Predigt über das Böse am 1. November 1998
Predigttext: Epheser 6,10-17
Liebe Gemeinde,
im Predigttext geht es um den Kampf des Glaubens gegen den Unglauben, den Kampf Gottes gegen das Reich des Teufels, den Kampf des Guten gegen das Böse. Eine uralte Menschheitsfrage, die in unzähligen literarischen Werken, Märchen, Musikstücken und Filmen aufgeworfen wird. Bei der Frage nach dem Guten und dem Bösen kann jeder mitreden. Doch was denn das Böse überhaupt?
In einem kleinen Kreis bekam ich da als Antwort: Das Böse ist das Gegenteil des Guten. Und auf die Frage, was denn das Gute sei, wurde geantwortet: Das Gute ist das, was mir angenehm ist, was mir gute Gefühle macht, mich nicht belastet und mir keine Schwierigkeiten macht. Das Böse ist dann alles, was mir schlechte Gefühle macht, was mir unangenehm ist, was mir schadet.
Jahrhundertelang hat man zwei Formen des Bösen unterschieden:
- das Böse, welches aus dem Herzen des Menschen kommt und ihm und anderen schadet, also zum Beispiel Haß, Lüge, Gewalt und
- das Böse, welches aus der Natur heraus dem Menschen schaden kann: Erdbeben, Unwetter, Krankheiten.
Heute verschwimmen die Grenzen. Denken wir an das Hochwasser, welches soviel Unheil über ganze Landstriche bringt: nur Wetterkapriolen der Natur oder mitverschuldet durch menschliches Verhalten? Endgültige Antworten gibt es da kaum.
Wie dem auch sei: die furchtbare Realität des Bösen, die überall lauern kann und mitunter wie ein Pfeil empfunden wird, der aus dem Hinterhalt kommt und mich in meinem Leben verwundet, hat über all die Jahrhunderte immer auch Gott in Frage gestellt.
Wie kann Gott so etwas zulassen? Warum ist die Welt so, wie sie ist und nicht anders? Warum muß es in dieser Welt überhaupt Böses geben? Wenn Gott der gütige Schöpfer dieser Welt ist, wie vereinbart sich das mit all diesen schrecklichen bösen Dingen in dieser Welt? Ist der liebe Gott wirklich lieb? Fragen über Fragen. Immer wieder war und ist es so: Krankheit, Leid, Tod, kurz: das Böse ließ und läßt Menschen an Gott zweifeln.
Schon zu biblischer Zeit. Voller Klage ist die Bibel über das Leid, welches Menschen widerfahren kann und sie ist auch voller Anklage des Menschen Gott gegenüber angesichts des Bösen.
Können wir Antworten geben?
Vielleicht nicht die eine große Antwort, die alle Fragen beantwortet. Aber doch vielleicht an paar kleine Antworten, Hinweise, Denkanstöße. Einige möchte ich nennen.
1. Böse ist nicht gleich böse.
Eine Krankheit empfindet der eine als unerträgliche Last, ein anderer als Chance. Einer bricht unter ein und derselben Diagnose zusammen, der andere fasst sie als einen Wendepunkt in seinem Leben auf. Böse ist nicht gleich böse. Das Böse hat immer etwas damit zu tun, wie ich es empfinde, wie es auf mich wirkt, wie ich damit umgehen kann, in was für einer Lebenssituation es mich trifft. Es gibt nicht das Böse an für sich, es gibt immer nur das Böse für mich. Der eine empfindet die den Verlust des Arbeitsplatzes als unentrinnbares Schicksal und resigniert, der andere kann und will sich damit nicht abfinden und setzt Himmel und vielleicht auch Hölle in Bewegung, um wieder eine Arbeit zu bekommen. Und auch wenn bei einer Naturkatastrophe oder bei einem Unglück wie der schwedischen Diskothek vor ein paar Tagen etliche Menschen zugleich betroffen sind, geht doch jeder auf seine ihm eigene Weise damit um. Schon daher kann es auf die Frage nach dem Bösen keine einfache Antwort geben. Was böse ist, ist nicht ein für allemal zu entscheiden. Was Böse ist, ist letztlich Auslegungssache, ist mein Verständnis, meine Erklärung, meine Bewertung eines Ereignissen, welches mir schadet, mir unangenehm ist, mich belastet. (Umgekehrt gilt das alles auch im Blick auf das Gute. Auch gut ist nicht gleich gut. Auch hier empfindet und wertet jeder und jede anders.)
