Elia hat seinen Posten verlassen
Predigt über 1. Könige 19 am 24. Februar 2002
Liebe Gemeinde,
Elia hat seinen Posten verlassen. Eben noch hat er den Triumph über Baal, den fremden Gott Kanaans erlebt. Und danach den Mord an den Priestern des Baals befohlen, der in unseren Ohren unvorstellbar grausam klingt. Als nun Ahab, der König Israels, seiner Frau Isebel davon erzählt, lässt diese Elia eine Morddrohung zukommen. Geschickt macht sie das. Sie befiehlt nicht gleich, Elia zu töten, nein, sie setzt ihm eine Frist. Damit gerät Elia in Zugzwang. Nicht mehr Isebel entscheidet nun über Leben und Tod, sondern Elia. Bleiben oder gehen?
Elia bekommt große Angst. Eben noch hat er sich mit den Mächtigen angelegt im Namen Gottes, und jetzt kriecht in ihm die Angst hoch. Die Angst vor der eigenen Courage. Die Angst vor der Rache Isebels, die Angst um das eigene Leben. Und in dieser Situation ergreift er die Flucht, macht sich aus dem Staub.
Eben noch ist er mutig und beherzt aufgetreten und hat sich für seinen Gott eingesetzt, nun ist er ein kleines Häufchen Elend, haut einfach ab.
Man könnte nun sagen: er ist seinem Auftrag untreu geworden. Aber vielleicht wäre dies zu hart geurteilt, dieses Urteil steht uns auch gar nicht zu. Vielleicht sagen wir besser: Elia fühlt sich nicht mehr in der Lage, seinen prophetischen Auftrag auszuüben, er fühlt sich überfordert, er kann nicht mehr weitermachen. Die Angst lähmt ihn.
Ich glaube, solch eine Reaktion ist uns nicht fremd. Wer von uns kennt das nicht: ich bin mir einer Sache ganz sicher - und dann kommt der Zweifel und nagt kräftig an meinem Selbstbewusstsein und ich frage mich: bin ich da wirklich auf dem richtigen Weg? Ausgangspunkt muss gar nicht, wie bei Elia, eine massive Bedrohung sein. Das kann auch so gehen: mein Chef traut mir eine neue Aufgabe zu und ich traue mir das auch zu. Es geht prima los und dann kommen erste kleine Schwierigkeiten und da kommen ein paar Dinge zusammen und ich frage mich: bin ich dieser Aufgabe wirklich gewachsen? Gleiches kann mir passieren, wenn ich ein Ehrenamt übernehme oder auch im familiären Bereich Zusagen mache, an denen ich - warum auch immer - eines Tages zu zweifeln beginne.
Nicht immer flüchten Menschen dann so wie Elia und lassen ihren übernommenen Posten im Stich. Denn zumeist geht´s bei uns nicht um Leben oder Tod, um alles oder nichts. Aber auch solche Momente können in meinem Leben vor mir auftauchen und es gibt auch heute Menschen, die sich dann nicht mehr anders zu helfen wissen, als auszusteigen. Hoffentlich nur, indem sie ins Ausland verreisen und sich nicht das Leben nehmen.
Elia jedenfalls verläßt seinen Posten und flieht. Die Drohung Isebels läßt sein bisheriges Vertrauen zu sich und vor allem zu seinem Gott ins Bodenlose sinken. Zurück bleibt nur die Panik. Und weg ist er, bevor er noch weiter nachdenken will.
So sind wir Menschen. Auch in kleineren Dingen sind wir schnell bereit, uns zurückzuziehen, wenn mir eine Sache zu heiss wird. Ich mache einen Rückzieher, wenn der Druck zu groß wird. Ich lasse mich in meiner Meinung verunsichern, wenn ein anderer nur sicher genug auftritt. Und erst recht kriecht auch mir die Angst im Hals hoch, wenn mir offen oder verdeckt mit Konsequenzen welcher Art auch immer gedroht wird. Ich bin ein Mensch, wie Elia auch.
Er flieht und geht in die Wüste. Dahin, wo er ganz allein ist. In eine gottverlassene Gegend, wie wir Menschen solche unwirtlichen Orte zu nennen pflegen.
Denn genau dahin will Elia: weg von Gott, weg von all den Aufgaben, weg von all dem, was ihn bislang bestimmt hat. Er will seine Ruhe, fühlt sich überfordert. Und dort in der Wüste steht ihm alles mit aller Härte vor Augen, weil es auch keine Ablenkung mehr gibt. Und will er nur noch sterben. Die Selbstzweifel, die Selbstvorwürfe, das Gefühl versagt zu haben, Gott enttäuscht zu haben - all das wird übergroß und niemand ist da, der ihm helfen könnte. Allein mit sich und seinem Scherbenhaufen sieht Elia für sich keinen Weg in die Zukunft mehr.
