Heilung eines Blindgeborenen (Johannes 9,1-9)
28. Juli 2007
Liebe Gemeinde,
eine Heilungsgeschichte wird uns da erzählt. Eine wie viele andere. Eine wundersame Heilung eines Menschen, der schon blind zur Welt gekommen ist. Was könnte besser den Gedanken unterstreichen, dass mit Jesus Licht in die Finsternis gekommen ist als die Heilung eines Blindgeborenen, der somit der Verdammnis entgeht, niemals in seinem Leben das Licht der Sonne wahrnehmen zu können?
Das Aufregende an dieser Geschichte, liebe Gemeinde, liegt aber gar nicht in dem Wunder der Heilung. Wunderheiler gab und gibt es wie Sand am Meer. Damals wie heute. Immer wieder berichten bestimmte Zeitungen oder private TV-Sender über angeblich spektakuläre Heilungen, über Menschen mit besonderen, geheimnisvollen Fähigkeiten. Schaut man aber genauer hin, ist in aller Regel da wenig wundersames dran. Die unterschiedlichsten Religionen - auch das Christentum! - kennen Menschen, die heilen können. Hexen, Schamanen, Heiler, Charismatiker - wer sich damit beschäftigt, stellt schnell fest, dass es offenbar Fähigkeiten zum heilen gibt, die wir Menschen besitzen und entwickeln und erlernen können. Nur dass das in unserer Zivilisation ziemlich verschüttet ist und deswegen wirkt es so spektakulär. Aber eigentlich ist es eine ganz normale Gabe Gottes an uns Menschen.
Den Menschen zur Zeit Jesu war das vertraut. Dass Jesus heilen konnte, war nichts Besonderes. Das konnten viele. Gut, als Mensch, der Gott nahe stand, wäre es vielleicht merkwürdig gewesen, wenn er diese Fähigkeit NICHT besessen hätte, aber dass er heilen, Wunder wirken konnte, das allein riss keinen der Zeitgenossen Jesu vom Hocker.
Eher die Begleitmusik.
Und genau die ist spektakulär sensationell und führt zu erregten Diskussionen unter den Juden.
Ausgelöst wird die ganze Sache von den Jüngern Jesu. Als sie an dem Blindgeborenen vorbei kommen, fragen sie Jesus: Wer ist eigentlich schuld dran, dass dieser Mensch blind geboren ist, seine Eltern oder er selber? Lassen wir mal die Frage beiseite, wie das möglich sein soll, dass ein Mensch mit Blindheit von Geburt an bestraft wird, bevor er irgendetwas falsch gemacht hat. Denn dass die Jünger dies für möglich halten, zeigt nur an, wie tief in uns Menschen diese Vorstellung verwurzelt ist: Wenn uns Mißerfolge, Katastrophen, Krankheiten treffen, dann fragen wir schnell: Was habe ich falsch gemacht? Wieso trifft es eigentlich mich und nicht andere? Womit habe ich das verdient? War ich nicht immer ein anständiger Mensch und habe mich bemüht, die wichtigsten Grundregeln menschlichen Lebens zu beachten? Warum trifft mich dann diese Krankheit? Warum stirbt mein Mann, meine Frau bei einem Autounfall und läßt mich allein zurück? Oder auch: Warum werde ausgerechnet ich jetzt arbeitslos?
Wir könnten die Reihe endlos fortsetzen. Ununterbrochen und ohne dass wir das bemerken, gehen wir durch unsere Welt und bewerten und beurteilen alles und jeden nach diesem Muster von Belohnung und Strafe. Es gibt dicke Bücher und zahllose Untersuchungen von Psychologen dazu. Wir neigen dazu, uns selbst dann noch für Mißerfolge oder Mißgeschicke verantwortlich zu machen, wenn objektiv gesehen, die Gründe ganz woanders liegen. Am Beispiel der Arbeitslosigkeit kann man das besonders gut beobachten: praktisch jeder weiß um die Merkwürdigkeiten der globalen Wirtschaft und die Verschiebebahnhöfe von Arbeitsplätzen. Doch sprechen Sie mal mit Arbeitslosen. Ganz viele fragen sich dennoch: was habe ich falsch gemacht? Habe ich mich nicht ausreichend angestrengt, zuwenig in Weiterbildung investiert, zu oft Überstunden verweigert usw. usw. Und manche Politiker stoßen in das gleiche Horn: wer sich nur genug, der findet auch Arbeit...
