Matthias Jung

 

 

 

Die zehn Gebote... (Exodus 20,1-17)

Predigt im Oktober 2011

Von Tontopfzerschmetterern und Mülltauchern oder: Was verbinden Jeremia und die Occupy-Bewegung? Predigt über Jeremia 8 am Volkstrauertag 2011

 

 

 

 

 

Matthias Jung

 

 

 

Die zehn Gebote... (Exodus 20,1-17)

Predigt im Oktober 2011

 

Liebe Gemeinde,

jedes Kind kennt die zehn Gebote. Fragt man heute Menschen auf der Straße, was für sie unverzichtbar zum christlichen Glauben dazu gehört, dann antworten nicht wenige: die zehn Gebote halten und ein anständiger Mensch sein. Und so ganz falsch ist das ja auch nicht...

...doch wer kann dann von sich schon sagen, er sei ein Christ, eine Christin? Denn wenn wir etwas genauer anfangen drüber nachzudenken, dann merken wir, so einfach ist die ganze Sache nicht. Wann fängt zum Beispiel das Begehren an und was heißt das eigentlich genau? Und was heißt denn lügen eigentlich wirklich, muss man immer die Wahrheit sagen, zu jeder Zeit, an jedem Ort? Die Piratenpartei tritt gerade damit öffentlich an, dass es keinerlei Geheimnisse mehr geben sollte in der Politik und alles und jedes jederzeit öffentlich gemacht werden soll. Aber geht das denn? Und wenn, ja, ist es sinnvoll? Gibt es nicht so etwas wie Vertraulichkeit?

Wenn wir anfangen über die zehn Gebote nachzudenken, wird es schnell sehr schwierig. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir die Gebote gar nicht in der Form im Ohr haben, in der sie in der Bibel stehen, sondern - zumindest wir Älteren - eher in der Form, in der wir sie in Martin Luthers »Kleinem Katechismus« noch auswendig lernen mussten. Daher lohnt es sehr, heute zunächst einmal ganz genau auf den Text in der Bibel zu schauen.

Das erste, was in der Bibel auffällt, die Gebote stehen zweimal drin. Und legen wir die beiden Texte nebeneinander, dann stellen wir fest: Da gibt es Unterschiede. Und zwar vor allem im Sabbatgebot. In der einen Fassung wird der Sabbat als Gottes Ruhetag nach sechs Tagen Schöpfungsarbeit genannt, in der anderen Fassung soll er geachtet werden als Erinnerung an die Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei.

Das zweite was auffällt, die Gebote werden sehr unterschiedlich lang beschrieben, auch hier hebt sich das Sabbatgebot von den anderen ab, es ist länger als alle anderen Gebote zusammen.

Das dritte, was auffällt: Es sind eigentlich nur zum Teil Gebote, statt dessen gibt es viele Verbote. »Der Dekalog verbietet seinem Wortlaut nach (...) eher das Tun des Bösen, als dass er das Tun des Guten vorschreibt.« (Härle, Ethik 165). Und das ist dann aber doch überraschend - denn wir haben ja mal gelernt, das hier sind die zehn Gebote, und dann sind es mindestens acht Verbote?!

Noch mehr Gründe, genau zu lesen und zu hören. Vielleicht entdecken wir noch mehr Überraschungen?

Am Anfang heißt es: »Ich bin der Herr dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat.« Es steht nicht da: »Wenn du alle diese Gebote hältst, dann bin ich dein Gott.« Aha - Gott macht also sehr deutlich, dass er unser Gott ist, bzw. damals zunächst einmal der Gott Israels war (und ist). Nun könnte ein schlauer Fuchs auf die Idee kommen, das ist doch alles nur Betrug - da führt Gott das Volk aus der Sklaverei, befreit sie - und legt ihnen sogleich ein neues Gesetz auf. Schöne Freiheit, die Gott da schenkt, eine Abhängigkeit wird gegen eine andere eingetauscht, das Volk Israel und in seiner Nachfolge auch wir Christen kommen vom Regen in die Traufe.

Dann müssen wir uns aber fragen, was für ein Verständnis von Freiheit sich da ausspricht - sollte Freiheit meinen, alles ist erlaubt? Also, wahrscheinlich können wir sagen: »Als Gebote beschränken sie deshalb durchaus die Wahlfreiheit des Menschen, aber sie tun das nicht aus Willkür oder aus Missgunst, sondern aus der Einsicht heraus, dass das Einhalten dieser Gebote für den Menschen gut ist, ja seiner Bestimmung zur Gemeinschaft mit Gott und untereinander entspricht und in diesem Sinne seiner Freiheit dient. Insofern kann uneingeschränkt gesagt werden: Die Gebote Gottes sind eine Wohltat für den Menschen.« (Härle, Ethik 167).