Nur noch ein winziger Rest an Hoffnung bleibt: Er betet. Kein wohlformuliertes Gebet, eher ein Stoßseufzer, eine verzweifelte Klage und Bitte zugleich: Es ist genug, ich kann nicht mehr, erlöse mich von meinen Qualen. Und auch das kennen wir von uns, liebe Gemeinde, diesen verzweifelten Stoßseufzer in einer schier ausweglosen Situation.
Allerdings macht Elia dann etwas, was sehr verwunderlich scheint. Er legt sich - schlafen. Ist das nicht verrückt? Gerade noch ist er völlig verzweifelt, will sterben, weiß nicht mehr ein noch aus - und dann legt er sich einfach schlafen. Ich glaube, ich würde nicht auf diesen Gedanken verfallen, ginge es mir so dreckig wie Elia. Aber - es gibt Menschen, die machen. Ich kannte ihm Studium einen jungen Mann, der legte sich immer erst Mal ein paar Stunden ins Bett, wenn es Ärger oder Konflikte gab. Und er schlief dann pickelfest. So wie Elia.
Und dann geschieht das Wunderbare.
Es kommt ein Engel und stärkt Elia. Es kommt einer, der hilft. Nicht durch Worte. Nicht irgendetwas Aussergewöhnliches. Auch nicht durch eine Ermahnung, sich doch jetzt zusammen zu reissen und wieder auf seinen Posten zu gehen. Sondern: er bringt etwas zu essen und zu trinken. Nichts weiter. Und Elia isst und trinkt - und legt sich wieder schlafen.
Was ist da geschehen? Für mich klingt dies wie eine Vergebung ohne Worte. Der Engel, ein Bote Gottes, einer der Gott nahe steht, stellt Elia nicht zur Rede. Nichts sagt der Engel, kein Wort. Er tut nur etwas. Er sorgt dafür, dass Elia am Leben bleibt.
Dann kommt er noch mal. Und wieder gibt er zu essen und zu trinken. Und dann steht da dieses schöne Wort: Er rührte ihn an. Der Engel berührt Elia, zärtlich, vorsichtig, sanft.
Liebe Gemeinde,
so ist Gott. Er tritt nicht hart und fordernd auf, stellt Elia nicht erst einmal zur Rede. Er nimmt ihn nicht ins Verhör und fordert ihn auch nicht auf, sofort wieder auf seinen Posten zu gehen. Er geht auf Elia ein, nimmt seine Angst, seine Zweifel, seine Selbstvorwürfe ernst. Er weiss, wie es in Elia aussieht, da braucht der gar nichts zu sagen.
Auch heute ist das noch so. Auch heute noch gibt es Brot und Wasser und Engel, die Menschen in solch ausweglosen Momenten begegnen. Wir müssen sie nur erkennen. Es sind zumeist solche Kleinigkeiten, scheinbar unwichtige Dinge. Ein Mensch, der mir fünf Minuten ernsthaft zuhört, unterwegs, auf dem Marktplatz. Ein Händedruck bei einer Begrüßung oder Verabschiedung, ein klein wenig fester als üblich, der mir signalisiert, du brauchst gar nichts zu sagen. Ein Wort aus dem Gottesdienst, das ich gehört habe und mir immer wieder einfällt und mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Gott schickt seine Engel und seine Zeichen. Oft nicht mit Worten, sondern mit Taten.
So wie bei Elia. Und nachdem er sich gestärkt hat, bekommt er einen neuen Auftrag: Steh auf, du hast noch einen weiten Weg vor dir. Die Zeit in der Wüste ist vorbei. Du hast dich mit dir auseinandergesetzt, hast erfahren, dass ich die stärke. Und nun geht es weiter. Dazu musst du zurück ins Leben, dich deinen Aufgaben stellen.
Liebe Gemeinde,
diese Geschichte von Elia in der Wüste beschreibt sehr ehrlich und offen eine ganz menschliche Erfahrung: Menschen fühlen sich überfordert, flüchten und in der Wüste (wie immer sie aussehen mag) wird ihnen bewusst, was sie getan haben. Und diese Menschen dürfen aus dieser Geschichte heraushören: Gott lässt mich dann nicht im Stich, mit kleinen Dingen des alltäglichen Lebens will er mir zeigen, dass er mich auch dann noch liebt und daran interessiert ist, dass ich den Weg in die Zukunft finde.
Amen.