Es gibt offenbar eine tief in uns verwurzelte Vorstellung davon, dass es in unserer Welt gerecht zugehen soll und wir selbst zugleich diese Gerechtigkeit in der Hand haben. Beobachten Sie mal kleine Kinder, um die Frage, was gerecht ist und wie man gerecht behandelt wird oder andere gerecht behandeln sollte, wird mitunter erbittert gestritten. Gerade auch, wenn es darum geht, ob nicht mein Bruder oder meine Schwester von den Eltern bevorzugt wird.
Von Kindesbeinen an lernen wir, unsere Welt so zu erklären, zu verstehen, uns in ihr zu bewegen. Wir versuchen - manchmal sogar verzweifelt - Ursachen, Erklärungen zu finden für das, was uns passiert. Dabei neigen wir dazu, eher die Menschen selbst für ihr Unglück verantwortlich zu machen als den Zufall oder das Schicksal. Warum? Nun, dann kann ich mich doch beruhigen und sagen, mir kann das nicht zustoßen, ich passe schon auf, ich habe alles unter Kontrolle, aber der Andere, ja der war doch selber schuld. Andersherum müßte ich ja sagen: mich könnte es genauso treffen, ich habe eben nicht alles unter Kontrolle und das macht Angst. Und so wiegen wir uns lieber in einer trügerischen Sicherheit.
Diesem Denken, dass auch in der Frage der Jünger Jesu steckt, wer denn nun an der Blindheit dieses Mannes schuld sei, erteilt Jesu eine glatte Absage. Schuld ist keiner, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden. Weil dieser Mann zufälligerweise hier Jesus begegnet, hat er das Glück, dass dieser ihn heilen wird, als Zeichen und Symbol für das Licht, das mit ihm in die Welt kommt. Sagt Jesus und heilt den Mann.
Damit ist der Predigttext zu Ende. Aber nicht die Geschichte. Denn in Kapitel 9 des Johannes-Evangeliums geht es jetzt erst richtig los. Die nächsten 26 Verse unterstreichen noch einmal, wie tief das Denken in den Kategorien Schuld und Strafe in uns drin steckt. Die Nachbarn wundern sich und befragen den Geheilten. Der kann sich aber kaum an etwas erinnern. Dann bringen sie ihn zu den Pharisäern. Die regen sich natürlich darüber auf, dass Jesus diesen Mann am Sabbat geheilt hat. Deshalb muss Jesus also ein Sünder sein, wenn er die Gebote übertritt. Doch dann kommt sofort die Gegenfrage: Wie kann denn ein Sünder solche Wunder tun?! Also gehen sie allesamt noch mal zu dem Geheilten. Der hält Jesus für einen Propheten. Mit der Antwort ist man aber auch nicht zufrieden, also, wenn kann man noch befragen? Richtig - die Eltern! Der ganze Tross bewegt sich zum Elternhaus. Die haben aber Angst vor den Reaktionen, befürchten aus der Synagogengemeinschaft ausgestoßen zu werden und verweisen einfach darauf, dass ihr Sohn doch erwachsen sei und sie damit jetzt nichts mehr zu tun haben. Die Menge lässt aber nicht mehr locker, es muss doch eine Antwort darauf geben, wer hier verantwortlich ist. Also noch einmal zzurück u dem Geheilten. Inquisitorisch wird er befragt: Was hat Jesus gemacht? Ist er nicht ein Sünder? Bist du etwa auch einer seiner Jünger und deswegen...? Und dann sagt der nur: Tja, ich weiß doch auch nicht, wie er mich geheilt hat... Aber ich verstehe gar nicht, wieso dass für euch so ein Problem ist: Wer heilen kann, muss doch von Gott sein?! Und da hat die Menge ihren Schuldigen gefunden: Du bist in Sünden geboren und willst uns belehren?! Und sie stoßen ihn aus der Gemeinschaft aus. Die Schuldfrage ist beantwortet, das Problem gelöst, oder besser gesagt: entfernt, die trügerische Sicherheit wieder hergestellt.