Und wenn wir die Gebote jetzt erst einmal nicht zu wortwörtlich nehmen, sondern überlegen, welche Themen, welche Lebensbereiche angesprochen werden, dann stellen wir schnell fest: Es geht praktisch um unser ganzes Leben, es geht Familie und Ehe, um Eigentum, um Arbeit und Ruhe, um Kommunikation, wenn wir nur mal daran denken, wie Lügen unsere Kommunikation vergiftet oder vergiften kann... Das ganze Leben wird von Gott – es ist eine Gottesrede! – unter Schutz gestellt. Wow...!

Martin Luther hat das sehr gut erkannt und in seinen Katechismen deswegen gegenüber dem biblischen Text Akzente anders gesetzt. Am deutlichsten beim Sabbat, da spricht Luther vom Feiertag, der geheiligt werden soll. Und darin liegt mehr als die Beobachtung, dass wir Christen den Sonntag als freien Tag haben und die Juden den Schabbat, unseren Samstag. Der Sonntag ist der 1. Tag der Woche, der Schabbat der siebte. also unterstreicht Luther noch einmal: Die Ruhe des Feiertages ist ein Geschenk, sie muss nicht in sechs Arbeitstagen »erarbeitet«, verdient werden. Welche Konsequenzen diese Umkehrung eigentlich für unsere ganze Arbeitswelt bedeuten würde, wenn man das mal durch- und zuende-denkt, dass müssen wir an einem anderen Sonntag mal bedenken.

Und die zweite ganz wichtige Veränderung: Luther versucht den positiven Sinn der Verbote herauszustellen. Also, er sucht nach dem lebenshilfreichen in den Verboten, anstatt die Verbote präziser zu beschreiben. Er betont den Geschenkcharakter, statt auf die Forderung zu achten, er will das Gute herausstellen, das Gute in Ehe und Familie, in der ehrlichen Kommunikation, im Schutz des Eigentums usw.

Und hier liebe Gemeinde, liegt aus meiner Sicht dann auch eine enge Verbindung zu dem eingangs gesagten Satz, dass für viele Menschen zum Christsein das Halten der Gebote und ein anständiges Leben gehört. Das ist völlig richtig, aber damit beginnt die ganze Sache von vorn. Denn was heißt denn konkret Ehe und Familie schützen, was heißt denn konkret die Wahrheit sagen, was heißt denn konkret das Eigentum schützen, was heißt denn konkret die eigenen Eltern ehren....?

So wird dann deutlich - die zehn Gebote geben eine Richtung vor, sind weniger Einzelanweisungen denn Leitplanken, um der Versuchung und dem Bösen zu wehren.

Umfasst und eingefasst sind die Gebote von dem einen Gebot, von dem Jesus sagte es, sei das höchste:

»Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften. Das andre ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.« (Markus 12,29ff.)

Das ist wohl wahr. Aber das entwertet die anderen Gebote keineswegs. Im Gegenteil. Mein geschätzter Lehrer Wilfried Härle hat dazu geschrieben:

»Das alltägliche menschliche Leben bietet eine Fülle an ethischen Aufgaben in kleiner Münze, bei denen die Rede von 'Liebe' überzogen wirken würde, weil es z.B. 'nur' um Ehrlichkeit, Mut, Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit oder Fairness geht. Fragt man, aus welchem Geist oder welcher grundlegenden Haltung sich solche Tugenden ergehen, dann kann man wohl zur Begründung auf das Wohlwollen oder auf die Achtung verweisen, die Menschen einander schulden, um man kann völlig zu Recht hinzufügen, dass all dies konkrete Ausdrucksformen von Nächstenliebe seien, die sich auch im Zweifelsfall an diesem Maßstab messen lassen müssen. Aber es wäre ein Verlust, wenn jede konkrete ethische Forderung und Erfahrung differenzlos in der Liebe auf- und unterginge, von ihr gewissermaßen verschluckt würde. (...) Deswegen dient die Fülle der biblischen - und der einladenden außerbiblischen - Ermahnungen, Gebote und Gesetze der ethischen Gestaltung des Alltags. (...) Um dessentwillen ist es ein Gewinn, und zwar ein unverzichtbarer, wenn sie nicht in Vergessenheit geraten, sondern - zusammen mit dem Liebesgebot - in Erinnerung gehalten, reflektiert und kommuniziert werden.« (Härle, Ethik 190f.)

Amen.


Die Zitate stammen aus: Wilfried Härle, Ethik, Walter de Gruyter 2010