Jesus und die Ehebrecherin (Johannes 8,3-11)
8. Juli 2001 - Hindelang (Urlauberseelsorge)
(Der Predigt liegt das Bild von Max Beckmann, Die Ehebrecherin zugrunde, welches aus urheberrechtlichen Gründen nicht gezeigt werden kann.)
Liebe Gemeinde,
diese Geschichte scheint aus einer lange zurück liegenden Zeit zu stammen. Was erzählt wird, scheint von unserer heutigen Wirklichkeit unendlich weit weg zu sein. Ehebruch bringt zwar immer wieder viel Leid und Schmerz über Menschen, Paare, Familien, aber er ist gesellschaftsfähig geworden. Die Szene, die hier beschrieben wird, eine Ehebrecherin wird öffentlich vorgeführt, ist heute undenkbar. Und auch die Härte des Gesetzes, auf die sich die Menge beruft, erschreckt uns. Todesstrafe für Ehebruch? Grauenhaft!
Lassen wir aber besser die juristischen Hintergründe damaliger Rechtssprechung aussen vor. Denn die Geschichte ist spannend und zieht uns in Bann. Und sie ist überraschend. Die unglaubliche Gelassenheit Jesu, mit der er hier vorgeht. Die geniale einfache Lösung des Problems. Immer wieder suchten ihn seine Gegner in die Falle zu locken. Auch hier. Sagt er: steinigt sie, es ist recht – wie will er dann weiter von der unglaublichen Liebe Gottes sprechen? Sagt er: lasst sie frei – ruft er zum Gesetzesbruch auf, Anlass genug, ihn zu verhaften und ihm den Prozess zu machen. Aber nein, wieder einmal gelingt es Jesus, nicht nur den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, sondern er konfrontiert zugleich alle, die um ihn herumstehen, mit einem einzigen Satz mit sich selbst: wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.
Das Bild von Max Beckmann hilft uns, die zweitausend Jahre zu überspringen.
Wir sehen vorne eine Frau, leicht bekleidet, auf dem Original mit flammend roten Haaren. Wir sehen einen großen, majestätisch wirkenden Jesus in der Bildmitten, zwischen der Frau und der Menge stehen. Wir sehen aufgebrachte Männer (keine Frauen!), die nach vorne drängen, andere (die Jünger?) suchen sie zurückzuhalten.
Meine Konfirmanden fordere ich auf, die Männer im Hintergrund etwas genauer zu betrachten, in ihre Gesichter zu blicken, auf ihre Gesten zu achten. Schauen Sie sich auch einmal diese Männer an.
Ich bitte dann, meine Konfis den Männer Sprache zu verleihen. Einige originale Aussagen zum ersten Mann von links:
Ich bring dich um!
Ich schmeiß dir gleich den Stein an den Kopf!
Lass mich durch, sie verdient es zu sterben!
Platz da, Jesus, aus dem Weg!
Zum Mann ohne Gesicht mit erhobenen Zeigefinger:
Was erlaubst du dir eigentlich?
Das hast du nun davon!
Wie kann sie so etwas nur tun?
Was für eine Frau... Schäm dich!!
Und schließlich zum Herrn ganz rechts:
Haha, schaut euch die mal an!
Und sie bittet Jesus noch um Hilfe.
Was bist du denn für eine, dass du so etwas tust.
Das könnte mir nie passieren.
Igittigit!!
Vielleicht haben Sie sich irgendwo wieder erkannt.
Ich kenne jedenfalls solche Gedanken, Gefühle, Gesten von mir. Ich bin auch mal cholerisch, oder überheblich arrogant, oder der Moralapostel, der alles besser weiß. Und da höre ich dann den Satz Jesu – denn er wird ihn auf dem Bild gleich sagen:
Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.
Ach, wenn mir dieser Satz doch gelegentlich durch den Kopf gehen würde, wenn ich wieder mal so oder so dastehe (mit Gesten untermalen). Da bin ich drin in der Geschichte und vielleicht Sie auch. Vielleicht geht’s Ihnen ja wie mir, dass auch sie schon mal von Wut gepackt werden, dass auch Sie schon einmal den Zeigefinger ausfahren, dass auch Sie schon mal dastehen und so richtig sich über die Nachbarn oder Arbeitskollegen oder die Politiker lästern. Wer unter euch ohne Sünde ist... Vielleicht aber auch finden Sie sich eher in der Frau wieder, fühlen sich so schuldig wie diese Frau, denken, dass alle Blick auf Ihnen lasten, sie nur von Vorwürfen umzingelt sind, es niemanden recht machen können und sie gerne einmal so wie die Herren im Hintergrund da stehen möchten, aber nein, sie sind eher das Opfer, kriegen es immer ab. Dann dürfen Sie den Satz Jesu auch hören, denn er stellt Sie in eine Reihe mit all den anderen. Sie sind nicht schlechter, auch wenn Sie das meinen und fühlen.
Jesus hält den Spiegel vor. So sind wir Menschen. So verhalten wir uns. So fühlen wir. Wir sind arrogant und hart und laut, wir sind leise und schuldbewusst und gebeugt. Und der einfache Satz Jesu stellt uns nebeneinander. Und in gewisser Weise geschieht hier ein Stück Sündenvergebung. Nicht im juristischen Sinne. Sünden vergeben heißt wörtlich übersetzt: mit-tragen, zu-decken. Und dies geschieht hier durch die Männer, die erkennen, dass auch sie nicht ohne Fehler sind. Indem sie die Steine fallen lassen, ihrer Schuld bewusst werden, stellen sie sich innerlich neben die Frau, ent-lasten diese, indem sie die Schuld mittragen. Und mit jedem Stein der fällt, so stelle ich mir das vor, kann die knieende Frau ein Stück weit aufstehen, bis sie am Ende auf der gleichen Höhe steht wie die anderen. Mit diesem einfachen Satz stellt Jesus uns alle nebeneinander - und so vor Gott.
Von Gott ist in dieser Geschichte mit keinem Wort die Rede. Und doch ist er da. Jedem der Damaligen war klar, das, was auch immer dieser Jesus tut und sagt, Gott steht dahinter. So wie Jesus Menschen begegnet, so steht Gott diesen Menschen gegenüber. Das, was Jesus Menschen sagt, sagt zugleich Gott zu uns Menschen. Und so erinnert Gott in dieser Geschichte an uns selbst, an unser Verhalten und macht uns deutlich, niemand ist ohne Fehl und Tadel, aber als solche seid ihr von mir geliebt und könnt euch mit euren Einstellungen und Verhaltensweisen auseinandersetzen, ganz gleich, ob wir uns hier eher im Hintergrund stehend oder im Vordergrund knieend wiederfinden. Denn: es wird nicht verurteilt. Jesus sagt der Frau auch ganz klar: nach damaliger Rechtsauffassung hast du dich falsch verhalten. Ändere dein Verhalten. Um deiner selbst Willen, nicht wegen irgend eines Gesetzes. Das Leben geht weiter, für die eine wie für die anderen. Sie alle sind Jesus und seinem Gott begegnet. Der will, dass wir leben, in Gemeinschaft, in Klarheit unserer Stärken und Schwächen. Amen.
