespächen und in der Lektüre von Büchern. Er begegnet innerlich, im Herzen, wenn wir ein Gespür dafür entwickeln - und auch, wenn wir solche Erzählungen wie eine Art Märchen auf ihre tiefere Wahrheit befragen. Wie könnte diese Wahrheit aussehen?
Da ist der Mose und seine Geschichte habe ich erzählt. Ein begabter Führer und Stratege, ein Theologe, ein Beter, ein Priester. Voller Angst und Selbstzweifel, voller Zorn und Jähzorn. Ein ziemlich normaler Mensch, wie jede und jeder andere, mit seinen Begabungen und seinen Fehlern. Und er kommt über Jahre hinweg in diese Situation hier. Er hat erfahren, dass Gott hilft und unterstützt. Er hat erfahren, wie schwieirg das mit uns Menschen ist. Da gibt es Gruppenzwänge und viele Ängste, und davon hat auch er so einiges erfahren. Vielleicht ist es nicht unverschämt was er hier macht. Vielleicht hat er einfach nur die Schnauze voll. Jahrelange Kämpfe, und was machen seine Leute, kaum dass er ihnen den Rücken zukehrt? Suchen sich einen neuen Gott. Versetzt Euch, versezten Sie sich mal in seine Lage und spürt, spüren Sie mal einen Moment den Gefühlen nach, die Ihr, Sie empfindet. Mose sucht vor allem eins hier: Sicherheit. Ein für allemal will er es jetzt wissen. Gott ist doch gut und nah, dann zeig dich jetzt auch ganz, damit ich endlich Ruhe und Sicherheit für meine Seele finde. Sehr menschlich... Wie viele Menschen haben so ähnlich gebetet: Wenn es dich denn gibt, und du doch gut bist, dann zeig dich doch ganz und gar, ich halte das sonst nicht mehr aus...!
Und Gott? Nun... Sagen wir mal so: Er hat Verständnis. Und Mitgefühl. Er könnte den Mose ja vernichten mit einem Fingerschnippen. Oder er könnte sagen, also jetzt gehst du aber doch zu weit, gib dich mal zufrieden, du kleiner und undankbarer Mensch!
Nein, macht er aber nicht. So weit es ihm möglich ist, geht er auf Mose ein. Und dann kommt es zudieser Begegnung, zart und behutsam, ich lese sie noch mal in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache, weil ich den Luther hier zu nüchtern finde. Gerade hat Gott den Wunsch Moses akzeptiert, sein Volk zu begleiten, da hießt es hier:
Mose wollte noch mehr, er sagte: "Lass mich jetzt bitte deinen göttlichen Glanz sehen!" Gott antwortete: "Ich werde in meiner unermesslichen Schönheit dicht an dir vorbeigehen und meinen Namen Ich-bin-da vor dir ausrufen. Ich will allen wohl denen ich Wohlwollen schenken will. Ich leide mit allen, die ich bemitleiden will." Und weiter: "Du darfst mein Gesicht trotzdem nicht anschauen, denn kein Mensch, der mir ins Gesicht sieht, würde am Leben bleiben." Er sagte noch: "Hier neben mir ist noch Platz, stelle dich zu mir auf den Felsen. Wenn dann gleich mein Glanz vorbeigeht, dann drücke ich dich in eine Felsnische und halte dir meine Hand vor die Augen, bis ich vorbei bin. Dann ziehe ich sie weg und du kannst mich von hinten sehen, aber mein Gesicht darfst du nicht anschauen."
Liebe Gemeinde, Gott so nah und doch so fern. Er kommt uns so weit entgegen wie er kann, aber er bleibt Gott und diese Differenz kann nicht aufgehoben werden. Nicht alle Fragen werden beantwortet, nicht alle Fürbitten erhört, nicht alle - und seien es noch so sehnliche - Wünsche werden erfüllt. Dann wären wir gottgleich, und das geht nicht, sagt diese Geschichte. Aber so weit es eben möglich ist, geht Gott auf uns ein, in Jesus offenbar und anschaulich geworden. Einerseits tröstlich, anderseits auch traurig. Denn den Kämpfen, Zweifeln, Sorgen und Problemen dieser Welt werden wir nicht enthoben. Mose hatte auch noch einen langen schweren Weg mit den Seinen vor sich und am Ende, ganz am Ende kommt auch er nicht ins gelobte Land, sondern darf kurz vor seinem Tod nur einmal von einem Berg hineinschauen. Tröstlich und traurig zugleich.
Amen.