Liebe Gemeinde, lesen Sie doch mal heute Mittag das Kapitel zuhause durch. Wenn es nicht so ernst wäre, dann könnte man auf die Idee kommen, hier würde uns ein Stück Kabarett vorgeführt. So skurill erscheint mir zumindest der Ablauf dieses Gespräches.
Für den Mann kommt allerdings doch noch ein gutes Ende. Jesus hört von der ganzen Sache und sucht ihn. Dann fragst er ihn: Glaubst du an den Menschensohn? Und er fragt zurück: Wer ist es? Und Jesus: Du hast ihn gesehen und mit ihm geredet. Und er antwortet: Herr ich glaube!
Und Jesus nimmt dann noch einmal seinen Gedanken vom Anfang unseres Predigttextes auf und sagt: Ich bin zum Gericht gekommen, damit die, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden.
Harte Worte. Fast schon verletzende Worte. Auf jeden Fall provozierende Worte. Im Johannesevangelium redet Jesus immer wieder in solch scharfen Gegensätzen, Licht und Finsternis, schwarz und weiß, gut und böse. Hier auch. Jesus denkt radikal anders. Es kommt ihm darauf an, die geltenden Gesetze dieser Welt nicht nur zu kritisieren, sondern umzustürzen. Der tief in uns verwurzelte Gedanke, wir wären an unseren Krankheiten und Misserfolgen immer nur selber schuld wird von Jesus nicht nur kritisiert, sondern aufgehoben. Solches Denken führt nicht zum Heil und nicht zur Liebe. Das soll unter euch nicht mehr gelten, dass ihr einander und euch selbst mit den Kategorien von Schuld und Strafe beurteilt. Dass soll unter euch nicht mehr gelten, dass ihr fragt: Womit habe ich das verdient? Warum ausgerechnet ich? Sondern von Gottes neuer Welt her gilt: das erste Wort Gottes ist immer ein Wort der Liebe. Immer. Und daher gilt uns diese Liebe grundsätzlich und kann nicht verdient, aber auch nicht verspielt werden. Und das, was uns in unserem Leben widerfährt, wird uns daher auch nicht nach den Kategorien von gerecht und ungerecht, Belohnung oder Strafe zugeteilt.
Das widerspricht so sehr unsere Erfahrung, dass Jesus hier im Johannesevangelium in dieser drastischen, übertreibenden, polarisierenden Sprache spricht. Nur so, meint Jesus, kann aufgebrochen werden, was euch zutiefst prägt und gefangen hält. Nur so könnt ihr die Gesetze eurer Welt und auch die Regeln der Liebe Gottes überhaupt wahrnehmen. In solch einer Schwarz-Weiß-Welt kann natürlich keiner leben. Wir müssen alle wieder zurück in unseren Alltag. Aber Jesus nimmt uns und unsere Welt wie mit einer zoomenden Kamera in den Blick: aus dem großen Abstand werden die Konturen schärfer, die Kleinigkeiten verschwinden. Nur so wird für uns deutlich: Gottes Welt, sein Heil sind radikal anders, hier gilt nichts mehr, was in unserer Welt gilt. Und mit dieser Zusage, diesem Wissen, diesem neuen Blick geht es dann zurück in den Alltag.
Amen.