Im Blick auf das Zusammenleben müssen wir Menschen uns darum bemühen, Verabredungen darüber zu treffen, was gut ist und was böse ist. Das geht nur durch Gespräch, Diskussion und Streit - und zwar überall da, wo Menschen zusammen leben: in Beziehungen, in Familien, in Kirche und Gesellschaft. Denn Einstellungen, Wertungen verändern sich. Beispiel: Vor dreissig Jahren waren nichteheliche Lebensgemeinschaften verpönt, heute sind sie selbstverständlich. Oder: unser Umgang mit der Natur. Damit kommen wir zugleich zum nächsten Punkt.
2. Der Mensch: Krone der Schöpfung?
In der christlichen Tradition ist der Mensch die Krone der Schöpfung. In der Schöpfungsgeschichte wird er als letzter geschaffen, den Menschen erlöst Jesus am Kreuz. Es gibt zwar auch Stellen in der Bibel, die sich dem Verhältnis des Menschen zum Rest der Schöpfung widmen, so schreibt Paulus einmal vom Seufzen der Schöpfung, die sich auch nach Erlösung sehnt (Römer 8,22). Aber insgesamt handelt die Bibel überwiegend vom Menschen und dies hat sich in der Kirchengeschichte so fortgesetzt. Der Mensch in der christlichen Welt empfand sich mehr und mehr als der Natur gegenüberstehend. Ganz besonders entwickelte sich diese Sicht ab der Neuzeit, als die ersten sogenannten Naturgesetze gefunden wurden. Die ermöglichten es uns Menschen mehr und mehr, die Natur zu beherrschen, sich gefügig zu machen, sie als Reservoir für uns Menschen zu verwenden, als Steinbruch ohne Rücksicht auf Verluste.
Inzwischen merken wir mehr und mehr, daß wir da in eine Sackgasse gerannt sind. Die böse Natur wollten wir beherrschbar machen, uns vor Naturkatastrophen und Krankheiten schützen. Und wir haben unglaublich viel erreicht. Aber besiegt haben wir die Natur nicht. Ganz im Gegenteil. Begradigte Flüsse lassen das Hochwasser höher steigen als je zuvor und durch die großen Möglichkeiten der Medizin ist auch viel neues Leid und damit Böses über die Menschheit gekommen, denken wir nur an die Probleme der Intensivmedizin und lebensverlängernden Maßnahmen. Heute fangen wir an zu begreifen, ganz langsam, daß wir Menschen nicht der Natur gegenüberstehen, sondern ein Teil von ihr sind. Wir fangen ganz neu an, nach gut und böse zu fragen. Und wir stellen fest, wie schwierig das ist. Denken wir nur an die Diskussion um die Atomkraftwerke, die derzeit wieder auflodert. Was ist da gut, was böse? Einfach zu entscheiden ist das gewiß nicht. Und mit all den Entwicklungen der letzten zwei, dreihundert Jahren hat sich auch unser Verständnis von Gott verändert.
3. Vom gütigen Gott zum lieben Gott und wieder zurück.
Die Bibel und die Kirchengeschichte ist voll des Wissens um die dunklen Seiten Gottes. Die Menschen haben immer gewußt, gespürt, erfahren, daß Gott sich auch verbirgt, daß er nicht nur nahe und barmherzig ist, sondern oft unverständlich, gewaltig, übermächtig ist, viel größer, als wir denken können. Als der von unglaublichem Leid geplagte fromme Hiob zuletzt anfängt, mit Gott streiten zu wollen, wird er von diesem entschieden in die Schranken verwiesen. Wer bist du Mensch, daß du so fragst, hält Gott Hiob entgegen. Ich bin, der ich bin: allmächtig und barmherzig zugleich
Doch mit der Entzauberung der bedrohlichen Natur und dem scheinbaren Siegeszug des Menschen wurde auch Gott viel schärfer unter die Lupe genommen. Ich will mal so sagen: in dem Maße, wie der Mensch der Natur gegenübertrat, verwandelte er zugleich den gütigen Gott in den lieben Gott. Die Hoffnungen und Erwartungen, die wir Menschen an eine gezähmte und besiegte Natur richteten, die übertrugen wir nun auch auf Gott. Die dunklen Seiten Gottes wurden zurückgedrängt, übrig blieb die Vorstellung vom lieben Gott, der immer nur möchte, daß mir alles gelingt und mir immer gut geht. Und dieser liebe Gott gerät dann natürlich angesichts des Bösen in der Natur und im Herzen des Menschen gewaltig unter Druck. Gott, so dachte der Mensch, Gott sollte doch eigentlich so eine Art besserer Mensch sein: immer gut, immer lieb. Ältere Lieder, in denen davon gesungen wird, daß Gott das Schöne wie das Schlimme schenkt und wir beides akzeptieren müssen, ohne daß dies die Vorstellung des gütigen, also nahen, erlösenden, auf uns zu kommenden, uns begleitenden Gott aufhebt, wurden immer fragwürdiger.
Doch die Welt ist, wie sie ist. Und Gott ist, wie Gott ist. Nur wir Menschen in unserem Größenwahn versuchten, beiden unsere Vorstellungen aufzuzwingen - und Gott darüber hinaus noch dafür verantwortlich zu machen, daß wir Menschen uns so und nicht anders verhalten. Nicht Gott mordet im Kosovo, sondern Menschen. Nicht Gott baut Atombomben und biologische Waffen, sondern wir Menschen. Nicht Gott lässt Tausende verhungern, sondern wir Menschen. Damit komme ich zum Schluß.
4. Die Welt ist herrlich - die Welt ist schrecklich. Es lohnt sich zu leben. (Helmut Gollwitzer)
Trotzdem bleibt die Frage: Warum läßt Gott das zu? Warum hat er die Welt so und nicht anders geschaffen, ohne all diese Dinge, die es uns Menschen oft so schwer machen und die wir böse nennen?
Lassen Sie mich darauf vielleicht mit einer provozierenden Gegenfrage antworten: Wollten Sie in einer anderen als dieser Welt leben? Wollten Sie in einer Welt ohne Entscheidungsfreiheit leben? In einer gleichförmigen Welt, in der alles vollständig gerecht verteilt ist? In einer Welt, in der es nach Schema F zugeht? Diese Welt ist so, wie sie ist, gut - sagt Gott selbst am Ende der Schöpfungsgeschichte. Es gibt unglaublich viel Schönes zu entdecken und zu erleben, aber es existieren auch furchtbare Risiken und Gefahren. Aber das eine wird es nicht ohne das andere geben. Nur weil ich nicht weiß, was morgen ist, kann ich den wunderbaren Sonnenuntergang genießen. Wüßte ich heute schon, daß er morgen wieder käme, wäre er heute langweilig und morgen auch. Und das gilt für 100.000 andere Dinge auch. Diese Offenheit, die Vielfältigkeit macht den Reiz dieses Lebens aus. Das Schöne gibt es nicht, ohne daß es auch das Schlimme gibt. Und es gibt auch keinen, der gerecht verteilt, sonst wäre ja wieder alles vorher bestimmt. Das kann allerdings, daß können wir nicht verschweigen, bei Menschen zu entsetzlichen Lebenslagen und Schicksalen führen, sie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit und auch darüber hinaus führen können. Das Böse kann in dieser Welt unglaubliche Formen annehmen. Das weiß auch schon die Bibel. Und dort halten die Menschen - manchmal gegen alle Vernunft und Augenschein am gütigen und barmherzigen Gott fest. Nicht am lieben Gott. Aber an dem, der immer da, sich mit freut, aber auch mitleidet. Der diese Welt so geschaffen hat, wie sie ist. Mit den wunderbaren Möglichkeiten und schrecklichen Abgründen. Und der sich, so verrückt es klingen mag, oft genug Menschen gerade in den schlimmsten Lebenslagen als der nahe, als der begleitende Gott zu erkennen gegeben hat.
Amen.